Predigt am 11.11.2018 in Ditzingen, Konstanzer Kirche

Predigttext: Hiob 14,1-6 (Gute Nachricht Bibel)

1     Was ist der Mensch, von einer Frau geboren?
Sein Leben ist nur kurz, doch voller Unrast.

2     Wie eine Blume blüht er und verwelkt,
so wie ein Schatten ist er plötzlich fort.

3     Und trotzdem lässt du ihn nicht aus den Augen,
du ziehst ihn vor Gericht, verurteilst ihn!

4     Du musst doch wissen, dass er unrein ist,
dass niemals etwas Reines von ihm ausgeht!

5     Im Voraus setzt du fest, wie alt er wird,
auf Tag und Monat hast du es beschlossen.
Du selbst bestimmst die Grenzen seines Lebens,
er kann und darf sie niemals überschreiten.

6     Darum blick weg von ihm, lass ihn in Ruhe
und gönne ihm sein bisschen Lebensfreude!

Liebe Gemeinde!
„Was ist der Mensch?“ fragt Hiob, der das Leid der Welt am eigenen Leibe auskostet. – Kein Text für eine Festversammlung, nichts Erhebendes. Und doch eine Stimme, die in der Bibel ihren Platz hat. – Die Stimme der Leidenden wird nicht übergangen, das Leiden nicht ausgeblendet, selbst wenn die, die leiden, oft auch darunter leiden, dass sie sich nicht ernst genommen fühlen. Das Leiden, das Leid kommt zur Sprache. Es kommt auf die Tagesordnung. Es gelangt in den Kanon!

„Was ist der Mensch? Wie eine Blume blüht er und verwelkt, so wie ein Schatten ist er plötzlich fort.“ Die Sätze kommen auch nicht aus dem philosophischen Seminar, in dem ein Weiser spricht und seine Schüler ihm zuhören. Hiobs Klagen und Hiobs Fragen sind existentiell, sind am eigenen Leibe erlitten. Hiob hat genug! Das Maß ist voll! Er ist am Boden – und ist doch kein gebrochener Mann. Er hat Würde, erhebt noch Anspruch, einen einzigen Anspruch: Er will von Gott und seinen Freunden in Ruhe gelassen werden.

Hiob ist durch die Jahrtausende hindurch aktuell geblieben. Hiob war im 19. Jahrhundert aktuell, als in den Gefilden des Libanon die Franzosen mit den maronitischen Christen, die Engländer mit den Drusen paktierten, so vielleicht wie heute im Jemen die Saudis und Iran ihre Interessen in einem furchtbaren Krieg verfolgen und Tausende an Hunger, an Cholera, an Kriegsverletzungen zugrunde gehen, so gab es damals die Opfer im drusisch-maronitischen Bürgerkrieg 1860, die Schätzungen zwischen 7.000 und 20.000 Toten auf Seiten der maronitischen Christen, Zehntausende obdachlos bis die Franzosen direkt intervenierten und – als Refugium für die Christen – eine autonome Provinz im osmanischen Reich durchsetzen konnten.

Jerusalem war zweihundertfünfzig, dreihundert Kilometer entfernt, wo Johann Ludwig Schneller ein Grundstück erworben und ein Haus gebaut hatte. Das Ehepaar Schneller war offenbar nicht der Meinung, dass es in Jerusalem genug an Aufgaben gäbe und der Krieg im Nachbarland schon deshalb nichts mit ihnen zu tun hätte. Schneller bricht auf, macht sich ein eigenes Bild von dem, was ihm zu Ohren gekommen war, und bringt schließlich aus Lagern in Saida und Beirut 10 evangelische Waisenkinder nach Jerusalem, Waisenknaben.

11. November 1860, heute vor 158 Jahren! Johann Ludwig Schneller und seine Frau Magdalena, geb. Böhringer, schauen nicht, wo sie die Knaben unterbringen können, sondern nehmen die Kinder auf und machen ihr eigenes Haus zum „Syrischen Waisenhaus“. Ein Jahr später waren es dann schon 30 Jungen; die Zahl stieg noch lange an. Ein Mädchenhaus kam dazu, eine Blindenklasse.
11. November 1860! Die Geschichte des Syrischen Waisenhauses beginnt, die dann zur Geschichte der Schneller-Schulen geworden ist. Ein Lichtblick in Zeiten der Klage, ein Lichtblick im Hiobsleid des 19. Jahrhunderts, das es aber wahrhaftig nicht nur im Nahen und mittleren Osten gab, sondern überall, Sklaverei in Amerika, Kolonialismus in Afrika und Asien. Was gehört nicht alles zum Hiobsleid, zu den schwersten Prüfungen der Menschlichkeit?! Es war die Zeit, in der in der Diakonie, damals die „Innere Mission“,  „Rettungsanstalten“ gegründet wurden, Einrichtungen gegen die Hoffnungslosigkeit und Teilnahmslosigkeit.

Der drusisch-maronitische Bürgerkrieg wird durch die Tat Schnellers nicht ungeschehen gemacht. Die Kinder, die das Ehepaar aufgenommen hat, waren Waisenkinder, waren „traumatisiert“, wie wir heute wissen und sagen. Sie hatten alles verloren außer ihrem Leben. Das Syrische Waisenhaus war die Initiative eines Mannes, dem eine Haltung der Gleichgültigkeit, der Distanziertheit niemals in den Sinn gekommen wäre. Es war eine Initiative gegen das Wegschauen.

In den Schneller-Schulen ist bis heute der 11. November kein Tag wie jeder andere. Er wird als Tag gefeiert, an dem eine segensreiche Geschichte begonnen hat, eine segensreiche Geschichte inmitten der Unheilsgeschichten, inmitten einer Welt, die  auch seither nicht besser geworden ist trotz aller Verbesserungen und Errungenschaften. Die Fragen und Klagen Hiobs sind noch immer da.

Was ist der Mensch, von einer Frau geboren? Sein Leben ist nur kurz, doch voller Unrast. Wie eine Blume blüht er und verwelkt, so wie ein Schatten ist er plötzlich fort. Und trotzdem lässt du ihn nicht aus den Augen, du ziehst ihn vor Gericht, verurteilst ihn!

Es ist wahr! Es ist leider immer wieder wahr, dass Menschen ihr Schicksal nur als ungerecht begreifen können, wie Hiob. Wo bleibt die Gerechtigkeit in dieser Welt?

Und wahr ist auch, dass es zu allen Zeiten Menschen gegeben hat, die sich mit dem Leid, mit dem Elend, mit der Verlorenheit und Vergessenheit nicht abgefunden haben.

So wie Hiob sich nicht abgefunden hat. Seine Klage ist sein Aufschrei gegen das, was zum Himmel schreit. – Und dass der Mensch von Gott, den er als maßlos ins seiner Forderung nach Gerechtigkeit anklagt, – dass der Mensch von Gott in Ruhe gelassen werden will, ist ein Hilfeschrei aus der Ohnmacht.

Doch Gott ist gar nicht der Zuschauer und Marionettenspieler, der seine Figuren singen, tanzen, leiden und untergehen lässt. Gott ist der Mitleidende, der hinsieht, nicht wegschaut.

11. November – der Martinstag:
Martin von Tours, der seinen Mantel teilt.
Martin von Tours, der römische Offizier, der dann die Waffen niederlegt und zum Bischof von Amiens wird.
Kirchen werden nach ihm benannt, Martinskirchen, die Kinder hören die Geschichte im Kindergarten und machen Martinsumzüge. Die Geschichte des Syrischen Waisenhauses beginnt an einem Martinstag – ein Zufall der Zeitläufte – und macht doch Sinn.

Und dann – vor 100 Jahren – der 11. November 1918, was dieser Tage durch die Nachrichten geht, in den Zeitungen steht und auf der politischen Bühne erinnert wird: Unweit von Paris wird der Waffenstillstand von Compiègne unterzeichnet. Nach 4 Jahren und 4 ½ Monaten ist ein Ende des Weltkriegs in Sicht. – Erst als es einen weiteren Weltkrieg gegeben hat, wurde er der erste genannt. Es war einfach der Weltkrieg. Die Waffen schweigen ab dem 11. November. Es gibt die Siegermächte, aber auch sie sind Verlierer. Es gibt nur Verlierer. 20 Millionen Tote und weit und breit kein friedliches Sterben, unsagbares Leid. Das syrische Waisenhaus kam in Jerusalem mit Sachschäden davon. Aber spurlos ist der Krieg dort auch nicht vorbeigegangen.

Von der Öffentlichkeit wenig gewürdigt gab es Werke der Barmherzigkeit auch in diesen Kriegsjahren. Im Russischen „Haus der Wissenschaft und Kultur“ in Berlin wird derzeit eine Ausstellung gezeigt: „Barmherzigkeit während des Ersten Weltkrieges.“

 

20 Jahre nach Ende des Weltkriegs brannten in Deutschland die Synagogen, dann die Krematorien der Vernichtungslager.

Hiob wirft Gott alle himmelschreiende Ungerechtigkeit vor die Füße. Die Verse des Predigttextes sind ja nur ein kleiner Ausschnitt seiner Klage.

Aber das schlimmste Leid, das weit die Leiden Hiobs übersteigt, ist menschengemacht. Ich will es uns ersparen, das aufzuzählen, was Menschen an Leid verursachen. Es ist zu viel des Schlimmen.

*

11.11., 11 Uhr 11! Der Karneval beginnt. Vielleicht kann man die Welt auch nur ertragen, wenn man zum Narren und närrisch wird, indem man die Wirklichkeit zum Narren hält und auf die Pauke haut und lärmend durch die Straßen zieht.

Es ist nicht die Antwort Schnellers. Die Antwort Schnellers war die, das Naheliegende zu tun, Verantwortung übernehmen, Kindern eine Zukunft zu geben, damit diese Welt eine Zukunft hat.

11. November 1966. 106 Jahre nach den Anfängen des Syrischen Waisenhauses in Jerusalem wird die Theodor-Schneller-Schule in Amman gegründet. Immer noch sind es Nachkommen Johann-Ludwig-Schnellers, die das Werk weiterführen. Die Johann-Ludwig-Schneller-Schule im Libanon war bereits im März 1952 gegründet worden. – Wir feiern heute das Schneller-Fest, und ich freue mich, dass es in Ditzingen sein kann. Wir möchten Anteil nehmen am Ergehen und am Dienst der Christen im Nahen Osten und Anteil geben, Verbundenheit praktizieren.

Was Hiob bittet mögen wir nie bitten müssen: von Gott in Ruhe gelassen zu werden, möchten lieber bitten: schau her, Gott, hier sind wir! Schenk uns Deinen Beistand, Deinen Segen! Amen.

Links zur Predigt:

Libanon-Impressionen 2018

Ein Reiseblog

Liebe Leute, Leserinnen und Leser,
dies ist ein erster Versuch. Im Schreiben eines Blogs bin ich ein Anfänger. Zu  spät habe ich bemerkt, dass ich die neuesten Beiträge lieber oben schreiben sollte, statt unten. Aber nun ist’s passiert und ich bitte Sie/Euch, nachsichtig zu sein, wenn man immer nach unten scrollen muss, um das Neueste zu lesen.

Ich freue mich sehr, dass ich diese Reise mitmachen kann und darf; sie ist mehr und anders als ein Urlaub. Was ich hier im Libanon erlebe, möchte ich gerne teilen und verstehe mich auch weniger als Tourist, denn als einer, der die Hand reichen möchte über Grenzen und Länder hinweg. Ich habe das Gefühl, dass es uns und mich etwas angeht, was hier geschieht, und dass wir uns selbst viel besser verstehen, wenn wir lernen, andere zu verstehen.

Mehr Bilder gibt’s auf meinem FlickR-Account. Der Link zum Libanon-Album ist hier.

Die Johann-Ludwig-Schneller-Schule

Mit diesem Haus hat die Geschichte hier in Khirbet-Qanafar in der Bekaa-Ebene, Libanon, angefangen. Inzwischen ist ein weiträumiges Gelände bebaut mit Kindergarten, Schule, Internat für Jungen, Internat für Mädchen, mit Werkstätten, Verwaltungsgebäuden… Auch eine Kirche und ein Gästehaus gehören dazu. Hier wohnen wir, eine Gruppe von 20 Leuten, die sich Zeit genommen haben, die Schneller-Schule im Libanon kennenzulernen oder als ehemalige Mitarbeitende zurückzukommen. Eine beeindruckende Geschichte von Engagement und Sinn, an der viele mitgearbeitet und mitgeschrieben haben. Mehr als ich hier erzählen will, findet man auf der Seite der Schneller-Schule selbst: www.jlss.org.

[Übrigens hat die Schneller-Schule auch eine Schwester: die Theodor-Schneller-Schule in Amman, Jordanien. Beide Schulen haben ihre Wurzel im „Syrischen Waisenhaus“ in Jerusalem, gegründet 1860, das bis 1948 bestand und danach im Libanon und in Jordanien weitergefüht wurde.]

Die „Schneller-Stiftung – Erziehung zum Frieden“ ist eine der Verbindungen nach Württemberg und Deutschland und symbolisch hier im Zedernhain präsent. Für alle Stifterinnen und Stifter  wurde auf diesem Areal eine Zeder gepflanzt. Aber nicht nur die Stiftung, viele Organisationen, Firmen, Institutionen, Einrichtungen haben die Schneller-Schulen im Libanon und in Jordanien unterstützt,  weil hier eine durch und durch sinnvolle und gute Arbeit getan wird.

Wir sind am Mittwoch, 23 Mai, in Stuttgart gestartet und waren am Abend in Khirbet-Qanafar, werden empfangen mit einem einfachen, guten Abendessen im Speiseraum. – Von Beirut aus sind wir über das Libanon-Gebirge (Passhöhe 1600m) gekommen und in die Bekaa-Ebene auf ca. 950m wieder hinuntergefahren. Das Wetter im Mai ist angenehm, dieses Jahr schon sommerlich. Wir wohnen in den gut eingerichteten Zimmern des Gästehauses und haben dort auch ein „Wohnzimmer“ für die ganze Gruppe zum abendlichen Zusammensitzen.

Der erste  Tag gehört dem Kennenlernen der Johann-Ludwig-Schneller-Schule. Wir starten im Verwaltungsgebäude, gehen durch das Gelände, bekommen Zutritt in die Internats-Gebäude und in die Ausbildungswerkstätten, überall freundliche und zufriedene Gesichter, eine Atmosphäre von Peace-Education, Friedenserziehung. Direktor George H. besucht unsere Gruppe und berichtet über die Arbeit, über Erfolg und Schwierigkeiten, Alltägliches und Besonderes. 80% der Schülerinnen und Schüler sind Muslime, 20% Christen, teilweise wohnen sie  im Internat, teilweise werden sie morgens mit Bussen abgeholt. Ein Teil der Schülerinnen und Schülern sind Flüchtlingskinder. Toleranz ist hier ganz hoch eingestuft, aktive Toleranz.

Freitag, 25. Mai – Zeita Grotto und Byblos   

Abfahrt um 9 Uhr an der Schneller-Schule. Ziel ist heute Byblos. Dh, dass wir mit dem Bus übers Gebirge zum Mittelmeer hinunterfahren. Nördlich von Beirut biegen wir zunächst ab ins Nahr El-Kalb – Valley zur Jeita Grotto, einer gigantischen Tropfsteinhöhle, dergleichen auf der schwäbischen Alb nicht zu finden ist. Touristisch gibt’s allerlei drum herum: eine Kabinenseilbahn vom Parkplatz zum oberen Eingang, alternativ ein kleiner Zug mit offenen Waggons. Wer im Libanon ist und ein wenig Zeit mitbringt, sollte sich den  Besuch nicht entgehen lassen. Mit dem Ticket kann man die Höhle zweimal besuchen: über den oberen Eingang zu Fuß, während man vom unteren Eingang aus mit dem Boot hineinfährt. Die Höhle ist sehr gut erschlossen und einzigartig mit LED-Technik ausgeleuchtet. Überall sind Aufsichtspersonen, die akribisch darauf  achten, dass nichts weggeworfen, nichts berührt, nichts abgebrochen wird. Fotografieren ist, wie man ahnt, strikt verboten. Aber es gibt schöne Bilder auf der Website. Das Foto hier im Blog zeig den Eingangsbereich des Gesamtareals.

Am frühen Nachmittag sind wir in Byblos, einer der am längsten dauerhaft besiedelten Orte der Erde. Historisches Terrain auf Schritt und Tritt, aber eben auch  ein wunderschönes malerisches Mittelmeer-Städtchen mit orientalischem Flair, mit Kirchen, Moscheen, Geschäften, Restaurants am Hafen, in der Altstadt und am Strand. Byblos ist stolz auf die phönizische Geschichte, hat dem phönizischen Alphabeth eine Stele gewidmet.

Unser deutsches Wort „Bibel“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet übersetzt einfach „Buch“. In Wirklichkeit aber verdankt auch das griechische „Byblos“, „Buch“,  seinen Namen dieser Stadt „Byblos“, die einst ein Königreich war und deren Name mit der Schrift ganz und gar eins geworden ist, weil hier Schrift und Papier (Papyrus) eine zentrale Rolle gespielt haben. Unsere „Bibel“ und „Byblos“: hier im Libanon findet sich der Ursprung des Wortes.

Mich aber interessiert auch sehr ein Besuch im „Armenian Genocide Orphans  – ′Aram Bezikian Museum′“ in der Armenia Street am Rand des historischen Stadtzentrums.

Es ist der Geschichte der Waisen aus dem Völkermord zu Beginn des 20. Jahrhunderts gewidmet und wurde am 01.09.2015 mit einem völlig neuen Konzept der Öffentlichkeit präsentiert.

Eine Website des Museums gibt es nicht, aber eine Präsenz auf Facebook, auf der auch Bilder eingestellt sind. Über die Geschichte der Genozid-Waisen hier zu schreiben wäre für mich ein zu hoher Anspruch. Das Museum zu besuchen aber war ein Muss. Es ist eine unglaublich große Anzahl an Dokumenten zusammengetragen und in einer ausgezeichneten Weise präsentiert. Wenn sich nur nicht solch eine schreckliche Geschichte dahinter verbergen würde! Man kann es 100 Jahre später noch nicht fassen, was Menschen anderen Menschen an Grausamkeiten zufügen können. Zugleich aber dokumentiert das Museum auch eine Geschichte von Menschlichkeit, von Widerstand gegen das Unrecht, eine Geschichte von Hoffnung und Ermutigung. Leider ist von der Gruppe niemand mitgegangen, und vermutlich war ich an diesem Tag überhaupt der einzige Besucher.  Zumindest habe ich den Mann am Eingang gefragt, ob vor mir schon andere Gäste gekommen wären. Er hat ausweichend geantwortet – und in der guten Stunde, in der ich dort war, war außer mir niemand anzutreffen.

Abendessen gab es dann in einer Taverne am Strand in gut gelaunter Atmosphäre. Gleich nach dem Sonnenuntergang mussten wir leider aufbrechen. 90 Minuten Rückfahrt über die Berge lagen noch vor uns. Wir sind wohlbehalten angekommen.

 

Samstag, 26. Mai: Joub Jannin und Litani-Stausee

Zum Markt im Nachbarort Joub Jannin wandern wir. Oder ist es nur ein ausgedehnter Spaziergang? Ca. 1 1/2 Std. sind wir unterwegs in der Weite der Bekaa-Ebene mit fruchtbaren Feldern, Plantagen. Die Berge des Libanongebirges begrenzen die Ebene.

Am Rande des Städtchens sind zwei Flüchtlingslager, wie man sie in der Bekaa überall sieht.

Ein einzelnes Zelt sieht etwa so aus wie dieses, das wir unterwegs gesehen haben. Darin wohnen ca. 10-15 Personen. Das Thema „Flüchtlinge“ begegnet uns immer wieder, die genaue Zahl im Libanon kennt niemand, da die libanesische Regierung es den UN untersagt hat, die Flüchtlinge zu registrieren. Ob und wann und wohin sie zurückkehren können, ist ganz und gar ungewiss. Der Libanon hat in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach Flüchtlingssttröme integrieren müssen.

*

Wir besuchen den Markt in Joub Jannin. Hier findet man das Notwendige für den alltäglichen Bedarf, Obst, Gemüse, Klamotten und vieles andere.

Um die Mittagszeit holt uns der Bus ab zu einer Fahrt in die Umgebung. Wir finden eine Kleinigkeit zu essen in einer Bäckerei mit Café, kommen zur Patisserie Ghassan und schließlich zum Litani-Stausee, über dessen Staumauer wir einen Spaziergang machen, während der Bus unten herum auf die andere Seite fährt und uns wieder einsteigen lässt. An einem orthodoxen Kloster vorbei, kommen wir zum Weingut Château Kefraya. Die Bekaa-Ebene hat durchaus ihre Plätze für Feinschmecker.


(man beachte das Glockenseil auf der linken Türseite)

Sonntag, 27. Mai – Beirut

Wir brechen früh auf, um rechtzeitig beim Gottesdienst in der National Evangelical Church in Beirut zu sein. Sie ist mitten im Zentrum gelegen, direkt neben dem Palast des Präsidenten in hervorgehobener Umgebung. Ich freue mich, gute Bekannte von den letzten beiden Besuchen im Libanon zu treffen, ein erstes Highlight an diesem Tag. Nach dem Gottesdienst steht man noch auf dem Vorplatz bei einem Becher Kaffee und unterhält sich.

Von der Kirche aus bringt uns der Bus zum Büro der Heinrich-Böll-Stiftung, wo wir von der Leiterin, Dr. Bente Scheller, einen sehr interessanten Vortrag zur gegenwärtigen Situation im Libanon hören.

 

 

 

 

Nächste Station ist das Nationalmuseum Beirut, ein großartiges repräsentatives Museum, v.a. der Antike gewidmet mit sehr wertvollen Exponaten einschließlich erst jüngst entdeckter Mumien aus einer Höhle im Qadisha-Tal, die aufwändig geborgen und konserviert wurden.

Anselm, unser Reiseleiter, führt uns durch’s Beiruter historische Zentrum. Wir kommen an der Mohammed-Al-Amin-Moschee vorbei, die direkt neben einer griechisch-orthodoxen Kirche erbaut wurde. Die Moschee war offen und gut besucht, die Kirche geschlossen, als wir unseren Spaziergang gemacht haben.
Fragen nach dem Verhältnis von Christentum und Islam drängen sich in immer neuen Varianten auf. Die Bedeutung von Religion ist hier auf Schritt und Tritt greifbar. Moscheen sind Orte der Begegnung und des Gebets unter der Schirmherrschaft des Islam. Kirchen zeigen christliche Präsenz, repräsentiieren die viel ältere Geschichte bis zum Beginn der christlichen Epoche. Aber die Kirchen  sind oft nur zum  Gottesdienst geöffnet, sind schwer zugänglich und wirken dadurch eher exklusiv als einladend.

Den Abschluss unseres Beirut-Tages bildet ein Spaziergang an der Corniche, dem berühmten Beiruter Boulevard. Spätestens hier denkt man darüber nach, wann man zum nächsten Mal nach Beirut kommen könnte.

Montag, 28. Mai – Schneller-Schule und Zedern-Reservat

Die neue Woche beginnt mit einer Begrüßung durch den Direktor um 7:45 Uhr auf dem Schulgelände vor der Kirche. Die Internatsschülerinnen und -schüler sind am Sonntagabend eingetroffen, die Tagesschüler werden um 7:30 Uhr von Bussen oder von den Eltern gebracht. Es geht wieder los! Zwei Schüler erhalten eine Auszeichnung durch den Direktor vor der gesamten Schülerschaft. Die Kinder freuen sich. Schon morgen, Dienstag, ist ein Ausflug nach Baalbek auf dem Programm der Schule.

Unsrere Reisegruppe teilt sich nach dem Frühstück auf. Alle machen irgendein „Praktikum“, besuchen eine Klasse im Unterricht oder eine der Lehrwerkstätten: Zeit, den Schneller-Alltag kennenzulernen.

 

Am Nachmittag fahren wir mit dem Bus auf die Höhen des Chouf-Gebirges zum Zedernreservat. Die älteste Zeder des Libanon wird hier mit einem Alter von 3000 Jahren vorgestellt. Ich male mir aus, dass sie schon zur Zeit Davids angewachsen ist und seither 3000 Sommer und Winter hinter sich hat, gewachsen ist, Kriege und Frieden erlebt hat und standhaft geblieben… Was haben uns Bäume nicht alles zu sagen.

Ich musste schon ziemlich weit zurückgehen, um diesen gigantischen Baum im Ganzen auf ein Foto zu bringen. Der Stammumfang ist unten 16m, da braucht es 6-8 Personen, die sich an den Händen halten, um einen Kreis um diesen Baum zu bilden. Weitere Bilder – auch von der wunderschönen Gebirgslandschaft im Libanon sind auf dem FlickR-Album. Ich finde, es lohnt sich, mal reinzuschauen, wenngleich die Baum-Giganten in ihrer Größe durch Fotos kaum erfasst werden können. Vielleicht wecken die Fotos bei manchen die Sehnsucht, doch mal selbst in den Libanon und ins Al-Shouf-Zedern-Naturreservat zu kommen, übrigens von der Gemeinschaft der Drusen eingerichtet, gepflegt und unterhalten.

Bibel, 1. Buch der Könige, Kapitel 7:

Aber an seinem eigenen Haus baute Salomo dreizehn Jahre, bis er es ganz vollendet hatte. So baute er das Libanon-Waldhaus, hundert Ellen lang, fünfzig Ellen breit und dreißig Ellen hoch. Auf drei Reihen von Zedernsäulen legte er eine Decke von Zedernbalken und deckte auch mit Zedernholz die Gemächer über den Säulen; und es waren fünfundvierzig Säulen, je fünfzehn in einer Reihe. Und Gebälk lag in drei Reihen, und Fenster waren einander gegenüber dreimal. Und alle Türen und Fenster waren viereckig, und die Fenster waren einander gegenüber dreimal. Er baute auch eine Halle von Säulen, fünfzig Ellen lang und dreißig Ellen breit, und noch eine Halle vor diese mit Säulen und einem Aufgang davor; und baute auch die Thronhalle, in der er Gericht hielt, die Gerichtshalle, und täfelte sie vom Boden bis zur Decke mit Zedernholz; dazu sein Haus, in dem er wohnte, im andern Hof, hinten an der Halle, gebaut wie die andern; und baute noch ein Haus wie diese Halle für die Tochter des Pharao, die Salomo zur Frau genommen hatte.‘
Dienstag, 29. Mai – Baalbek u.a.

Heute steht Baalbek auf dem Programm. Ich freue mich sehr. Ein Besuch dort hat bei meinen ersten beiden Besuchen im Libanon nicht geklappt. Dieses Mal besteht die Chance. Noch am Vortag aber war von einem Zwischenfall in Baalbek die Rede, und es war nicht ganz klar, ob wir fahren können. Der Busfahrer hat uns beruhigt. Er war am Montag dort und sah keinerlei Probleme. Wir Deutschen sind doch leicht ängstlich. Also los! Die Fahrt geht über Zahlé nach Norden. Die  Google-Maps-Karten-ausschnitte
(1 und 2) zeigen die geographische Lage.

Unterwegs machen wir zwei Zwischenstopps, den ersten beim Weingut Château Ksara. – Nach dem letzten Besuch im Libanon sind wir gefragt worden, ob wir dieses Weingut besucht hätten und mussten zugeben, dass wir nicht dort waren. Dieses Mal also. Die Keller sind beeindruckend, der Wein vorzüglich. Ich nehme zwei Flaschen mit – zum Beweis. Und natürlich zum Trinken!

Bevor es endgültig nach Baalbek geht, machen wir Halt in Zahle bei der (fast privaten) Flüchtlingsinitiative von Izdihar Kassis „Together for the Family“. Izdihar Kassis ist Christin und stammt selbst aus Syrien. Sie besucht mit anderen Freiwilligen die Flüchtlingslager um Zahle herum und lädt Flüchtlinge zu sich auf’s Gelände ein, damit sie Liebe erfahren, Angenommen-Sein, Hilfe, soweit es geht.

In einem Container finden einfache kostenlose Zahnbehandlungen statt. In einem anderen machen Frauen schöne Patchwork-Arbeiten, die sie verkaufen können. Auf dem Hof toben Kinder ausgelassen herum. Wir sitzen mit Izdihar Kassis im Gemeinschaftszelt und erhalten Auskunft über die Situation der Geflüchteten, über Trauma-Arbeit und vieles andere mehr. Hier haben wir eine Ansprechpartnerin, die unsere Fragen kompetent beantwortet und deren Engangement uns überzeugt. Sie ist nicht eine, die überlegt, was man machen könnte, sondern die selbst hingeht und nach den Frauen und Kindern in den Lagern schaut. – Auf dem Rückweg am Abend fahren wir noch einmal vorbei und setzen das Gespräch mit ihr und ihrem Mann fort. Was wir erfahren, ist auch eine Anfrage an uns selbst. – Wer Informationen über diese Initiative möchte, darf sich gerne bei mir melden.
Baalbek, das antike Heliopolis

Bevor wir zur antiken Tempelanlage kommen, machen wir Halt beim „Stein des Südens“  oder „Hajjar al-Hibla“, dem „Stein der Schwangeren“, einem der drei größten jemals behauenen Steine. Kein Kran der Welt könnte ihn bewegen. Vom „Stein des Südens“ schaut man hinüber zur schiitischen Moschee mit ihrer goldenen Kuppel und den beiden goldenen Minaretten.

In der eigentlichen Tempelanlage und auf dem archäologischen Gelände erwartet uns ein engagierter Führer mit sehr viel Sachwissen, der sich ein Leben lang mit Baalbek und der Archälogie des mittleren Ostens befasst hat. Sein Englisch ist mit vielen deutschen Brocken durchsetzt, sein Engangement unwiderstehlich.
Das Monumentale der Tempelanlage von Baalbek lässt sich kaum mit Bildern einfangen und nur schwer beschreiben. Die großen Säulen des Iupiter-Tempels, die größten Säulen der Antike, sind eingerüstet. Schade. Sie sind neben den Zedern das Wahrzeichen des Libanon. Aber natürlich ist es gut, dass für den Erhalt der Anlage das Nötige nicht unterlassen wird.

Das Monumentale erinnert an Palmyra, das aber durch seine Lage mitten in der Wüste ganz anders wirkt. Den Baal-Tempel, dort das größte Bauwerk, hat der IS zerstört. Der Momumentalismus kommt mit diesen Anlagen nicht nur zu seinen großen Höhepunkten, sondern auch an sein Ende. 400 Jahre später findet man im Norden Syriens eine christliche Wallfahrtsstätte großen Ausmaßes: das Heiligtum des Symeon Stylites, Anfang des 6. Jh.

Baalbek ist anders als Palmyra. Das Gigantische des Jupitertempels und das Ensemble von Iupiter, Bacchus und Venus ist einmalig und wirft auch theologische Fragen auf. – All die Sklaven, die an diesen Bauwerken arbeiten mussten, waren für die Verehrung dieser Götter wohl kaum zu gewinnen. Ihnen war die Botschaft vom heruntergekommenen Gott, die Botschaft von Jesus Christus ganz gewiss näher als die vom erhabenen obersten Gott, für den und für dessen Herrscher man sich zu Tode arbeiten musste.

Weitere Bilder dann im FlickR-Album, einschließlich der Umgebung der Tempelanlage.

Von der Tempelanlage aus fahren wir zu einem völlig anderen besonderen Ort: zum UN-Flüchtlingslager Wavel für palestinensiche Flüchtlinge. – Es besteht seit dem Jahr 1948, in diesem Jahr also 70 Jahre. Israel feiert das 70jährige Bestehen des Staates Israel. Die Palästinenser gedenken der Nikba, der Vertreibung aus ihrer Heimat. Viele bewahren – selbst in der zweiten und dritten Generation noch den Schlüssel zu ihrem Haus auf, aus dem sie vertrieben wurden. Die Collage, die ich in dem Besprechungsraum fotografiert habe, zeigt in der Mitte einen Schlüssel, darüber eine Darstellung der Omar-Moschee in Jerusalem. Überhaupt Jerusalem. Bilder von Jerusalem finden sich im ganzen Haus, obwohl von denen, die hier aus- und eingehen, niemand je dort gewesen ist und wohl auch niemand nach Jerusalem gehen kann, solange sich die politischen Verhältnisse nicht grundlegend verändern. – Al Kuds heißt Jerusalem bei den Muslimen,  „Die Heilige“. Ich denke an den Roman von Susan Abulhawa, „Während die Welt schlief“, den ich gelesen habe. Er erzählt die Geschichte der Vertreibung in mitreißender Intensität.

Wir sind bei unserem kurzen Besuch auf einmal mit der „Palästinenser-“ und „Palästina-Frage“ konfrontiert, für die weiterhin keine Lösung in Aussicht ist. Im Lager geht es eng zu. Die Bewohner können das Lager verlassen, können sich auch ein Appartment mieten, wenn sie das Geld dazu haben, können aber kein eigenes Haus erwerben, haben keinen Pass, nur ein Dokument über ihren Status. Ins Ausland zu reisen ist schwierig, nicht unmöglich. Wer aber ohne ein Ausreisepapier das Land verlässt, hat keinen Anspruch auf Rückkehr. Das Flüchtlingsthema beschäftigt den Libanon seit 1948. – Ob diejenige, die heute als syrische Flüchtlinge in Zelten hausen, auch in 70 Jahren noch heimatlos ihr Leben fristen? Werden sie ihre Zukunft Generationen lang in Zelten leben müssen? Eine beklemmende Vorstellung.

Keine Frage – das Existenzrecht Israels! Viel zu sehr fühle ich mich auch diesem Land und den Menschen dort verbunden. Aber muss es ein Tabu sein, an Versöhnung mit den Palästinensern zu denken? Ist es ausgeschlossen, dass auch die Palästinenser eine Zukunft haben dürfen?

Gut, dass wir abends noch einmal Izdihar Kassis und ihren Mann Riad treffen. Bei den beiden gibt es zumindest tatkräftiges Anpacken und nicht nur resigniertes Warten, dass ein Traum in Erfüllung geht.

Mittwoch, 30. Mai – Saida

Wir starten, wie schon gewohnt, um 9 Uhr. Die Fahrt geht noch einmal hoch über das Chouf-Gebirge, vorbei an dem Zedern-Reservat. Wer einen Blick auf  die Karte wirft, ahnt, dass da allerlei Höhen und Tiefen samt Kurven zu überwinden waren. Unser Fahrer Farah hat es mit guter Laune und großen Fahrkünsten hervorragend bewältigt. Kurz vor Saida machen wir einen Zwischenstopp bei den Terrace Kanaan und bekommen Mamoul Mad Bil Ashta oder auch Knafeh/Knefe genannt. Was weiß aussieht, ist heißer Käse, was braun aussieht, ist eine Art Zuckerkaramell mit Gries. Darüber wird Zuckerwasser mit Rosenöl gegossen. Der Platz ist wunderschön am Meer gelegen, Mittelmeer-Flair kommt auf, Saida ist in Sichtweite.

[Als nächstes gebe ich mal ein paar Bilder von Saida auf dem FlickR-Album frei, damit die Lust auf Saida schon ein wenig wächst. Fortsetzung folgt heute Abend.

So. Ich bin wieder am Schreiben. – Inzwischen waren wir im Nachbardorf zum (letzten) gemeinsamen Abendessen dieser Reise. Es ging lustig und fröhlich zu und naturgemäß ein bisschen länger. Der zweimalige Spaziergang hat richtig gut getan. (Was wir heute sonst noch gemacht haben, kommt dann im nächsten Kapitel. Ich bin mit dem Schreiben immer mindestens 1 Tag im Verzug. Macht nix.). Zurück zu Saida.]

Saida, das biblische Sidon, ist in der Bibel mehr al 50 Mal erwähnt. Das beginnt schon im Buch Genesis (1. Mose): „Kanaan aber zeugte Sidon, seinen ersten Sohn, und Set…  „Sidon“ wird hier als Person erwähnt. „Sidon“ ist Stammvater eines ganzen Volkes, der „Sidoniter“. Auch andere Erwähnungen im Ersten Testament deuten auf ein sehr hohes Alter dieser Stadt hin, weit älter als z.B. Jerusalem. Könige von Sidon werden genannt. Im Neuen Testament wird Sidon zusammen mit der weiter südlich liegenden Stadt Tyrus genannt, „Tyrus und Sidon“. Jesus hat sich hierhin zurückgezogen (Matth. 15,21). Dort begegnet ihm die „kanaanäische“ Frau. – Der Name „Terrace Kanaan“ des Cafés, in dem wir waren, ist also kein Zufall. Paulus hat auf seiner Reise als Gefangener nach Rom die Erlaubnis bekommen, in Sidon an Land zu gehen: „Am nächsten Tag kamen wir in Sidon an; und Julius verhielt sich freundlich gegen Paulus und erlaubte ihm, zu seinen Freunden zu gehen und sich pflegen zu lassen.“ (Apg. 27,3). Bei meinem ersten Besuch in Sidon im Sommer 2016 war es Sheikh Mohammed Abou Zaid, der mich auf diese Bibelstelle aufmerksam machte und mir das Haus zeigte, in dem Paulus gewesen sein soll.

Unser eigener Spaziergang durch Saida beginnt am Seifenmuseum, dem Musée du Savon der Fondation Audi, sehr schön eingerichtet, ein Genuss dort zu verweilen nebst allen angenehmen Gerüchen. Zum Museum gehören dann nicht nur Seifen, sondern allerlei ums tägliche Leben, was Kosmetik und anderes betrifft, einschließlich einer Sammlung von Pfeifenköpfen. Auch der Shop bietet eine sehr erlesene Auswahl an Kostbarkeiten. Den Duft im Gesamten kann man allerdings weder kaufen noch im Blog verbreiten. Digitalisierung von Gerüchen… Wäre das eine Erfindung…!

Am meisten beeindruckt hat uns vielleicht das Palais Debbané, das als Museum sehr schön gestaltet ist: orientalische Kunst vom Feinsten, dazu eine sehenswerte Sammlung historischer Instrumente. Es lohnt einen Besuch auf alle Fälle!

Man kann bis auf’s Dach hinaufsteigen und hat von dort einen ausgezeichneten Blick über die Stadt und aufs Meer hinaus.

Aber auch die ehemalige Kreuzfahrerkirche, aus der eine Moschee geworden ist, hat uns gefallen, strahlt sie doch eine majestätische Ruhe aus. Wir haben die Schuhe ausgezogen und uns einige Zeit im Gebetsraum aufgehalten. Auf der einen Seite der Blick zum Meer, auf der anderen farbige Fenster, die Decke der Vorhalle vertäfert mit Zedernholz. Das hat schon eine Ausstrahlung. Ebenso auch die Karawanserei, schlichter, aber doch eindrücklich!  Ganz zum Schluss die Kreuzfahrerburg beim Hafen, die eine Art Wahrzeichen für Saida geworden ist.

Die andern Bilder findet man dann im FlickR-Album.

Auf der Rückfahrt machen wir Station im Restaurant Challalat Nabeh el Safa Rest und tun uns gütlich an einem reichhaltigen libanesischen Menü mit unzähligen Vorspeisen und vielem anderen mehr.

 

 

 

Um 18.30 Uhr aber wollen wir heute schon zuhause sein, um endlich, am vorletzten Tag, noch an der Abendandacht der Schneller-Schule teilnehmen zu  können, was dann auch klappt.

*

Anselm spielt zur Einstimmung und zur allgemeinen Freude eine Reihe von Orgelimprovisationen. Das Lied, das in zahleichen Strophen von der „Schulgemeinde“ durchaus kräftig gesungen wird, begleitet Rev. George H., der Direktor der Schule. Eine Lehrerin liest einen Text aus der Bibel und spricht ein Gebet. Nach knapp 15 Minuten ist leert sich die St. Michaelskirche wieder. Die kurzen abendlichen Andachten sind ein wichtiges Element der Peace-Education, weil hier Christen und Muslime gemeinsam feiern und gegenseitig Respekt einüben. Klar, die Kirche ist eine christliche Kirche und keine Moschee. Was gelesen wird, ist die Bibel und nicht der Qu’ran. Aber es wird sehr darauf geachtet, dass die christlichen Inhalte nicht verletztend, diskriminierend oder trennend erscheinen, sondern tolerant, offen und einladend. Und auch Inhalte des Islam kommen vor, die Feste finden Erwähnung, Schülerinnen und Schülern ab einem bestimmten Alter wird das Fasten  im Ramadan erlaubt.

Fehlt noch der Bericht von heute, 31. Mai. Den werde ich nachliefern. Morgen, 1. Juni, ist unser Rückreisetag. Wir werden gegen 11 Uhr hier abfahren und den Tag noch im Libanon an verschiedenen Plätzen verbringen, bis wir in der Nacht dann ins Flugzeug steigen und am Samstagfrüh, so Gott will, in Frankfurt und dann in Stuttgart landen.

Nachtrag – 31. Mai – 1. Juni

Abschied liegt in der Luft. 31. Mai – der letzte Tag, an dem wir abends in die Schneller-Schule zurückkehren werden. Ist das dieses Jahr nicht Fronleichnam, Feiertag? Auch hier im Libanon für die maronitischen Christen? Eigentlich schon. Viel davon bemerken wir nicht. Wir starten noch einmal in die Berge, ähnliche Strecke wie am Vortag. Ziel ist der Palast Beit ed-Din. Es gibt unterschiedliche Schreibweisen, arabisch, französisch, englisch, deutsch…, in drei Wörtern geschrieben, in einem: Beiteddin. Der Palast wurde 1788-1818 von Emir Bashir II erbaut. Er dient heute als Sommerresidenz des libanesischen Präsidenten.

Bevor wir den Palast erreichen machen wir Pause bei einer kleinen Imbissstation. Im Shop fallen mir die deutschen Fahnen auf, die es für 1 USD zu kaufen gibt, wahlweise natürlich auch brasilianische und andere Flaggen. Die Fußball-WM beschäftigt auch die Libanesen.

Der Palast Beit ed-Dine empfängt uns mit einer Ausstellung über Kamal Joumblatt, „Witnes et Martyr“, der 1977 bei einem Anschlag getötet wurde. Joumblatt, Dschumblat, wahlweise vorne mit „J“oder „Dsch“ geschrieben, hinten mit tt, t oder d, war sozialistischer Politiker im Libanon, Druse. Ich erinnere mich vage an die Zeit der 70er-Jahre, als ich studiert habe, und sein Name im Nahen Osten ein Begriff war. Jetzt finde ich manche seiner Sätze, die in der Ausstellung festgehalten sind wirklich nachdenkenswert. Drusen verehren die Wissenden.

Unterschiedlich lang verweilen die Einzelnen bei der Ausstellung. Man ahnt noch nicht, welch ein orientalisches Juwel einen beim Eintritt in den Hof des Palastes erwartet. Wasserspiele, reich verzierte Salons, Gemächer, kostbarste Materialien, immer wieder neue Details und Perspektiven, Treppen, Säulen, Erker, Arkaden. Hier residieren Fürsten, Präsidenten und ihre Gäste. Wir Touristen versuchen mit unseren Kameras das eine oder andere Detail einzufangen und mit nach Hause zu nehmen. Aber wir wird klar: wer hier wohnt, braucht keine Kamera. Er, Sie wird vielleicht fotografiert, gemalt, verewigt und kann sich anderen Dingen widmen, die (ihm/ihr) wichtig sind: der Politik, der Kunst, der Lektüre – oder seinen/ihren Gästen. Wir Kamera-Touristen dagegen zeigen mit unserem Fotografieren, dass wir hier nicht bleiben dürfen, dass wir nur kurz verweilen: ein, zwei Viertelstunden, dann müssen wir Platz machen für die nächsten. Vielleicht schenken wir all denen ein paar Gedanken, die als Handwerker, Bauleute, Künstler hier gearbeitet haben, oder wir fühlen uns frei, weil wir hierherkommen dürfen ohne für einen geringen Lohn hier arbeiten zu müssen.

Draußen im Hof sind Arbeiter dabei, einen großen LKW zu entladen. Er hat Teile  für die Open-Air-Bühne für das bevorstehende Beitedine-Art-Festival geliefert. Im Vergleich zu ihnen sind wir als Touristen die Privilegierten, zumindest für den Augenblick. Hoffen wir, dass auch diese Arbeiter ihren angemessenen Lohn erhalten einschließlich der Möglichkeiten sich zu erholen und neue Ressourcen zu bilden.

Vom Palast Beit ed-Dine fahren wir eine kurze Strecke nach Deir El Kamar (Dair al Qamar), dem Ort mit der ältesten Moschee des Libanon, der auch noch eine  Synagoge beherbergt. Wir nehmen und zwei Stunden Zeit, das Städtchen anzuschauen – jeder für sich oder zu zweit, zu dritt, kaufen Souvenirs, trinken Kaffee, essen eine Kleinigkeit.

Zum Abendessen werden wir heute noch einmal zu Fuß ins Café Rahib in Kherbet Qanafar gehen, wo der Tag in bester Stimmung ausklingen wird. Freunde der Schneller-Schule sind dabei. Bilder von diesem Abend werden nicht veröffentlicht. Bier, Arak, Wasserpfeife werden benötigt. Der Abend bleibt in bester Erinnerung.

Freitag, 1. Juni, Abreisetag

Da unser Flieger erst am frühen Morgen des 2. Juni starten wird, haben wir noch einen langen Tag Zeit, um in der Beqaa-Ebene manches anzuschauen, was wir noch nicht gesehen hatten, einen Besuch zu machen, in einem großartigen Restaurant zu Abend zu essen und dann nach Beirut zum Flughafen zu fahren.

Wir verabschieden uns von der Schneller-Schule mit einer kleinen Andacht in der Kirche, mit Dankesworten an Direktor George H. als Gastgeber für unsere Gruppe und an Anselm, unseren Reiseleiter, der uns ein unvergleichlich intensives und mit persönlicher Note versehenes Reiseprogramm zusammengestellt hat.  Nach jedem Ausflugstag haben uns unsere Busfahrer an die Schneller-Schule zurückgebracht. Jedes Mal, wenn wir das Werkstattgebäude gesehen haben, wussten wir, dass wir wieder an Ort und Stelle sind. Nun heißt es – für diese Reise – Abschied zu nehmen und in Verbindung zu bleiben. Den Abschiedssegen gibt den Schülerinnen und Schülern, Lehrerinnen und Lehrern, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und allen Gästen das Schild am Hoftor für die Hinausgehenden und Hinausfahrenden mit dem Emblem der Schneller-Schulen: The Lord is my shepherd.

*

Im Bus geht es jetzt eng zu, weil das Gepäck auch mit muss und die hinteren Plätze benötig. Aber es geht! Die Notsitze im Mittelgang erweisen sich als brauchbar. Die Reisegemeinschaft rückt eng zusammen.

Wir bekommen in Zahle ein zweites Frühstück mit frisch gebackenem, libanesischen Fladenbrot

 

 

 


und fahren zum Römischen Tempel in Niha, wo es – entsprechend unserer Stimmung – zu regnen beginnt.

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Zum Tempel in Hosn Niha pilgert nur ein Teil der Gruppe. Die andern bleiben im Bus.

Weiter geht es zu einem Besuch bei Freunden in Niha, wo wir zu  Kaffee, Getränken, Gebäck eingeladen werden. Unbeschreiblich, diese Gastfreundschaft im Umfeld der Schneller-Schule! Von dort fahren wir wieder nach Zahlé und genießen die gigantische Aussicht auf die Bekaa vom Aussichtsturm mit der Marienstatue „Our Lady of Bekaa“.

Kaum zu glauben, aber die Reise hat immer noch einen Superlativ in petto: Das Abendessen in der Domaine Mouakkar. 21 Vorspeisen – haben wir richtig gezählt – sind ein einsamer Rekord. Eine köstlicher als die andere. Dazu die grandiose Aussicht auf die Bekaa in der Abendsonne. Anselm hat unseren Busunternehmer Farah mit Gattin eingeladen. Wir sind glücklich und zufrieden ohne Ende! Was können wir für Eindrücke mit nach Hause nehmen!

Mit diesem letzten großen Erlebnis „im Gepäck“ geht es nun wirklich zum Flughafen. Wir kommen kurz vor 23 Uhr Ortszeit an und vertreiben uns die Zeit mit Rumsitzen, Lesen, Einkaufen, Einchecken, Passkontrolle, Sicherheitskontrollen usw. Ich finde kurz vor dem Abflug noch die Magnetschilder, die ich nach Hause bringen wollte. Um 3.50h sollte der Flieger starten. Es wird eine dreiviertel Stunde später. Aber was soll’s. Im Flugzeug können wir schlafen, ausruhen, verarbeiten. Derweil geht die Sonne auf, und wir stellen die Uhr um 1 Stunde zurück auf MESZ. Fast pünktlich, kurz nach 7 Uhr, kommen wir in Frankfurt an. Leider gibt es dann mit dem Weiterflug für einen Teil unserer Reisegruppe Probleme. Aber letzten Endes landen an diesem Samstag alle irgendwann erschöpft und dankbar dort, wo jede und jeder zuhause ist.

Mehr Bilder gibt es, wie schon geschrieben im FlickR-Album. – Und herzlichen Dank für Ihr/Euer Interesse. Traugott Plieninger

Frühlingstag im Remstal

…und dann muss man ja auch noch Zeit haben,
einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.
(Astrid Lindgren)

…ich gehe nicht zurück!

Predigt am Palmsonntag 2018
in Ditzingen, Konstanzer Kirche

Predigttext: Jesaja 50,4-9a.10b

Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören.

Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.

Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.

Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde.

Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir!

Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? […] Wer im Finstern wandelt und wem kein Licht scheint, der hoffe auf den Namen des HERRN und verlasse sich auf seinen Gott!

Predigt

Liebe Gemeinde,

Jochen Klepper, der Liederdichter, ist am 22. März 1903 in Niederbeuthen an der Oder geboren. In der Karwoche 1938, Klepper war 35 Jahre alt, schreibt er ein Lied nach diesem Predigttext:

Er weckt mich alle Morgen, er weckt mir selbst das Ohr. Gott hält sich nicht verborgen, führt mir den Tag empor, dass ich mit seinem Worte begrüß das neue Licht. Schon an der Dämmrung Pforte ist er mir nach und spricht.

Sieben Jahre zuvor, 1931, hatte er seine Frau Johanna Stein geheiratet, die verwitwet war und zwei Töchter hatte. Sie war Jüdin. Schon Kleppers eigene Familie war mit diesem Schritt nicht einverstanden. In den folgenden Jahren mussten er und seine Frau mit ihren beiden Töchtern immer mehr Schikanen hinnehmen. Trotzdem wurde das Jahr 1938 eines seiner produktivsten Jahre. Die Karwoche war Mitte April. Das Jahr 1938 sollte aber auch das Jahr mit der Reichspogromnacht am 9. November werden, einem weiteren schrecklichem Höhepunkt der Hetze gegen die jüdische Bevölkerung.

Er will, dass ich mich füge. / Ich gehe nicht zurück. / Hab nur in ihm Genüge, / in seinem Wort mein Glück. / Ich werde nicht zuschanden, / wenn ich nur ihn vernehm. / Gott löst mich aus den Banden. / Gott macht mich ihm genehm.

Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden.

… Ich gehe nicht zurück, / hab nur in ihm Genüge, in seinem Wort mein Glück…

Was würde das für uns bedeuten, nicht zurückweichen, standhaft zu sein, unser Glück in Gottes Wort zu finden?

Im Bibeltext spricht nicht Jochen Klepper, spricht ein uns unbekannter Prophet. Von ihm wissen wir nicht den Geburtstag, nicht den Geburtsort, wissen nicht wie er ausgesehen hat, wer seine Eltern waren, ob er Geschwister hatte, verheiratet war, einen Beruf hatte, wissen kaum, wie er zum Propheten geworden ist.

Obwohl. Er sagt: Gott der Herr hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse mit den Müden zu rechter Zeit zu reden.“

Er „outet“ sich, wie man heute sagt. Er zeigt sich, spricht von sich selbst, versteckt sich nicht, bekennt sich dazu, dass er sensibel ist, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Er nennt sich Jünger, Schüler. Seine Begabung: Das Hören! Er hat noch nicht das Gefühl, fertig zu sein, ein Meister zu sein, andere lehren zu können. Er ist noch auf dem Weg. Ganz beiläufig sagt er das und hört, spricht wie einer, der in Gottes Schule ist.

… dass ich wisse mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Das scheint ihm im Hören wichtig geworden zu sein, mit Müden zu reden. Ja, er, scheint zu verstehen, was Menschen müde werden lässt, was sie müde macht. – Nicht körperlich müde, wenn man nach einem Tag schwerer Arbeit oder nach einer langen Wanderung erschöpft und müde ist. Nein, müde, wenn man nicht mehr mag, nicht mehr kann, wenn die Kräfte nicht mehr zu reichen scheinen, wenn man den nächsten Tag fürchtet, statt sich auf ihn zu freuen.

*

Ist das ein Palmsonntagstext? Hat Mörike den Palmsonntag nicht besser getroffen mit seinem Gedicht „Karwoche“ in einer seltsamen Mischung aus Frühling und Traurigkeit?

O Woche, Zeugin heiliger Beschwerde!
Du stimmst so ernst zu dieser Frühlingswonne,
Du breitest im verjüngten Strahl der Sonne
Des Kreuzes Schatten auf die lichte Erde,

Und senkest schweigend deine Flöre nieder;
Der Frühling darf indessen immer keimen,
Das Veilchen duftet unter Blütenbäumen
Und alle Vöglein singen Jubellieder.

O schweigt, ihr Vöglein auf den grünen Auen!
Es hallen rings die dumpfen Glockenklänge,
Die Engel singen leise Grabgesänge;
O still, ihr Vöglein hoch im Himmelblauen!

Ihr Veilchen, kränzt heut keine Lockenhaare!
Euch pflückt mein frommes Kind zum dunkeln Strauße,
Ihr wandert mit zum Muttergotteshause,
Da sollt ihr welken auf des Herrn Altare.

Ach dort, von Trauermelodien trunken,
Und süß betäubt von schweren Weihrauchdüften,
Sucht sie den Bräutigam in Todesgrüften,
Und Lieb‘ und Frühling, alles ist versunken!

Vielleicht erinnern sich die Älteren wie das früher war mit dem Palmsonntag, mit der Karwoche: Als noch wenig Verkehrslärm in den Straßen war und mehr Stille in den Häusern, als täglich die Kirchenglocken zu den Passionsandachten gerufen haben, als man das Leiden Christi auf sich wirken ließ bis es sprichwörtlich wurde, dass einer aussieht „wie das Leiden Christi“. Der Palmsonntag, an dem man in der Kinderkirche die Geschichte vom Einzug in Jerusalem erzählt hat, von „Hosianna“ und „Gelobet sei der da kommt im Namen des Herrn“, vom Palmesel und Palmzweigen, von Jerusalem, vom Tempel und der Heiligen Stadt, und wo man wusste, dass nicht nur der Frühling in der Luft lag, sondern der Gründonnerstag und auch der Karfreitag bevorstanden und auf die Stimmung drückten.

Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden.

Liest man die Geschichten von Jesus im Neuen Testament, entdeckt man die Verbindungen von seinem Wirken, seinem Reden, seinem Handeln zu diesen Abschnitten im Buch Jesaja. Er war es, der seinen Rücken darbot denen, die ihn schlugen, seinen Körper denen, die ihn folterten, der seine Hoffnung auf Gott nicht verraten, nicht verleugnet hat, selbst dann nicht, als er nichts mehr von Gottes Hilfe gespürt hat.

Palmsonntag.

Wer die Stille sucht, muss sie wirklich suchen, sich zurückziehen, muss die Stille wollen und auch aushalten, die Texte auf sich wirken lassen oder die Bilder, die Lieder, die Musik. „Das Leiden Jesu betrachten“, hat man gesagt, lateinisch „Kontemplation“. Wer die Stille gesucht hat, wer sich dem ausgesetzt hat, das Leiden zu betrachten, auch das Leid der Welt, das Leid der Kreatur, der Schöpfung, auch das Leid an der Zerstörung, das man alles entdecken kann im Leiden Christi, die Traurigkeit und Trauer, den Schmerz, den Zweifel und die Verzweiflung, die Anklage und die Selbst-Anklage… Wer den Blick in die Tiefe nicht meidet, sondern zulässt, dass man manchmal aushalten muss und gar nichts tun kann, der schöpft auf merkwürdige Weise Kraft aus dem, was er empfindet: „Ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.“ Standhalten. Man kann es einüben, das Standhalten.

Jochen Klepper hat es eingeübt: Er will, dass ich mich füge. / Ich gehe nicht zurück. / Hab nur in ihm Genüge, / in seinem Wort mein Glück… Lange hat er standgehalten, vielen hat er Trost gegeben mit seinen Liedern und Gedichten. Dass er im Advent 1942 mit seiner Frau und ihrer Tochter den Tod gesucht hat, zählt für mich auch zu dem, dass er sagen konnte: ich gehe nicht zurück. Amen.

Lied: Er weckt mich alle Morgen…                                         452,1-5

Er weckt mich alle Morgen,
er weckt mir selbst das Ohr.
Gott hält sich nicht verborgen,
führt mir den Tag empor,
dass ich mit seinem Worte
begrüß das neue Licht.
Schon an der Dämmrung Pforte
ist er mir nah und spricht.

2. Er spricht wie an dem Tage,
da er die Welt erschuf.
Da schweigen Angst und Klage;
nichts gilt mehr als sein Ruf.
Das Wort der ewgen Treue,
die Gott uns Menschen schwört,
erfahre ich aufs neue
so, wie ein Jünger hört.

3. Er will, dass ich mich füge.
Ich gehe nicht zurück.
Hab nur in ihm Genüge,
in seinem Wort mein Glück.
Ich werde nicht zuschanden,
wenn ich nur ihn vernehm.
Gott löst mich aus den Banden.
Gott macht mich ihm genehm.

4. Er ist mir täglich nahe
und spricht mich selbst gerecht.
Was ich von ihm empfahe,
gibt sonst kein Herr dem Knecht.
Wie wohl hat’s hier der Sklave,
der Herr hält sich bereit,
dass er ihn aus dem Schlafe
zu seinem Dienst geleit.

5. Er will mich früh umhüllen
mit seinem Wort und Licht,
verheißen und erfüllen,
damit mir nichts gebricht;
will vollen Lohn mir zahlen,
fragt nicht, ob ich versag.
Sein Wort will helle strahlen,
wie dunkel auch der Tag.

Text: Jochen Klepper 1938
Melodie: Rudolf Zöbeley 1941

Predigt zur Jahreslosung 2018 zum Fest der Goldenen Konfirmation in der Lutherkirche Fellbach (11.03.2018)

Gott spricht:
Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Offenbarung 21,6

Liebe Schulkameradinnen, liebe Schulkameraden von damals
und Angehörige, liebe Lutherkirchengemeinde,

wer bin ich, dass ich heute hier auf der Kanzel stehe und mich traue, Euch, Ihnen eine Predigt zu halten? Wer wäre ich, das abzulehnen, nachdem mein geschätzter Kollege mich gefragt hat, ob ich das tun würde?

Aus mir ist also ein Pfarrer geworden, aufgewachsen in Fellbach in der Rosenstraße, Staufenbergschule, Friedrich-Schiller-Gymnasium,
Konfirmation in der Melanchthonkirche, die damals gerade 4 Jahre alt war, jung, modern.

Quelle: Landeskirchliches Archiv Stuttgart, Inventarisation, Inv.-Nr. 47332.1.001-00

 

[Ich habe als Konfirmand während des Gottesdienstes häufig fast zwanghaft die Lichtöffnungen gezählt an der Wand hinterm Altar. Um die 150 müssten es sein. Daran erinnere ich mich merkwürdiger Weise noch...]

 

Die Lutherkirche war ehrwürdiger, ist immer noch ehrwürdig für echte Fellbacher. Hier bin ich getauft worden. – Das weiß ich, aber ich erinnere mich natürlich nicht. Wer erinnert sich schon an seine Taufe? Wichtiger als dass wir uns daran erinnern, ist dass wir die Taufe empfangen haben.

Ich war oft in der Kirche. In unserer Familie war Glauben, Bibel und Gebet wichtig, wofür ich dankbar bin. Ich habe es nicht als eng empfunden. Pfarrer zu werden, war mir trotzdem nicht in die Wiege gelegt. Aber ich bin es immer noch gerne, bin noch einmal auf eine neue Stelle gegangen, nach Ditzingen, und ich ahne auch schon, dass mir etwas fehlen wird in zwei Jahren, wenn es so kommt, wie man es sich ausdenkt und wünscht. – Manchmal kommt es anders.

Goldene Konfirmation: Das ist an der Schwelle, an der man angefangen hat, Verantwortung abzugeben. Die Berufsjahre liegen zu einem großen Teil hinter einem. Das, was man „Ruhestand“ nennt, kommt hinterm Horizont hervor. Zum Zeitpunkt der Konfirmation war es gerade umgekehrt. Man hat begonnen, Verantwortung zu übernehmen. Mit 14 wird man hierzulande religionsmündig, auch strafmündig, bemerkt den Übergang kaum und doch ist er vorhanden. Stück für Stück übernimmt man Verantwortung für das eigene Leben und mehr.

Vor 30 Jahren, 1988, habe ich zum ersten Mal eine Goldene Konfirmation gehalten. Damals war ich, waren wir alle Anfang 30, die Teilnehmer „meiner“ damaligen Goldenen Konfirmation waren – wie wir heute – 63, 64. Fast jedes Jahr habe ich seither eine Goldene Konfirmation gehalten und irgendwann hat es mich beschäftigt, dass ich dann auch einmal zum Jahrgang gehören würde und muss heute sagen, dass sich das anders anfühlt als bisher.

Dass wir Evangelischen unter uns sind, kommt mir dabei als schwerer Anachronismus vor. Klar, wie feiern Goldene Konfirmation und nicht Goldene Firmung und haben gerade ein Reformationsjubiläum hinter uns, sind gewissermaßen aufgeladen mit evangelischer Identität, treffen uns in der LUTHER-Kirche!

Aber wär’s nicht das Allernormalste, wir wären im ganzen Jahrgang beieinander und jeder brächte seinen Glauben, seine Konfession, seine Überzeugung, auch seine Neugier mit?

19 Jahre lang habe ich in Markgröningen sehr eng mit meinem katholischen Kollegen zusammengearbeitet, der seine ersten Dienstjahre hier in Fellbach an der Johanneskirche verbracht hat. Letztes Jahr haben wir zum Abschluss unserer Zusammenarbeit einen ökumenischen Ausflug nach Fellbach gemacht und die Johanneskirche und die Lutherkirche angeschaut. Das gehört heute zusammen. Verschiedenheit als Bereicherung!

Wir haben im Konfirmandenunterricht viel auswendig gelernt. Eigentlich hauptsächlich auswendig gelernt, sind abgefragt worden, jede Woche… –
Diese langen Texte, die wir damals lernen mussten und nicht verstanden haben…,
die ich heute aber immer noch mag, so ganz für mich.

Der Konfirmandenunterricht aber hat sich verändert.

Vor 11 Jahren, so lange ist das auch schon wieder her, hat die ARD einen 30 minütigen Beitrag über unseren Konfirmandenunterricht in Markgröningen ausgestrahlt, der viel Resonanz bekommen hat und heute noch in vielen Kirchengemeinden gezeigt wird. Da war viel Erlebnis, Begegnung entlang der Themen des Glaubens, aber nicht mehr das Abfragen des Katechismus.

Das Spruch- und Liederbuch gab es ja schon im Religionsunterricht der Grundschule. Auch da wurde auswendig gelernt – und sicher nicht zum Schaden, aber eben auch nicht zum Spaß… Heute sind es fast nur noch die Schauspieler, die ihren Text auswendig lernen.

Gott spricht:
Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Offenbarung 21,6

Auch so ein Spruch. Er steht auf den Urkunden, die wir heute bekommen – wie wir auch seinerzeit auch zur Konfirmation eine Urkunde und einen Spruch erhalten haben, unseren „Denkspruch“.

„Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers. Umsonst.“

Aus der Bibel, vorletztes Kapitel.
In den Kirchen ist der Spruch dieses Jahr die Jahreslosung,
ein Begleitsatz durch das Jahr 2018,
ein Merkvers, ein Motto,
eine Erinnerung an etwas, was nicht immer präsent ist:

Quelle

Wo sprudelt etwas?
Wo finde ich etwas gegen das Vertrocknen?

„Ich will dem Durstigen geben…“

Das Wort „Durststrecken“ fällt mir ein. – Ist an Durststrecken gedacht?

Durststrecken kennt jede, jeder.

Durststrecken kannten die christlichen Gemeinden, an die diese Worte zuerst gerichtet waren damals Ende des 1. Jahrhunderts, als sie durch Verfolgungen aufgerieben wurden, als man sie als Widerständler ausmerzen wollte,
weil sie dem Kaiser das Opfer verweigert haben,
auch weil man Sündenböcke gebraucht hat für das, was nicht in Ordnung war. Sie wurden denunziert, diskriminiert, verfolgt, getötet. Das war die Durststrecke der frühen Kirche.

Wir leben ja wieder oder immer noch in einer Zeit, in der man für alles und jedes einen Sündenbock, einen Schuldigen braucht: „Flüchtlinge“, „Diesel-Fahrzeuge“, „die Auto-Hersteller“, die „Gülén-Bewegung“ in der Türkei, „die Politiker“, „die Medien“, wen oder was auch immer man gegenwärtig pauschal verurteilt, wer oder was auch immer an allem Unheil schuld sein soll…

Für die, die es trifft, stellt es eine schwere Diskriminierung dar, unter „Generalverdacht“ stehen zu müssen. Für einzelne, die dann zu Schuldigen erklärt werden, steht eine schlimme Durststrecke bevor.

*

Durststrecken gibt es auch im persönlichen Leben. Gemeint sind die
Krisen, in denen man steckt oder durch die man durchgegangen ist,
die einen verändert haben oder dabei sind, einen zu verändern.

Wenn Deine Lebenskrisen erträglich waren, dann sei dankbar!

*

Vorletztes Jahr bin ich zweimal im Libanon gewesen, möchte dieses in den Pfingstferien wieder in dieses Land reisen.

Dort leben 1,5 Millionen Flüchtlinge bei einer Gesamtbevölkerung von 6 Millionen. Jeder vierte ist ein Flüchtling. „Mein Land kann das nicht mehr bewältigen“, sagt der Präsident.  (ZEIT-online, 16.10.2017). Es gibt Durststrecken für ganze Nationen, Gesellschaften. Keiner weiß so recht, wie es weitergeht, ob’s besser kommt oder noch einmal schlimmer. Wie erleben es die Betroffenen? Die Flüchtlinge dort, die libanesische Bevölkerung selbst? Wie erleben es die Betroffenen anderswo?

*

Durststrecken. Zweimal konnte ich eine Reise in die Sahara mitmachen, wo es kein Wasser gibt und man zu den elementaren Dingen des Lebens ein neues Verhältnis bekommt:

Tag und Nacht,
Sonne und Schatten:
der eigene Schatten und der Schatten, den man sucht.
Wasser, rationiert und überlebenswichtig.
Die Gruppe, die einem Schutz gibt.
Die einfachen Männer, die sich zu ihren Gebetszeiten unauffällig zurückziehen,
die den Weg wissen und die Vorräte einteilen.

Selbst gewählte Durststrecke…

Die Durststrecken können sehr wichtig sein im Leben, wenn sie endlich sind und nicht unendlich. Andere Fragen werden wichtiger als die, was heute Abend im Fernsehen kommt oder was morgen  als Sonderangebot im Supermarkt zu haben sein wird.

*

„Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers. Umsonst.“
Es heißt eigentlich Quelle des Wassers des Lebens. Ich bin nicht sicher, ob die Übersetzung „lebendiges Wasser“ richtig ist.

Vielleicht ist ja an die Taufe gedacht,
an etwas, das – wie und wann und wo auch immer – sprudelnd und quellfrisch von Gott kommt, eigentlich unverfügbar, obwohl wir damit umgehen.

Wasser des Lebens, lebendiges Wasser.
Lassen wir es einmal offen.

Mit den Durstigen sind jedenfalls nicht die gemeint, die immer Durst haben und denen mit etwas zu trinken schnell und kurzfristig, aber auch nur vorübergehend geholfen werden kann. [Zu denen zählen wir selbst natürlich auch.]

Es sind aber die gemeint, die Jesus einmal die genannt hat, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit… oder nach Frieden oder nach Anerkennung, nach Wahrgenommen-Werden oder nach Wahrheit oder nach Glück.

Durst nach Glück, was alle Kinder auf der Erde verbindet,
die Kinder bei uns und die Kinder im Jemen, die Kinder der Rohingya-Flüchtlinge in Bangla-Desh und die Kinder der Eskimos, die sich alle gleichermaßen wünschen, dass sie eines Tages glücklich sein können.

Durst nach Glück und der Glaube, dass es das gibt, das Glück. Welch ein Glück!

Gott sei Dank gibt es diesen Glauben und gebe Gott,
dass auch dieser Glaube, dass es ein Glück geben kann, nicht erlischt.

*

Versprochen.

Das ist versprochen in der Bibel. Nicht das happy end, und dann fängt das alte Spiel von vorne an, sondern das finale Glück.

„am ende“, heißt es in einem Gedicht von Reiner Kunze, „ganz am ende, wird das meer in der erinnerung blau sein“.

RUDERN ZWEI

Rudern zwei
ein boot,
der eine
kundig der sterne,
der andre
kundig der stürme,
wird der eine
führn durch die sterne,
wird der andre
führn durch die stürme,
und am ende ganz am ende
wird das meer in der erinnerung
blau sein.

[Reiner Kunze, gedichte,  frühe gedichte]

Als hätte Gott es nicht von Anfang an versprochen gehabt:
allen auf dem weiten Meer des Lebens unterwegs,
allen, die ihr Boot voranbringen wollen, müssen –
ob schwer rudernd in den Stürmen oder gelassen, den Blick zum Sternenhimmel gerichtet,

versprochen:
von der Quelle des lebendigen Wassers. Umsonst.

Umsonst ist in der Bibel nicht doppeldeutig. Es ist eindeutig: geschenkt, kostenlos, gratis, ohne Verfallsdatum. Amen.

 

 

Feuerschein und Wolke. Predigt am 31.12.2017

Predigttext: 2. Mose 13,20-22[1]

20  So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.

21   Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.

22   Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

Predigt

Liebe Gemeinde,

mit dem Abschnitt, der mit diesen Sätzen endet, beginnt die Geschichte vom Auszug aus Ägypten. Für das Volk Israel ist es die Ur-Geschichte, die Geschichte vom Aufbruch aus der Sklaverei und dem Beginn des Weges in die Freiheit.

Wohin aber geht man, wenn man aus der Sklaverei aufbricht und das Land der Freiheit sucht? Geht man nach Osten oder Westen, nach Norden oder Süden? Geht man den Weg, der die wenigsten Hindernisse vermuten lässt oder den Weg, der der kürzeste zu sein scheint? Geht man den Weg, auf dem man sich vor Verfolgung sicher wähnt und auf dem einem nicht erneut die Gefangenschaft droht? Geht man mit leichtem Gepäck oder sorgt man vor für jeden Fall der Fälle? Geht man mit Proviant oder im Vertrauen, dass das da sein wird, was man braucht um voranzukommen? Wer hat die Landkarte, wer organisiert die Schicksalsgemeinschaft?

Gott selbst führt hier sein Volk in die Freiheit, geht voran, lässt die nicht im Stich, die er in die Freiheit gerufen hat, ist Tag und Nacht vor ihnen. Freilich: andere Sicherheiten werden nicht gegeben als die Wolken- und die Feuersäule, keine gebahnten Wege, keine Fahrpläne, kein Geleit. Die Entronnenen sind ohne Waffen entkommen, ihr Schutz ist der Schutz des unsichtbaren Gottes.

Mir kommen die Juden in den Sinn, die der Naziherrschaft entronnen sind, die wenigen, die davongekommen sind. Mir kommen die Menschen unserer Tage in den Sinn, die durch die Wüsten und über das Meer geflüchtet sind, alles hinter sich lassend, was einmal ihre Heimat war und zu ihrer Heimat gehört hat. Es steht beim Aufbruch nicht fest, wie die Geschichte ausgeht. Die erste Station, die genannt wird, heißt „Etam“ – „am Rande der Wüste.“ Mir kommen aber auch Geschichten in den Sinn, wo Menschen nicht aufbrechen in die Freiheit, sondern vertrieben werden aus ihren Häusern, Dörfern, Städten, von ihren Unterkünften in Parks, unter Brücken, in U-Bahnstationen. Wohin können sie gehen? Wo finden sie Wolken- und Feuersäule?

Was sagt uns der Text am Ende dieses Jahres?

500 Jahre Reformation haben wir gefeiert in diesem Jahr, haben uns in vielen Veranstaltungen an Martin Luther erinnert, der am Ende des Jahres 1517 zwar noch Angehöriger eines Ordens war, einen Platz und einen Auftrag hatte, dem aber der Boden unter den Füßen wegzubrechen drohte und der nicht zugesehen hat, dass er Land gewinnt, sondern den Weg ins Ungewisse weitergegangen ist, allein sich verlassend auf das, was er aus seinem Studium der Bibel für wahr und recht erkannt hatte. Aufbruch in die Freiheit. Station am Rand der Wüste. Bald würde er allein vor dem Kaiser stehen.

Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.

Wohin wandern wir als Evangelische Kirche? Wer ist bei uns? Wen nehmen wir mit? Wen lassen wir zurück? Woran orientieren wir uns? Manchmal kommt es mir vor, wir lagerten gerne und lang in „Etam“ – „Am Rande der Wüste“. Weitergehen ist so anstrengend. Die Frauen und Männer, die gehofft hatten, die Synode würde eine Entscheidung für eine Freigabe der kirchlichen Trauung gleichgeschlechtlicher Paare treffen, waren schwer enttäuscht. Kein Aufbruch, auch wenn eine Mehrheit die Wolken- und Feuersäule gesehen hatte. Wir lagern weiter am Rande der Wüste. Noch ist es nicht unbequem.

Wohin wandern wir als Gemeinde? Wohin als Einzelne? Wir sind es gewohnt mit dem Navi unterwegs zu sein, haben Fahrpläne und kennen die Kosten. Es ist alles geordnet, das Gesundheitswesen, die Laufbahn der Kinder, wir kaufen ein und tauschen um, wir hören die Nachrichten und sind in Verbindung überallhin. Wir brauchen nicht Wolken- und Feuersäule –

und wissen doch, dass all das, womit wir uns Sicherheit schaffen, nicht wirklich Sicherheit gibt. Da ist die Angst vor dem Klimawandel, die Angst vor Terroranschlägen, die Sorge, dass in dieser Welt noch viel mehr durcheinandergeraten könnte und die Dinge nicht mehr beherrschbar wären. Da wächst im einen Teil der Welt eine Jugend heran, die keinen Zweifel hat, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, die aber mit dem Leben vor dem Tod nichts anfangen kann, – und in unserem Teil der Welt eine Jugend, die mit ihrem Leben viel anfangen kann und sich eine gute Zukunft erträumt, aber den Tod über alles fürchtet, weil sie Zweifel hat, ob es ein Leben danach gibt.

Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.

Wir haben sie aus dem Blick verloren, die Wolkensäule und die Feuersäule, die Zeichen Gottes, die uns den Weg durch die Wüsten unserer Tage weisen. Ja, wir haben die Freiheit gewonnen, aber wohin geht der Weg? Wird es im neuen Jahr eine Regierung geben, die wirklich bereit ist zur Verantwortung? Viele hoffen es, aber wird eine neue Regierung ihrer Verantwortung dann auch wirklich gerecht werden können?

Und doch: „Gott liebt diese Welt. Feuerschein und Wolke und das Heilge Zelt sagen seinem Volke: Gott ist in der Welt.“ – „Ich bin gewiss“ hat es in der Schriftlesung geheißen (Röm. 8,38). „Ich bin gewiss“ möchte ich auch heute sagen, dass Gott in dieser Welt ist. Ja, in seinem Wort. Ja, in Jesus Christus. Ja, in Brot und Wein. Ja, im Wirken des Geistes. Ja, in dem, dass er Menschen beruft und sendet. Aber ich bin auch gewiss: Gott lässt sich nicht verwalten. Feuerschein und Wolke lassen sich nicht verwalten. Gott hat sich nicht an Vorschriften, Pläne und Dogmen gebunden, sondern an seine Welt, an seine Menschen, an sein Volk, an Jesus Christus, an seine Gemeinde. Und deshalb lasst uns achten auf Feuerschein und Wolke, nicht auf Feuerwerk und Events, auf seinen Ruf zum Aufbruch auch im Neuen Jahr. Amen.

[1]

וַיִּסְע֖וּ מִסֻּכֹּ֑ת וַיַּחֲנ֣וּ בְאֵתָ֔ם בִּקְצֵ֖ה הַמִּדְבָּֽר׃ 20
וַֽיהוָ֡ה הֹלֵךְ֩ לִפְנֵיהֶ֨ם יֹומָ֜ם בְּעַמּ֤וּד עָנָן֙ לַנְחֹתָ֣ם הַדֶּ֔רֶךְ וְלַ֛יְלָה בְּעַמּ֥וּד אֵ֖שׁ לְהָאִ֣יר לָהֶ֑ם לָלֶ֖כֶת יֹומָ֥ם וָלָֽיְלָה׃ 21
לֹֽא־יָמִ֞ישׁ עַמּ֤וּד הֶֽעָנָן֙ יֹומָ֔ם וְעַמּ֥וּד הָאֵ֖שׁ לָ֑יְלָה לִפְנֵ֖י הָעָֽם׃ פ 22

 

Schuldenerlass!

Predigt am 19. November 2017
in der Konstanzer Kirche in Ditzingen

Predigttext: Lukas 16,1-8

Er sprach aber auch zu den Jüngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz. 2Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein.

3Da sprach der Verwalter bei sich selbst: Was soll ich tun? Mein Herr nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln. 4Ich weiß, was ich tun will, damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde. 5Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden für sich, und sprach zu dem ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig? 6Der sprach: Hundert Fass Öl. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib flugs fünfzig. 7Danach sprach er zu dem zweiten: Du aber, wie viel bist du schuldig? Der sprach: Hundert Sack Weizen. Er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig. 8Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte.

Predigt

Liebe Gemeinde,

was für ein merkwürdiger Text! Es liest sich beinahe als würde hier etwas erzählt, was Veruntreuung und Korruption gutheißt. Lobt Jesus nicht an anderen Stelle den Haushalter, der treu ist und das Vermögen seines Herrn vermehrt? Und was soll uns das alles heute sagen? Schauen wir auf ein paar Details genauer hin.

Da ist zum einen der Zusammenhang. Der Satz, der diesem Abschnitt vorausgeht ist der letzte Satz des Gleichnisses „vom verlorenen Sohn“ oder „vom Vater und seinen beiden Söhnen.“ Der letzte Satz dieses Gleichnisses ist an den älteren Sohn gerichtet, der sich beklagt hatte über die Großzügigkeit seines Vaters gegenüber seinem gefallenen und heimgekehrten Bruder: Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden. Gott ist nicht kleinlich!

Und gerade, als sollte dieses Thema noch einmal ganz anders aufgegriffen werden, folgt nun der nächste Abschnitt, mit dem Jesus sich an seine Jünger wendet: „Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter …“, einen Ökonomen, wie es ursprünglich heißt; der ist von Kündigung bedroht, weil Vorwürfe im Raum stehen, berechtigt oder unberechtigt, dass er nicht wirtschaftlich handeln würde. Er bekommt eine Abmahnung: „Was höre ich da von Dir? Gib Rechenschaft!“ 

Der Verwalter wiederum überlegt, wie es weitergehen könnte nach der Kündigung: „Graben kann ich nicht …“ – „Graben“ ist Sklavenarbeit. Man denke nur an die enormen Bauwerke, die in römischer Zeit auch in Israel errichtet wurden, der Tempel des Herodes, seine Paläste, Burgen. „Graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln.“

Ich denke an die Menschen, die von Entlassung bedroht sind. Diese Woche die Ankündigung von Siemens, dass mehrere Tausend Stellen abgebaut würden, zwei Standorte aufgelöst werden sollen. Da trifft es viele, anderswo trifft es einzelne. Eine Kündigungsdrohung löst Existenzängste aus. Wer betroffen ist, hat möglicherweise einen schweren Absturz vor sich. Oft sind nicht einzelne betroffen, sondern ganze Familien. Was soll werden?

„Graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln.“  Diese Woche haben die Medien berichtet, dass das Problem der Wohnungslosigkeit zunimmt. In der Süddeutschen Zeitung an hervorgehobener Stelle ein Interview mit Pfarrer Joachim Lenz, dem Direktor der Berliner Stadtmission:
Scham ist am Ende tödlich.

Das Leben auf der Straße ist hart. Die Gründe, warum viele Menschen keine andere Chance haben oder sehen, sind ganz unterschiedlich. Die meisten rutschen nach einer biografischen Katastrophe oder aufgrund psychischer Probleme in die Obdachlosigkeit ab. Und wenn man erst mal ganz unten angekommen ist, geht es schnell, dann gibt man sich auf.

Wir bekommen Obdachlose oft nicht dazu, sich helfen zu lassen, weil sie sich so schämen. Das ist in den unterschiedlichsten Phasen so. Manche verschwinden bei Beratungsgesprächen aus Wartezimmern oder wollen nicht duschen, weil sie anderen nicht zumuten wollen, wie sie aussehen.

Der Verwalter, der Ökonom wird aktiv angesichts düsterer Aussichten für seinen Job. Er geht nicht ins Gebet, geht nicht auf die Knie, geht überraschend auf die Geschäftspartner seines Arbeitgebers zu und verhandelt mit ihnen, handelt mit ihnen einen Teilerlass ihrer Schulden aus. – Und dass ihre Schulden um die Hälfte erlassen werden, bedeutet ja, dass sie die andere Hälfte zurückzahlen. Ein Entschuldungsprojekt ist die Antwort des Verwalters auf die Abmahnung.

Vor ein paar Wochen haben wir das Gottesdienstopfer für den Entschuldungsfonds des Kreisdiakoniewerks erbeten. In der großen Politik wird um Entschuldung gerungen. Die harte Linie: es wird nichts erlassen. Die Konsequenz: die Gläubiger müssen die Schulden nicht abschreiben, die Schuldner kommen aber auch nicht mehr auf die Beine. Griechenland. Andere Länder.

Das Gleichnis endet mit dem Satz:

„Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte.“

Danach kommen noch weitere Schlussfolgerungen, die sich auf das Gleichnis beziehen. Aber belassen wir es bei diesem Satz, dass der Herr seinen miserablen Verwalter nun auf einmal lobt, weil er klug gehandelt hat. Vielleicht war’s doch nicht nur Veruntreuung, dass er den Schuldenerlass durchgezogen hat. Vielleicht war es tatsächlich klug. Die Geschichte endet nicht mit der angedrohten Entlassung, sondern mit einem hohen Lob. Wie es weitergeht, bleibt offen. Auf die Abmahnung folgt – wie man das heute nennt – eine Neubewertung der Umstände.

Liebe Gemeinde,
es fühlt sich an wie Nachrichten aus Politik und Wirtschaft. Gehört das in einen Gottesdienst? Und doch, es gehört dahin, weil es darum geht, wie Menschen miteinander umgehen, wie sie sich behandeln, wie sie einander beistehen oder einander fallen lassen.

Die Hierarchie wird nicht in Frage gestellt. Da ist der Herr, da ist der Verwalter, da sind die Schuldner. Die einen oben, die anderen unten, manche dazwischen. Die dazwischen machen den Mittelstand aus. Aber es ist nicht, wie im indischen Kastensystem, dass man sich unter seinesgleichen aufhält. Die Welt der Bibel ist die Welt, in der man es miteinander zu tun bekommt, in der Rechenschaft verlangt und gegeben wird, in der, obwohl es so scheinen könnte, nicht Willkür herrschen darf. „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern,“ heißt es an anderer Stelle bei Lukas.

Und deshalb am Friedenssonntag, am Volkstrauertag eine Erinnerung an Schuldenerlass und Schuldendienst! Ja, wir haben alle etwas zurückzuzahlen für das, was uns geliehen ist, unser Leben, unsere Zeit, unsere Begabungen, unser Besitz. Und wenn wir zurückzahlen müssten, was wir schuldig sind,  – wir könnten es nicht. Vielleicht können wir etwas zurückgeben, uns dankbar und erkenntlich zeigen, vielleicht können wir selbst großzügig sein, weil wir auf Großzügigkeit angewiesen sind. Aber wäre es mehr als ein kleiner Dank? Mehr als eine bescheidene Geste? Sicher nicht. Gerecht würden wir dem, was uns geliehen ist, damit noch lange nicht.

Reflektiert Jesus mit diesem Gleichnis nicht zugleich sein eigenes Handeln, indem er sieht, was ein Mensch Gott schuldet an Gerechtigkeit, an Vollkommenheit und wie er dem, was er schuldet, nicht gerecht wird? Hatte er seinen Zuhörern in der Bergpredigt nicht gesagt: „Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ O ja! Da sind die Forderungen an die Menschen, an einen jeden von uns, an mich und uns alle, und unser Unvermögen, sie zu erfüllen. „Ich elender Mensch“, sagt Paulus, „wer wird mich erlösen?“ Ein Luther, der fast daran zerbrochen ist, nicht gut genug zu sein.

Da sieht einer, Jesus, dass wir einen Schuldenerlass brauchen, eine großzügige Ermäßigung. Er wird sogar so weit kommen, dass er sich dafür hergibt, dass alles erlassen wird, nichts mehr in der Kreide steht.

Vielleicht kennen Sie den Text von Lothar Zenetti, mit dem ich schließen möchte, haben ihn schon gehört oder Sie hören ihn zum ersten Mal. Er klingt heiter, aber er hat einen tiefen Ernst:

Am Ende die Rechnung

Einmal wird uns gewiss
die Rechnung präsentiert
für den Sonnenschein
und das Rauschen der Blätter,
die sanften Maiglöckchen
und die dunklen Tannen,
für den Schnee und den Wind,
den Vogelflug und das Gras
und die Schmetterlinge,
für die Luft, die wir
geatmet haben, und den
Blick auf die Sterne
und für all die Tage,
die Abende und die Nächte.

Einmal wird es Zeit,
dass wir aufbrechen und
bezahlen;
bitte die Rechnung.
Doch wir haben sie
ohne den Wirt gemacht:
Ich habe euch eingeladen,
sagt der und lacht,
so weit die Erde reicht:
Es war mir ein Vergnügen!

Amen.

(Lothar Zenetti, Sieben Farben hat das Licht. Neue Texte für den einzelnen und die Gemeinde, Verlag J. Pfeiffer München, 1974, 293 = Ders., Auf seiner Spur, Grünewald-Verlag Ostfildern, 42006, 198)

Gottesdienst am 16. Juli 2017 in der Bartholomäuskirche – 5. So. n. Trinitatis – Verabschiedung Pfr. Traugott Plieninger u. Familie

ERÖFFNUNG UND ANRUFUNG

Musik zum Eingang, Posaunenchor: „Are you ready?“
(Richard Roblee, *1943)

Kantorei: „Der Herr ist mein Hirt“ (Bernhard Klein)

Begrüßung

Lied: Mein erst Gefühl sei Preis und Dank     451,1-10

Wochenspruch (5. So. n. Trin.)

Aus Gnade
seid Ihr
selig geworden
durch den Glauben,
und das nicht aus euch:
Gottes Gabe ist es.
Eph. 2,8

Eingangswort

Eröffnung – Im Wechsel gesungen

  1. Der mich atmen lässt, bist du, lebendiger Gott, der mich leben lässt, bist du, lebendiger Gott. Der mich schweigen lässt, bist du, lebenidger Gott. Der mich atmen lässt, bist du, lebendiger Gott.
  2. Der mich warten lässt, bist du, lebendiger Gott / der mich handeln lässt, bist du, lebendiger Gott. / Der mich Mensch sein lässt, bist du, lebendiger Gott / der mich atmen lässt, bist du, lebendiger Gott.
  3. Der mich pflanzen lässt, … / der mich wachsen lässt, … / der mich reifen lässt… / der mich atmen lässt, …
  4. Der mich glauben lässt, … / der mich hoffen lässt, … / Der mich lieben lässt, …/ der mich atmen lässt, …
  5. Der mich weinen lässt. …/ der mich lachen lässt, … / Der mich trösten lässt, … / der mich atmen lässt, …
  6. Der mich tanzen lässt, …/ der mich singen lässt, …/ Der mich still sein lässt, …/ der mich atmen lässt, …
  7. Der mich beten lässt, … / der mich preisen lässt, … / Der mich bergend hält, … / der mich atmen lässt, …
  8. Der mir Freude schenkt, … / der mir Freiheit schenkt, … / Der mir Leben schenkt, … / der mir Atem schenkt …

Text: Anton Rotzetter, Melodie: Beate Bendel; © Herder-Verlag, Freiburg

Psalmgebet: Psalm 84     734

Gebet zum Eingang – Stilles Gebet

Maren Jacob: „Singe, Seele, Gott zum Preise“ (G.F. Händel)

VERKÜNDIGUNG UND BEKENNTNIS

Schriftlesung: 1. Kor. 1,18-25 (Epistel)

18 Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist‘s eine Gotteskraft.
19 Denn es steht geschrieben: »Ich will zunichtemachen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.«
20 Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?
21 Denn weil die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben.
22 Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit,
23 wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit;
24 denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.
25 Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.

Kantorei:        „Lobe den Herren den mächtigen König“  (J.S. Bach)

Schriftlesung: Lukas 5,1-11 (Evangelium)

1   Es begab sich, als sich die Menge zu Jesus drängte, um das Wort Gottes zu hören, da stand er am See Genezareth
2   und sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze.
3   Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus.
4   Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!
5   Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen.
6   Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen.
7    Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken.
8   Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.
9   Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten,
10 ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.
11 Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

Maren Jacob:          „Dir, dir Jehova will ich singen“ (J.S.Bach)

Glaubensbekenntnis     686

Wochenlied (neu):  Nun aufwärts froh den Blick gewandt…      394,1-5

Predigttext: Johannes 1,35-42

35    Johannes, der Täufer, stand am Jordan und zwei seiner Jünger;
36    und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm!
37    Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach.
38    Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister –, wo ist deine Herberge?
39    Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen‘s und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde.
40     Einer von den zweien, die Johannes gehört hatten und Jesus nachgefolgt waren, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus.
41    Der findet zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden, das heißt übersetzt: der Gesalbte.
42    Und er führte ihn zu Jesus. Als Jesus ihn sah, sprach er: Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du sollst Kephas heißen, das heißt übersetzt: Fels.

Predigt

Liebe Gemeinde,

aus dem Schatz der Bibel eine Berufungsgeschichte, ein wenig anders erzählt als bei Lukas, gerade als wolle der Schreiber des Johannesevangeliums etwas berichtigen, als wolle er sagen: es war eigentlich so!

Die Evangelien sind im Rückblick geschrieben – wie es manchmal gut ist Rückblick zu halten. Was ist nicht alles gewesen in den letzten 19 Jahren, in denen wir Plieningers dabei sein durften, unseren Anteil beisteuern durften. Aber wir halten ja dieses Jahr auch Rückblick auf 500 Jahre Reformation, befassen uns mit Martin Luther – oder, wie der Arbeitskreis Geschichtsforschung mit seinem Jahresausflug gestern, mit Martin Bucer, dem Reformator im Elsaß.

Und wir lesen die Bibel, das Neue Testament, das Alte Testament, gehen zurück auf die Anfänge, mit dem heutigen Predigttext auf die Geschichten am Jordan. Johannes der Täufer taucht auf und deutet auf Jesus. Ich habe das Bild in die Programme genommen, das Johannes den Täufer darstellt, Gert Fabritius, gestaltet in Anlehnung an den Isenheimer Altar. Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen, sagt Johannes. Matthias Grünewald und Gert Fabritius nehmen die Szene vom Jordan weg und verlegen sie auf die Kreuzigung: „Wir aber predigen Christus, den gekreuzigten“ sagt Paulus, haben wir in der Schriftlesung gehört.

In unserem Abschnitt sagt Johannes: „Siehe, das ist Gottes Lamm!“ Was bedeutet das? Zweimal fällt der Begriff. Die erste Fundstelle ist kurz vor dem Predigttext, da heißt es noch, das Lamm, das der Welt Sünde trägt, als wäre ihm alle Last, alles Unrecht, alles Schlimme dieser Welt zu tragen auferlegt. Jesus reagiert darauf nicht, kommentiert nicht, was Johannes über ihn sagt. Aber er wird die Last dieser Welt zu tragen bekommen, wird sie tragen.

Die Jünger. Zwei wechseln von Johannes zu Jesus. Einer sagt: „Wir haben den Messias gefunden“ und bringt seinen Bruder Simon mit. Von da an wird für sie alles anders: „This day ist the first day of the rest of your life” – “Heute ist der erste Tag vom Rest Deines Lebens.” Mit diesem Aufbruch hat für die Männer ein neues Leben angefangen. Von dem, was vorher war, wissen wir fast nichts.

Aufbruch. Jesus bespricht mit ihnen nicht, was er vorhat. Sie lassen sich nicht auf ein Projekt ein, sie entwerfen nicht ein Konzept, sie suchen nicht einen guten Standort, sie kümmern sich nicht um Finanzierung und Zuschüsse, sie nehmen keine Unternehmensberatung in Anspruch, sie gründen keine Kirche, sind erfinden keine Religion, sie folgen Jesus, von dem sie glauben, er ist der Messias.

Es ist auch keine Allerweltsgeschichte. Von den vielen, die zu Johannes an den Jordan gekommen sind, sind die allermeisten wieder nach Hause gegangen. Ein paar sind seine Jünger geworden, ein paar sind Jesus nachgefolgt. Deren Geschichte ist mit dem Anfang der Christenheit eng verknüpft.

Am Anfang steht Offenheit,
am Anfang steht Bereitschaft,
am Anfang steht vielleicht auch Neugier,
am Anfang stehen auch gemischte Gefühle: aus dem Gewohnten, Bekannten aufbrechen …
Und doch wird man sagen müssen,
dass ohne Aufbruch kein Vorwärtskommen ist.

Einen winzig kleinen Abschnitt dieser Geschichte haben wir in den 19 Jahren miteinander weitergetragen. Wenn ich die Liste der Pfarrer auf dieser Stelle ansehe, ist jetzt der Übergang vom 41. zum 42. Pfarrer. Durchschnitt etwa 12 Jahre bis meine Vorgänger weitergezogen sind oder verstorben sind. Es ist schon bewegend, in solch einer Liste zu stehen, aber noch bewegender in einer Linie seit den Tagen Jesu und der Apostel zu stehen, in der wir alle stehen. Auf ihn, auf diese Geschichte berufen wir uns, wenn wir im Gottesdienst das Glaubensbekenntnis sprechen, die Bibeltexte verlesen, Taufe und Abendmahl feiern.

Manchmal hat man festen Boden unter den Füßen, manchmal ist es ein Balanceakt, deshalb finden Sie diese waghalsige Skulptur in den Gottesdienstprogrammen beim Wochenspruch (s.o.). Ein Windstoß könnte sie zum Einsturz bringen, aber sie hält.

Bauen.

Im Gottesdienstprogramm ist beim Glaubensbekenntnis das Bild vom Gemeindehausneubau abgebildet. Er hat uns in den Jahren 2001, 2002 beschäftigt. 2003 haben wir die Einweihung gefeiert. Es ist schon lange her und war doch ein wichtiger Abschnitt unserer Geschichte.

Gemeinde hat immer mit Bauen zu tun, mit neu Bauen oder Sanieren, mit Umbauen, mit Veränderung. „Alles bleibt anders“ habe ich vor einem Jahr im Gemeindebrief geschrieben. Was wurde nicht alles gebaut die letzten Jahre und doch ist so vieles noch weiterzubauen, die Kirche weiter zu renovieren, die Pfarrhäuser, der Kirchplatz, die Kindergärten.

Bauen aber auch nach innen.

Veränderungen im Gemeindeleben, vielleicht am besten ablesbar in den Wahlperioden des Kirchengemeinderats, wo sich dann im Leitungsgremium der Kirchengemeinde der Generationenwechsel in der Gemeinde widerspiegelt. Da darf auch einmal eine Pfarrstelle neu besetzt werden.

Nun aufwärts froh den Blick gewandt…

Das Bild mit Pfarrer Schleinitz ist mir die letzten Tage begegnet. Einer, der noch unter uns ist. Andere sind es längst nicht mehr. Bei meiner Investitur 1998 war noch Pfarrer Fiffek dabei, ich denke an die Jahre mit Walter Pflugfelder, an all die Kolleginnen und Kollegen der letzten Jahre samt Vikarin und Vikaren. Das sind schon eine Menge Namen, die hier genannt werden könnten.

„Rabbi, wo ist deine Herberge? Er sprach zu ihnen: Kommt und seht!“ Wer im Johannesevangelium liest, merkt sehr schnell, dass die Worte eine vordergründige und immer auch eine tiefere Bedeutung haben. Jesus sagt nicht, wo er wohnt, gibt keine Adresse an, geschäftlich oder privat. Er hat keinen Firmensitz und keinen Wohnsitz im üblichen Sinn. Kommt und seht… – „Heute hier, morgen dort, bin kaum da, muss ich fort, hab mich niemals deswegen beklagt, hab es selbst so gewählt, nie die Jahre gezählt, nie nach gestern und morgen gefragt…“ Das Lied von Hannes Wader kommt mir in den Sinn.

„Kommt und seht…“ – „Sie kamen und sahen‘s und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde.“ Es gibt das Heute, das Hier und Jetzt, es wird immer konkret, bleibt nicht im Ungefähren, und auch wenn Jesus keine Adresse angibt, so ist er doch an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit. Es ist keine Idee, es ist Wirklichkeit.

Weitergehen bedeutet, Spuren hinterlassen. „Auf den Spuren Jesu“ sind Reisegruppen unterwegs, auf den Spuren Martin Luthers waren wir in der Woche nach Pfingsten unterwegs. Bei Luther war es uns sehr eindrücklich, welches Werk er in Gang gesetzt hat ohne es zu wollen, nur, indem er sich den Herausforderung gestellt hat, die er erkannt hatte. Und war doch ein Mensch mit Fehlern und Schwächen, ist in manchem auch falsch gelegen, worüber man heute offen spricht.

Spuren hinterlassen… Es können viele Spuren oder wenige Spuren sein, und wenn im Rückblick viel Positives genannt und gesehen und erwähnt wird, so ist mir doch wichtig, dass ich Menschen auch enttäuscht oder verletzt haben kann, wo es mir Leid tut; aber vielleicht hab ich es nicht einmal mitbekommen und bitte um Vergebung.

Die Verbundenheit mit Markgröningen wird bleiben. Wir werden ja in Ditzingen in der Gröninger Straße wohnen, die Verbindungen sind längst nicht alle abgeschnitten: der Kirchenbezirk und vieles andere hält uns ja vorläufig beisammen. Wichtiger ist die Verbundenheit im Glauben und zum Glauben, die Verbundenheit mit Jesus Christus, der dann gesagt hat: Ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende. Amen.

Musikstück Posaunenchor:    „Ein feste Burg ist unser Gott”
(Felix Mendelssohn Bartholdy)

FÜRBITTE UND SENDUNG

Fürbittengebet

Vaterunser

Lied:   Der Herr, der Schöpfer bei uns bleib     140,2-5

Bekanntgaben

Musikstück Posaunenchor

Segen

Musik zum Ausgang

 

Gelassenheit

Liebe Leserin, lieber Leser,

mit dieser Ausgabe der Markgröninger Nachrichten verabschiede ich mich auch von Ihnen als treue oder gelegentliche Leserinnen und Leser dieser Spalte. Einer, der mir immer wieder etwas zu sagen hatte, ist und war der Philosoph und Mystiker Meister Eckhardt, einer der großen Denker des Mittelalters. Seine Lebensdaten (1260-1328) fallen genau mit der Bauzeit unserer Bartholomäuskirche zusammen. Sein großes Thema war Gelassenheit. Einen seiner Sätze habe ich mir so in den Kalender geschrieben, dass ich von Zeit zu Zeit daran erinnert werde:

Darum fange bei dir selbst an und lass dich.

Je mehr die Menschen nach außen gehen, umso weniger finden sie Frieden. Sie gehen wie jemand, der den Weg nicht findet. Je weiter er geht, umso mehr verirrt er sich. Was soll er also tun? Er soll sich selbst erst einmal lassen, dann hat er alles gelassen.

Die Worte haben in 750 Jahren nichts von Ihrer Bedeutung verloren. Im Gegenteil, sie scheinen so zutreffend wie nie zuvor. – „Je mehr die Menschen nach außen gehen, umso weniger finden sie Frieden.“

Es kommt mir vor, als wäre unserer Epoche die Mitte abhandengekommen und es gähnte im Innern eine große Leere, die sich schwer füllen lässt. Der Rat des Meisters: Gelassenheit. Er rät bei sich selbst anzufangen und sich zu lassen. Merkwürdig, denke ich, dass ein erfülltes Leben mit Gelassenheit zusammenhängt, damit, lassen zu können und sich lassen zu können, auch loslassen zu können. Es ist eine Übung, kein Besitz, das Lassen und Loslassen. Wir müssen es immer wieder von neuem lernen zur Gelassenheit zu kommen. Am ehesten kommen wir zur Gelassenheit durch Gebet. Gebet und Schwimmen sind sich darin ähnlich, dass man den festen Boden unter den Füßen verlassen muss, sich nicht festhalten darf und nur durch Loslassen vorwärtskommt. Wer schwimmt, hat das Ufer vor Augen, die/der Betende Gott.

Ihr Pfarrer Traugott Plieninger

[Amtsblatt Markgröninger Nachrichten 07.07.2017 | Evangelische Kirchengemeinde Markgröningen]