Predigt am 11.11.2018 in Ditzingen, Konstanzer Kirche

Predigttext: Hiob 14,1-6 (Gute Nachricht Bibel)

1     Was ist der Mensch, von einer Frau geboren?
Sein Leben ist nur kurz, doch voller Unrast.

2     Wie eine Blume blüht er und verwelkt,
so wie ein Schatten ist er plötzlich fort.

3     Und trotzdem lässt du ihn nicht aus den Augen,
du ziehst ihn vor Gericht, verurteilst ihn!

4     Du musst doch wissen, dass er unrein ist,
dass niemals etwas Reines von ihm ausgeht!

5     Im Voraus setzt du fest, wie alt er wird,
auf Tag und Monat hast du es beschlossen.
Du selbst bestimmst die Grenzen seines Lebens,
er kann und darf sie niemals überschreiten.

6     Darum blick weg von ihm, lass ihn in Ruhe
und gönne ihm sein bisschen Lebensfreude!

Liebe Gemeinde!
„Was ist der Mensch?“ fragt Hiob, der das Leid der Welt am eigenen Leibe auskostet. – Kein Text für eine Festversammlung, nichts Erhebendes. Und doch eine Stimme, die in der Bibel ihren Platz hat. – Die Stimme der Leidenden wird nicht übergangen, das Leiden nicht ausgeblendet, selbst wenn die, die leiden, oft auch darunter leiden, dass sie sich nicht ernst genommen fühlen. Das Leiden, das Leid kommt zur Sprache. Es kommt auf die Tagesordnung. Es gelangt in den Kanon!

„Was ist der Mensch? Wie eine Blume blüht er und verwelkt, so wie ein Schatten ist er plötzlich fort.“ Die Sätze kommen auch nicht aus dem philosophischen Seminar, in dem ein Weiser spricht und seine Schüler ihm zuhören. Hiobs Klagen und Hiobs Fragen sind existentiell, sind am eigenen Leibe erlitten. Hiob hat genug! Das Maß ist voll! Er ist am Boden – und ist doch kein gebrochener Mann. Er hat Würde, erhebt noch Anspruch, einen einzigen Anspruch: Er will von Gott und seinen Freunden in Ruhe gelassen werden.

Hiob ist durch die Jahrtausende hindurch aktuell geblieben. Hiob war im 19. Jahrhundert aktuell, als in den Gefilden des Libanon die Franzosen mit den maronitischen Christen, die Engländer mit den Drusen paktierten, so vielleicht wie heute im Jemen die Saudis und Iran ihre Interessen in einem furchtbaren Krieg verfolgen und Tausende an Hunger, an Cholera, an Kriegsverletzungen zugrunde gehen, so gab es damals die Opfer im drusisch-maronitischen Bürgerkrieg 1860, die Schätzungen zwischen 7.000 und 20.000 Toten auf Seiten der maronitischen Christen, Zehntausende obdachlos bis die Franzosen direkt intervenierten und – als Refugium für die Christen – eine autonome Provinz im osmanischen Reich durchsetzen konnten.

Jerusalem war zweihundertfünfzig, dreihundert Kilometer entfernt, wo Johann Ludwig Schneller ein Grundstück erworben und ein Haus gebaut hatte. Das Ehepaar Schneller war offenbar nicht der Meinung, dass es in Jerusalem genug an Aufgaben gäbe und der Krieg im Nachbarland schon deshalb nichts mit ihnen zu tun hätte. Schneller bricht auf, macht sich ein eigenes Bild von dem, was ihm zu Ohren gekommen war, und bringt schließlich aus Lagern in Saida und Beirut 10 evangelische Waisenkinder nach Jerusalem, Waisenknaben.

11. November 1860, heute vor 158 Jahren! Johann Ludwig Schneller und seine Frau Magdalena, geb. Böhringer, schauen nicht, wo sie die Knaben unterbringen können, sondern nehmen die Kinder auf und machen ihr eigenes Haus zum „Syrischen Waisenhaus“. Ein Jahr später waren es dann schon 30 Jungen; die Zahl stieg noch lange an. Ein Mädchenhaus kam dazu, eine Blindenklasse.
11. November 1860! Die Geschichte des Syrischen Waisenhauses beginnt, die dann zur Geschichte der Schneller-Schulen geworden ist. Ein Lichtblick in Zeiten der Klage, ein Lichtblick im Hiobsleid des 19. Jahrhunderts, das es aber wahrhaftig nicht nur im Nahen und mittleren Osten gab, sondern überall, Sklaverei in Amerika, Kolonialismus in Afrika und Asien. Was gehört nicht alles zum Hiobsleid, zu den schwersten Prüfungen der Menschlichkeit?! Es war die Zeit, in der in der Diakonie, damals die „Innere Mission“,  „Rettungsanstalten“ gegründet wurden, Einrichtungen gegen die Hoffnungslosigkeit und Teilnahmslosigkeit.

Der drusisch-maronitische Bürgerkrieg wird durch die Tat Schnellers nicht ungeschehen gemacht. Die Kinder, die das Ehepaar aufgenommen hat, waren Waisenkinder, waren „traumatisiert“, wie wir heute wissen und sagen. Sie hatten alles verloren außer ihrem Leben. Das Syrische Waisenhaus war die Initiative eines Mannes, dem eine Haltung der Gleichgültigkeit, der Distanziertheit niemals in den Sinn gekommen wäre. Es war eine Initiative gegen das Wegschauen.

In den Schneller-Schulen ist bis heute der 11. November kein Tag wie jeder andere. Er wird als Tag gefeiert, an dem eine segensreiche Geschichte begonnen hat, eine segensreiche Geschichte inmitten der Unheilsgeschichten, inmitten einer Welt, die  auch seither nicht besser geworden ist trotz aller Verbesserungen und Errungenschaften. Die Fragen und Klagen Hiobs sind noch immer da.

Was ist der Mensch, von einer Frau geboren? Sein Leben ist nur kurz, doch voller Unrast. Wie eine Blume blüht er und verwelkt, so wie ein Schatten ist er plötzlich fort. Und trotzdem lässt du ihn nicht aus den Augen, du ziehst ihn vor Gericht, verurteilst ihn!

Es ist wahr! Es ist leider immer wieder wahr, dass Menschen ihr Schicksal nur als ungerecht begreifen können, wie Hiob. Wo bleibt die Gerechtigkeit in dieser Welt?

Und wahr ist auch, dass es zu allen Zeiten Menschen gegeben hat, die sich mit dem Leid, mit dem Elend, mit der Verlorenheit und Vergessenheit nicht abgefunden haben.

So wie Hiob sich nicht abgefunden hat. Seine Klage ist sein Aufschrei gegen das, was zum Himmel schreit. – Und dass der Mensch von Gott, den er als maßlos ins seiner Forderung nach Gerechtigkeit anklagt, – dass der Mensch von Gott in Ruhe gelassen werden will, ist ein Hilfeschrei aus der Ohnmacht.

Doch Gott ist gar nicht der Zuschauer und Marionettenspieler, der seine Figuren singen, tanzen, leiden und untergehen lässt. Gott ist der Mitleidende, der hinsieht, nicht wegschaut.

11. November – der Martinstag:
Martin von Tours, der seinen Mantel teilt.
Martin von Tours, der römische Offizier, der dann die Waffen niederlegt und zum Bischof von Amiens wird.
Kirchen werden nach ihm benannt, Martinskirchen, die Kinder hören die Geschichte im Kindergarten und machen Martinsumzüge. Die Geschichte des Syrischen Waisenhauses beginnt an einem Martinstag – ein Zufall der Zeitläufte – und macht doch Sinn.

Und dann – vor 100 Jahren – der 11. November 1918, was dieser Tage durch die Nachrichten geht, in den Zeitungen steht und auf der politischen Bühne erinnert wird: Unweit von Paris wird der Waffenstillstand von Compiègne unterzeichnet. Nach 4 Jahren und 4 ½ Monaten ist ein Ende des Weltkriegs in Sicht. – Erst als es einen weiteren Weltkrieg gegeben hat, wurde er der erste genannt. Es war einfach der Weltkrieg. Die Waffen schweigen ab dem 11. November. Es gibt die Siegermächte, aber auch sie sind Verlierer. Es gibt nur Verlierer. 20 Millionen Tote und weit und breit kein friedliches Sterben, unsagbares Leid. Das syrische Waisenhaus kam in Jerusalem mit Sachschäden davon. Aber spurlos ist der Krieg dort auch nicht vorbeigegangen.

Von der Öffentlichkeit wenig gewürdigt gab es Werke der Barmherzigkeit auch in diesen Kriegsjahren. Im Russischen „Haus der Wissenschaft und Kultur“ in Berlin wird derzeit eine Ausstellung gezeigt: „Barmherzigkeit während des Ersten Weltkrieges.“

 

20 Jahre nach Ende des Weltkriegs brannten in Deutschland die Synagogen, dann die Krematorien der Vernichtungslager.

Hiob wirft Gott alle himmelschreiende Ungerechtigkeit vor die Füße. Die Verse des Predigttextes sind ja nur ein kleiner Ausschnitt seiner Klage.

Aber das schlimmste Leid, das weit die Leiden Hiobs übersteigt, ist menschengemacht. Ich will es uns ersparen, das aufzuzählen, was Menschen an Leid verursachen. Es ist zu viel des Schlimmen.

*

11.11., 11 Uhr 11! Der Karneval beginnt. Vielleicht kann man die Welt auch nur ertragen, wenn man zum Narren und närrisch wird, indem man die Wirklichkeit zum Narren hält und auf die Pauke haut und lärmend durch die Straßen zieht.

Es ist nicht die Antwort Schnellers. Die Antwort Schnellers war die, das Naheliegende zu tun, Verantwortung übernehmen, Kindern eine Zukunft zu geben, damit diese Welt eine Zukunft hat.

11. November 1966. 106 Jahre nach den Anfängen des Syrischen Waisenhauses in Jerusalem wird die Theodor-Schneller-Schule in Amman gegründet. Immer noch sind es Nachkommen Johann-Ludwig-Schnellers, die das Werk weiterführen. Die Johann-Ludwig-Schneller-Schule im Libanon war bereits im März 1952 gegründet worden. – Wir feiern heute das Schneller-Fest, und ich freue mich, dass es in Ditzingen sein kann. Wir möchten Anteil nehmen am Ergehen und am Dienst der Christen im Nahen Osten und Anteil geben, Verbundenheit praktizieren.

Was Hiob bittet mögen wir nie bitten müssen: von Gott in Ruhe gelassen zu werden, möchten lieber bitten: schau her, Gott, hier sind wir! Schenk uns Deinen Beistand, Deinen Segen! Amen.

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Veröffentlicht von

TPlieninger

Pfarrer, ev. Referent beim Dekan in 71254 Ditzingen