…ich gehe nicht zurück!

Predigt am Palmsonntag 2018
in Ditzingen, Konstanzer Kirche

Predigttext: Jesaja 50,4-9a.10b

Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören.

Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.

Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.

Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde.

Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir!

Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? […] Wer im Finstern wandelt und wem kein Licht scheint, der hoffe auf den Namen des HERRN und verlasse sich auf seinen Gott!

Predigt

Liebe Gemeinde,

Jochen Klepper, der Liederdichter, ist am 22. März 1903 in Niederbeuthen an der Oder geboren. In der Karwoche 1938, Klepper war 35 Jahre alt, schreibt er ein Lied nach diesem Predigttext:

Er weckt mich alle Morgen, er weckt mir selbst das Ohr. Gott hält sich nicht verborgen, führt mir den Tag empor, dass ich mit seinem Worte begrüß das neue Licht. Schon an der Dämmrung Pforte ist er mir nach und spricht.

Sieben Jahre zuvor, 1931, hatte er seine Frau Johanna Stein geheiratet, die verwitwet war und zwei Töchter hatte. Sie war Jüdin. Schon Kleppers eigene Familie war mit diesem Schritt nicht einverstanden. In den folgenden Jahren mussten er und seine Frau mit ihren beiden Töchtern immer mehr Schikanen hinnehmen. Trotzdem wurde das Jahr 1938 eines seiner produktivsten Jahre. Die Karwoche war Mitte April. Das Jahr 1938 sollte aber auch das Jahr mit der Reichspogromnacht am 9. November werden, einem weiteren schrecklichem Höhepunkt der Hetze gegen die jüdische Bevölkerung.

Er will, dass ich mich füge. / Ich gehe nicht zurück. / Hab nur in ihm Genüge, / in seinem Wort mein Glück. / Ich werde nicht zuschanden, / wenn ich nur ihn vernehm. / Gott löst mich aus den Banden. / Gott macht mich ihm genehm.

Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden.

… Ich gehe nicht zurück, / hab nur in ihm Genüge, in seinem Wort mein Glück…

Was würde das für uns bedeuten, nicht zurückweichen, standhaft zu sein, unser Glück in Gottes Wort zu finden?

Im Bibeltext spricht nicht Jochen Klepper, spricht ein uns unbekannter Prophet. Von ihm wissen wir nicht den Geburtstag, nicht den Geburtsort, wissen nicht wie er ausgesehen hat, wer seine Eltern waren, ob er Geschwister hatte, verheiratet war, einen Beruf hatte, wissen kaum, wie er zum Propheten geworden ist.

Obwohl. Er sagt: Gott der Herr hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse mit den Müden zu rechter Zeit zu reden.“

Er „outet“ sich, wie man heute sagt. Er zeigt sich, spricht von sich selbst, versteckt sich nicht, bekennt sich dazu, dass er sensibel ist, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Er nennt sich Jünger, Schüler. Seine Begabung: Das Hören! Er hat noch nicht das Gefühl, fertig zu sein, ein Meister zu sein, andere lehren zu können. Er ist noch auf dem Weg. Ganz beiläufig sagt er das und hört, spricht wie einer, der in Gottes Schule ist.

… dass ich wisse mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Das scheint ihm im Hören wichtig geworden zu sein, mit Müden zu reden. Ja, er, scheint zu verstehen, was Menschen müde werden lässt, was sie müde macht. – Nicht körperlich müde, wenn man nach einem Tag schwerer Arbeit oder nach einer langen Wanderung erschöpft und müde ist. Nein, müde, wenn man nicht mehr mag, nicht mehr kann, wenn die Kräfte nicht mehr zu reichen scheinen, wenn man den nächsten Tag fürchtet, statt sich auf ihn zu freuen.

*

Ist das ein Palmsonntagstext? Hat Mörike den Palmsonntag nicht besser getroffen mit seinem Gedicht „Karwoche“ in einer seltsamen Mischung aus Frühling und Traurigkeit?

O Woche, Zeugin heiliger Beschwerde!
Du stimmst so ernst zu dieser Frühlingswonne,
Du breitest im verjüngten Strahl der Sonne
Des Kreuzes Schatten auf die lichte Erde,

Und senkest schweigend deine Flöre nieder;
Der Frühling darf indessen immer keimen,
Das Veilchen duftet unter Blütenbäumen
Und alle Vöglein singen Jubellieder.

O schweigt, ihr Vöglein auf den grünen Auen!
Es hallen rings die dumpfen Glockenklänge,
Die Engel singen leise Grabgesänge;
O still, ihr Vöglein hoch im Himmelblauen!

Ihr Veilchen, kränzt heut keine Lockenhaare!
Euch pflückt mein frommes Kind zum dunkeln Strauße,
Ihr wandert mit zum Muttergotteshause,
Da sollt ihr welken auf des Herrn Altare.

Ach dort, von Trauermelodien trunken,
Und süß betäubt von schweren Weihrauchdüften,
Sucht sie den Bräutigam in Todesgrüften,
Und Lieb‘ und Frühling, alles ist versunken!

Vielleicht erinnern sich die Älteren wie das früher war mit dem Palmsonntag, mit der Karwoche: Als noch wenig Verkehrslärm in den Straßen war und mehr Stille in den Häusern, als täglich die Kirchenglocken zu den Passionsandachten gerufen haben, als man das Leiden Christi auf sich wirken ließ bis es sprichwörtlich wurde, dass einer aussieht „wie das Leiden Christi“. Der Palmsonntag, an dem man in der Kinderkirche die Geschichte vom Einzug in Jerusalem erzählt hat, von „Hosianna“ und „Gelobet sei der da kommt im Namen des Herrn“, vom Palmesel und Palmzweigen, von Jerusalem, vom Tempel und der Heiligen Stadt, und wo man wusste, dass nicht nur der Frühling in der Luft lag, sondern der Gründonnerstag und auch der Karfreitag bevorstanden und auf die Stimmung drückten.

Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden.

Liest man die Geschichten von Jesus im Neuen Testament, entdeckt man die Verbindungen von seinem Wirken, seinem Reden, seinem Handeln zu diesen Abschnitten im Buch Jesaja. Er war es, der seinen Rücken darbot denen, die ihn schlugen, seinen Körper denen, die ihn folterten, der seine Hoffnung auf Gott nicht verraten, nicht verleugnet hat, selbst dann nicht, als er nichts mehr von Gottes Hilfe gespürt hat.

Palmsonntag.

Wer die Stille sucht, muss sie wirklich suchen, sich zurückziehen, muss die Stille wollen und auch aushalten, die Texte auf sich wirken lassen oder die Bilder, die Lieder, die Musik. „Das Leiden Jesu betrachten“, hat man gesagt, lateinisch „Kontemplation“. Wer die Stille gesucht hat, wer sich dem ausgesetzt hat, das Leiden zu betrachten, auch das Leid der Welt, das Leid der Kreatur, der Schöpfung, auch das Leid an der Zerstörung, das man alles entdecken kann im Leiden Christi, die Traurigkeit und Trauer, den Schmerz, den Zweifel und die Verzweiflung, die Anklage und die Selbst-Anklage… Wer den Blick in die Tiefe nicht meidet, sondern zulässt, dass man manchmal aushalten muss und gar nichts tun kann, der schöpft auf merkwürdige Weise Kraft aus dem, was er empfindet: „Ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.“ Standhalten. Man kann es einüben, das Standhalten.

Jochen Klepper hat es eingeübt: Er will, dass ich mich füge. / Ich gehe nicht zurück. / Hab nur in ihm Genüge, / in seinem Wort mein Glück… Lange hat er standgehalten, vielen hat er Trost gegeben mit seinen Liedern und Gedichten. Dass er im Advent 1942 mit seiner Frau und ihrer Tochter den Tod gesucht hat, zählt für mich auch zu dem, dass er sagen konnte: ich gehe nicht zurück. Amen.

Lied: Er weckt mich alle Morgen…                                         452,1-5

Er weckt mich alle Morgen,
er weckt mir selbst das Ohr.
Gott hält sich nicht verborgen,
führt mir den Tag empor,
dass ich mit seinem Worte
begrüß das neue Licht.
Schon an der Dämmrung Pforte
ist er mir nah und spricht.

2. Er spricht wie an dem Tage,
da er die Welt erschuf.
Da schweigen Angst und Klage;
nichts gilt mehr als sein Ruf.
Das Wort der ewgen Treue,
die Gott uns Menschen schwört,
erfahre ich aufs neue
so, wie ein Jünger hört.

3. Er will, dass ich mich füge.
Ich gehe nicht zurück.
Hab nur in ihm Genüge,
in seinem Wort mein Glück.
Ich werde nicht zuschanden,
wenn ich nur ihn vernehm.
Gott löst mich aus den Banden.
Gott macht mich ihm genehm.

4. Er ist mir täglich nahe
und spricht mich selbst gerecht.
Was ich von ihm empfahe,
gibt sonst kein Herr dem Knecht.
Wie wohl hat’s hier der Sklave,
der Herr hält sich bereit,
dass er ihn aus dem Schlafe
zu seinem Dienst geleit.

5. Er will mich früh umhüllen
mit seinem Wort und Licht,
verheißen und erfüllen,
damit mir nichts gebricht;
will vollen Lohn mir zahlen,
fragt nicht, ob ich versag.
Sein Wort will helle strahlen,
wie dunkel auch der Tag.

Text: Jochen Klepper 1938
Melodie: Rudolf Zöbeley 1941

Veröffentlicht von

TPlieninger

Pfarrer, ev. Referent beim Dekan in 71254 Ditzingen