Mach das, was Du kannst! Predigt am 2. Advent 2015 (Jakobus 5,7-8)

Predigttext: Jakobus 5,7-8

Übt euch in Geduld, Brüder und Schwestern, bis der Herr wiederkommt! Seht, wie der Bauer auf die köstliche Frucht seines Ackers wartet: Er übt sich in Geduld – so lange, bis Frühregen und Spätregen gefallen sind. So sollt auch ihr euch in Geduld üben und eure Herzen stärken. Das Kommen des Herrn steht nahe bevor.

Predigt

Liebe Gemeinde,

Jakobus, ein Knecht Gottes und des Herrn Jesus Christus“, so stellt sich der Autor vor, der diesen Brief geschrieben hat. Es hat zu seiner Zeit noch keinen ersten, zweiten, dritten und vierten Advent gegeben. Jakobus wäre wahrscheinlich entsetzt, wenn er hören würde, dass wir von seinem Brief, immerhin 5 Kapitel, nur zwei Verse seiner Schlussbemerkungen als Predigttext bekommen. „Dann lest doch mal den ganzen Brief!“ würde er uns sagen, und wir würden als Leser seines Briefes spüren, dass ihm die Gerechtigkeit ein zentrales Anliegen ist, soziale Gerechtigkeit sagen wir heute, die Armen, die Bedürftigen, und dass man nicht in den Tag hineinlebt, sondern seine Zeit nützt, dass man nicht redet, was einem gerade einfällt, sondern seine Zunge zügeln kann, dass man für die Kranken und mit den Kranken betet und nicht nur sagt: wird schon wieder gut, dass man sich nicht nur seines Glaubens rühmt, sondern seinem Glauben auch Taten folgen lässt. „Der Glaube ohne Werke ist tot“, schreibt er.

Und nun: „Übt euch in Geduld, Brüder und Schwestern, bis der Herr wiederkommt!“

Das ist die große Erwartung der ersten Christen, dass der Herr wiederkommt – und allem Leiden ein Ende setzt, dass er Gerechtigkeit heraufführt, dass er die Seufzenden erlöst. Die große Erwartung der ersten Christen ist nicht der Heiligabend und das Weihnachtsfest alle Jahre wieder, sondern die Vollendung des Reiches Gottes. Darauf hoffen sie.

Und wenn wir heute Advent feiern, den ersten, den zweiten, den dritten, den vierten Advent, dann auch, damit wir weiter denken und hoffen als bis Weihnachten, weiter als bis zur Bescherung, so willkommen und schön sie ist. Advent – die Hoffnung dass eines Tages alles vollendet und alles gut ist.

Jakobus schreibt von Geduld. Ich verstehe es so, dass er die Stimmung nicht anheizt und nicht aufheizt, nicht die Armen gegen die Reichen aufwiegelt, obwohl er den Reichen ins Gewissen redet. Er sieht eine Menge Unrecht und Ungerechtigkeit, Ungereimtheiten, eine Menge Unkorrektheiten, er sieht einen Glauben, wo Menschen es sich im Glauben bequem machen und findet äußerst klare Worte dagegen, nennt Missstände beim Namen. Aber er mahnt zur auch Geduld.

Beklagt euch nicht übereinander“, schreibt er. Die Standhaftigkeit preist er und das klare Wort, die Offenheit, die Ehrlichkeit, das Schuldbekenntnis, statt alles unter den Teppich zu kehren.

Wie geht es uns damit? Wo zur Geduld gerufen wird, stehen die Dinge ja noch nicht zum Guten, ist der Tag noch nicht perfekt. Wir hätten so viele Probleme gerne gelöst. Wir würden gerne sehen, dass sich die Dinge wieder zum Guten wenden, dass die Klimakonferenz in Paris ein Aufbruch ist, der Ergebnisse hat, die spürbar gut tun, der Klimawandel in einem Jahr gestoppt… Wir würden gerne hören, dass die Flugzeugträger von der syrischen Mittelmeerküste umdrehen, weil dort Frieden ist und die Flüchtlinge zurückkehren und ihr Land aufbauen. Wir würden gerne in den Nachrichten hören, dass Waffen vernichtet werden statt in die falschen Hände zu gelangen und genug Geld zusammenkommt, damit die Hungernden wieder Essenrationen bekommen.

Geduld. Geduld heißt auch: nicht aufgeben! Nicht aufgeben und nicht falsch reagieren! Am meisten Geduld brauchen wir mit uns selbst. Irgendeine Unruhe scheint uns täglich zu ergreifen, dass uns das Wort Geduld so unangenehm ist:

Noch 18 Türchen im Adventskalender bis zum Heiligabend, noch zweieinhalb Wochen, in denen wir einkaufen, einpacken, Gutsle backen, den Christbaum besorgen, Weihnachtskarten verschicken, Besuche machen, an Weihnachtsfeiern teilnehmen – und kaum zur Ruhe kommen. Was würde dieser Jakobus uns heute schreiben?

Ich ahne, er würde uns ins Kloster schicken oder auf eine Pilgerreise, würde uns dringend raten uns um unserem inneren Kompass zu kümmern, würde uns raten, das Gebet für uns zu entdecken, aber nicht darin zu verkrampfen, weniger zu reden, aber dafür klar. Und wir würden dann sagen: „Ja, Jakobus, Du hast Recht, aber das schaffen wir nicht! Es ist, was wir uns schon so oft vorgenommen haben, und wir kommen nicht weit. Es ist was uns schon so oft eingeleuchtet hat, aber wir stehen uns selbst im Weg!“ – Wie dem heiligen Christophorus geht es uns[1], der Christus dienen wollte, aber gesagt hat, er könne nicht fasten, der Christus dienen wollte, aber zugeben musste, das Beten liegt ihm nicht. „Gibt es keinen anderen Weg?“, fragt er den Einsiedler. Und jener Einsiedler, der ihn im Dienst Christi unterwiesen hat, hat ihn nicht weggeschickt. Er hat ihm gesagt: mach das, was Du kannst, geh zum Fluss und hilf den Leuten, ans andere Ufer zu gelangen. So ist er ein Heiliger geworden, indem er das getan hat, was er tun konnte und hat nicht die Welt gerettet, aber ein paar Menschen ans andere Ufer gebracht, hat nicht die Welt erlöst, aber ein paar sind nicht ertrunken, weil er da war. Die Geduld, die nötig war, hat er bekommen und einen wichtigen Dienst für die getan, die auf dem Weg waren wie die Flüchtlinge, die heute zu uns kommen.

Eines Tages war es ein Kind, das er zu tragen hatte, und die Legende sagt, dass es ihm fast so schwer wurde, als trüge er die ganze Last der Welt auf seinen Schultern. Als er das Kind gerettet hatte, hat es sich ihm offenbart als Christus, der Herr der Welt. „Christophorus“ wurde er genannt: „der, der Christus trägt“. Vier Darstellungen von ihm haben wir in unserer Kirche. Christophorus war wirklich ein adventlicher Mensch. Er war unterwegs, er war auf der Suche, er ist angekommen. Amen.

[1] Jacobus de Voragine, Die Legenda aurea, Aus dem Lateinischen übersetzt von Richard Benz, 1955. Lizenzausgabe für die wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, S. 498ff

Lazarus ist krank!

Predigt am
16. Sonntag n.Trinitatis,
20. September 2015

Predigttext: Joh 11,1(2)3.17-27.(28-38a)38b-45

1Es lag aber einer krank, Lazarus aus Betanien, dem Dorf Marias und ihrer Schwester Marta.

(2Maria aber war es, die den Herrn mit Salböl gesalbt und seine Füße mit ihrem Haar getrocknet hatte. Deren Bruder La zarus war krank.)

3Da sandten die Schwestern zu Jesus und ließen ihm sagen: Herr, siehe, der, den du lieb hast, liegt krank.

17Da kam Jesus und fand Lazarus schon vier Tage im Grabe liegen. 18Betanien aber war nahe bei Jerusalem, etwa fünfzehn Stadien entfernt 19Viele Juden aber waren zu Marta und Maria gekommen, sie zu trösten wegen ihres Bruders. 20Als Marta nun hörte, dass Jesus kommt, ging sie ihm entgegen; Maria aber blieb im Haus sitzen. 21Da sprach Marta zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben. 22Aber auch jetzt weiß ich: Was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben. 23Jesus spricht zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen. 24Marta spricht zu ihm: Ich weiß wohl dass er auferstehen wird – bei der Auferstehung am Jüngsten Tage. 25Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe; 26und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das? 27Sie spricht zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommt.

(28Und als sie das gesagt hatte, ging sie hin und rief ihre Schwester Maria und sprach heimlich zu ihr: Der Meister ist da und ruft dich. 29Als Maria das hörte, stand sie eilends auf und kam zu ihm. 30Jesus aber war noch nicht in das Dorf gekommen, sondern war noch dort, wo ihm Marta begegnet war. 31Als die Juden, die bei ihr im Hause waren und sie trösteten, sahen, dass Maria eilends aufstand und hinausging, folgten sie ihr, weil sie dachten: Sie geht zum Grab, um dort zu weinen. 32Als nun Maria dahin kam, wo Jesus war, und sah ihn, fiel sie ihm zu Füßen und sprach zu ihm: Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben. 33Als Jesus sah, wie sie weinte und wie auch die Juden weinten, die mit ihr kamen, ergrimmte er im Geist und erbebte 34und sprach: Wo habt ihr ihn hingelegt? Sie antworteten ihm: Herr, komm und sieh __! 35Und Jesus gingen die Augen über. 36Da sprachen die Juden: Siehe, wie hat er ihn lieb gehabt! 37Einige aber unter ihnen sprachen: Er hat dem Blinden die Augen aufgetan; konnte er nicht auch machen, dass dieser nicht sterben musste? 38Da ergrimmte Jesus abermals und)

(Jesus) kommt zum Grab. Es war aber eine Höhle, und ein Stein lag davor. 39Jesus spricht: Hebt den Stein weg! Spricht zu ihm Marta, die Schwester des Verstorbenen: Herr, er stinkt schon; denn er liegt seit vier Tagen. 40Jesus spricht zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen? 41Da hoben sie den Stein weg. Jesus aber hob seine Augen auf und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. 42Ich wusste, dass du mich allezeit hörst; aber um des Volkes willen, das umhersteht, sagte ich’s, damit sie glauben, dass du mich gesandt hast. 43Als er das gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! 44Und der Verstorbene kam heraus, gebunden mit Grabtüchern an Füßen und Händen, und sein Gesicht war verhüllt mit einem Schweißtuch. Jesus spricht zu ihnen: Löst die Binden und lasst ihn gehen! 45Viele nun von den Juden, die zu Maria gekommen waren und sahen, was Jesus tat, glaubten an ihn. Johannes 11,1(2)3.17-27(28-38a)38b-45

Predigt

Liebe Gemeinde,
Lazarus ist krank. Um ihn steht es nicht gut. Das wird nicht von allein. Die letzte Hoffnung, dass Jesus kommt.

Wenn ich an Lazarus denke, fällt mir so vieles ein, was krank ist, was nicht wieder von allein wird, was düster aussieht. Wenn’s nur nicht wir selbst sind, oder die Kirche, die Kirchengemeinde. Diese Woche kam ein Anruf von einer Mitarbeiterin im Kindergarten: hier ist es nicht fünf vor 12, hier ist es schon 5 nach 12. Wir können nicht mehr. Personalknappheit – und man kann nicht sagen: liebe Eltern, lasst Eure Kinder doch mal eine Woche zuhause, oder es gibt ein paar Tage kein Mittagessen. Zuhause ist ja auch nicht unbedingt alles entspannt.

Im Sozialen geht’s eng zu, ob in den Pflegediensten, in den Pflegeheimen, in den Häusern mit Pflegebedürftigen, in den Familien, wo wir hinschauen… Lazarus ist krank. Es ist das, was man vollends gar nicht brauchen kann, wenn auch noch die guten Leute ausfallen, die, auf die bisher Verlass war, die man anrufen konnte und um etwas bitten konnte, die eingesprungen sind und beigesprungen sind. Jetzt brauchen wir in Markgröningen einen Seniorenrat. Aber wer soll dafür kandidieren? Lazarus ist krank, den man immer fragen konnte, der Freund von Jesus.

Da muss ein Wunder her! Den brauchen wir doch, der muss gesund werden! Lazarus darf nicht sterben! Jesus, wo bist Du? Jesus, beeil Dich!

Zurück nach Deutschland: Ein hoher Beamter tritt zurück, der Leiter des Bundesamts für Flüchtlinge und Migration. Gerade jetzt, wo täglich tausende kommen. Es geht nicht nur in Deutschland, nicht nur in Europa, es geht vielen persönlich an die Grenze, wie es bei den Flüchtlingen selbst an die Grenze geht: Kein Weiterkommen, Stacheldraht, das Meer, Gesetze, kein Geld. Jetzt braucht es die richtigen Leute, Besonnenheit, Glauben, Vertrauen, Gottvertrauen, Mut, Entschlossenheit, Unerschrockenheit. Und Lazarus ist krank.

Der hätte doch Entlastung bringen können, der hatte doch immer Ideen und eine große Zuversicht, dem war nicht schnell etwas zu viel, der hatte gute Kontakte und einen starken Rückhalt in seinem Dorf Bethanien. Lazarus, den kannten alle, und als er tot war, wussten es in Windeseile alle: Lazarus ist gestorben. Welch ein Schock! Welch ein Schmerz! Was soll nun werden?

Und es kamen viele zu Marta und Maria, sie zu trösten wegen ihres Bruders. – „Es tut mir so leid!“ – „Wer soll diese Lücke ausfüllen?“ – „Der wird noch lange fehlen?“ – „Warum gerade er?“

Jesus kommt. Marta sagt: „Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.“ Vielleicht sagt sie auch: „Er hat so sehr auf Dich gewartet!“ Vielleicht sagt sie: „Jesus, geh nicht weg! Wir schaffen es nicht!“ Marta trauert und stellt Fragen. Marta trauert um Lazarus. Aber sie sagt etwas, sie redet, sie ist noch nicht verstummt.

Jesus sagt: „Dein Bruder wird auferstehen!“ Für Marta ist das ein schwacher Trost, kein starker Trost. Für alle, die so etwas hören, ist es ein schwacher Trost, kein starker Trost. Was nützt es denen, die jetzt Lazarus vermissen, dass er auferstehen wird irgendwann, irgendwo, irgendwie? Es klingt müde, was Marta antwortet: „Ich weiß wohl dass er auferstehen wird – bei der Auferstehung am Jüngsten Tage.“ Oder ist das nicht nur müde, sondern schon trotzig, ärgerlich?

Jetzt, wo Jesus nach Lazarus fragt und Marta als Frau vor ihm steht, jetzt scheint alles, was ungelöst ist, was die Kräfte aufbraucht, was die Fragen nicht beantwortet, im Hintergrund. Für diesen einen Moment scheint es alles im Hintergrund zu sein; aber es ist nur im Hintergrund. Es nicht weit weg, dass Lazarus fehlt, dass er an allen Ecken und Enden fehlt.

Da helfen die theologischen Ausflüchte nicht: „Du musst jetzt ganz fest glauben“ oder „Alles wird gut!“ „Wir werden ihn nie vergessen!“ „Er wird in unseren Herzen leben.“ Schwacher Trost ist nicht gefragt. Billiger Trost hilft nicht weiter. Und Jesus sagt auf den Satz von Marta, „Herr, ich weiß“ den Satz, der mit „Ich“ beginnt, mit „Ich bin“, den Satz, mit dem er sich ganz weit hinaus wagt, sagt: „Ich verkörpere das!“ „Die Auferstehung, Marta, das bin ich!

Und damit dieses Wort so verstanden wir, wie es gemeint ist, wird erzählt wie Jesus geweint hat um seinen Freund, wie ihm die Augen übergegangen sind und ihn das nicht unberührt gelassesn hat und wie er Lazarus vom Tod erweckt in dieses Leben und nicht ins Jenseits, in diese Welt und nicht in eine andere Welt. Jesus sagt: Ich bin die Auferstehung und das Leben!“ Und er sagt nicht: Ich bin die Auferstehung am jüngsten Tag. Und wer da lebt und glaubt an mich, er wird anderswo und anders weiterleben… Das „anderswo“ und „anders“ sagt er nicht, aber er sagt: wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst Du das?“ Zu viel für Marta, zu viel für uns. Sie spricht zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommt.“

Lazarus war krank. Lazarus war am Ende. Lazarus war tot. Lazarus hatten sie schon begraben. Von Lazarus hatten sie Abschied genommen und sich in das Unabänderliche geschickt. Von Lazarus hatten sie erzählt, dass es nun auch schon vier Tage her ist und dass das Leben weitergehen muss, trotz der Lücke und irgendwie. – Jesus ist mit diesem Tod nicht einverstanden. Jesus schickt sich nicht ins Unabänderliche, nicht einmal in den Tod, sondern geht hin und ruft ihn zurück ins Leben und er will uns zurück ins Leben rufen. Er will die zurück ins Leben holen, die fertig sind, vollkommen fertig, fix und fertig, die an ihn geglaubt haben, und nicht mehr können. Er will sie nicht tot, will sie nicht tatenlos, nicht sprachlos, nicht reglos und bewegungslos, nicht gedankenlos, nicht glaubenslos, nicht hoffnungslos, nicht freudlos, nicht lieblos, will sie nicht im Grab, will sie mitnehmen in die Auferstehung – jetzt, mitnehmen ins Leben. Nicht später, sondern jetzt!

Diese Geschichte endet unglaublich: „Und der Verstorbene kam heraus, gebunden mit Grabtüchern an Füßen und Händen, und sein Gesicht war verhüllt mit einem Schweißtuch. Jesus spricht zu ihnen: Löst die Binden und lasst ihn gehen! Viele nun von den Juden, die zu Maria gekommen waren und sahen, was Jesus tat, glaubten an ihn.“

Unglaublich, damit alle die das lesen, alle, die diese Geschichte hören, alle, die sich vielleicht in dieser Geschichte wiederfinden, bereit sind, das Unglaubliche zu glauben,

das Unglaubliche, dass es eine Auferstehung ins Leben gibt trotz Krankheit, trotz Kraftlosigkeit, trotz dem, was hoffnungslos erscheint, aussichtslos, wenn nicht ein Wunder geschieht. – Das Unglaubliche glauben! Nicht, weil es spektakulär ist oder der Beweis, dass man Recht gehabt hat. Nur nicht, dass man noch seinen Glauben vor sich herträgt! Sondern das Unglaubliche glauben, dass es in all unserem Siechtum in all unserem Unterliegen, in all unserer Neigung zur Resignation eine Auferstehung ins Leben gibt, selbst dann, wenn schon alles zu spät ist. Für Gott, für Jesus scheint es ein „zu spät“ nicht zu geben, auch nicht, wenn’s vier Tage, wenn’s lange gedauert hat.

 

Herr Jesus Christus,
nimm uns mit ins Leben,
uns einzelne, uns alle miteinander,
unsere Kirchengemeinden und unsere Kirchengemeinde, unsere ganze Kirche.
Lass nicht zu, dass alles langsam verwest und zerfällt.
Lass auch nicht zu,
dass das gepflegt wird, was kein Leben hat.
Gib neu Deinen Geist, Deine Kraft in unsre müden Glieder! Erweck uns zu neu. Wir bitten Dich! Amen.

Sorgt nicht um Euer Leben! ?

Predigttext 15. Sonntag nach Trinitatis:
Matthäus 6,25-34 (Zürcher Bibel)

Von falscher und echter Sorge
25 Darum sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen werdet, noch um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?
26 Schaut auf die Vögel des Himmels: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheunen – euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht mehr wert als sie?
27 Wer von euch vermag durch Sorgen seiner Lebenszeit auch nur eine Elle hinzuzufügen?
28 Und was sorgt ihr euch um die Kleidung? Lernt von den Lilien auf dem Feld, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht,
29 ich sage euch aber: Selbst Salomo in all seiner Pracht war nicht gekleidet wie eine von ihnen.
30 Wenn Gott aber das Gras des Feldes, das heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird, so kleidet, wie viel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen!
31 Sorgt euch also nicht und sagt nicht: Was werden wir essen? Oder: Was werden wir trinken? Oder: Was werden wir anziehen?
32 Denn um all das kümmern sich die Heiden. Euer himmlischer Vater weiss nämlich, dass ihr das alles braucht.
33 Trachtet vielmehr zuerst nach seinem Reich und seiner Gerechtigkeit, dann wird euch das alles dazugegeben werden.
34 Sorgt euch also nicht um den morgigen Tag, denn der morgige Tag wird für sich selber sorgen. Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Last.

16459340358_660a10684c_oaLiebe Gemeinde,
diese Anemonen auf den Gottesdienstprogrammen haben es mir angetan.  Im Februar habe ich sie entdeckt in der Wüste Juda, nahe bei Jerusalem, als es geregnet hatte und die Wüste auf einmal grün und gelb und rot und blau war. – Also nicht „die Lilien“ wie in diesem Predigttext aus der Bergpredigt, sondern die Anemonen… und natürlich auch die Vögel unter dem Himmel!  Es will so gar nicht zu den Flüchtlingsbildern und Flüchtlingsgeschichten passen, die uns derzeit bedrängen. Es will so gar nicht zu den Sorgen passen, die sie auf ihre Flucht getrieben haben und nicht zu den Sorgen, die man sich in Deutschland nun macht: werden wir es schaffen, wenn täglich Tausende dazukommen?
Aber freilich, da ist nach wie vor viel Mitgefühl und viel Hilfsbereitschaft und viel Engagement, und es ist für die Betroffenen ein Aufatmen, wenn man irgendwo gesagt bekommt: nun bleib erst mal hier. Ich glaube, wir sollen es wagen, dass wir uns drauf einlassen und um Gottes Beistand bitten.
„Sorget nicht um euer Leben“ könnte man ja auch anders betonen und sagen: „Sorget nicht um euer Leben“, wie wir es ja auch schon oft gehört und erlebt haben, dass jemand sagt: ich mach mir keine Sorgen um mich, aber um…
…den Ehepartner, die Mutter, den Vater, den Sohn, die Tochter…
„Ich mach mir keine Sorgen um mich, wenn’s nur dem oder der besser ginge, um den / um die ich mir Sorgen mache…“
Und nun scheint sich das Blatt zu wenden, dass wir uns angesichts der Flüchtlinge Sorgen machen um uns selbst und befürchten: wir schaffen das nicht, wenn immer mehr Leute nach Deutschland kommen und hier einen Platz möchten, und der Platz wird knapp, die Hallen füllen sich, sind schon voll und es kommen immer mehr. Und Gott sei Dank gibt es Menschen, die jetzt gerade nicht fragen: „Was werden wir essen, was werden wir trinken, was werden wir anziehen?“ Die aber fragen: „Was werden diese Flüchtlinge essen, was werden sie trinken, was werden sie anziehen?“
Hier in der Kirche sind wir ja nun nicht in einer Talkshow und auch nicht in einem Parlament, wo um Meinungen und Argumente gestritten wird, sondern in einem Gottesdienst und dürfen, ja müssen fragen: „Gott, was sollen wir tun?“ „Gott, wie sollen wir handeln?“ „Gott, was möchtest Du segnen?“ „Gott, was möchtest Du gut heißen?“

Das erste, was wir als Antwort auf diese Fragen erahnen, ist vielleicht, dass wir uns auf etwas Neues einstellen müssen, auf etwas, wovor wir bisher verschont waren; nämlich, dass wir uns darauf einstellen müssen, dass auch unser Leben eine Spur ungewisser wird als die letzten fünfzig Jahre, dass weniger von allem selbstverständlich ist, mehr von allem infrage gestellt. Und dass wir deswegen nicht in Panik ausbrechen, sondern dabei bleiben: euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles braucht.
Wir haben es heute auch deshalb gut, weil unsere Eltern den Wunsch gehabt haben, dass es ihren Kindern einmal besser geht. Davon profitieren wir in Deutschlande. Es ist auch ein sehr berechtigter Wunsch vieler anderer Eltern auf dieser Welt, dass es ihren Kindern eines Tages besser geht.

Was ist das, besser?

Das Materielle allein wird nicht ausreichen, die „irdischen Güter“, von denen das Leitthema dieses Sonntag spricht.
Das bessere Leben ist kein gutes Leben, wenn es nicht mehr als nur materiellen Wohlstand beinhaltet. Das bessere Leben, das sich Flüchtlinge wünschen, ein Leben in Sicherheit und ohne Angst, wird erst ein gutes Leben sein, wenn es Anteil hat, wie es in der Bergpredigt heißt, am „Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit“, wenn da mehr ist als ein Auto, ein Fernseher und ein Smartphone, wenn da Gemeinschaft ist, soziale Teilhabe, wenn ein Sinn ins Leben kommt statt Langeweile, eine Aufgabe, eine Berufung, ein Wissen, wozu man da ist und ein neues Vertrauen.
Wenn Flüchtlinge bemerken könnten, dass da ein Deutschland ist, das nicht nur reich und wirtschaftlich stark ist, sondern dass es in diesem Land Menschen gibt, die aus ehrlichem und tiefem Gottvertrauen heraus handeln, wenn das zu spüren wäre, dass es hier Menschen gibt, die hilfsbereit sind, weil sie davon zehren, dass es heißt: „euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles bedürft“, dann hat sich der weite Weg vielleicht wirklich gelohnt. Wenn Menschen nicht auf Ablehnung, sondern auf Annahme stoßen und nicht auf Misstrauen, sondern auf Menschen, die den Blick zum Himmel richten und doch mit beiden Füßen auf dem Boden stehen, dann könnte den Flüchtlingen und uns, die wir von Flucht verschont sind, ein Neuanfang geschenkt sein.
Sorget nicht um Euer Leben…“ heißt nicht, dass wir das alles nicht so furchtbar ernst nehmen sollen, sondern dass wir es sehr ernst nehmen und deshalb beten, Bitte für Bitte:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name,
Dein Reich komme,
Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden,
unser tägliches Brot gib uns heute und
vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern und
führe uns nicht in Versuchung, sondern
erlöse uns von dem Bösen.

„So sollt ihr beten“, sagt Jesus, und handeln als Menschen, die auf Antwort warten. Amen.

damit wir klug werden. Predigt zur Kirchentagslosung am 7. Juni 2015 in Markgröningen

damit wir klug werden

Liebe Gemeinde,

für den Schlussgottesdienst des Kirchentags ist kein eigener Bibeltext vorgesehen wie für die Bibelarbeiten am Donnerstag und Freitag und Samstag und die Feierabendmahlsgottesdienste am Freitagabend. Die Losung des Kirchentags  „damit wir klug werden“ soll noch einmal sprechen nach diesen vier Tagen des Nachdenkens, Diskutierens, Innehaltens, nach diesen vier Tagen der Begegung.

„Lehre uns zu bedenken, wie wenig Lebenstage uns bleiben, damit wir ein Herz voll Weisheit erlangen“ lautet der ganze Vers 12 aus dem 90. Psalm in der neuen Genfer Übersetzung. – Damit wir klug werden – Damit wir ein Herz voll Weisheit erlangen.

Klug werden, etwas daraus lernen, eine Schlussfolgerung ziehen…

. Wie oft hören wir die Redewendung: „Was heißt das“ oder „das heißt…“

Mit allem Möglichen sollen wir klüger, sollen wir gescheiter werden.

„Viel Spaß beim Vermehren der gewonnenen Einsichten“ wünscht eine Moderatorin im Fernsehen den Zuschauern.

Niemand möchte dümmer werden, vor allem sollte die Menschheit nicht dümmer werden, sondern klüger.

Das Kirchentagsmotto, das „DAMIT WIR KLUG WERDEN“ hat viel Lob erfahren. Obwohl dieses Motto nicht spektakulär ist, trifft es doch genau in die Ratlosigkeit unserer Tage, wo die Mächtigsten der Erde sich beim G7-Gipfel in Bayern versammeln für 2 Tage, und unzählige Male die Frage gestellt wird, was das soll. Werden sie denn Ergebnisse zusammentragen, die diese Übernachtungskosten von 150 Millionen rechtfertigen?

So viele Fragen in unseren Tagen, bei denen kein Weiterkommen erkennbar ist. Oder sind wir klug genug, wenn wir immerhin die Fragen verstanden haben, aber noch keine Antworten gefunden? Das kann es doch auch nicht sein für Menschen in ausweglosen Situationen, dass wir sagen: „Wir haben Verständnis, wir haben verstanden, aber wir wissen auch nicht weiter.“ So viel Ratlosigkeit in unseren Tagen! So viel Ratlosigkeit in unserer Welt! Und da, wo Rat ist, ist es so oft schlechter Rat, falscher Rat, Un-Rat!

Auch der 90. Psalm speist uns nicht mit einfachen Antworten ab. Dem 12. Vers voraus gehen die Verse, in denen es heißt:

Ach, alle unsere Tage schwinden dahin, weil dein Zorn auf uns lastet, wir durchleben unsere Jahre so rasch, als wären sie ein kurzer Seufzer.

Unser Leben dauert siebzig Jahre, und wenn wir noch Kraft haben, dann auch achtzig Jahre. Und was uns daran so wichtig erschien, ist letztlich nur Mühe und trügerische Sicherheit. Denn schnell eilen unsere Tage vorüber, als flögen wir davon.

Wer aber kommt darauf einmal nachzudenken, wie gewaltig dein Zorn und deine Wut sein muss? Wer macht sich Gedanken, dass Du zu fürchten bist?

Würde der Psalm an dieser Stelle enden, dann wäre das Ende eine Frage, eine Frage wie so viele, die Frage eines Menschen, der sagt: „Ich frag ja bloß“ und „fragen wird man doch dürfen“.

Was sagt Gott zu all dem? Während uns heute immer interessiert, was der oder jener sagt, diese oder jene, Frau Merkel oder Putin oder Obama oder die EU oder die UNO oder die Kirche oder der Papst, der Innenminister oder die Presse oder…

Hier sagt einer: „Wer denkt schon an Gott und dass ihm das alles nicht gefallen kann, was der Mensch so treibt?“ In der Lutherbibel heißt der Vers: „Wer glaubt’s aber, dass du so sehr zürnest, und wer fürchtet sich vor dir in deinem Grimm?“

Genau an dieser Stelle fährt der Psalmist nicht fort, über die Schlechtigkeit der Welt und das Treiben der Menschen nachzudenken, sondern betet darum: „Lehre uns zu bedenken, wie wenig Lebenstage uns bleiben, damit wir ein Herz voll Weisheit erlangen.“

Lehre uns bedenken, dass wir begrenzt sind… Lehre uns bedenken, dass wir nicht die ersten und die letzten und die einzigen sind… Lehre uns bedenken, dass wir wenig ausrichten und hilf uns, dass wir mit dem wenigen, das wir ausrichten, kein Unheil anrichten.

Hilf uns, Gott, nicht überheblich zu sein,
hilf uns, dass wir uns nicht zu wichtig nehmen,
aber dass wir auch nicht alles von uns weisen und sagen, wir können ja nichts tun, auf uns kommt es nicht an…

Hilf uns Gott, bescheiden zu sein,
aber nicht bequem.

Hilf uns, Gott, dass wir etwas beitragen können zu Guten,
etwas bei-tragen, unseren kleinen Teil;

uns bleibt ja nicht viel Zeit
und unsere Kraft ist klein,

aber ein wenig Zeit bleibt uns,
und ein wenig Kraft hast Du, Gott, uns gegeben.

Mit dem Herzen möchten wir denken können, Gott,
mit unserem Herzen, das noch schlägt,
das sich manchmal überschlägt,
und manchmal schon holpert und stolpert und flimmert,
das uns spüren lässt, dass es noch schlagen will;
aber eines Tages wird es nicht mehr schlagen.

Hilf uns, Gott, mit dem Herzen zu wissen,
mit dem Herzen spüren,
nicht herzlos zu sein mit unserer Klugheit.

Lehre uns zu bedenken, wie wenig Lebenstage uns bleiben, damit wir ein Herz voll Weisheit erlangen.“ – Ja, das Leben ist kurz, die Tage fliegen dahin, wir möchten sie festhalten. Aber es ist gut, wenn wir sie loslassen, weil wir sie nicht festhalten können.

Das Leben ist kurz, die Tage fliegen dahin, aber womit verbringen wir sie? Womit sind sie gefüllt, unsere Tage, unsere Kirchentage, unsere Parteitage, unsere Gipfeltage, Aktionstage, unsere Urlaubstage, Arbeitstage, unsere Feierabende, unsere Wochenenden, unsere Lebenstage?

Lehre uns zu bedenken… Wenn uns also Zeit bleibt nachzudenken, wenn uns Zeit bleibt uns herauszunehmen aus dem Getriebe, wenn uns also Zeit bleibt zur Besinnung, dann werden die Tage nicht besinnungslos vergehen. Wenn uns Zeit bleibt zur Besinnung, dann wird unser Leben Sinn bekommen können.

Besinnung ist nicht Berechnung, Besinnung ist: Gott die Möglichkeit einräumen, uns etwas zu sagen, unser Herz zu erreichen, uns klüger, weiser, leichter, reicher zu machen, wie es der Kirchentagssong sagt. „Was ist gut, was ist gerecht, was ist lebendig und echt? Lass es mich verstehn, was wirklich zählt. Gib mir dein Wort für mein Herz. Gib mir ein Herz für dein Wort, das mich trifft und trägt auf meinem Weg…

Du bist noch, ehe ich bin. Du wirst sein, wenn ich schon war. Halte lebenslang zur mir, mein Gott. Amen.

Lied nach der Predigt: Klüger, weiser, leichter, reicher

Was kommt danach? Wie geht es weiter? Predigt zum Pfingstfest 2015

Predigttext: Johannes 14, 23-27

23Jesus antwortete ihm: »Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben. Und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.

24Wer mich nicht liebt, wird sich nicht nach meinem Wort richten. Und das Wort, das ihr hört, stammt nicht von mir selbst. Es ist das Wort des Vaters, der mich gesandt hat.

25Ich habe euch das gesagt, solange ich noch bei euch bin.

26Der Vater wird euch den Beistand schicken, der an meine Stelle tritt: den Heiligen Geist. Der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich selbst euch gesagt habe.

27 Frieden hinterlasse ich euch: Ich gebe euch meinen Frieden. Ich gebe euch keinen Frieden, wie ihn diese Welt gibt. Lasst euch im Herzen keine Angst machen und fürchtet euch nicht.

Predigt

Liebe Gemeinde,
was kommt danach? Nach Karfreitag kommt Ostern, nach Ostern kommt Himmelfahrt, nach Himmelfahrt kommt Pfingsten, was kommt danach? Nach Pfingsten Trinitatis, Fronleichnam, es kommt der Sommer. Nach Pfingsten kommen auch die Pfingstferien, in denen viele verreisen, dieses Jahr kommt der Kirchentag nach Stuttgart.

„Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche“, heißt es oft, und wenn es ein Geburtstag ist, muss man ihn feiern. So passiert es vielerorts, dass die Kirche versucht, sich selbst zu feiern; aber so richtig ausgelassen wird es nicht. Pfingsten wird selten eine Kirchweih, kaum einmal eine Kirbe. – Immerhin: etwas Besonderes dieses Jahres sei am Rande bemerkt: in Köln-Stammheim wurde ein Gemeindezentrum mit Kirche neu erbaut, die Immanuel-Kirche, und für diesen Kirchenbau hat das Architekturbüro in der vergangenen Woche den deutschen Architekturpreis 2015 bekommen. Zuvor schon gab es den Deutschen Holzbau-Preis für diesen Kirchenneubau, denn sie ist in Holzbauweise erstellt. Ev. Brückenschlag-Gemeinde heißt die Gemeinde. Bemerkenswert, wenn eine Gemeinde so heißt, bemerkenswert, wenn in unseren Tagen eine Kirche neu erbaut wird, sichtbares Zeichen dafür, dass die evangelische Kirche nicht nur Kirchen verkauft und aufgibt, auch nicht nur renoviert, sondern noch baut wie sie es jahrhundertelang getan hat.

Der Predigttext aber ist kein Text für eine Festansprache, keine Grundlage für eine Geburtstagsrede. Kein Pathos, kein Applaus, keine Festmusik und keine Ehrengäste haben da Platz. Es ist eher ein Wort in die Krise hinein, ein Wort für Nachfolger Jesu, denen er ankündigt und sie darauf vorbereitet, dass er nicht mehr da sein wird. Und dann?

„Was kommt dann?“ – „Was kommt danach?“ Eine Frage, die uns häufig begegnet.

Die Frage stellt sich, wo Einschnitte im Leben sind, wo es noch nicht klar ist, wie es weitergeht, wo es möglicherweise schwierig wird. „Was kommt danach?“ fragen die Jünger Jesu, weil es ja weitergehen muss und weil vielleicht schon einer gedacht hat oder gar gesagt hat: „So kann es nicht weitergehen.“ Die Antwort Jesu darauf, sein Vermächtnis gewissermaßen: sie sollen ihn im Herzen behalten, ihn lieben, lieb behalten, für ihn brennen, die Liebe zu ihm praktizieren und darauf vertrauen, dass Gott ihnen das geben wird, was sie brauchen, den Heiligen Geist vor allem.

„Was kommt danach?“ und „Wie kann es weitergehen, wenn es so nicht weitergehen kann?“ Es sind auch die Fragen, die sich heute noch vor dem Pfingstfest stellen, und die Antwort Jesu hat uns heute noch etwas zu sagen.

Die evangelische Kirche bereitet sich seit nunmehr schon fast 8 Jahren mit einem sehr großen Aufwand auf das Reformationsjubiläum 2017 vor. „Reformationsdekade“ heißt der Zeitraum von 10 Jahren, auf dieses Jubiläum hin zu arbeiten, sich mit den Themen auseinanderzusetzen, die die Reformation mit sich gebracht hat. 500 Jahre seit Luthers Thesenanschlag sind vergangen. Es wird vor allem dann im Jahr 2017 eine Fülle von Veranstaltungen, Fernsehsendungen und Zeitungskommentaren geben, eine Fülle von Gottesdiensten und Veranstaltungen und Reformationsfeiern landauf, landab. Es soll einen bundesweiten Feiertag am 31. Oktober 2017 geben, einmalig und großartig. Aber neulich habe ich schon einen Artikel in einer Zeitung entdeckt, in dem stand, dass die evangelische Kirche, „wenn einmal das Reformationsjubiläum gefeiert wäre“, ihren Standort in der Gesellschaft neu finden und bestimmen müsste.

„Was kommt nach dem Reformationsjubiläum?“ Was ist, wenn das vorbei ist? „Wie kann es weitergehen mit der Kirche?“

Hier in Markgröningen sind wir ganz normal im Trend und verlieren ungefähr 1% unserer Gemeindeglieder jedes Jahr, dieses Jahr haben wir eine halbe Pfarrstelle verloren. Wie wird es weitergehen mit der Kirchengemeinde Markgröningen? Wie mit der Evangelischen Kirche in Deutschland, wie mit den christlichen Kirchen in Europa? Werden sie noch eine Bedeutung haben?

Die Kirche weltweit? Die katholische, römische Kirche? Die orthodoxen Kirchen? Die Pfingstkirchen? Die Freikirchen? Wird die Kirche noch irgendwo das Salz der Erde sein können, das Licht der Welt? Weht noch der Geist von Pfingsten? Gibt es noch Aufbrüche? In den Schlagzeilen sind heute eher die Berichte, wo Christen, Kirchen, Gemeinden in Not sind, wo sie Nachteile in Kauf nehmen, Bedrängnis erfahren, Anschläge erleben, verfolgt werden, vertrieben werden, den Tod erleiden, wobei Christen nicht die einzigen sind, denen das widerfährt.

Werden wir uns immer wieder auf den besinnen können, der sagt:

Frieden hinterlasse ich euch: Ich gebe euch meinen Frieden. Ich gebe euch keinen Frieden, wie ihn diese Welt gibt. Lasst euch im Herzen keine Angst machen und fürchtet euch nicht.

Kirche, liebe Gemeinde, kann nicht Kirche sein, wo sie verzagt ist, kann nicht Kirche sein, wenn sie verzagt ist. Eine verzagte Kirche ist eine ungläubige Kirche. Wie passt das zusammen, auf den auferstandenen Herrn zu vertrauen und verzagt zu sein? Man mag sich erinnern an das Stuttgarter Schuldbekenntnis, das vor 70 Jahren im August 1945 gesprochen wurde, wo der Rat der Evangelischen Kirche Deutschland vor den Vertretern der Weltgemeinschaft der Kirchen ausgesprochen hat: „…wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben…“ Kirche, die sich anklagt ob ihrer Verzagtheit, Kirche, die ihre Schuld bekennt, die in ihrer Verzagtheit bestanden hatte.

Freilich: Ein einzelner Mensch mag das kennen, verzagt zu sein, ein einzelner, eine einzelne wird das erleben, erfahren, durchleiden. Christen eignen sich nicht für’s Heldentum, sind nicht stark wie Siegfried und unverletzbar. Christen erleben sich schwach, erleben sich in Schwachheit. „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ hieß vor 2 Jahren die Jahreslosung. Aber die Verzagtheit kann nicht das Glaubensbekenntnis der Kirche sein, die Mutlosigkeit nicht auf die Fahnen der Kirche geschrieben.

Grund zur Verzagtheit wird es immer geben, Grund sich zu fürchten wird es immer geben. In der Welt habt Ihr Angst, sagt Jesus, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Jeden Grund zur Verzagtheit sollten wir ernst nehmen – und uns ermutigen zum Glauben. Verdrängen sollten wir nicht, was Angst machen kann, aber der Angst widerstehen und der Verzagtheit entgegentreten, uns gegenseitig ermutigen, füreinander einstehen, füreinander beten und am meisten für die Bedrängten und Bedrohten.

Was kommt danach? war unsere Eingangsfrage. Und die Antwort ist, dass das, was danach kommt, nicht unsere Sorge zu sein braucht, sondern das, dass wir als Gemeinde und Kirche Jesu Christi ihn im Herzen behalten und uns öffnen für den Geist, den Gott heute noch schenkt. Amen.

Der durchlässige Himmel. Predigt am Fest Christi Himmelfahrt, 14. Mai 2015

Predigttext: Lukas 24,44-53

44Jesus sprach zu seinen Jüngern und denen, die bei ihnen waren: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose, in den Propheten und in den Psalmen. 45Da öffnete er ihnen das Verständnis, sodass sie die Schrift verstanden, 46und sprach zu ihnen: So steht‘s geschrieben, dass Christus leiden wird und auferstehen von den Toten am dritten Tage; 47und dass gepredigt wird in seinem Namen Buße zur Vergebung der Sünden unter allen Völkern. Fangt an in Jerusalem 48und seid dafür Zeugen. 49Und siehe, ich will auf euch herabsenden, was mein Vater verheißen hat. Ihr aber sollt in der Stadt bleiben, bis ihr ausgerüstet werdet mit Kraft aus der Höhe.

50Jesus führte sie aber hinaus bis nach Betanien und hob die Hände auf und segnete sie. 51Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel. 52Sie aber beteten ihn an und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude 53und waren allezeit im Tempel und priesen Gott.

Predigt

Liebe Gemeinde,

denen, die an Jesus glauben sollten und glauben wollten und die ihn nie gesehen hatten, wird diese Geschichte erzählt. Sie steht hier am Ende des Lukasevangeliums – und derselbe Autor erzählt die Geschichte noch einmal am Anfang seines zweiten Werkes, seines zweiten Bandes gewissermaßen, am Anfang der Apostelgeschichte. So weist Lukas schon im Erzählen der Geschichte darauf hin, dass sie ein doppeltes ist, ein Ende und ein Anfang.

Ein Ende, ganz unspektakulär, eine Ortsangabe: Betanien, ein kleines Dorf außerhalb von Jerusalem, am Rand der Wüste Juda, wo sie immer wieder gewesen waren. Jesus scheidet von seinen Jüngern mit der Segensgeste, er hob die Hände auf und segnete sie. Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel.“ Sie werden weiterführen, was er begonnen hat. Sie werden mit dem leben, was er ihnen anvertraut hat. Sie stehen auf einmal allein da, ohne ihn, allein auf weiter Flur, allein in einer weiten Welt, allein, aber mit einer Seelenruhe und Gewissheit, dass sie nicht verlassen sind. Sie „kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude.“ Nicht mit großer Ratlosigkeit. Wie kann das sein?

Es ist das, was mich an diesem Text am meisten bewegt: „Nicht mit großer Ratlosigkeit.“ Wie kann das sein? Und ich denke an meine eigenen Ratlosigkeiten und die Ratlosigkeiten anderer, die mir so oft begegnen. Unsere Sozialstation, die so einen guten Dienst tut in unserer Stadt: – So groß die Personalnot und so viele der Patienten, dass es einfach nicht zu bewältigen ist! Ratlosigkeit. Ich will gar nicht in Gefahr geraten aufzuzählen. Jede und jeder kennt das, Momente der Ratlosigkeit im Großen wie im Kleinen, im Persönlichen wie im Politischen.  – Wie seltsam unberührt es einen lassen kann, wenn dann immer noch jemand da ist, der eine Idee hat, einen Gedanken durchspielt, den man selbst schon so oft durchgespielt hat, wenn jemand es gut meint; aber was gut gemeint ist, hilft nicht immer.

Es muss da etwas geben, was der großen Freude Nahrung gibt und die Ratlosigkeiten vergessen macht. Und es ist ohne Zweifel das, was in dieser Geschichte der Segen des Auferstandenen ist, der Segen des auferstandenen Christus, der sie an die Auferstehung glauben lässt und nicht nur an den Untergang, der Segen des auferstandenen Christus, der sie am Himmel nicht zweifeln lässt und nicht an der Durchlässigkeit des Himmels zweifeln lässt.

*

Hölderlin, Hyperions Schicksalslied, wo die Götterwelt weit abgeschieden ist von allem Irdischen, mitnichten durchlässig:

Ihr wandelt droben im Licht
   Auf weichem Boden, selige Genien!
             Glänzende Götterlüfte
                       Rühren euch leicht,
                                 Wie die Finger der Künstlerin
                                           Heilige Saiten.

Schicksallos, wie der schlafende
   Säugling, atmen die Himmlischen;
             Keusch bewahrt
                       In bescheidener Knospe,
                                 Blühet ewig
                                           Ihnen der Geist,
                                                     Und die seligen Augen
                                                               Blicken in stiller
                                                                         Ewiger Klarheit.

Doch uns ist gegeben,
   Auf keiner Stätte zu ruhn,
            Es schwinden, es fallen
                     Die leidenden Menschen
                              Blindlings von einer
                                       Stunde zur andern,
                                                Wie Wasser von Klippe
                                                         Zu Klippe geworfen,
                                                                  Jahr lang ins Ungewisse hinab.

Hölderlin – der von Sehnsucht Getriebene, Ungezählte mitnehmend. Der Himmel im Schicksalslied ist nicht durchlässig, allenfalls schauen sie, die Genien, dem irdischen Treiben zu, weit genug weg als dass sie sich damit auseinandersetzen müssten. Doch uns ist gegeben, auf keiner Stätte zu ruhn… Selbstmitleid? Oder bittere Wirklichkeit?

Da schauen wir noch einmal auf die Himmelfahrtsgeschichte, wo den Jüngern des Herrn „Kraft aus der Höhe“ verheißen, versprochen wird. „Ihr aber sollt in der Stadt bleiben, bis ihr ausgerüstet werdet mit Kraft aus der Höhe.“

Da ist er, der durchlässige Himmel,
und den Jüngern, die sich vielleicht auch schon gefragt haben,
woher sie die Kraft nehmen sollen oder
die sich eines Tages gewiss noch fragen werden,
woher sie die Kraft nehmen sollen,
diesen Jüngern wird versprochen ausgerüstet zu werden mit Kraft aus der Höhe.

Und es scheint, als könnten sie es glauben. Es hat den Anschein, als wäre da kein lebloses Kopfschütteln oder eine innere Rebellion gegen diese Verheißung, sondern ein Vertrauen, dass das keine leeren Worte sind: Kraft aus der Höhe…
Ja, sie gehen zurück nach Jerusalem,
sie lassen sich sehen am Tempel, Anhänger Jesu, Jünger Jesu,
Nachfolger, die sich nicht verstecken,
die noch nicht wissen wie es weitergeht,
die sich aber schon einig sind,
dass sie sich nicht in Wohlgefallen auflösen werden.

„Zurück nach Jerusalem“ heißt:
den Standort nicht aufgeben,
den Tempel nicht denen überlassen, die Jesus ans Kreuz gebracht hatten,
die Heilige Stadt nicht denen überlassen,
denen nichts heilig ist, wenn’s um ihre Macht geht.
Zusammenhalten, aber nicht in verkrampfter Entschlossenheit,
sondern weil der Herr, der Auferstandene sie zusammenhält.
Ein bisschen naiv sein, einfältig, aber auf die Kraft aus der Höhe vertrauend.

Mit dem Segen des Auferstandenen gehen sie zurück – wie wir in der Osternacht die Gottesdienstbesucher mit dem Kreuzzeichen segnen und sprechen: Der Auferstandene segne Dich. Es soll nichts anderes sein und bedeuten als das, was gesagt ist. Und gebe Gott, dass die Kraft aus der Höhe sich einstellt, auch in diesen Tagen um Himmelfahrt herum. Amen.

Was ist Beten?

Predigt am Sonntag Rogate, 10. Mai 2015, im Gottesdienst auf dem Hardt-/Schönbühlhof

Predigttext: Johannes 16,23b-28.33 (Luther)

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben.

Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr nehmen, dass eure Freude vollkommen sei.

Das habe ich euch in Bildern gesagt. Es kommt die Zeit, dass ich nicht mehr in Bildern mit euch reden werde, sondern euch frei heraus verkündigen von meinem Vater.

An jenem Tage werdet ihr bitten in meinem Namen. Und ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten will;

denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen bin.

Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.

Das habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.

Predigt

Liebe Gemeinde hier auf dem Hof,

„Vergiss nicht zu danken dem ewigen Herrn, er hat Dir viel Gutes getan…“ – Ein weit bekanntes Lied, das auch im Gesangbuch seinen Platz gefunden hat. Hier im Johannesevangelium heißt es eher: „Vergiss nicht zu bitten!“

Es geht ums Gebet am Sonntag Rogate, ums Beten, aber was ist das?

Ich erinnere mich an die Schulzeit, wo wir im Deutschunterricht das Stück von Bertolt Brecht Mutter Courage gelesen haben, ein Stück über den 30jährigen Krieg. Berühmt die Passage, in der die stumme Kattrin zum Beten aufgefordert wird:

„Bet, armes Tier, bet! Wir können nix machen gegen das Blutvergießen. Wenn du schon nicht reden kannst, kannst doch beten. ER hört dich, wenn dich keiner hört…. Vater unser, der du bist im Himmel, hör unser Gebet, lass die Stadt nicht umkommen mit alle, die drinnen sind und schlummern und ahnen nix. Erweck sie, dass sie aufstehn und gehen auf die Mauern und sehn, wie sie auf sie kommen mit Spießen und Kanonen in der Nacht über die Wiesen, herunter vom Hang.

„Beschirm unsre Mutter und mach, dass der Wächter nicht schläft, sondern aufwacht, sonst ist es zu spät. Unserm Schwager steh auch bei, er ist drin mit seine vier Kinder, lass die nicht umkommen, sie sind unschuldig und wissen von nix.“

„Eins ist unter zwei, das älteste sieben.“

Kattrin beginnt, auf dem Dach sitzend die Trommel zu schlagen, die sie unter ihrer Schürze hervorgezogen hat…

Beten oder trommeln? Geht es beim Beten darum, Unheil zu verhindern? Ist das das Gebet, dass es Unheil verhindern soll?

Es gibt auch die Gebete mitten im Unheil, mitten im Untergang, der Gesang der Männer im Feuerofen, das Beten und Singen von Pater Maximilian Kolbe im Hungerbunker in Auschwitz, das „Unetane tokev“ genannte Gebet des Rabbi Amnon von Mainz, dem man der Legende nach Arme und Beine abgeschlagen hat und der schwer geschändet in die Synagoge getragen wurde und dieses Gebet sprechend den Blicken der Anwesenden entschwindet, denn Gott hat ihn zu sich genommen.

Welche Bilder kennen wir vom Gebet?

Gebetsmühlen in Tibet. Die Gebete sollen durch das Drehen der Mühlen in Gang gehalten werden. Oder Gebetsfahnen, die der Wind bewegt, gleichermaßen in Tibet, wo der Wind zu Hilfe genommen wird, die Gebete zum Himmel zu tragen. Oder – in unserer christlichen Tradition – das immerwährende Gebet der Mönche in den Klöstern, womöglich in Einsiedeleien, wo ein Mönch sich ganz dem Gebet hingibt. Großartig der 3 Stunden dauernde Film „Die Große Stille“ über das Schweigen der noch dort lebenden Mönche in der Grand Chartreuse in den französischen Alpen, unterbrochen nur vom Gottesdienst und dem Gespräch am Sonntagnachmittag. 14 Jahre musste der Regisseur, der diesen Film drehen wollte, auf eine Antwort warten, ob die Mönche das Drehen eines Films über ihr Leben zulassen würden, 14 Jahre. Das Leben im Gebet kennt andere Zeiten als das Leben des modernen Großstadtmenschen.

Ist das Gebet das Überflüssigste in dieser Welt oder das Notwendigste? Wäre die Welt ohne das Gebet besser oder wäre sie noch schlimmer? Ist Beten ein Betrug, ein Selbstbetrug oder der Weg zu Gott und zur Wahrheit über mich selbst? „Wer singt, betet doppelt“, sagt Augustinus, und „Mensch, lerne tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel nichts mit dir anzufangen. Jakobus der Gerechte aber hatte Schwielen an den Knien vom Beten, nicht vom Tanzen. „Wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt“, sagt Paulus, „aber der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen.“

Es gibt das Gebet der Gemeinschaft von Taizé, das in viele Konfessionen wertvolle Impulse gegeben hat, und es gibt das stumme Aufstellen von Kerzen dort, wo ein Mensch bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist.

„Das Gebet ist ein Reden des Herzens mit Gott in Bitte und Fürbitte, Dank und Anbetung“ heißt es im Katechismus. Dort, wo die Kirche noch im Dorf ist, läuten mindestens drei Mal täglich die Glocken und rufen zum Gebet. Früher hat man vielleicht gelernt: „Nun tönt vom Turme nieder der Abendglocke Schall. Die Sonne geht zur Ruhe, und still wird’s überall. Hab Dank, dass du, o Vater, so treulich uns bewacht! Gib uns und allen Menschen heut eine gute Nacht! Amen.“ Oder eine Gesangbuchstrophe: „Abend und Morgen sind seine Sorgen; segnen und mehren, Unglück verwehren sin d seine Werke und Taten allein. Wenn wir uns legen, so ist er zugegen; wenn wir aufstehen, so lässt er aufgehen über uns seiner Barmherzigkeit schein.“ – Das kann man am Abend und am Morgen sprechen.

Eine junge Frau, die die Ausbildung zur Altenpflegerin macht, hat mich gebeten, für sie Gebete aufzuschreiben für eine Sammlung von Gebeten für alte Leute. Das Gebet begleitet durch die Lebensstufen. Eltern beten am Bett ihrer kleinen Kinder, alte Menschen legen ihr Leben in Gottes Hand.

Der Predigttext:

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben.

Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr nehmen, dass eure Freude vollkommen sei.

Was ist das für ein Beten? Doch bestimmt nicht eine Methode etwas zu bekommen, was man auf andere Weise nicht bekommt. Es ist das Beten einer engen Vertrautheit mit Gott, mit dem Vater, das Beten, das man an Jesus selbst beobachtet. Er bittet nicht um gutes Wetter und nicht um einen Lottogewinn und kaum um einen Ausweg aus einer Notlage. Erst in Gethsemane: „Ist’s möglich, dass dieser Kelch an mir vorübergehe, aber nicht wie ich will, sondern wie DU willst.“ Aber wir lernen von ihm das Beten um die Herrschaft Gottes, Dein Reich komme, und das Beten um Einheit und Einigkeit: „…damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein…“

Aus einer engen Vertrautheit heraus ist das gesagt: „Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben…“ wissend, dass dieser Vater dem, der ganz in seiner Nähe ist, nichts abschlagen wird. Aber es ist kein Trick, keine Methode, kein Hokuspokus um sich oder jemand anderem einen Vorteil zu sichern, ein Leid zu sparen. Und es ist gesagt in der großen Gewissheit, dass Gott gar nicht das Leid seiner Kinder will, sondern, dass Eure Freude vollkommen sei!

Der Abschnitt ist im Johannesevangelium ein Passus aus den Abschiedsreden, in denen Jesus die Jünger auf seinen Weggang vorbereitet. Sie werden ihn vermissen, aber sie werden nicht verlassen sein. Sie werden ihn nicht mehr sehen, aber sie werden nicht im Dunkeln stehen. Sie werden in der Welt Angst erleben, „aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“

Was ist daraus geworden? Die Jünger haben sich nicht als Gebetskreis konstituiert, aber sie sind im Gebet geblieben. Die Kirche Jesu Christi ist eine betende Kirche geworden, aber sie hat keine Vorschriften erlassen, welche Regeln für das Gebet einzuhalten wären.

Fromme Juden legen die Gebetsriemen an, legen den Gebetsmantel um, Muslime reinigen sich vor dem Gebet, wenden sich nach Mekka, stehen oder liegen auf einem Teppich. Kinder lernen, wie man richtig betet.

Die christliche Kirche ist arm an Vorschriften für das Gebet, aber sie ist eine reiche Kirche, wenn sie eine betende Kirche ist.

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben.

Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr nehmen, dass eure Freude vollkommen sei.

Was bräuchte es mehr als dass Gott unsere Bitten erhört? Es bräuchte ja nur das, dass wir das bitten, was Gott erhören möchte, und deshalb kann eine Predigt am Sonntag Rogate nicht sagen: Vergiss nicht zu danken dem ewigen Herrn… und auch nicht Vergiss nicht zu bitten… Es geht nicht drum, das Beten nicht zu vergessen, sondern im Gebet zu leben, in der Vertrautheit zu Gott, und es geht darum, dass das das Anliegen der Kirche sein kann und nicht die Anstrengung des einzelnen.

Dschihad heißt im Islam die Anstrengung des Einzelnen. Dschihad kann ein frommer Ehrgeiz sein, der in den heiligen Krieg mündet.

Die betende Kirche kennt nicht den Dschihad, die extreme Anstrengung, den heiligen Kampf. Die betende Kirche lebt im heiligen Frieden und freut sich in vollkommener Freude und der einzelne ist darin aufgehoben, gut aufgehoben. Er trägt nicht die Last, sondern nimmt teil an der Freude. Amen.

Dran bleiben! Predigt am Sonntag Jubilate, 26. April 2015

Predigttext: Joh. 15,1-8 (Basisbibel)

1 „Ich bin der wahre Weinstock. Mein Vater ist der Weinbauer.

2 Er entfernt jede Rebe an mir, die keine Frucht trägt. Und er reinigt jede Rebe, die Frucht trägt, damit sie noch mehr Frucht bringt.

3 Ihr seid schon rein geworden durch das Wort, das ich euch verkündet habe.

4 Bleibt mit mir verbunden, dann bleibe auch ich mit euch verbunden. Eine Rebe kann aus sich selbst heraus keine Frucht tragen. Dazu muss sie mit dem Weinstock verbunden bleiben. So könnt auch ihr keine Frucht tragen, wenn ihr nicht mit mir verbunden bleibt.

5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer mit mir verbunden bleibt so wie ich mit ihm, bringt reiche Frucht. Denn ohne mich könnt ihr nichts erreichen.

6 Wer nicht mit mir verbunden bleibt, wird weggeworfen wie eine abgeschnittene Rebe und vertrocknet. Man sammelt das Abgeschnittene ein und wirft es ins Feuer, wo die Rebe verbrennt.

7 Wenn ihr mit mir verbunden bleibt und meine Worte im Innersten bewahrt, dann gilt: Was immer ihr wollt, darum bittet – und eure Bitte wird erfüllt werden.

8 Die Herrlichkeit meines Vaters wird darin sichtbar, dass ihr viel Frucht bringt und euch als meine Jünger erweist.“

Predigt

Liebe Gemeinde,
Jubilate heißt der heutige Sonntag! Aufforderung zum Jubel, zur Freude, zum Spaziergang durch die Schöpfung, die Natur, dorthin wo die Bäume blühen, es genießen, dass die Tage länger werden. Der Predigttext zeigt uns Jesus auch nicht als einen Schreibtischtäter, der eine Predigt vorbereitet, sondern zeigt ihn unterwegs mit seinen Jüngern. Manchmal finden wir Ortsangaben, die zeigen, dass Jesus die schönen Plätze geliebt hat, aufgesucht hat. Ölbäume und Weinstöcke findet man in Galiläa bis heute. Vielleicht sind sie irgendwo gesessen und haben nachgedacht, eine Weile geschwiegen. – Im Konfirmandenunterricht versuchen wir es, 2 Minuten lang zu schweigen, nichts zu sagen. Wenn einem etwas Ernstes durch den Kopf geht, sind zwei Minuten kurz, sehr kurz, zu kurz. Draußen in der Natur kann man auch eine Viertelstunde still sein oder länger, sieht, wie die Felder grün werden, sieht, wie an den Weinstöcken die Blätter hervortreiben.

Was wäre, wenn man jetzt einen Trieb abschneidet, einen Trieb an einem Weinstock? Aus der Wunde läuft der Saft heraus, die Blätter am abgeschnittenen Trieb werden schnell welk. Aber macht nicht gerade das der Weinbauer? Keine Pflanze wird so sehr zurückgeschnitten wie der Weinstock. Könnte man nicht einfach alles wachsen lassen? Nicht, wenn man Trauben ernten will! Das Zurückschneiden gehört dazu. Schade, denkt man. Aber es muss sein.

Und dann gehen die Gedanken wieder zum Alltag: Dran bleiben, nicht abgeschnitten werden! „Dran bleiben“ sagt die Lehrerin in der Schule, „dran bleiben“ sagt der Trainer im Verein. „Dran bleiben“ heißt – sich nicht abbringen lassen.

Ihr Konfirmandinnen und Konfirmanden, die Ihr nächsten Sonntag oder übernächsten Sonntag konfirmiert werdet. „Dran bleiben!“ Vielleicht denkt Ihr: „Erst mal Abstand halten! Die Konfi-Sachen wegtun! Mittwochnachmittag frei haben! Sonntags ausschlafen!“ Aber überlegt auch und noch mehr, wie Ihr dran bleiben könnt! Verlasst Euch nicht drauf, dass Euch der Glaube hinterher getragen wird, geht nicht davon aus, dass Ihr das schon abhaken könnt im Leben, überlegt, wie Ihr dran bleiben könnt!

Dran bleiben, wenn man weggeht… Vielleicht nur ein Wohnortwechsel, vielleicht ein Weggang zum Studium, vielleicht ins Ausland, vielleicht aus beruflichen Gründen, vielleicht aus persönlichen Gründen, vielleicht aber auch, weil man seine Heimat aufgeben muss wie es Hunderttausenden in Syrien, im Irak, ergeht, unter ihnen viele Christen.

Was bedeutet „Dran bleiben?“

Einen Weinstock verpflanzt man nicht, nur ganz am Anfang, wenn die Pflänzchen aus Traubenkernen gezogen und dann veredelt werden. Danach werden sie an ihren Standort verpflanzt und verwurzeln sich sehr tief. Weinstöcke können sehr alt werden. Aber sie sind nicht heute hier, morgen dort.

Wir Menschen sind nicht im Erdboden verwurzelt. Wir sind anders verwurzelt. Dran bleiben heißt nicht, dass man nicht weggehen darf, nicht wegziehen darf, nicht aufbrechen darf. „Dran bleiben“ heißt: dem Glauben an Jesus Christus treu bleiben: „Wer mit mir verbunden bleibt so wie ich mit ihm, bringt reiche Frucht.“ Heißt auch nicht, lieber E. R. den wir heute verabschieden, dass man am neuen Wohnort wieder Mitglied im Kirchengemeinderat sein muss oder im Bauausschuss oder was auch immer. Es heißt viel eher, dass sich das zeigen wird, wenn jemand dran bleibt, wo und wie die Früchte wachsen. Aber „Dran bleiben!“

„Jesus, der Weinbauexperte.“ Fast will es einem so vorkommen, wenn er vom Veredeln spricht. „Mein Vater ist der Weinbauer. Er entfernt jede Rebe an mir, die keine Frucht trägt. Und er reinigt jede Rebe, die Frucht trägt, damit sie noch mehr Frucht bringt.“ Jeden Tag gehen manche Wengerter in den Weinberg, um zu jeder Jahreszeit die notwendigen Dinge zu tun, damit im Herbst gute Trauben geerntet werden können. Viele Triebe müssen zurückgeschnitten werden. Triebe, die nur Laub bringen, werden entfernt. Triebe, die Trauben tragen sollen, werden angebunden und erzogen, da wird auf Krankheiten und Schädlinge geachtet, all das, weil die Ernte im Blick ist, die Weinlese.

Frucht: Dass das Leben, das man hat, zu etwas gut ist, dass es zugute kommt. Wie? Wem? Das ergibt sich von innen heraus! Wie? Frucht muss wachsen, braucht Zeit zum Reifen.

*

Zurück zur Natur, zum Spaziergang durch die Felder und Wälder und Weinberge, zu Momenten der Stille und Einkehr.

Ja, dran bleiben! Es ist ja doch auch eine Standortfrage. Du kannst nicht überall sein, nicht überall dran bleiben, kannst Dich im Leben nicht verzetteln. Du kannst nicht alles vollbringen, nur einen kleinen Teil, Deinen kleinen Teil. Da wächst noch anderes in Gottes schöner Natur, da sind noch andere unterwegs, ihren Beitrag zu geben, da geschieht nicht alles durch einen einzigen. Du musst die Welt nicht erlösen! Bleib bei dem, der sie erlöst hat. Du musst die Welt nicht retten, Du darfst Dich begrenzen!

So schön – diese Welt! So voller Wunder, voller Licht, voller Hoffnung, voller Geheimnisse. So grausam – diese Welt, so voller Gewalt, so voller Finsternis, so voller Angst und Entsetzen. Eine Welt voller Unschuld, eine Welt voller Schuld. Gott warum?

„We refuse to be enemies“ steht auf T-Shirts, die wir in Israel gesehen haben, Juden und Araber: „wir weigern uns, Feinde zu sein.“ „Fight violence with love“ am Eingang einer Farm in der Nähe von Bethlehem: Kämpfe gegen Gewalt – mit Liebe!

Meint Jesus das, wenn er sagt:

„Wenn ihr mit mir verbunden bleibt und meine Worte im Innersten bewahrt, dann gilt: Was immer ihr wollt, darum bittet – und eure Bitte wird erfüllt werden.“ ?

Ich glaube nicht, dass Jesus hier an eigennützige Bitten denkt, an den Wunsch, etwas mehr vom Leben zu haben. Ich denke, es geht um die Anliegen, die seine Anliegen sind, um Erneuerung, Versöhnung, Überwindung von Negativem, und dass er diese Anliegen nicht ohne uns in die Welt trägt, sondern mit uns, durch uns. Wir sollen, dürfen mit ihm verbunden sein, mit ihm Verbundene, Verbündete, dass das, was aus ihm herausfließt durch uns hindurchfließt. Nicht umgekehrt, dass der Saft in den Reben rückwärts fließt, dass wir die Wünsche formulieren und er sie sich zu Eigen machen soll. Nein, das, was Kraft gibt und Wachstum, Antrieb und Auftrieb, soll vom Weinstock her kommen, aus der Wurzel, aus dem Stamm bis in die Spitzen der Triebe. Wenn das unser Antrieb ist, was von ihm kommt, dann hat es Verheißung, dann wird Leben aus seiner Kraft schön, wie der letzte Vers des Predigttextes sagt:

Die Herrlichkeit meines Vaters wird darin sichtbar, dass ihr viel Frucht bringt und euch als meine Jünger erweist.

Amen.

„Nicht sehen, trotzdem glauben.“ Predigt am Sonntag nach Ostern, 12. April 2015

Predigttext: Joh. 20,19-29

19  Es war schon spätabends an diesem ersten Wochentag nach dem Sabbat. Die Jünger waren beieinander und hatten die Türen fest verschlossen. Denn sie hatten Angst vor den jüdischen Behörden. Da kam Jesus zu ihnen. Er trat in ihre Mitte und sagte: „Friede sei mit euch!“

20  Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Die Jünger waren voll Freude, weil sie den Herrn sahen.

21  Jesus sagte noch einmal: „Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so beauftrage ich jetzt euch!“

22  Dann hauchte er sie an und sagte: „Empfangt den Heiligen Geist!

23  Wem ihr seine Schuld vergebt, dem ist sie wirklich vergeben. Wem ihr sie aber nicht vergebt, dem ist sie nicht vergeben.“

24  Thomas, der auch Didymus genannt wird, gehörte zum Kreis der Zwölf. Er war jedoch nicht dabei gewesen, als Jesus gekommen war.

25  Die anderen Jünger berichteten ihm: „Wir haben den Herrn gesehen!“ Er erwiderte: „Erst will ich selbst die Löcher von den Nägeln an seinen Händen sehen. Mit meinem Finger will ich sie fühlen. Und ich will meine Hand in die Wunde an seiner Seite legen. Sonst glaube ich nicht!“

26  Acht Tage später waren die Jünger wieder beieinander. Diesmal war Thomas mit dabei. Wieder waren die Türen verschlossen. Da kam Jesus noch einmal zu ihnen. Er trat in ihre Mitte und sagte: „Friede sei mit euch!“

27  Dann sagte er zu Thomas: „Nimm deinen Finger und untersuche meine Hände. Strecke deine Hand aus und lege sie in die Wunde an meiner Seite. Du sollst nicht länger ungläubig sein, sondern zum Glauben kommen!“

28  Thomas antwortete ihm: „Mein Herr und mein Gott!“

29  Da sagte Jesus zu ihm: „Du glaubst, weil du mich gesehen hast. Glückselig sind die, die mich nicht sehen und trotzdem glauben!“

 

Liebe Gemeinde,

in meiner Generation haben viele Eltern ihre Söhne Thomas genannt, Thomas, Michael und Andreas hatten mindestens 10 Jahre lang den Spitzenplatz der beliebtesten Vornamen für Jungen. „Tom“ kommt immer noch vor. Der Name Thomas ist mit dieser Geschichte berühmt, bekannt und populär geworden. Manchmal wurde dann aber auch vom „ungläubigen Thomas“ gesprochen und die Jungs, die Thomas hießen, haben sich sicherlich nicht gut gefühlt, in diese Schublade gesteckt zu werden..

Der „ungläubige Thomas“? Das sagt nicht alles. Er war auch der Thomas, der den Finger in die Wunde legen wollte, der sich nicht vorschnell mit einer Antwort zufrieden gab, der seine Fragen nicht hintangestellt hat, der nicht drei Tage nach dem Karfreitag gesagt hat: es war ja gar nicht so schlimm. Schlimm war’s! Entsetzlich! Und nicht so, dass man so einfach drüber weg kommt oder drüber weg gehen könnte.

Aber dann kommt diese wunderbare Ostergeschichte, dass der Auferstandene Jesus dem Thomas erscheint und ihm die Zweifel nimmt. „Mein Herr und mein Gott!“, sagt Thomas jetzt, und das war dann für Thomas das Ostern, gewissermaßen am Sonntag drauf, weshalb dieser Text am heutigen Sonntag, dem Sonntag nach Ostern gelesen wird: Acht Tage später waren die Jünger wieder beieinander.“ – Verspätetes Ostern – persönliches Ostern. Von dem, was uns andere erzählen, liebe Gemeinde, können wir nur bedingt glauben. Irgendwann irgendwie brauchen wir unser eigenes Ostern, müssen selbst eine Erfahrung machen, die uns über die Zweifel hinweghilft. Und, wer weiß, vielleicht mehrmals im Leben, denn die Dinge, über die wir nur schwer hinwegkommen, gibt’s auch immer wieder und meist nicht nur einmal.

Eines muss man dem Jünger Thomas auch bescheinigen und anerkennen: Er war an Ostern nicht dabei, er hat gefehlt, warum auch immer. Die andern Jünger berichteten ihm, und er kann’s nicht glauben. Aber er ahnt vielleicht, dass irgendetwas dran sein könnte an dem, wovon die andern erzählen und was er nicht glauben kann. Er ahnt vielleicht, dass seine Zweifel auch nicht die ganze und die letzte Wahrheit sind, sondern nur seine Sicht der Dinge, und er verabschiedet sich nicht vom Kreis der Jünger und sagt sich und den andern nicht, dass er damit nichts mehr zu tun haben will. Er sieht Platz für sich in diesem Kreis samt seinen Zweifeln, und er bleibt dabei, vielleicht am Rand, aber nicht ausgeschlossen.

So sind dann vor zwanzig, dreißig Jahren die Thomasmessen mancherorts entstanden, Gottesdienste für „Suchende, Zweifelnde und andere gute Christen“ – wie’s in der Ankündigung meistens heißt, Gottesdienste für Menschen, die mit ihren Fragen und mit dem Glauben noch nicht abgeschlossen haben, und das ist doch – dank dieser Geschichte – etwas Verheißungsvolles. – Etwas Verheißungsvolles, wenn Menschen skeptisch sind, aber offen.

Es hört sich dann so an als würde Thomas getadelt: „Du glaubst, weil du mich gesehen hast. Glückselig sind die, die mich nicht sehen und trotzdem glauben!“, ein Satz, bei dem ich immer denke, dass er falsch verstanden wird. Denn die Seligkeit besteht ganz bestimmt nicht im „Nicht-Sehen“, sondern im „Trotzdem-Glauben!“

„Glauben heißt nicht wissen“ hört man immer wieder, und manche sagen vielleicht heute noch, dass sie nur glauben, was sie sehen, etwas plumper und platter als Thomas in dieser Geschichte, der immerhin gesagt hat, dass er nach all dem, was er am Karfreitag gesehen hat, nicht einfach glauben kann oder einfach nicht glauben kann. „Nur glauben, was man mit eigenen Augen sieht“ – das ist schon arg dürftig. Wenn man glauben soll, wo das Glauben dem widerspricht, was man mit eigenen Augen gesehen hat und sieht, da beginnt der Zweifel zu nagen, nicht dort, wo man es sich einfach nur bequem macht und die Augen verschließt.

„Glückselig sind die, die trotzdem glauben…“ Das wäre es viel eher: trotzdem glauben, sich nicht den Funken Glauben oder das Licht des Glaubens nehmen lassen, weil man gerade nichts sieht, was diesem Glauben Recht gäbe. Sich den Glauben nicht nehmen lassen, obwohl es in der Welt so zugeht, dass man den Glauben ganz und gar verlieren kann. Wer kann’s denn beweisen, ob nicht morgen etwas geschieht, was ein Wunder ist? Wer kann’s denn beweisen, dass sich Glaube nie mehr lohnen wird? Glückselig sind die, die nicht zynisch werden, glückselig sind die, die trotzdem glauben.

Dann lasst uns darum bitten und beten, dass zur rechten Zeit auch Antwort da ist, dass Vertrauen Bestätigung findet, dass uns Jesus, der Auferstandene begegnet, wie auch immer. Amen.

Lied: Wo einer dem andern neu vertraut…                                     551,1-6

Anspruchsvolle Kirche? Predigt am Sonntag Judika 2015

Predigttext: Markus 10,35-45 (Evangelium)

35 Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, um was wir dich bitten werden. 36 Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue? 37 Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit. 38 Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde? 39 Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde; 40 zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das steht mir nicht zu, euch zu geben, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist. 41 Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes. 42 Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. 43 Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; 44 und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. 45 Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

Liebe Gemeinde,

das 10. Kapitel des Markusevangeliums beginnt mit den Worten: Und er machte sich auf und kam von dort in das Gebiet von Judäa und jenseits des Jordans. Das ist eine beeindruckende Landschaft. Tief ist der Jordangraben, an dessen Ufer ein schmaler grüner Streifen ist, braun und gelb und grau sind die Farben der Berge im judäischen Bergland oder gegenüber auf der jordanischen Seite des Jordangrabens. Für das Markusevangelium steht diese Ortsangabe aber dafür, dass der Weg Jesu und der Jünger auf Jerusalem zugeht; nicht, um dort schöne Dinge zu erleben, sondern um dort sich der Entscheidung zu stellen.

Unmittelbar vor unserem Abschnitt heißt es

Sie waren aber auf dem Wege hinauf nach Jerusalem und Jesus ging ihnen voran; und sie entsetzten sich; die ihm aber nachfolgten, fürchteten sich. Und er nahm abermals die Zwölf zu sich und fing an, ihnen zu sagen, was ihm widerfahren werde:

Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und der Menschensohn wird überantwortet werden den Hohenpriestern und Schriftgelehrten, und sie werden ihn zum Tode verurteilen und den Heiden überantworten.

Die werden ihn verspotten und anspeien und geißeln und töten, und nach drei Tagen wird er auferstehen.

Damit stellt der Evangelist Markus den Kontext dar, als käme das hintereinander, die Leidensankündigung und die Frage der Jünger nach Einfluss, Rang und Namen. Sie scheinen in einer anderen Welt zu leben. Jesus aber kündigt ihnen an, dass auch sie einen Leidensweg gehen werden. Das Leiden scheint in dieser Geschichte immer deutlicher etwas Notwendiges zu sein, etwas Unumgängliches, um das man keinen Umweg machen darf. Nicht nur: da kommt ihr nicht dran vorbei, nicht nur: das bleibt Euch nicht erspart, sondern es muss sein. Nicht nur: da müsst ihr durch, sondern es ist von einer Taufe die Rede, „es wird Eure Taufe sein“, Eure Wandlung, Euer Eintritt ins Leben.

Vielleicht spüren wir, wie es unangenehm, fast beklemmend wird, wie einem das zu nahe gehen kann, wie man vielleicht umkehren möchte auf einem Weg, den man eingeschlagen hat, und der einem zu steil zu werden droht. – Zurück in die Zeiten der Unbeschwertheit, zurück in die Zeiten der Unbefangenheit, zurück in die Zeit, in der einem viele Wege offen standen und man auswählen konnte, welchen Beruf man ergreifen möchte, wen man heiraten möchte, wo man wohnen möchte, wohin man reisen möchte, was man am Wochenende macht, mit wem man essen geht…

Und selbst, wenn man einen Weg eingeschlagen hatte, war immer noch vieles offen, hat einem das Leben Möglichkeiten gegeben, man durfte Erfahrungen sammeln, Freunde gewinnen, Höhepunkte und Alltag erleben. Irgendwann hat man dann Prüfungen zu bestehen, irgendwann und irgendwie gibt es Bewährungen, kommt es drauf an, kommt es auf einen selbst an, beginnt man wahrzunehmen, dass man dem, was auf einen zukommt, gewachsen sein muss. Man kann nicht ausweichen, und es hat womöglich sein Gutes, dass man nicht ausweichen kann, dass man standhalten muss und standhält.

Es gibt auch das Scheitern. Es gibt das Scheitern im Beruf, das Scheitern in der Ehe. Es gibt das Scheitern, verursacht durch Unglücke oder Krankheiten oder Schicksalsschläge, es gibt das, dass man in die Knie gezwungen wird, dass die Angst über einen kommt, dass man innerlich einsam wird, von allen guten Geistern verlassen, von Gott verlassen – wie es Jesus am Kreuz herausgeschrien hat: Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?

Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde? Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde; zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das steht mir nicht zu, euch zu geben, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist. Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes.

Es wird ernst. Die Jünger möchten etwas geschenkt, was es nicht gibt. Jesus sagt: das könnt Ihr Euch nicht verdienen, das bekommt keiner geschenkt, es wird nicht ausgelost und nicht durch Mehrheitsentscheid zugeteilt in der Herrlichkeit Gottes ganz oben zu sitzen. Es ist unangemessen seine Gedanken zu verschwenden: was wäre wenn… Auf das Was wäre wenn antwortet Jesus: es wird anders kommen.

Vielleicht auch für die Kirche.

Kirche der Freiheithat ein Arbeitspapier geheißen, das vor 10 Jahren durch die Evangelische Kirche Deutschlands gegangen ist, von Leuchtfeuern war darin die Rede, zum Beispiel:

Auf Gott vertrauen und das Leben gestalten ausstrahlungsstarke Begegnungsorte evangelischen Glaubens schaffen und stärken.

Im Jahre 2030 gibt es zentrale Begegnungsorte des evangelischen Glaubens, die missionarisch-diakonisch-kulturell ausstrahlungsstark sind und angebotsorientiert in einer ganzen Region evangelische Kirche erfahrbar machen. Im Sinne der Stadt auf dem Berge (Matthäus 5,14) zeigt die evangelische Kirche an diesen Orten die Fülle ihrer geistlichen Kraft. Diese Stärkung der Stärken in kirchlichen Zentren wird regional gemeinsam gewollt, weil diese Zentren geistliche Verantwortung für die sie umgebenden Regionen übernehmen.

Das und noch andere schöne und gute und interessante Dinge standen da drin, stehen noch drin, wenn man es lesen möchte, anregend, herausfordernd, in die Zukunft weisend.

Zugleich kommt es mir so vor, kam es mir von Anfang an so vor, als wollte die Kirche wie die beiden Jünger Johannes und Jakobus, die Söhne des Zebedäus, anspruchsvoll sein. Das sind sie ja, die beiden, sie stehen für die anspruchsvolle Kirche, die sich zeigt, sich nicht geniert, die will, dass man sich sehen lassen kann, die einen Beitrag zum Guten leistet, die sich gegen falsche Bescheidenheit wehrt und höchstens die Befürchtung hat, dass sie unter ihrem Anspruch bleiben könnte. Veränderung ja. Aber bitte nicht Anspruchslosigkeit und nicht Bedeutungslosigkeit! Es hat etwas, es ist verführerisch.

Jesus aber verweist seine beiden Jünger, die anspruchsvoll sein möchten, darauf, dass sich nicht selbst Ansprüche stellen werden, sondern dass Ansprüche an sie herangetragen werden, denen sie sich stellen müssen, dass sie sich diesen Ansprüchen vielleicht nicht gewachsen fühlen werden, dass sie vielleicht unter diesen Ansprüchen zerbrechen könnten. „Könnt Ihr Euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?“ – Und die Frage, die daraus folgt ist, ob die Zeit einer ohnmächtigen Kirche womöglich schon angebrochen ist, wo sie sich Verfolgung, Vertreibung, Unterdrückung ausgesetzt sieht?

Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an.

Als wäre diese Welt nicht zu verbessern, als wäre die bessere Welt ohne Gewalt eine Illusion, der man vielleicht manchmal näher ist, und die dann unversehens wieder in die Ferne rückt… Und war nicht die vergangene Woche wieder eine Woche der Gewalttaten? Kein Verbessern der Welt schwebt Jesus vor, sondern das, dass die Kirche in dieser Welt einen anderen Weg geht, dass seine Jünger in dieser Welt einen anderen Weg gehen, dass seine Gemeinde in dieser Welt einen anderen Weg geht:

Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.

Freilich, großen Glanz erzeugt das nicht. Aber es hat eine andere, eigene, besondere Schönheit. Und wir sollten in unserer Kirche und in unseren Gemeinden darauf achten, dass das Dienen Anerkennung findet: „einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor“, schreibt Paulus.

Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele,

Was nicht zuletzt auch uns zugute kommen darf! Indem wir nicht nur dienen, sondern uns auch den Dienst anderer, den Dienst Jesu Christi gefallen lassen, dass uns Erlösung zuteil wird, Erlösung unter der sich das löst, worin wir uns womöglich verkrampft haben könnten. Amen.

Predigt im Gottesdienst auf dem Hardt-/Schönbühlhof
22. März 2015