Predigt am 11.11.2018 in Ditzingen, Konstanzer Kirche

Predigttext: Hiob 14,1-6 (Gute Nachricht Bibel)

1     Was ist der Mensch, von einer Frau geboren?
Sein Leben ist nur kurz, doch voller Unrast.

2     Wie eine Blume blüht er und verwelkt,
so wie ein Schatten ist er plötzlich fort.

3     Und trotzdem lässt du ihn nicht aus den Augen,
du ziehst ihn vor Gericht, verurteilst ihn!

4     Du musst doch wissen, dass er unrein ist,
dass niemals etwas Reines von ihm ausgeht!

5     Im Voraus setzt du fest, wie alt er wird,
auf Tag und Monat hast du es beschlossen.
Du selbst bestimmst die Grenzen seines Lebens,
er kann und darf sie niemals überschreiten.

6     Darum blick weg von ihm, lass ihn in Ruhe
und gönne ihm sein bisschen Lebensfreude!

Liebe Gemeinde!
„Was ist der Mensch?“ fragt Hiob, der das Leid der Welt am eigenen Leibe auskostet. – Kein Text für eine Festversammlung, nichts Erhebendes. Und doch eine Stimme, die in der Bibel ihren Platz hat. – Die Stimme der Leidenden wird nicht übergangen, das Leiden nicht ausgeblendet, selbst wenn die, die leiden, oft auch darunter leiden, dass sie sich nicht ernst genommen fühlen. Das Leiden, das Leid kommt zur Sprache. Es kommt auf die Tagesordnung. Es gelangt in den Kanon!

„Was ist der Mensch? Wie eine Blume blüht er und verwelkt, so wie ein Schatten ist er plötzlich fort.“ Die Sätze kommen auch nicht aus dem philosophischen Seminar, in dem ein Weiser spricht und seine Schüler ihm zuhören. Hiobs Klagen und Hiobs Fragen sind existentiell, sind am eigenen Leibe erlitten. Hiob hat genug! Das Maß ist voll! Er ist am Boden – und ist doch kein gebrochener Mann. Er hat Würde, erhebt noch Anspruch, einen einzigen Anspruch: Er will von Gott und seinen Freunden in Ruhe gelassen werden.

Hiob ist durch die Jahrtausende hindurch aktuell geblieben. Hiob war im 19. Jahrhundert aktuell, als in den Gefilden des Libanon die Franzosen mit den maronitischen Christen, die Engländer mit den Drusen paktierten, so vielleicht wie heute im Jemen die Saudis und Iran ihre Interessen in einem furchtbaren Krieg verfolgen und Tausende an Hunger, an Cholera, an Kriegsverletzungen zugrunde gehen, so gab es damals die Opfer im drusisch-maronitischen Bürgerkrieg 1860, die Schätzungen zwischen 7.000 und 20.000 Toten auf Seiten der maronitischen Christen, Zehntausende obdachlos bis die Franzosen direkt intervenierten und – als Refugium für die Christen – eine autonome Provinz im osmanischen Reich durchsetzen konnten.

Jerusalem war zweihundertfünfzig, dreihundert Kilometer entfernt, wo Johann Ludwig Schneller ein Grundstück erworben und ein Haus gebaut hatte. Das Ehepaar Schneller war offenbar nicht der Meinung, dass es in Jerusalem genug an Aufgaben gäbe und der Krieg im Nachbarland schon deshalb nichts mit ihnen zu tun hätte. Schneller bricht auf, macht sich ein eigenes Bild von dem, was ihm zu Ohren gekommen war, und bringt schließlich aus Lagern in Saida und Beirut 10 evangelische Waisenkinder nach Jerusalem, Waisenknaben.

11. November 1860, heute vor 158 Jahren! Johann Ludwig Schneller und seine Frau Magdalena, geb. Böhringer, schauen nicht, wo sie die Knaben unterbringen können, sondern nehmen die Kinder auf und machen ihr eigenes Haus zum „Syrischen Waisenhaus“. Ein Jahr später waren es dann schon 30 Jungen; die Zahl stieg noch lange an. Ein Mädchenhaus kam dazu, eine Blindenklasse.
11. November 1860! Die Geschichte des Syrischen Waisenhauses beginnt, die dann zur Geschichte der Schneller-Schulen geworden ist. Ein Lichtblick in Zeiten der Klage, ein Lichtblick im Hiobsleid des 19. Jahrhunderts, das es aber wahrhaftig nicht nur im Nahen und mittleren Osten gab, sondern überall, Sklaverei in Amerika, Kolonialismus in Afrika und Asien. Was gehört nicht alles zum Hiobsleid, zu den schwersten Prüfungen der Menschlichkeit?! Es war die Zeit, in der in der Diakonie, damals die „Innere Mission“,  „Rettungsanstalten“ gegründet wurden, Einrichtungen gegen die Hoffnungslosigkeit und Teilnahmslosigkeit.

Der drusisch-maronitische Bürgerkrieg wird durch die Tat Schnellers nicht ungeschehen gemacht. Die Kinder, die das Ehepaar aufgenommen hat, waren Waisenkinder, waren „traumatisiert“, wie wir heute wissen und sagen. Sie hatten alles verloren außer ihrem Leben. Das Syrische Waisenhaus war die Initiative eines Mannes, dem eine Haltung der Gleichgültigkeit, der Distanziertheit niemals in den Sinn gekommen wäre. Es war eine Initiative gegen das Wegschauen.

In den Schneller-Schulen ist bis heute der 11. November kein Tag wie jeder andere. Er wird als Tag gefeiert, an dem eine segensreiche Geschichte begonnen hat, eine segensreiche Geschichte inmitten der Unheilsgeschichten, inmitten einer Welt, die  auch seither nicht besser geworden ist trotz aller Verbesserungen und Errungenschaften. Die Fragen und Klagen Hiobs sind noch immer da.

Was ist der Mensch, von einer Frau geboren? Sein Leben ist nur kurz, doch voller Unrast. Wie eine Blume blüht er und verwelkt, so wie ein Schatten ist er plötzlich fort. Und trotzdem lässt du ihn nicht aus den Augen, du ziehst ihn vor Gericht, verurteilst ihn!

Es ist wahr! Es ist leider immer wieder wahr, dass Menschen ihr Schicksal nur als ungerecht begreifen können, wie Hiob. Wo bleibt die Gerechtigkeit in dieser Welt?

Und wahr ist auch, dass es zu allen Zeiten Menschen gegeben hat, die sich mit dem Leid, mit dem Elend, mit der Verlorenheit und Vergessenheit nicht abgefunden haben.

So wie Hiob sich nicht abgefunden hat. Seine Klage ist sein Aufschrei gegen das, was zum Himmel schreit. – Und dass der Mensch von Gott, den er als maßlos ins seiner Forderung nach Gerechtigkeit anklagt, – dass der Mensch von Gott in Ruhe gelassen werden will, ist ein Hilfeschrei aus der Ohnmacht.

Doch Gott ist gar nicht der Zuschauer und Marionettenspieler, der seine Figuren singen, tanzen, leiden und untergehen lässt. Gott ist der Mitleidende, der hinsieht, nicht wegschaut.

11. November – der Martinstag:
Martin von Tours, der seinen Mantel teilt.
Martin von Tours, der römische Offizier, der dann die Waffen niederlegt und zum Bischof von Amiens wird.
Kirchen werden nach ihm benannt, Martinskirchen, die Kinder hören die Geschichte im Kindergarten und machen Martinsumzüge. Die Geschichte des Syrischen Waisenhauses beginnt an einem Martinstag – ein Zufall der Zeitläufte – und macht doch Sinn.

Und dann – vor 100 Jahren – der 11. November 1918, was dieser Tage durch die Nachrichten geht, in den Zeitungen steht und auf der politischen Bühne erinnert wird: Unweit von Paris wird der Waffenstillstand von Compiègne unterzeichnet. Nach 4 Jahren und 4 ½ Monaten ist ein Ende des Weltkriegs in Sicht. – Erst als es einen weiteren Weltkrieg gegeben hat, wurde er der erste genannt. Es war einfach der Weltkrieg. Die Waffen schweigen ab dem 11. November. Es gibt die Siegermächte, aber auch sie sind Verlierer. Es gibt nur Verlierer. 20 Millionen Tote und weit und breit kein friedliches Sterben, unsagbares Leid. Das syrische Waisenhaus kam in Jerusalem mit Sachschäden davon. Aber spurlos ist der Krieg dort auch nicht vorbeigegangen.

Von der Öffentlichkeit wenig gewürdigt gab es Werke der Barmherzigkeit auch in diesen Kriegsjahren. Im Russischen „Haus der Wissenschaft und Kultur“ in Berlin wird derzeit eine Ausstellung gezeigt: „Barmherzigkeit während des Ersten Weltkrieges.“

 

20 Jahre nach Ende des Weltkriegs brannten in Deutschland die Synagogen, dann die Krematorien der Vernichtungslager.

Hiob wirft Gott alle himmelschreiende Ungerechtigkeit vor die Füße. Die Verse des Predigttextes sind ja nur ein kleiner Ausschnitt seiner Klage.

Aber das schlimmste Leid, das weit die Leiden Hiobs übersteigt, ist menschengemacht. Ich will es uns ersparen, das aufzuzählen, was Menschen an Leid verursachen. Es ist zu viel des Schlimmen.

*

11.11., 11 Uhr 11! Der Karneval beginnt. Vielleicht kann man die Welt auch nur ertragen, wenn man zum Narren und närrisch wird, indem man die Wirklichkeit zum Narren hält und auf die Pauke haut und lärmend durch die Straßen zieht.

Es ist nicht die Antwort Schnellers. Die Antwort Schnellers war die, das Naheliegende zu tun, Verantwortung übernehmen, Kindern eine Zukunft zu geben, damit diese Welt eine Zukunft hat.

11. November 1966. 106 Jahre nach den Anfängen des Syrischen Waisenhauses in Jerusalem wird die Theodor-Schneller-Schule in Amman gegründet. Immer noch sind es Nachkommen Johann-Ludwig-Schnellers, die das Werk weiterführen. Die Johann-Ludwig-Schneller-Schule im Libanon war bereits im März 1952 gegründet worden. – Wir feiern heute das Schneller-Fest, und ich freue mich, dass es in Ditzingen sein kann. Wir möchten Anteil nehmen am Ergehen und am Dienst der Christen im Nahen Osten und Anteil geben, Verbundenheit praktizieren.

Was Hiob bittet mögen wir nie bitten müssen: von Gott in Ruhe gelassen zu werden, möchten lieber bitten: schau her, Gott, hier sind wir! Schenk uns Deinen Beistand, Deinen Segen! Amen.

Links zur Predigt:

Libanon-Impressionen 2018

Ein Reiseblog

Liebe Leute, Leserinnen und Leser,
dies ist ein erster Versuch. Im Schreiben eines Blogs bin ich ein Anfänger. Zu  spät habe ich bemerkt, dass ich die neuesten Beiträge lieber oben schreiben sollte, statt unten. Aber nun ist’s passiert und ich bitte Sie/Euch, nachsichtig zu sein, wenn man immer nach unten scrollen muss, um das Neueste zu lesen.

Ich freue mich sehr, dass ich diese Reise mitmachen kann und darf; sie ist mehr und anders als ein Urlaub. Was ich hier im Libanon erlebe, möchte ich gerne teilen und verstehe mich auch weniger als Tourist, denn als einer, der die Hand reichen möchte über Grenzen und Länder hinweg. Ich habe das Gefühl, dass es uns und mich etwas angeht, was hier geschieht, und dass wir uns selbst viel besser verstehen, wenn wir lernen, andere zu verstehen.

Mehr Bilder gibt’s auf meinem FlickR-Account. Der Link zum Libanon-Album ist hier.

Die Johann-Ludwig-Schneller-Schule

Mit diesem Haus hat die Geschichte hier in Khirbet-Qanafar in der Bekaa-Ebene, Libanon, angefangen. Inzwischen ist ein weiträumiges Gelände bebaut mit Kindergarten, Schule, Internat für Jungen, Internat für Mädchen, mit Werkstätten, Verwaltungsgebäuden… Auch eine Kirche und ein Gästehaus gehören dazu. Hier wohnen wir, eine Gruppe von 20 Leuten, die sich Zeit genommen haben, die Schneller-Schule im Libanon kennenzulernen oder als ehemalige Mitarbeitende zurückzukommen. Eine beeindruckende Geschichte von Engagement und Sinn, an der viele mitgearbeitet und mitgeschrieben haben. Mehr als ich hier erzählen will, findet man auf der Seite der Schneller-Schule selbst: www.jlss.org.

[Übrigens hat die Schneller-Schule auch eine Schwester: die Theodor-Schneller-Schule in Amman, Jordanien. Beide Schulen haben ihre Wurzel im „Syrischen Waisenhaus“ in Jerusalem, gegründet 1860, das bis 1948 bestand und danach im Libanon und in Jordanien weitergefüht wurde.]

Die „Schneller-Stiftung – Erziehung zum Frieden“ ist eine der Verbindungen nach Württemberg und Deutschland und symbolisch hier im Zedernhain präsent. Für alle Stifterinnen und Stifter  wurde auf diesem Areal eine Zeder gepflanzt. Aber nicht nur die Stiftung, viele Organisationen, Firmen, Institutionen, Einrichtungen haben die Schneller-Schulen im Libanon und in Jordanien unterstützt,  weil hier eine durch und durch sinnvolle und gute Arbeit getan wird.

Wir sind am Mittwoch, 23 Mai, in Stuttgart gestartet und waren am Abend in Khirbet-Qanafar, werden empfangen mit einem einfachen, guten Abendessen im Speiseraum. – Von Beirut aus sind wir über das Libanon-Gebirge (Passhöhe 1600m) gekommen und in die Bekaa-Ebene auf ca. 950m wieder hinuntergefahren. Das Wetter im Mai ist angenehm, dieses Jahr schon sommerlich. Wir wohnen in den gut eingerichteten Zimmern des Gästehauses und haben dort auch ein „Wohnzimmer“ für die ganze Gruppe zum abendlichen Zusammensitzen.

Der erste  Tag gehört dem Kennenlernen der Johann-Ludwig-Schneller-Schule. Wir starten im Verwaltungsgebäude, gehen durch das Gelände, bekommen Zutritt in die Internats-Gebäude und in die Ausbildungswerkstätten, überall freundliche und zufriedene Gesichter, eine Atmosphäre von Peace-Education, Friedenserziehung. Direktor George H. besucht unsere Gruppe und berichtet über die Arbeit, über Erfolg und Schwierigkeiten, Alltägliches und Besonderes. 80% der Schülerinnen und Schüler sind Muslime, 20% Christen, teilweise wohnen sie  im Internat, teilweise werden sie morgens mit Bussen abgeholt. Ein Teil der Schülerinnen und Schülern sind Flüchtlingskinder. Toleranz ist hier ganz hoch eingestuft, aktive Toleranz.

Freitag, 25. Mai – Zeita Grotto und Byblos   

Abfahrt um 9 Uhr an der Schneller-Schule. Ziel ist heute Byblos. Dh, dass wir mit dem Bus übers Gebirge zum Mittelmeer hinunterfahren. Nördlich von Beirut biegen wir zunächst ab ins Nahr El-Kalb – Valley zur Jeita Grotto, einer gigantischen Tropfsteinhöhle, dergleichen auf der schwäbischen Alb nicht zu finden ist. Touristisch gibt’s allerlei drum herum: eine Kabinenseilbahn vom Parkplatz zum oberen Eingang, alternativ ein kleiner Zug mit offenen Waggons. Wer im Libanon ist und ein wenig Zeit mitbringt, sollte sich den  Besuch nicht entgehen lassen. Mit dem Ticket kann man die Höhle zweimal besuchen: über den oberen Eingang zu Fuß, während man vom unteren Eingang aus mit dem Boot hineinfährt. Die Höhle ist sehr gut erschlossen und einzigartig mit LED-Technik ausgeleuchtet. Überall sind Aufsichtspersonen, die akribisch darauf  achten, dass nichts weggeworfen, nichts berührt, nichts abgebrochen wird. Fotografieren ist, wie man ahnt, strikt verboten. Aber es gibt schöne Bilder auf der Website. Das Foto hier im Blog zeig den Eingangsbereich des Gesamtareals.

Am frühen Nachmittag sind wir in Byblos, einer der am längsten dauerhaft besiedelten Orte der Erde. Historisches Terrain auf Schritt und Tritt, aber eben auch  ein wunderschönes malerisches Mittelmeer-Städtchen mit orientalischem Flair, mit Kirchen, Moscheen, Geschäften, Restaurants am Hafen, in der Altstadt und am Strand. Byblos ist stolz auf die phönizische Geschichte, hat dem phönizischen Alphabeth eine Stele gewidmet.

Unser deutsches Wort „Bibel“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet übersetzt einfach „Buch“. In Wirklichkeit aber verdankt auch das griechische „Byblos“, „Buch“,  seinen Namen dieser Stadt „Byblos“, die einst ein Königreich war und deren Name mit der Schrift ganz und gar eins geworden ist, weil hier Schrift und Papier (Papyrus) eine zentrale Rolle gespielt haben. Unsere „Bibel“ und „Byblos“: hier im Libanon findet sich der Ursprung des Wortes.

Mich aber interessiert auch sehr ein Besuch im „Armenian Genocide Orphans  – ′Aram Bezikian Museum′“ in der Armenia Street am Rand des historischen Stadtzentrums.

Es ist der Geschichte der Waisen aus dem Völkermord zu Beginn des 20. Jahrhunderts gewidmet und wurde am 01.09.2015 mit einem völlig neuen Konzept der Öffentlichkeit präsentiert.

Eine Website des Museums gibt es nicht, aber eine Präsenz auf Facebook, auf der auch Bilder eingestellt sind. Über die Geschichte der Genozid-Waisen hier zu schreiben wäre für mich ein zu hoher Anspruch. Das Museum zu besuchen aber war ein Muss. Es ist eine unglaublich große Anzahl an Dokumenten zusammengetragen und in einer ausgezeichneten Weise präsentiert. Wenn sich nur nicht solch eine schreckliche Geschichte dahinter verbergen würde! Man kann es 100 Jahre später noch nicht fassen, was Menschen anderen Menschen an Grausamkeiten zufügen können. Zugleich aber dokumentiert das Museum auch eine Geschichte von Menschlichkeit, von Widerstand gegen das Unrecht, eine Geschichte von Hoffnung und Ermutigung. Leider ist von der Gruppe niemand mitgegangen, und vermutlich war ich an diesem Tag überhaupt der einzige Besucher.  Zumindest habe ich den Mann am Eingang gefragt, ob vor mir schon andere Gäste gekommen wären. Er hat ausweichend geantwortet – und in der guten Stunde, in der ich dort war, war außer mir niemand anzutreffen.

Abendessen gab es dann in einer Taverne am Strand in gut gelaunter Atmosphäre. Gleich nach dem Sonnenuntergang mussten wir leider aufbrechen. 90 Minuten Rückfahrt über die Berge lagen noch vor uns. Wir sind wohlbehalten angekommen.

 

Samstag, 26. Mai: Joub Jannin und Litani-Stausee

Zum Markt im Nachbarort Joub Jannin wandern wir. Oder ist es nur ein ausgedehnter Spaziergang? Ca. 1 1/2 Std. sind wir unterwegs in der Weite der Bekaa-Ebene mit fruchtbaren Feldern, Plantagen. Die Berge des Libanongebirges begrenzen die Ebene.

Am Rande des Städtchens sind zwei Flüchtlingslager, wie man sie in der Bekaa überall sieht.

Ein einzelnes Zelt sieht etwa so aus wie dieses, das wir unterwegs gesehen haben. Darin wohnen ca. 10-15 Personen. Das Thema „Flüchtlinge“ begegnet uns immer wieder, die genaue Zahl im Libanon kennt niemand, da die libanesische Regierung es den UN untersagt hat, die Flüchtlinge zu registrieren. Ob und wann und wohin sie zurückkehren können, ist ganz und gar ungewiss. Der Libanon hat in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach Flüchtlingssttröme integrieren müssen.

*

Wir besuchen den Markt in Joub Jannin. Hier findet man das Notwendige für den alltäglichen Bedarf, Obst, Gemüse, Klamotten und vieles andere.

Um die Mittagszeit holt uns der Bus ab zu einer Fahrt in die Umgebung. Wir finden eine Kleinigkeit zu essen in einer Bäckerei mit Café, kommen zur Patisserie Ghassan und schließlich zum Litani-Stausee, über dessen Staumauer wir einen Spaziergang machen, während der Bus unten herum auf die andere Seite fährt und uns wieder einsteigen lässt. An einem orthodoxen Kloster vorbei, kommen wir zum Weingut Château Kefraya. Die Bekaa-Ebene hat durchaus ihre Plätze für Feinschmecker.


(man beachte das Glockenseil auf der linken Türseite)

Sonntag, 27. Mai – Beirut

Wir brechen früh auf, um rechtzeitig beim Gottesdienst in der National Evangelical Church in Beirut zu sein. Sie ist mitten im Zentrum gelegen, direkt neben dem Palast des Präsidenten in hervorgehobener Umgebung. Ich freue mich, gute Bekannte von den letzten beiden Besuchen im Libanon zu treffen, ein erstes Highlight an diesem Tag. Nach dem Gottesdienst steht man noch auf dem Vorplatz bei einem Becher Kaffee und unterhält sich.

Von der Kirche aus bringt uns der Bus zum Büro der Heinrich-Böll-Stiftung, wo wir von der Leiterin, Dr. Bente Scheller, einen sehr interessanten Vortrag zur gegenwärtigen Situation im Libanon hören.

 

 

 

 

Nächste Station ist das Nationalmuseum Beirut, ein großartiges repräsentatives Museum, v.a. der Antike gewidmet mit sehr wertvollen Exponaten einschließlich erst jüngst entdeckter Mumien aus einer Höhle im Qadisha-Tal, die aufwändig geborgen und konserviert wurden.

Anselm, unser Reiseleiter, führt uns durch’s Beiruter historische Zentrum. Wir kommen an der Mohammed-Al-Amin-Moschee vorbei, die direkt neben einer griechisch-orthodoxen Kirche erbaut wurde. Die Moschee war offen und gut besucht, die Kirche geschlossen, als wir unseren Spaziergang gemacht haben.
Fragen nach dem Verhältnis von Christentum und Islam drängen sich in immer neuen Varianten auf. Die Bedeutung von Religion ist hier auf Schritt und Tritt greifbar. Moscheen sind Orte der Begegnung und des Gebets unter der Schirmherrschaft des Islam. Kirchen zeigen christliche Präsenz, repräsentiieren die viel ältere Geschichte bis zum Beginn der christlichen Epoche. Aber die Kirchen  sind oft nur zum  Gottesdienst geöffnet, sind schwer zugänglich und wirken dadurch eher exklusiv als einladend.

Den Abschluss unseres Beirut-Tages bildet ein Spaziergang an der Corniche, dem berühmten Beiruter Boulevard. Spätestens hier denkt man darüber nach, wann man zum nächsten Mal nach Beirut kommen könnte.

Montag, 28. Mai – Schneller-Schule und Zedern-Reservat

Die neue Woche beginnt mit einer Begrüßung durch den Direktor um 7:45 Uhr auf dem Schulgelände vor der Kirche. Die Internatsschülerinnen und -schüler sind am Sonntagabend eingetroffen, die Tagesschüler werden um 7:30 Uhr von Bussen oder von den Eltern gebracht. Es geht wieder los! Zwei Schüler erhalten eine Auszeichnung durch den Direktor vor der gesamten Schülerschaft. Die Kinder freuen sich. Schon morgen, Dienstag, ist ein Ausflug nach Baalbek auf dem Programm der Schule.

Unsrere Reisegruppe teilt sich nach dem Frühstück auf. Alle machen irgendein „Praktikum“, besuchen eine Klasse im Unterricht oder eine der Lehrwerkstätten: Zeit, den Schneller-Alltag kennenzulernen.

 

Am Nachmittag fahren wir mit dem Bus auf die Höhen des Chouf-Gebirges zum Zedernreservat. Die älteste Zeder des Libanon wird hier mit einem Alter von 3000 Jahren vorgestellt. Ich male mir aus, dass sie schon zur Zeit Davids angewachsen ist und seither 3000 Sommer und Winter hinter sich hat, gewachsen ist, Kriege und Frieden erlebt hat und standhaft geblieben… Was haben uns Bäume nicht alles zu sagen.

Ich musste schon ziemlich weit zurückgehen, um diesen gigantischen Baum im Ganzen auf ein Foto zu bringen. Der Stammumfang ist unten 16m, da braucht es 6-8 Personen, die sich an den Händen halten, um einen Kreis um diesen Baum zu bilden. Weitere Bilder – auch von der wunderschönen Gebirgslandschaft im Libanon sind auf dem FlickR-Album. Ich finde, es lohnt sich, mal reinzuschauen, wenngleich die Baum-Giganten in ihrer Größe durch Fotos kaum erfasst werden können. Vielleicht wecken die Fotos bei manchen die Sehnsucht, doch mal selbst in den Libanon und ins Al-Shouf-Zedern-Naturreservat zu kommen, übrigens von der Gemeinschaft der Drusen eingerichtet, gepflegt und unterhalten.

Bibel, 1. Buch der Könige, Kapitel 7:

Aber an seinem eigenen Haus baute Salomo dreizehn Jahre, bis er es ganz vollendet hatte. So baute er das Libanon-Waldhaus, hundert Ellen lang, fünfzig Ellen breit und dreißig Ellen hoch. Auf drei Reihen von Zedernsäulen legte er eine Decke von Zedernbalken und deckte auch mit Zedernholz die Gemächer über den Säulen; und es waren fünfundvierzig Säulen, je fünfzehn in einer Reihe. Und Gebälk lag in drei Reihen, und Fenster waren einander gegenüber dreimal. Und alle Türen und Fenster waren viereckig, und die Fenster waren einander gegenüber dreimal. Er baute auch eine Halle von Säulen, fünfzig Ellen lang und dreißig Ellen breit, und noch eine Halle vor diese mit Säulen und einem Aufgang davor; und baute auch die Thronhalle, in der er Gericht hielt, die Gerichtshalle, und täfelte sie vom Boden bis zur Decke mit Zedernholz; dazu sein Haus, in dem er wohnte, im andern Hof, hinten an der Halle, gebaut wie die andern; und baute noch ein Haus wie diese Halle für die Tochter des Pharao, die Salomo zur Frau genommen hatte.‘
Dienstag, 29. Mai – Baalbek u.a.

Heute steht Baalbek auf dem Programm. Ich freue mich sehr. Ein Besuch dort hat bei meinen ersten beiden Besuchen im Libanon nicht geklappt. Dieses Mal besteht die Chance. Noch am Vortag aber war von einem Zwischenfall in Baalbek die Rede, und es war nicht ganz klar, ob wir fahren können. Der Busfahrer hat uns beruhigt. Er war am Montag dort und sah keinerlei Probleme. Wir Deutschen sind doch leicht ängstlich. Also los! Die Fahrt geht über Zahlé nach Norden. Die  Google-Maps-Karten-ausschnitte
(1 und 2) zeigen die geographische Lage.

Unterwegs machen wir zwei Zwischenstopps, den ersten beim Weingut Château Ksara. – Nach dem letzten Besuch im Libanon sind wir gefragt worden, ob wir dieses Weingut besucht hätten und mussten zugeben, dass wir nicht dort waren. Dieses Mal also. Die Keller sind beeindruckend, der Wein vorzüglich. Ich nehme zwei Flaschen mit – zum Beweis. Und natürlich zum Trinken!

Bevor es endgültig nach Baalbek geht, machen wir Halt in Zahle bei der (fast privaten) Flüchtlingsinitiative von Izdihar Kassis „Together for the Family“. Izdihar Kassis ist Christin und stammt selbst aus Syrien. Sie besucht mit anderen Freiwilligen die Flüchtlingslager um Zahle herum und lädt Flüchtlinge zu sich auf’s Gelände ein, damit sie Liebe erfahren, Angenommen-Sein, Hilfe, soweit es geht.

In einem Container finden einfache kostenlose Zahnbehandlungen statt. In einem anderen machen Frauen schöne Patchwork-Arbeiten, die sie verkaufen können. Auf dem Hof toben Kinder ausgelassen herum. Wir sitzen mit Izdihar Kassis im Gemeinschaftszelt und erhalten Auskunft über die Situation der Geflüchteten, über Trauma-Arbeit und vieles andere mehr. Hier haben wir eine Ansprechpartnerin, die unsere Fragen kompetent beantwortet und deren Engangement uns überzeugt. Sie ist nicht eine, die überlegt, was man machen könnte, sondern die selbst hingeht und nach den Frauen und Kindern in den Lagern schaut. – Auf dem Rückweg am Abend fahren wir noch einmal vorbei und setzen das Gespräch mit ihr und ihrem Mann fort. Was wir erfahren, ist auch eine Anfrage an uns selbst. – Wer Informationen über diese Initiative möchte, darf sich gerne bei mir melden.
Baalbek, das antike Heliopolis

Bevor wir zur antiken Tempelanlage kommen, machen wir Halt beim „Stein des Südens“  oder „Hajjar al-Hibla“, dem „Stein der Schwangeren“, einem der drei größten jemals behauenen Steine. Kein Kran der Welt könnte ihn bewegen. Vom „Stein des Südens“ schaut man hinüber zur schiitischen Moschee mit ihrer goldenen Kuppel und den beiden goldenen Minaretten.

In der eigentlichen Tempelanlage und auf dem archäologischen Gelände erwartet uns ein engagierter Führer mit sehr viel Sachwissen, der sich ein Leben lang mit Baalbek und der Archälogie des mittleren Ostens befasst hat. Sein Englisch ist mit vielen deutschen Brocken durchsetzt, sein Engangement unwiderstehlich.
Das Monumentale der Tempelanlage von Baalbek lässt sich kaum mit Bildern einfangen und nur schwer beschreiben. Die großen Säulen des Iupiter-Tempels, die größten Säulen der Antike, sind eingerüstet. Schade. Sie sind neben den Zedern das Wahrzeichen des Libanon. Aber natürlich ist es gut, dass für den Erhalt der Anlage das Nötige nicht unterlassen wird.

Das Monumentale erinnert an Palmyra, das aber durch seine Lage mitten in der Wüste ganz anders wirkt. Den Baal-Tempel, dort das größte Bauwerk, hat der IS zerstört. Der Momumentalismus kommt mit diesen Anlagen nicht nur zu seinen großen Höhepunkten, sondern auch an sein Ende. 400 Jahre später findet man im Norden Syriens eine christliche Wallfahrtsstätte großen Ausmaßes: das Heiligtum des Symeon Stylites, Anfang des 6. Jh.

Baalbek ist anders als Palmyra. Das Gigantische des Jupitertempels und das Ensemble von Iupiter, Bacchus und Venus ist einmalig und wirft auch theologische Fragen auf. – All die Sklaven, die an diesen Bauwerken arbeiten mussten, waren für die Verehrung dieser Götter wohl kaum zu gewinnen. Ihnen war die Botschaft vom heruntergekommenen Gott, die Botschaft von Jesus Christus ganz gewiss näher als die vom erhabenen obersten Gott, für den und für dessen Herrscher man sich zu Tode arbeiten musste.

Weitere Bilder dann im FlickR-Album, einschließlich der Umgebung der Tempelanlage.

Von der Tempelanlage aus fahren wir zu einem völlig anderen besonderen Ort: zum UN-Flüchtlingslager Wavel für palestinensiche Flüchtlinge. – Es besteht seit dem Jahr 1948, in diesem Jahr also 70 Jahre. Israel feiert das 70jährige Bestehen des Staates Israel. Die Palästinenser gedenken der Nikba, der Vertreibung aus ihrer Heimat. Viele bewahren – selbst in der zweiten und dritten Generation noch den Schlüssel zu ihrem Haus auf, aus dem sie vertrieben wurden. Die Collage, die ich in dem Besprechungsraum fotografiert habe, zeigt in der Mitte einen Schlüssel, darüber eine Darstellung der Omar-Moschee in Jerusalem. Überhaupt Jerusalem. Bilder von Jerusalem finden sich im ganzen Haus, obwohl von denen, die hier aus- und eingehen, niemand je dort gewesen ist und wohl auch niemand nach Jerusalem gehen kann, solange sich die politischen Verhältnisse nicht grundlegend verändern. – Al Kuds heißt Jerusalem bei den Muslimen,  „Die Heilige“. Ich denke an den Roman von Susan Abulhawa, „Während die Welt schlief“, den ich gelesen habe. Er erzählt die Geschichte der Vertreibung in mitreißender Intensität.

Wir sind bei unserem kurzen Besuch auf einmal mit der „Palästinenser-“ und „Palästina-Frage“ konfrontiert, für die weiterhin keine Lösung in Aussicht ist. Im Lager geht es eng zu. Die Bewohner können das Lager verlassen, können sich auch ein Appartment mieten, wenn sie das Geld dazu haben, können aber kein eigenes Haus erwerben, haben keinen Pass, nur ein Dokument über ihren Status. Ins Ausland zu reisen ist schwierig, nicht unmöglich. Wer aber ohne ein Ausreisepapier das Land verlässt, hat keinen Anspruch auf Rückkehr. Das Flüchtlingsthema beschäftigt den Libanon seit 1948. – Ob diejenige, die heute als syrische Flüchtlinge in Zelten hausen, auch in 70 Jahren noch heimatlos ihr Leben fristen? Werden sie ihre Zukunft Generationen lang in Zelten leben müssen? Eine beklemmende Vorstellung.

Keine Frage – das Existenzrecht Israels! Viel zu sehr fühle ich mich auch diesem Land und den Menschen dort verbunden. Aber muss es ein Tabu sein, an Versöhnung mit den Palästinensern zu denken? Ist es ausgeschlossen, dass auch die Palästinenser eine Zukunft haben dürfen?

Gut, dass wir abends noch einmal Izdihar Kassis und ihren Mann Riad treffen. Bei den beiden gibt es zumindest tatkräftiges Anpacken und nicht nur resigniertes Warten, dass ein Traum in Erfüllung geht.

Mittwoch, 30. Mai – Saida

Wir starten, wie schon gewohnt, um 9 Uhr. Die Fahrt geht noch einmal hoch über das Chouf-Gebirge, vorbei an dem Zedern-Reservat. Wer einen Blick auf  die Karte wirft, ahnt, dass da allerlei Höhen und Tiefen samt Kurven zu überwinden waren. Unser Fahrer Farah hat es mit guter Laune und großen Fahrkünsten hervorragend bewältigt. Kurz vor Saida machen wir einen Zwischenstopp bei den Terrace Kanaan und bekommen Mamoul Mad Bil Ashta oder auch Knafeh/Knefe genannt. Was weiß aussieht, ist heißer Käse, was braun aussieht, ist eine Art Zuckerkaramell mit Gries. Darüber wird Zuckerwasser mit Rosenöl gegossen. Der Platz ist wunderschön am Meer gelegen, Mittelmeer-Flair kommt auf, Saida ist in Sichtweite.

[Als nächstes gebe ich mal ein paar Bilder von Saida auf dem FlickR-Album frei, damit die Lust auf Saida schon ein wenig wächst. Fortsetzung folgt heute Abend.

So. Ich bin wieder am Schreiben. – Inzwischen waren wir im Nachbardorf zum (letzten) gemeinsamen Abendessen dieser Reise. Es ging lustig und fröhlich zu und naturgemäß ein bisschen länger. Der zweimalige Spaziergang hat richtig gut getan. (Was wir heute sonst noch gemacht haben, kommt dann im nächsten Kapitel. Ich bin mit dem Schreiben immer mindestens 1 Tag im Verzug. Macht nix.). Zurück zu Saida.]

Saida, das biblische Sidon, ist in der Bibel mehr al 50 Mal erwähnt. Das beginnt schon im Buch Genesis (1. Mose): „Kanaan aber zeugte Sidon, seinen ersten Sohn, und Set…  „Sidon“ wird hier als Person erwähnt. „Sidon“ ist Stammvater eines ganzen Volkes, der „Sidoniter“. Auch andere Erwähnungen im Ersten Testament deuten auf ein sehr hohes Alter dieser Stadt hin, weit älter als z.B. Jerusalem. Könige von Sidon werden genannt. Im Neuen Testament wird Sidon zusammen mit der weiter südlich liegenden Stadt Tyrus genannt, „Tyrus und Sidon“. Jesus hat sich hierhin zurückgezogen (Matth. 15,21). Dort begegnet ihm die „kanaanäische“ Frau. – Der Name „Terrace Kanaan“ des Cafés, in dem wir waren, ist also kein Zufall. Paulus hat auf seiner Reise als Gefangener nach Rom die Erlaubnis bekommen, in Sidon an Land zu gehen: „Am nächsten Tag kamen wir in Sidon an; und Julius verhielt sich freundlich gegen Paulus und erlaubte ihm, zu seinen Freunden zu gehen und sich pflegen zu lassen.“ (Apg. 27,3). Bei meinem ersten Besuch in Sidon im Sommer 2016 war es Sheikh Mohammed Abou Zaid, der mich auf diese Bibelstelle aufmerksam machte und mir das Haus zeigte, in dem Paulus gewesen sein soll.

Unser eigener Spaziergang durch Saida beginnt am Seifenmuseum, dem Musée du Savon der Fondation Audi, sehr schön eingerichtet, ein Genuss dort zu verweilen nebst allen angenehmen Gerüchen. Zum Museum gehören dann nicht nur Seifen, sondern allerlei ums tägliche Leben, was Kosmetik und anderes betrifft, einschließlich einer Sammlung von Pfeifenköpfen. Auch der Shop bietet eine sehr erlesene Auswahl an Kostbarkeiten. Den Duft im Gesamten kann man allerdings weder kaufen noch im Blog verbreiten. Digitalisierung von Gerüchen… Wäre das eine Erfindung…!

Am meisten beeindruckt hat uns vielleicht das Palais Debbané, das als Museum sehr schön gestaltet ist: orientalische Kunst vom Feinsten, dazu eine sehenswerte Sammlung historischer Instrumente. Es lohnt einen Besuch auf alle Fälle!

Man kann bis auf’s Dach hinaufsteigen und hat von dort einen ausgezeichneten Blick über die Stadt und aufs Meer hinaus.

Aber auch die ehemalige Kreuzfahrerkirche, aus der eine Moschee geworden ist, hat uns gefallen, strahlt sie doch eine majestätische Ruhe aus. Wir haben die Schuhe ausgezogen und uns einige Zeit im Gebetsraum aufgehalten. Auf der einen Seite der Blick zum Meer, auf der anderen farbige Fenster, die Decke der Vorhalle vertäfert mit Zedernholz. Das hat schon eine Ausstrahlung. Ebenso auch die Karawanserei, schlichter, aber doch eindrücklich!  Ganz zum Schluss die Kreuzfahrerburg beim Hafen, die eine Art Wahrzeichen für Saida geworden ist.

Die andern Bilder findet man dann im FlickR-Album.

Auf der Rückfahrt machen wir Station im Restaurant Challalat Nabeh el Safa Rest und tun uns gütlich an einem reichhaltigen libanesischen Menü mit unzähligen Vorspeisen und vielem anderen mehr.

 

 

 

Um 18.30 Uhr aber wollen wir heute schon zuhause sein, um endlich, am vorletzten Tag, noch an der Abendandacht der Schneller-Schule teilnehmen zu  können, was dann auch klappt.

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Anselm spielt zur Einstimmung und zur allgemeinen Freude eine Reihe von Orgelimprovisationen. Das Lied, das in zahleichen Strophen von der „Schulgemeinde“ durchaus kräftig gesungen wird, begleitet Rev. George H., der Direktor der Schule. Eine Lehrerin liest einen Text aus der Bibel und spricht ein Gebet. Nach knapp 15 Minuten ist leert sich die St. Michaelskirche wieder. Die kurzen abendlichen Andachten sind ein wichtiges Element der Peace-Education, weil hier Christen und Muslime gemeinsam feiern und gegenseitig Respekt einüben. Klar, die Kirche ist eine christliche Kirche und keine Moschee. Was gelesen wird, ist die Bibel und nicht der Qu’ran. Aber es wird sehr darauf geachtet, dass die christlichen Inhalte nicht verletztend, diskriminierend oder trennend erscheinen, sondern tolerant, offen und einladend. Und auch Inhalte des Islam kommen vor, die Feste finden Erwähnung, Schülerinnen und Schülern ab einem bestimmten Alter wird das Fasten  im Ramadan erlaubt.

Fehlt noch der Bericht von heute, 31. Mai. Den werde ich nachliefern. Morgen, 1. Juni, ist unser Rückreisetag. Wir werden gegen 11 Uhr hier abfahren und den Tag noch im Libanon an verschiedenen Plätzen verbringen, bis wir in der Nacht dann ins Flugzeug steigen und am Samstagfrüh, so Gott will, in Frankfurt und dann in Stuttgart landen.

Nachtrag – 31. Mai – 1. Juni

Abschied liegt in der Luft. 31. Mai – der letzte Tag, an dem wir abends in die Schneller-Schule zurückkehren werden. Ist das dieses Jahr nicht Fronleichnam, Feiertag? Auch hier im Libanon für die maronitischen Christen? Eigentlich schon. Viel davon bemerken wir nicht. Wir starten noch einmal in die Berge, ähnliche Strecke wie am Vortag. Ziel ist der Palast Beit ed-Din. Es gibt unterschiedliche Schreibweisen, arabisch, französisch, englisch, deutsch…, in drei Wörtern geschrieben, in einem: Beiteddin. Der Palast wurde 1788-1818 von Emir Bashir II erbaut. Er dient heute als Sommerresidenz des libanesischen Präsidenten.

Bevor wir den Palast erreichen machen wir Pause bei einer kleinen Imbissstation. Im Shop fallen mir die deutschen Fahnen auf, die es für 1 USD zu kaufen gibt, wahlweise natürlich auch brasilianische und andere Flaggen. Die Fußball-WM beschäftigt auch die Libanesen.

Der Palast Beit ed-Dine empfängt uns mit einer Ausstellung über Kamal Joumblatt, „Witnes et Martyr“, der 1977 bei einem Anschlag getötet wurde. Joumblatt, Dschumblat, wahlweise vorne mit „J“oder „Dsch“ geschrieben, hinten mit tt, t oder d, war sozialistischer Politiker im Libanon, Druse. Ich erinnere mich vage an die Zeit der 70er-Jahre, als ich studiert habe, und sein Name im Nahen Osten ein Begriff war. Jetzt finde ich manche seiner Sätze, die in der Ausstellung festgehalten sind wirklich nachdenkenswert. Drusen verehren die Wissenden.

Unterschiedlich lang verweilen die Einzelnen bei der Ausstellung. Man ahnt noch nicht, welch ein orientalisches Juwel einen beim Eintritt in den Hof des Palastes erwartet. Wasserspiele, reich verzierte Salons, Gemächer, kostbarste Materialien, immer wieder neue Details und Perspektiven, Treppen, Säulen, Erker, Arkaden. Hier residieren Fürsten, Präsidenten und ihre Gäste. Wir Touristen versuchen mit unseren Kameras das eine oder andere Detail einzufangen und mit nach Hause zu nehmen. Aber wir wird klar: wer hier wohnt, braucht keine Kamera. Er, Sie wird vielleicht fotografiert, gemalt, verewigt und kann sich anderen Dingen widmen, die (ihm/ihr) wichtig sind: der Politik, der Kunst, der Lektüre – oder seinen/ihren Gästen. Wir Kamera-Touristen dagegen zeigen mit unserem Fotografieren, dass wir hier nicht bleiben dürfen, dass wir nur kurz verweilen: ein, zwei Viertelstunden, dann müssen wir Platz machen für die nächsten. Vielleicht schenken wir all denen ein paar Gedanken, die als Handwerker, Bauleute, Künstler hier gearbeitet haben, oder wir fühlen uns frei, weil wir hierherkommen dürfen ohne für einen geringen Lohn hier arbeiten zu müssen.

Draußen im Hof sind Arbeiter dabei, einen großen LKW zu entladen. Er hat Teile  für die Open-Air-Bühne für das bevorstehende Beitedine-Art-Festival geliefert. Im Vergleich zu ihnen sind wir als Touristen die Privilegierten, zumindest für den Augenblick. Hoffen wir, dass auch diese Arbeiter ihren angemessenen Lohn erhalten einschließlich der Möglichkeiten sich zu erholen und neue Ressourcen zu bilden.

Vom Palast Beit ed-Dine fahren wir eine kurze Strecke nach Deir El Kamar (Dair al Qamar), dem Ort mit der ältesten Moschee des Libanon, der auch noch eine  Synagoge beherbergt. Wir nehmen und zwei Stunden Zeit, das Städtchen anzuschauen – jeder für sich oder zu zweit, zu dritt, kaufen Souvenirs, trinken Kaffee, essen eine Kleinigkeit.

Zum Abendessen werden wir heute noch einmal zu Fuß ins Café Rahib in Kherbet Qanafar gehen, wo der Tag in bester Stimmung ausklingen wird. Freunde der Schneller-Schule sind dabei. Bilder von diesem Abend werden nicht veröffentlicht. Bier, Arak, Wasserpfeife werden benötigt. Der Abend bleibt in bester Erinnerung.

Freitag, 1. Juni, Abreisetag

Da unser Flieger erst am frühen Morgen des 2. Juni starten wird, haben wir noch einen langen Tag Zeit, um in der Beqaa-Ebene manches anzuschauen, was wir noch nicht gesehen hatten, einen Besuch zu machen, in einem großartigen Restaurant zu Abend zu essen und dann nach Beirut zum Flughafen zu fahren.

Wir verabschieden uns von der Schneller-Schule mit einer kleinen Andacht in der Kirche, mit Dankesworten an Direktor George H. als Gastgeber für unsere Gruppe und an Anselm, unseren Reiseleiter, der uns ein unvergleichlich intensives und mit persönlicher Note versehenes Reiseprogramm zusammengestellt hat.  Nach jedem Ausflugstag haben uns unsere Busfahrer an die Schneller-Schule zurückgebracht. Jedes Mal, wenn wir das Werkstattgebäude gesehen haben, wussten wir, dass wir wieder an Ort und Stelle sind. Nun heißt es – für diese Reise – Abschied zu nehmen und in Verbindung zu bleiben. Den Abschiedssegen gibt den Schülerinnen und Schülern, Lehrerinnen und Lehrern, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und allen Gästen das Schild am Hoftor für die Hinausgehenden und Hinausfahrenden mit dem Emblem der Schneller-Schulen: The Lord is my shepherd.

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Im Bus geht es jetzt eng zu, weil das Gepäck auch mit muss und die hinteren Plätze benötig. Aber es geht! Die Notsitze im Mittelgang erweisen sich als brauchbar. Die Reisegemeinschaft rückt eng zusammen.

Wir bekommen in Zahle ein zweites Frühstück mit frisch gebackenem, libanesischen Fladenbrot

 

 

 


und fahren zum Römischen Tempel in Niha, wo es – entsprechend unserer Stimmung – zu regnen beginnt.

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Zum Tempel in Hosn Niha pilgert nur ein Teil der Gruppe. Die andern bleiben im Bus.

Weiter geht es zu einem Besuch bei Freunden in Niha, wo wir zu  Kaffee, Getränken, Gebäck eingeladen werden. Unbeschreiblich, diese Gastfreundschaft im Umfeld der Schneller-Schule! Von dort fahren wir wieder nach Zahlé und genießen die gigantische Aussicht auf die Bekaa vom Aussichtsturm mit der Marienstatue „Our Lady of Bekaa“.

Kaum zu glauben, aber die Reise hat immer noch einen Superlativ in petto: Das Abendessen in der Domaine Mouakkar. 21 Vorspeisen – haben wir richtig gezählt – sind ein einsamer Rekord. Eine köstlicher als die andere. Dazu die grandiose Aussicht auf die Bekaa in der Abendsonne. Anselm hat unseren Busunternehmer Farah mit Gattin eingeladen. Wir sind glücklich und zufrieden ohne Ende! Was können wir für Eindrücke mit nach Hause nehmen!

Mit diesem letzten großen Erlebnis „im Gepäck“ geht es nun wirklich zum Flughafen. Wir kommen kurz vor 23 Uhr Ortszeit an und vertreiben uns die Zeit mit Rumsitzen, Lesen, Einkaufen, Einchecken, Passkontrolle, Sicherheitskontrollen usw. Ich finde kurz vor dem Abflug noch die Magnetschilder, die ich nach Hause bringen wollte. Um 3.50h sollte der Flieger starten. Es wird eine dreiviertel Stunde später. Aber was soll’s. Im Flugzeug können wir schlafen, ausruhen, verarbeiten. Derweil geht die Sonne auf, und wir stellen die Uhr um 1 Stunde zurück auf MESZ. Fast pünktlich, kurz nach 7 Uhr, kommen wir in Frankfurt an. Leider gibt es dann mit dem Weiterflug für einen Teil unserer Reisegruppe Probleme. Aber letzten Endes landen an diesem Samstag alle irgendwann erschöpft und dankbar dort, wo jede und jeder zuhause ist.

Mehr Bilder gibt es, wie schon geschrieben im FlickR-Album. – Und herzlichen Dank für Ihr/Euer Interesse. Traugott Plieninger