Karfreitag 2020

Tiefgründige Worte

Beitrag zu den Impulsen der Ev. Kirchengemeinde Ditzingen

Liebe Leser*innen,

Karfreitag, da tauchen all die tiefgründigen Worte auf, der Schrei Jesu zuallererst: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“, zuvor schon das, was Pilatus gesagt haben soll: „Was ist Wahrheit?“und „Ich finde keine Schuld an ihm.“ Es hindert ihn nicht, Jesus foltern zu lassen. Dann sein „Ecce homo!“„Sehet welch ein Mensch!“ – oder sagt er: „Sehet (nur) ein Mensch!“? Womöglich „Seht, auch nur ein Mensch!“, um ihn zur Kreuzigung freizugeben. Was soll’s? Einer mehr, einer weniger. Was ist hier gerecht? Jesus wird ein Opfer, Jesus wird das Opfer.

„Denn sie wissen nicht, was sie tun!“Vollständig: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Die Passionsgeschichte, Karfreitagsgeschichte ist eine Geschichte von Verrat und Verleugnung, von Gleichgültigkeit und Entsetzen, von Leid und Schmerz und Tod, von Trauer und Weiterleben. Es ist eine Geschichte, in der „Sich Davonstehlen“ (die Jünger) genauso vorkommt wie „sich nicht-davonstehlen (können)“ (Simon, der das Kreuz trägt). Das Karfreitagsgeschehen ist eine Geschichte von Macht und Ohnmacht, von Gott und Menschen, von Gottverlassenheit und Menschenverlassenheit. Es kommt alles zusammen, das Schlimme und auch das Böse. Das Lachen und Spielen der Kinder bleibt aus, die Sonne verliert ihren Schein, die Erde erbebt, es bleibt nichts, wie es ist. Niemand hat einen Blick für die Tauben, die über die Dächer fliegen, niemand einen Blick für die blühenden Bäume. Nirgends ein Bachlauf, nirgends eine Quelle, die Wasser gibt. Nur Erschütterung.

Heute wirst du mit mir im Paradies sein!– Ein Heilswort inmitten des Unheils. „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“ und „Es ist vollbracht!“ – Dann Stille. Die große Stille. – Ich denke an den überlangen Film, der diesen Titel trägt, den Film von den Mönchen, die ihr Leben dem Schweigen gewidmet haben.

Aber das Leben muss weitergehen. Auch am Karfreitag. Die einen machen Feierabend, die andern gehen zur Tagesordnung über, viele haben Angst, viele trauern.

Das erste, was die christliche Gemeinde sich nach dem Karfreitag nicht mehr vorstellen konnte, war, dass man jetzt noch Opfer bringt. Kein Lamm wurde mehr zum Tempel getragen oder getrieben, um Gott einen Gefallen zu tun. Keiner Taube wurde noch ein Leid zugefügt, um es Gott recht zu machen. Den Tod Jesu am Kreuz hat die Gemeinde so verstanden, dass dieses Opfer genug ist für alle Zeiten und für alle Menschen, für alle Welt.

Aber es wurden Kreuze aufgestellt zur Erinnerung, damit man dieses Opfer Jesu nie und nirgends vergessen würde, Kreuze in den Kirchen, Kreuze in den Häusern, Kreuze auf den Fluren, Kreuzdarstellungen in der Kunst. Das Kreuz sollte bleiben, sichtbar, dass wir hinschauen, nicht wegschauen, dass wir uns das zu Herzen gehen lassen, was das Kreuz uns sagt: es ist genug für mich und dich, für die ganze Welt und für alle Zeiten! Deshalb: dem Kreuz Jesu nicht achtlos begegnen und dem Leid der Welt nicht achtlos begegnen!

Es darf nicht sein, dass wir uns in der Corona-Krise damit trösten, dass es bei uns nicht so schlimm ist wie in Italien, in Frankreich, in Spanien oder in den USA, und dass es bei uns hoffentlich nicht so schlimm kommen wird, wie man es anderswo erwarten muss. Das mag eine verständliche Reaktion sein, aber sie ist kein Trost und wir dürfen uns nicht damit trösten! Dem Leid der Welt nicht achtlos begegnen bedeutet Solidarität über die Grenzen hinweg, die nun überall geschlossen wurden, Solidarität auch mit den Geflüchteten in den Lagern und all denen, die vom ganzen Leid der Welt am eigenen Leib ihr Teil zu tragen bekommen. Solidarität – Fürbitte – und die Frage: was kann ich tun?

Die Frage aber, warum Gott das Leid zulässt, wurde nach dem Karfreitag, nach dem Tod Jesu nicht gestellt. Gebete stiegen weiter zum Himmel. Irgendwann auch wieder ein Lobgesang, ein Lied, Ostern.

Die Frage, warum der Mensch das Leid zulässt oder sogar zufügt, bleibt unbeantwortet.

Karfreitag 2020: die evangelische Kirche empfiehlt Hausabendmahlsfeiern, auch wenn kein Pfarrer, keine Pfarrerin die Gaben austeilen kann. Eine Anleitung finden Sie in den Veröffentlichungen der Landeskirche zur Corona-Krise: https://www.elk-wue.de/corona/geistliches. Vielleicht möchten Sie Gebrauch davon machen. Oder Sie lassen sich jeden Bissen Brot, jeden Schluck zu trinken, jedes Wort, das heilt, als Geschenk Gottes gefallen.

Gottes Segen! Bleiben Sie behütet am Karfreitag!

Ihr Pfarrer Traugott Plieninger

Gebet am Karfreitag

Herr Jesus Christus,
beim Kreuz ist Heil,
beim Kreuz kommt unser Leben zur Ruhe.

Dort, wo Du gelitten hast und leidest, suchen wir Dich,
gedenken Deiner, wo immer wir sind.

Du bist Deiner Berufung treu geblieben,
Deinen Weg bis zum Äußersten gegangen,
hast Leiden, Schmach und Tod
nicht ausgeschlossen für Dich.

Du hast gelitten, um zu versöhnen,
bist gestorben, damit andere leben können.

So leben auch wir aus Deinem Tod
nehmen Zuflucht zu Dir.
In Ängsten – Du bist bei uns.
In Schuld – Du vergibst.
Wir sehen das Kreuz: Du breitest die Arme über uns aus.

Amen.

Veröffentlicht von

TPlieninger

Pfarrer, ev., im Ruhestand zuletzt Referent beim Dekan in 71254 Ditzingen