Prag, Pilsen und mehr

Lange her, dass ich hier etwas geschrieben habe. Nun liegt eine Reise nach Tschechien hinter uns. Am Mittwoch, 12. Juni, ging es früh an den Start in Richtung Tschechien, erste Station war PILSEN. War das nicht die Kulturhauptstadt Europas vor ein paar Jahren? Ja, doch, 2015.

Die älteste Bierstube hier heißt U Salzmannů und ist schon seit 1637 in Betrieb. Über dem Eingang steht in lateinischer Schrift: SI DEUS PRO NOBIS + QUIS CONTRA NOS, darunter – das müsste wohl italienisch sein: AMA DIO ENON FALIRE – FA PUR BENE ELASA DIRE

Inschrift älteste Bierstube: Der lateinische Satz heißt übersetzt: Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? – Das ist ein Zitat aus dem Neuen Testament. Paulus schreibt den Satz im Brief an die Römer, Kapitel 8. Der italienische Satz erschließt sich mir nicht ganz. Vielleicht kann jemand helfen, der den Blog liest.

Hier die ersten Bilder: die erhabene gotische Bartholomäuskirche mit ihrem spitzen Turm und den beiden Dachreitern. Die Kunstwerke auf dem Marktplatz – Goldene Brunnen in der Form von Zapfhähnen unterschiedlicher Art. Hier strömt noch kein Bier, sondern das berühmte Pilsener Wasser. Die Menge an Bier, die die Brauerei verlässt, ist aber deutlich größer als das, was die Marktbrunnen an Wasser ins Freie fördern. Das Rathaus, das Modell der Innenstadt aus dem Rathaus, die Madonnenfigur auf dem Marktplatz.

Beim Stadtspaziergang sind wir an der großen Synagoge vorbeigekommen, leider nur vorbeigekommen: es ist die drittgrößte Synagoge Europas, die fünftgrößte der Welt, wurde 1893 eingeweiht und ist ein immer noch lebendiges Zeugnis jüdischen Lebens in Pilsen und Böhmen. Freilich: 1939 lebten in Pilsen ca. 3.200 Juden, 1942 noch 370, 1948 noch ca. 300. Heute werden keine jüdischen Gottesdienste mehr in der Synagoge gefeiert. Sie dient als Museum. Viele interessante Seiten im Internet erzählen die Geschichte der jüdischen Gemeinden in Böhmen und in Pilsen, stellvertretend sei die Seite „Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum“ empfohlen. Die drei Bilder vom Inneren der Synagoge wurden von Freunden gemacht, die wenige Tage nach uns in Pilsen und auch im Inneren der Synagoge waren. Bei der nächsten Reise lassen wir das nicht mehr aus. Die jüdische Geschichte werden wir aber auch noch in Prag studieren.

Pilsen – das geht nicht ohne Brauereibesichtung. Um 15.30 Uhr sind wir angemeldet zu einer Führung in Deutscher Sprache. 1 1/2 – 2 Stunden Dauer sind angekündigt. Wir halten durch. Gegen Ende gibt’s ein frisches Bier aus dem Holzfass aus den Tiefen Kellern der Brauerei. Aber das ist eher Nostalgie. Wir erfahren alles übers Bier Brauen, sehen die riesige Abfüllanlage, in der kaum ein paar Menschen arbeiten. Zehntausende Flaschen und Dosen werden Stunde für Stunde abgefüllt an mehreren Bändern. Ich hab mal spaßeshalber die Jahresproduktion umgerechnet in Liter pro Sekunde. Mehr als 13! Kann das sein oder habe ich mich vertan? Das Pilsner Urquell wird uns die Tage in Tschechien begleiten. – Hier ein paar Bilder. Alles Wichtige erfährt man auf der Homepage der Brauerei, die interessant und umfassend angelegt ist. Man muss beim ersten Besuch (s)ein Geburtstdatum eingeben und damit bestätigen, dass man nicht minderjährig ist.

Ach ja, das wollte ich doch erwähnen: gleich beim großen Empfangsgebäude, in dem die Besuchermassen ankommen, gibt es einen kleinen Schauraum über das Bierbrauen, gewissermaßen die Zusammenfassung für Besucherinnen und Besucher, die nicht auf eine lange Tour gehen können. Dort an der Wand hinter den Braukesseln hing doch tatsächlilch ein Kruzifix. Nach wie vor! Obwohl die Brauerei längst in Händen japanischer Eigentümer ist. Aber ganz vergessen soll’s doch nicht sein, das Kruzifix, und die Erinnerung, dass Bier aus Getreide gebraut wird, das wiederum in Gottes Natur erst wachsen muss.

Weiter geht’s nach Prag…

Unser Busfahrer findet das Hotel auf Anhieb. Mit dem Parken ist’s etwas schwierig, weil die Busparkplätze des Hotels alle belegt sind. In Prag sind wir halt nicht die einzigen. Aber andererseits: Prag ist vorbereitet, vor allem, was den Verkehr betrifft. Wir nutzen das ausgezeichnete Netz von Straßenbahnen und die super-günstigen Tarife. Am meisten profitieren unsere Senioren ab 70. Sie fahren kostenlos, wenn sie ihren Ausweis dabei haben. Senioren ab 65 zahlen die Hälfte. Wer jünger ist zahlt 110 Kronen für das Tagesticket im ganzen Netz. Das sind ca. 4,40 €. – Und die nächste Straßenbahnhaltestelle ist gleich um die Ecke, die nächste Straßenbahn kommt spätestens in 7-8 Minuten. Da ist sie ja schon…

Wer das Besondere liebt, lässt sich natürlich mit einer Stretch-Limousine durch Prag chauffieren – oder im Oldtimer-Look oder gar in der Pferdekutsche. Vieles ist möglich in einer Stadt mit 10 Mio. Touristen jährlich bei 1,2 Mio. Einwohner. Es ist überall sehr viel los, aber beengt muss sich niemand fühlen.

Am Samstag entdecken wir auf dem Wenzelsplatz das Tram Café: ein stillgelegter Straßenbahnzug, der als Café umgebaut ist. Beim nächsten Prag-Besuch gehen wir rein. Dieses Mal lässt uns unsere Stadtführerin keine Zeit…

Tram Café am Wenzelsplatz

Immerhin. Jetzt sind wir schon in Prag. Eine inspirierende Stadt wartet auf uns…

Wir fahren mit der Linie 9 ein paar Stationen, dann mit der 2 zur Haltestelle Staroměstská und gehen ein paar Schritte zum Jan Palach-Platz an der Philosophischen Fakultät. Unsere Stadtführerin, Hana M., erinnert uns an das Geschehen vor 50 Jahren.

Jan Palach Denkmal, Prag

Jan Palach war der Student, der sich am 16. Januar 1969 auf dem Wenzelsplatz anzündete und als brennende Fackel losrannte. Es war eine Reaktion auf die Niederschlagung des Prager Frühlings durch die Truppen des Warschauer Pakts. 50 Jahre ist es her. Meine eigene Erinnerung ist verschwommen. Aber doch, da war etwas. Ich war damals 14 Jahre alt. Heute bin ich dankbar, dass wir hier vorbeikommen. Obwohl, das ist schwere Kost. Was wir in Prag erleben, ist eine quicklebendige, aufgeschlossene Stadt. Aber welche Geschichten haben sich hier abgespielt!

Hier ein paar Links zu Jan Palach:

Süddeutsche Zeitung: Ein Bild und seine Geschichte. Wie Jan Palach ein Land in Trauer stürzte.

WELT: Jan Palach, Die lebende Fackel

mdr: Die „menschliche Fackel“. Warum Jan Palach sich selbst verbrannte.

Deutschlandfunk Kultur: Vor 50 Jahren – Die Selbstverbrennung von Jan Palach in Prag.

Eine weiteres Denkmal bei der Philologischen Fakultät ist die Skulpturengruppe „Haus des Sohnes“ und „Haus der Mutter“ von John Hejduk. Auf der Website findet man auch die Adresse.

Prag – das jüdische Viertel – Josefstadt

Wir bewegen uns im ehemaligen Ghetto, kommen zur Pinkas-Synagoge, die heute ein Gedenk-Ort für die Opfer des Holocaust ist.

Ca. 80.000 Namen all derer, die man in den Konzentrationslagern und Todeslagern umgebracht hat, sind in alle Wände eingraviert und lassen uns Besucherinnen und Besucher dabei scheitern, dass wir uns das vorstellen könnten, was sich für Schicksale hinter diesen Namen verbergen. Ich lese . Ein Mann, 60 Jahre alt. Hat er etwas mit Franz Kafka zu tun? Ich fange an zu recherchieren, finde den Namen in einer Opferdatenbank, finde auch eine Übersetzung. Emil Kafka stammt aus Brünn, wurde am 5. Dezember 1941 aus Brünn nach Theresienstadt deportiert und von dort am 15. Januar 1942 nach Riga. Über das Todesdatum gibt es wohl keine genaue Angabe: „nach dem 15. Januar 1942“. Also hat er den Transport überlebt, aber nicht mehr die Zeit danach. 41 letzte grauenvolle Wintertage bis sich seine Spur verliert.

Eine der Kinderzeichnungen aus Theresienstadt erinnert mich an Marc Chagalls berühmtes Bild „Der Engelsturz“ (La chute de l’ange), das im Kunstmuseum Basel zu sehen ist. Auch dort ist die Sabbatkerze das einzige, was steht, wo alles andere in sich zusammenfällt

Kinderzeichnung aus Theresienstadt. Das Schiff segelt durch die dunkle Nacht. Die Sabbatkerze brennt als wäre sie eine Erinnerung, die man behalten muss!

Einen ausgezeichneten Beitrag aus dem Jahr 2003 über die Ausstellung in der Pinkas-Synagoge mit Text- und Tondokumenten finde ich bei Radio Prag: Die Prager Pinkas-Synagoge wurde wieder eröffnet.

Zwischen der Pinkas-Synagoge und der Klaus-Synagoge liegt der älteste jüdische Friedhof in Prag, ein hügeliges Gelände voller Grabsteine. Quellen reden von 40.000 Bestattungen, die im Lauf der Jahrhunderte hier stattgefunden haben, andere Quellen geben 100.000 Bestattungen an in bis zu 12 Lagen übereinander. Empfehlenswert nüchtern und informativ ist Wikipedia. Eine schöne Kurzbeschreibung, die ich gefunden habe, war auf dem Portal „Sehenswürdigkeiten Prag online.“

Allein für das jüdische Prag könnte man mehrere Tage unterwegs sein. Wir gehen zur ältesten Synagoge, der Altneusynagoge, die uns sehr beeindruckt hat, war sie doch noch vom gerade zurückliegenden Wochenfest geschmückt (8.-10. Juni 2019). Die Altneusynagoge hat noch keine Frauen-Empore oder Galerie. Aber sie ermöglichte es, dass Frauen zum Gottesdienst kommen konnten und von einem Nebenraum durch ein Fenster in den Synagogenraum schauen.

Was heißt das nun? Dass man von der Gleichberechtigung der Frau noch Lichtjahre entfernt war? Oder dass man erkannt hat, dass da etwas nicht richtig sein kann, wenn die Frauen vom Gottesdienst ausgeschlossen sind? Wie werden die Gottesdienste wohl heute gefeiert?

Von der Altneusynagoge gehen wir zur Maisel-Synagoge, die eine beeindruckende Skulptur des berühmten Rabbis Löw zeigt (s.o.). – Rabbi Judah Löw (ca. 1525-1609) ist in Prag und weit darüber hinaus zur Legende geworden. Eine Fülle von Internetseiten, wissenschaftlichen und popularwissenschaftlichen Veröffentlichungen über ihn existiert. Unsere Stadtführerin wusste, dass er den Golem erschaffen hätte und hat den „Golem“ als einen Roboter beschrieben, während doch die Mystik vom Versuch der Erschaffung eines Menschen spricht. Wahrscheinlich ist nicht viel dran an der Legende. Aber immerhin: ein Biotop für Legendenbildung muss er auf alle Fälle gewesen sein, der Maharal, wie er genannt wurde. Selbst die Seite Kafka-Prag verweist auf Rabbi Löw mit den Worten: „Rabbi Löw ist zum Sinnbild für das mystische Prag geworden, gilt er doch der Legende nach als der Erschaffer des Golems… Und überhaupt Kafka: er gehört natürlich zum Prager Judentum. Das wäre dann aber auch wieder ein eigenes Thema.

Schade, dass die spanische Synagoge wg. Renovierung geschlossen war. Im Spätherbst 2020 soll sie wieder eröffnet werden. Und wir machen eine kleine Mittagspause, bevor wir uns auf die Prager Burg begeben.

Die Prager Burg – Pražský hrad

Die Linie 22 bringt uns zur Burg! Hrad heißt Burg, Ritterburg, Hradčany, Hradschin heißt das Stadtviertel. Wikipedia zitiert Matthäus Merian: „…auff der anderen Seiten ist aber ein Hügel oder Berglein, auf welchem das Städtlein Hradezan/Hraczinum, oder wie mans insgemein nennet, Hratschin liget, welches Theils auch die Obere Stadt Prag heissen, so ihrem Burgermeister und Rath, auch eigenses Stadt-Buch hat.“ Ins Stadtviertel kommen wir zum Abendessen zurück. Jetzt aber interessiert uns die Burg, zu der man ehrfuchtsvoll oder begeistert, beeindruckt hinaufblickt – und wenn man oben ist schaut man nicht weniger ehrfurchtsvoll, begeistert, beeindruckt hinunter auf die Stadt an der Moldau mit ihren Türmchen, Kuppeln, Brücken, Fahnen. Was für ein Panorama in beide Richtungen! 10 Millionen Touristen jährlich fotografieren Milliarden von Bildern. Da mag ich gar nicht mithalten mit meinen eigenen, wo doch alles von anderen schon viel besser festgehalten wurde. Aber es geht nicht. Ich mache meine eigene Bildersammlung. Die Palastwache… Wie lange lässt sich das aushalten, still zu stehen und keine Miene zu verziehen? Innen eine Hochzeit mit im Gewühle – oder ist es nur der Fototermin? Oder wird womöglich nur für Werbeaufnahmen posiert? – Bilder einer Ausstellung – die Männer, die Geschichte schreiben konnten, durften, 1990. – Der Veitsdom ist für mein Objektiv zu groß, außerdem geschlossen wg. Renovierung. Wir bleiben draußen, Hana erzählt etwas über das berühmte Mosaik und die Goldene Pforte. Es sind zu viele Eindrücke auf einmal. Die Sinne sind überfordert… Die romanische St. Georgs-Basilika mit ihren beiden Türmen (Adam und Eva) aber können wir besuchen. Es ist die drittälteste Kirche in Böhmen, an der noch im 10. Jahrhundert ein Benediktinerinnenkloster entstand.

Das größte Burgareal der Welt.

Wir betreten die Räume, lassen uns das Fenster zeigen, aus dem man am 23. Mai 1618 die katholischen Statthalter Wilhelm Slavata und Jaroslav Borsita Graf von Martinitz sowie den den Kanzleisekretär Philipp Fabricius geworfen hatte, eindrücklich geschildert in vielen Werken über den Beginn des dreißigjährigen Krieges, natürlich auch online nachzulesen. Beim Studieren der Seiten kommt mir in Erinnerung, dass Hana, unserer Führerin, vom 2. Prager Fenstersturz gesprochen hatte.

Und in der Tat, am 30. Juli 1419 haben die Prager zum ersten Mal bewiesen, dass sie mit denen, die sie für Übeltäter halten, nicht zimperlich umgehen. Damals hat man sich gleich 10 Personen auf diese Weise vom Hals geschafft, nicht oben auf der Burg, sondern unten in der Stadt: Bürgermeister, Ratsherren und andere hat man aus dem Fenster geworfen und sich so ihrer entledigt. Grund war die Verfolgung der Anhänger Jan Hus‘, deren etliche man im Rathaus gefangen gehalten hatte. König Wenzel aber, oben auf der Burg, war über diesen Aufstand dermaßen entsetzt, dass er einen Schlaganfall erlitt und gut zwei Wochen danach verstarb.

Jetzt also, knappe 200 Jahre später, hat man sich der Sache erinnert und es noch einmal für richtig befunden, der Obrigkeit einen unsanften Abschied zu bereiten.

Die Geschichtsschreibung spricht mittlerweile bereits von einem dritten Prager Fenstersturz am 10. März 1948, bei dem es sich um ein Geheimdienstattentat an Jan Masaryk, den ehemaligen Außenminister, gehandelt haben dürfte. Er wurde tot im Hof des Palais Czernin aufgefunden, unterhalb des Badezimmerfensters aus dem er, wie inzwischen nachgewiesen ist, gestürzt wurde.

Alles zu den Prager Fensterstürzen findet man zusammengefasst unter der Überschrift: Fensterstürzte haben in Prag blutige Tradition in einem sehr lesenwerten Artikel der WELT.

Zum Abschluss der Burgvisite Bilder vom Goldenen Gässchen, vom Blick auf die Stadt, die Moldau, die Karlsbrücke.

Prag: Blick von der Burg auf die Karlsbrücke
Blick auf die deutsche Botschaft in Prag
https://prag.diplo.de/cz-de

Wieder am Fuß der Burg blicken wir noch einmal zurück, erholen uns im Wallenstein- oder Waldstein-Garten und fühlen uns fast wie im blühenden Barock in Ludwigsburg. Das Wallenstein-Palais ist der Sitz des Senats der Tschechischen Republik. Uns gefällt die Ruhe und wir erlebten die ersten Takte eines Konzerts.

Blick vom Senatsgarten auf die Burg

Zum Abendessen aber fahren wir noch einmal mit der Linie 22, dieses Mal eine Station weiter und suchen das Restaurant Jana Nepomuckeho, wo für uns das Abendessen bestellt ist. Wir sitzen im Biergarten. Ich lege die Kamera zur Seite. Das Foto stammt von der Website des Restaurants.

So viel für heute, 14.07. Schon ist wieder ein Monat vergangen, und der Blog ist immer noch nicht fertig. Aber es soll weitergehen – mit einem Bummel über die Karlsbrücke und eindrücklichen Bildern vom Sonnenuntergang an der Moldau. Und dann, am nächsten Morgen, starten wir nach Karlsbad und Marienbad. Das wird auf ganz andere Weise interessant.

Veröffentlicht von

TPlieninger

Pfarrer, ev. Referent beim Dekan in 71254 Ditzingen