Predigt zur Jahreslosung 2018 zum Fest der Goldenen Konfirmation in der Lutherkirche Fellbach (11.03.2018)

Gott spricht:
Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Offenbarung 21,6

Liebe Schulkameradinnen, liebe Schulkameraden von damals
und Angehörige, liebe Lutherkirchengemeinde,

wer bin ich, dass ich heute hier auf der Kanzel stehe und mich traue, Euch, Ihnen eine Predigt zu halten? Wer wäre ich, das abzulehnen, nachdem mein geschätzter Kollege mich gefragt hat, ob ich das tun würde?

Aus mir ist also ein Pfarrer geworden, aufgewachsen in Fellbach in der Rosenstraße, Staufenbergschule, Friedrich-Schiller-Gymnasium,
Konfirmation in der Melanchthonkirche, die damals gerade 4 Jahre alt war, jung, modern.

Quelle: Landeskirchliches Archiv Stuttgart, Inventarisation, Inv.-Nr. 47332.1.001-00

 

[Ich habe als Konfirmand während des Gottesdienstes häufig fast zwanghaft die Lichtöffnungen gezählt an der Wand hinterm Altar. Um die 150 müssten es sein. Daran erinnere ich mich merkwürdiger Weise noch...]

 

Die Lutherkirche war ehrwürdiger, ist immer noch ehrwürdig für echte Fellbacher. Hier bin ich getauft worden. – Das weiß ich, aber ich erinnere mich natürlich nicht. Wer erinnert sich schon an seine Taufe? Wichtiger als dass wir uns daran erinnern, ist dass wir die Taufe empfangen haben.

Ich war oft in der Kirche. In unserer Familie war Glauben, Bibel und Gebet wichtig, wofür ich dankbar bin. Ich habe es nicht als eng empfunden. Pfarrer zu werden, war mir trotzdem nicht in die Wiege gelegt. Aber ich bin es immer noch gerne, bin noch einmal auf eine neue Stelle gegangen, nach Ditzingen, und ich ahne auch schon, dass mir etwas fehlen wird in zwei Jahren, wenn es so kommt, wie man es sich ausdenkt und wünscht. – Manchmal kommt es anders.

Goldene Konfirmation: Das ist an der Schwelle, an der man angefangen hat, Verantwortung abzugeben. Die Berufsjahre liegen zu einem großen Teil hinter einem. Das, was man „Ruhestand“ nennt, kommt hinterm Horizont hervor. Zum Zeitpunkt der Konfirmation war es gerade umgekehrt. Man hat begonnen, Verantwortung zu übernehmen. Mit 14 wird man hierzulande religionsmündig, auch strafmündig, bemerkt den Übergang kaum und doch ist er vorhanden. Stück für Stück übernimmt man Verantwortung für das eigene Leben und mehr.

Vor 30 Jahren, 1988, habe ich zum ersten Mal eine Goldene Konfirmation gehalten. Damals war ich, waren wir alle Anfang 30, die Teilnehmer „meiner“ damaligen Goldenen Konfirmation waren – wie wir heute – 63, 64. Fast jedes Jahr habe ich seither eine Goldene Konfirmation gehalten und irgendwann hat es mich beschäftigt, dass ich dann auch einmal zum Jahrgang gehören würde und muss heute sagen, dass sich das anders anfühlt als bisher.

Dass wir Evangelischen unter uns sind, kommt mir dabei als schwerer Anachronismus vor. Klar, wie feiern Goldene Konfirmation und nicht Goldene Firmung und haben gerade ein Reformationsjubiläum hinter uns, sind gewissermaßen aufgeladen mit evangelischer Identität, treffen uns in der LUTHER-Kirche!

Aber wär’s nicht das Allernormalste, wir wären im ganzen Jahrgang beieinander und jeder brächte seinen Glauben, seine Konfession, seine Überzeugung, auch seine Neugier mit?

19 Jahre lang habe ich in Markgröningen sehr eng mit meinem katholischen Kollegen zusammengearbeitet, der seine ersten Dienstjahre hier in Fellbach an der Johanneskirche verbracht hat. Letztes Jahr haben wir zum Abschluss unserer Zusammenarbeit einen ökumenischen Ausflug nach Fellbach gemacht und die Johanneskirche und die Lutherkirche angeschaut. Das gehört heute zusammen. Verschiedenheit als Bereicherung!

Wir haben im Konfirmandenunterricht viel auswendig gelernt. Eigentlich hauptsächlich auswendig gelernt, sind abgefragt worden, jede Woche… –
Diese langen Texte, die wir damals lernen mussten und nicht verstanden haben…,
die ich heute aber immer noch mag, so ganz für mich.

Der Konfirmandenunterricht aber hat sich verändert.

Vor 11 Jahren, so lange ist das auch schon wieder her, hat die ARD einen 30 minütigen Beitrag über unseren Konfirmandenunterricht in Markgröningen ausgestrahlt, der viel Resonanz bekommen hat und heute noch in vielen Kirchengemeinden gezeigt wird. Da war viel Erlebnis, Begegnung entlang der Themen des Glaubens, aber nicht mehr das Abfragen des Katechismus.

Das Spruch- und Liederbuch gab es ja schon im Religionsunterricht der Grundschule. Auch da wurde auswendig gelernt – und sicher nicht zum Schaden, aber eben auch nicht zum Spaß… Heute sind es fast nur noch die Schauspieler, die ihren Text auswendig lernen.

Gott spricht:
Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Offenbarung 21,6

Auch so ein Spruch. Er steht auf den Urkunden, die wir heute bekommen – wie wir auch seinerzeit auch zur Konfirmation eine Urkunde und einen Spruch erhalten haben, unseren „Denkspruch“.

„Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers. Umsonst.“

Aus der Bibel, vorletztes Kapitel.
In den Kirchen ist der Spruch dieses Jahr die Jahreslosung,
ein Begleitsatz durch das Jahr 2018,
ein Merkvers, ein Motto,
eine Erinnerung an etwas, was nicht immer präsent ist:

Quelle

Wo sprudelt etwas?
Wo finde ich etwas gegen das Vertrocknen?

„Ich will dem Durstigen geben…“

Das Wort „Durststrecken“ fällt mir ein. – Ist an Durststrecken gedacht?

Durststrecken kennt jede, jeder.

Durststrecken kannten die christlichen Gemeinden, an die diese Worte zuerst gerichtet waren damals Ende des 1. Jahrhunderts, als sie durch Verfolgungen aufgerieben wurden, als man sie als Widerständler ausmerzen wollte,
weil sie dem Kaiser das Opfer verweigert haben,
auch weil man Sündenböcke gebraucht hat für das, was nicht in Ordnung war. Sie wurden denunziert, diskriminiert, verfolgt, getötet. Das war die Durststrecke der frühen Kirche.

Wir leben ja wieder oder immer noch in einer Zeit, in der man für alles und jedes einen Sündenbock, einen Schuldigen braucht: „Flüchtlinge“, „Diesel-Fahrzeuge“, „die Auto-Hersteller“, die „Gülén-Bewegung“ in der Türkei, „die Politiker“, „die Medien“, wen oder was auch immer man gegenwärtig pauschal verurteilt, wer oder was auch immer an allem Unheil schuld sein soll…

Für die, die es trifft, stellt es eine schwere Diskriminierung dar, unter „Generalverdacht“ stehen zu müssen. Für einzelne, die dann zu Schuldigen erklärt werden, steht eine schlimme Durststrecke bevor.

*

Durststrecken gibt es auch im persönlichen Leben. Gemeint sind die
Krisen, in denen man steckt oder durch die man durchgegangen ist,
die einen verändert haben oder dabei sind, einen zu verändern.

Wenn Deine Lebenskrisen erträglich waren, dann sei dankbar!

*

Vorletztes Jahr bin ich zweimal im Libanon gewesen, möchte dieses in den Pfingstferien wieder in dieses Land reisen.

Dort leben 1,5 Millionen Flüchtlinge bei einer Gesamtbevölkerung von 6 Millionen. Jeder vierte ist ein Flüchtling. „Mein Land kann das nicht mehr bewältigen“, sagt der Präsident.  (ZEIT-online, 16.10.2017). Es gibt Durststrecken für ganze Nationen, Gesellschaften. Keiner weiß so recht, wie es weitergeht, ob’s besser kommt oder noch einmal schlimmer. Wie erleben es die Betroffenen? Die Flüchtlinge dort, die libanesische Bevölkerung selbst? Wie erleben es die Betroffenen anderswo?

*

Durststrecken. Zweimal konnte ich eine Reise in die Sahara mitmachen, wo es kein Wasser gibt und man zu den elementaren Dingen des Lebens ein neues Verhältnis bekommt:

Tag und Nacht,
Sonne und Schatten:
der eigene Schatten und der Schatten, den man sucht.
Wasser, rationiert und überlebenswichtig.
Die Gruppe, die einem Schutz gibt.
Die einfachen Männer, die sich zu ihren Gebetszeiten unauffällig zurückziehen,
die den Weg wissen und die Vorräte einteilen.

Selbst gewählte Durststrecke…

Die Durststrecken können sehr wichtig sein im Leben, wenn sie endlich sind und nicht unendlich. Andere Fragen werden wichtiger als die, was heute Abend im Fernsehen kommt oder was morgen  als Sonderangebot im Supermarkt zu haben sein wird.

*

„Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers. Umsonst.“
Es heißt eigentlich Quelle des Wassers des Lebens. Ich bin nicht sicher, ob die Übersetzung „lebendiges Wasser“ richtig ist.

Vielleicht ist ja an die Taufe gedacht,
an etwas, das – wie und wann und wo auch immer – sprudelnd und quellfrisch von Gott kommt, eigentlich unverfügbar, obwohl wir damit umgehen.

Wasser des Lebens, lebendiges Wasser.
Lassen wir es einmal offen.

Mit den Durstigen sind jedenfalls nicht die gemeint, die immer Durst haben und denen mit etwas zu trinken schnell und kurzfristig, aber auch nur vorübergehend geholfen werden kann. [Zu denen zählen wir selbst natürlich auch.]

Es sind aber die gemeint, die Jesus einmal die genannt hat, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit… oder nach Frieden oder nach Anerkennung, nach Wahrgenommen-Werden oder nach Wahrheit oder nach Glück.

Durst nach Glück, was alle Kinder auf der Erde verbindet,
die Kinder bei uns und die Kinder im Jemen, die Kinder der Rohingya-Flüchtlinge in Bangla-Desh und die Kinder der Eskimos, die sich alle gleichermaßen wünschen, dass sie eines Tages glücklich sein können.

Durst nach Glück und der Glaube, dass es das gibt, das Glück. Welch ein Glück!

Gott sei Dank gibt es diesen Glauben und gebe Gott,
dass auch dieser Glaube, dass es ein Glück geben kann, nicht erlischt.

*

Versprochen.

Das ist versprochen in der Bibel. Nicht das happy end, und dann fängt das alte Spiel von vorne an, sondern das finale Glück.

„am ende“, heißt es in einem Gedicht von Reiner Kunze, „ganz am ende, wird das meer in der erinnerung blau sein“.

RUDERN ZWEI

Rudern zwei
ein boot,
der eine
kundig der sterne,
der andre
kundig der stürme,
wird der eine
führn durch die sterne,
wird der andre
führn durch die stürme,
und am ende ganz am ende
wird das meer in der erinnerung
blau sein.

[Reiner Kunze, gedichte,  frühe gedichte]

Als hätte Gott es nicht von Anfang an versprochen gehabt:
allen auf dem weiten Meer des Lebens unterwegs,
allen, die ihr Boot voranbringen wollen, müssen –
ob schwer rudernd in den Stürmen oder gelassen, den Blick zum Sternenhimmel gerichtet,

versprochen:
von der Quelle des lebendigen Wassers. Umsonst.

Umsonst ist in der Bibel nicht doppeldeutig. Es ist eindeutig: geschenkt, kostenlos, gratis, ohne Verfallsdatum. Amen.

 

 

Veröffentlicht von

TPlieninger

Pfarrer, ev. Referent beim Dekan in 71254 Ditzingen