Stille

Beitrag zur Schreibwerkstatt WS 25/26

Tag zwei unserer Wanderung in der Sahara. Wir waren nach Marrakesch geflogen, hatten die unvergleichliche Stadt genossen und sind dann über das Atlasgebirge gefahren in den Süden Marokkos. Ein Stopp in Zagora, der letzten Stadt am Rande der Wüste. Wir besuchen den Markt, besorgen uns den Chèche, das lange Baumwolltuch, lernen es als Turban zu binden. Wir werden ihn brauchen bei unserer Wanderung durch die Wüste. Dann fahren wir weiter nach Süden, noch 90km durch das Draa-Tal, das jetzt kein Wasser mehr führt, zur Oase Mhamid, beziehen das Wüstenhotel Chez le Pacha für eine Nacht, wählen für diese erste Nacht in der Wüste die einfachste Zimmerkategorie, treffen uns zum Abendessen im Restaurant, bereiten dann unser Gepäck vor für die kommenden sechs Tage, legen uns zur Ruhe. Es ist still, unbeschreiblich still, so still, dass man sich vor dem Einschlafen schon fast fürchtet. Ich greife zu einem Büchlein mit irischen Gebeten, Segensworten, kurzen Besinnungen, denke an die Oma unserer Kinder, meine Schwiegermutter, die im Sterben liegt. Werde ich sie noch einmal sehen, wenn wir zurück sind? Schließlich schlafe ich doch ein. Es weckt mich der Esel, der laut schreit wie nur Esel schreien können, fast gleichzeitig ruft der Muezzin beim ersten Silberstreif am Horizont zum Gebet.

Wir treffen uns beim Frühstück, unsere Begleiter mit den Kamelen sind da. Wir bringen unsere Tagesrucksäcke und, pro Person, eine weitere Tasche zum Bepacken der Kamele. Unser restliches Gepäck bleibt im Hotel. Hamid, unser Guide, und seine Mannschaft packen routiniert. Wasser in 1,5-Liter-Flaschen, kleine Zelte für ein- oder zwei Personen, Gemeinschaftszelte, Kücheninventar und Lebensmittel. Mit allem werden die Kamele beladen, 14 oder 15 Tiere. Unglaublich, was sie tragen können. Dann starten wir, lassen die Zivilisation hinter uns, fließendes Wasser, Elektrizität, Häuser, Straßen, Wege, Verkehrsschilder, Werbung, Schaufenster, Behörden, Geschäfte. Wir wandern mit unseren Begleitern, mit den Kamelen, sind froh, dass wir nicht allein sind. Jetzt ist jeder wichtig. Nach einer guten Stunde gibt es eine Pause, dann geht es weiter. Die Sonne steigt höher, unsere Schatten werden kürzer, wir spüren die trockene Hitze. Die zweite Pause ist die Mittagspause. Die beiden Gemeinschaftszelte werden aufgestellt. Schatten! Schatten hat hier eine andere Bedeutung als in unserem gemäßigten Klima in Deutschland. Schatten ist lebensrettend. Schatten und Wasser sind lebensrettend. – Irgendwann brechen wir noch einmal auf, wandern wieder zweimal eine gute Stunde, dann sind wir am späteren Nachmittag in einer Umgebung, die für das Nachtlager wie geschaffen ist: sanfte Dünen, ein bisschen karge Vegetation, keinerlei Hinterlassenschaften von irgendetwas Lebendigem, was vor uns da gewesen sein könnte. Wir werden unseren Müll auch mitnehmen und das Terrain sauber verlassen. Die Kamele werden von ihren Lasten befreit. Sie bleiben in der Nähe des Lagers. Jede und jeder sucht sich einen Platz für sein Zelt oder sein Open-Air-Nachtquartier, entrollt Isomatte und Schlafsack, zieht sich um für die Nacht. Es wird kalt. Schon spürt man, dass die Sonne nicht mehr die Kraft hat wie zuvor. Später sind wir im Gemeinschaftszelt, essen, trinken Tee, nach und nach ziehen sich alle zurück, schlafen unterm Sternenhimmel oder im Zelt unter dem Sternenhimmel. Weißt du, wieviel Sternlein stehen?

Ein Moment ist mir besonders in Erinnerung. Es war nach der zweiten Tageswanderung, im Kalender der 30. Oktober 2011, – aber wir waren ja außerhalb jedes Gefühls für den Kalender, kannten nur den Morgen, den Mittag, den Abend, die Nacht in der Wüste. Wir waren wieder angekommen, Tag zwei dieser Wüstentage, hatten in der Nachmittagssonne uns in einer besonders schönen Umgebung für unseren Platz für die Nacht entschieden. Noch war es hell, und jede und jeder für sich irgendwo in den Dünen, waren in Sichtweiter voneinander, in Sichtweite zu den Gemeinschaftszelten. Es war still, nirgendwo eine Unterhaltung. Es war so still, dass man von der Stille geradezu berührt war. Es war nicht Abwesenheit von Geräusch, Gespräch, Lärm oder Summen, es war nicht die kurze Stille des Gebets in der Kirche, nicht die Stille irgendeiner Einsamkeit, nicht die Stille der Nacht. Es war eine Stille, aus der heraus fast unmerklich, aber doch deutlich Töne zu hören waren, sphärische Klänge. Aber waren es nicht doch bekannte Töne, die da vom Wind herübergetragen wurden? War das nicht Mozart? Es hörte sich an, als wäre es die kleine Nachtmusik, so leise und doch deutlich genug, dass sich die Töne harmonisch mit der Stille verbanden, die Stille nicht zerstörten, sondern ihr einen zusätzlichen Klang gaben. Irgendwann war alles vorbei. Später habe ich gefragt, ob noch jemand anderes gehört hätte, was ich gehört hatte. Ja, einer der Wüstenwanderer hatte als eiserne Ration Musik im Gepäck – für besondere Momente. Es war ein besonderer Moment, und jedes Mal, wenn ich die kleine Nachtmusik jetzt höre, bin ich zurückversetzt in diesen Moment in der Wüste, der jeden Tag länger zurückliegt und doch nachklingt, weiter nachklingt.

Verstanden – Unverstanden (4.2.24)

Verstanden

Unverstanden

Schreibwerkstatt – Wunderbar

Es ist zum Allerweltswort geworden. Alles kann wunderbar sein, eine Nachricht, ein Moment, eine Begegnung, ein Nachtisch, das Wetter. Je länger ich nachdenke, wann ich das Wort wunderbar verwende oder wo es mir begegnet, kommen mir Zweifel, ob der inflationäre Gebrauch von wunderbar nicht ein Grund sein müsste, darüber nachzudenken, was wir wirklich und nachhaltig (noch so ein Wort) als wunderbar empfinden, empfunden haben. Worüber wundern wir uns nicht ständig? Und wo ist das Wunder? Wunderlich ist nicht wunderbar, eher sonderbar, wen wundert es? Lassen wir das, das Wörter Sammeln. Einverstanden? Wunderbar!

Wenn ich versuche, »wunderbar« zu beschreiben, denke ich an die Eindrücke einer besonderen Reise im Herbst 2011. Der Flug ging von München nach Marrakesch, wo wir einen Abend und den nächsten Tag in die unbeschreibliche Atmosphäre dieser Stadt eintauchten. Djemaa el Fna, der Platz der Gauklar, der Jardin Majorelle, der Bahia Palast, die Koutoubia-Moschee, Pomeranzenblüten, tausend Düfte, Farben, Gewürze, Parfums.

Mit diesen Eindrücken, für die sich die Reise schon an den ersten beiden Tagen gelohnt hatte, fuhren wir in Richtung Süden. Zwischenstation in Ai-Ben-Haddou, Weltkulturerbe, dann, am Fuße des Atlasgebirges, zugleich am Rand der Sahara Zagora, das Tor zur Wüste.

Die erste Nacht in der Wüste im Wüstenhotel Chez le Pacha in der Oase mHamid, wo uns am nächsten Morgen der Schrei eines Esels und der Ruf des Muezzins weckten. Ich weiß nicht mehr, was zuerst die für uns ungewohnte vollständige Stille durchbrach. Draußen waren die Kamele bereit für unsere Wüstenwanderung. Unsere Begleiter waren drei Experten für Kamelwanderungen, ein Koch und Hamid, der einst in Deutschland studiert hatte und als Reiseleiter und Dolmetscher für gute Stimmung sorgte. Am Morgen des 30. Oktober brachen wir auf in die Wüste. Gepäck, Vorräte und ausreichend Wasser transportierten die Kamele. Wir waren guter Dinge für die nächsten 6 Tage.

Besondere Wüstenerfahrungen waren die Abende, wenn wir einen Platz für das Nachtlager gefunden hatten und irgendwo zwischen den Dünen unsere Isomatten ausbreiteten und den Schlafsack ausrollten. Noch war es angenehm warm. Faszinierend die Stille. Man ist ganz für sich an einem Ort, an dem man noch nie gewesen ist und an den man nur in Gedanken zurückkehren wird. Weit entfernt die Menschen, an die man denkt. Die Sonne steht schon tief. Bald wird sie verschwunden sein. Ganz leise höre ich von irgendwoher Töne. Ist das nicht Mozarts kleine Nachtmusik? Ich lausche. So intensiv habe ich das noch nie gehört. Jemand muss die Klänge von seinem Smartphone abspielen. Totale Stille der Wüste, und wie aus einer anderen Welt die kleine Nachtmusik. Später sitzen wir zusammen, unsere marokkanischen Wüstenmenschen und wir, der Tag klingt aus mit einfachem Essen, Tee und Gesprächen.

Die Nacht in der Wüste ist kalt. Man muss sich warm anziehen. Der Sternenhimmel ist unbeschreiblich. Einschlafen wie einst Abraham. Wunderbar. Wenn man einschläft oder zwischendrin aufwacht, liegt man unter Millionen und Milliarden Sternen. Die Nacht hat ihre eigene große Faszination! Der neue Tag kündigt sich an mit dem sprichwörtlich gewordenen Silberstreif am Horizont. Nur für kurze Zeit ist er zu sehen, dann geht die Sonne auf, schneller als man möchte. Der Mond steht still und schweiget, aber die Sonne ist unermüdlich unterwegs. Ein neuer Tag ist angebrochen.           Nov. 2023

Schreibwerkstatt

Die Kirche

Ein Baum,
mit Wurzeln,
Ästen,
weit verzweigt,
blühend von Zeit zu Zeit,
Früchte ausbildend,
mancher Ast morsch,
absterbend,
aber auch neue Triebe.
Die Kirche – Ein Baum?

Oder eher
ein Fluss
von der Quelle
bis zur Mündung
immer größer werdend
mit Zuflüssen,
in engen Tälern sich den Weg bahnend,
weite Ebenen gestaltend
Lebensraum bietend für vieles,
Ruderboote, Kähne, Schiffe tragend,
flussaufwärts, -abwärts,
verseucht, verschmutzt auch,
etappenweise renaturiert,
sich endlich in tausend Arme verzweigend
bis er sich ins Meer ergießt,
sich vermischt mit dem salzhaltigen Ozean

Wo sind wir,
von der Quelle weit entfernt,
kaum noch Zuflüsse,
wo längst alles hineingeflossen ist,
ins Delta

Klimawandel
Flüsse, die austrocknen,
Quellen, die versiegen,
Wüsten, die wachsen.
Was wird
aus der Kirche?

10.10.23

Schreibwerkstatt

Ein Versuch.
Schon die erste Runde begeistert mich,
Anregungen,
mein Zittern der Hand ist kein Problem,
auch anderes nicht, womit jemand sich schwer tun könnte,
die Freude an den Wörtern überwiegt,
macht Lust auf Sätze, Gereimtes und Ungereimtes,
die Zeilen fügen sich aneinander,
damit das, was zwischen den Zeilen ist,
Raum bekommt, Zwischenraum gewissermaßen,
womöglich das Unsagbare aufscheint,
das Unbeschreibliche nicht unter den Tisch fällt;
Werkstatt – wo dran gearbeitet wird,
bis es – vielleicht – fertig ist.
11.10.23

Weihnachten

Immer noch
ein Fest
alles intensiver
Die Freude
Die Trauer
Der Glaube
Der Zweifel
Überhaupt – der Glaube an das Gute
Der Zweifel – an allem

Alles intensiver

Die Erwartungen der Kinder
die Enttäuschungen auch

Wie lange hält man das aus?
Das Fest der Freude, des Friedens? 8.11.23

zu früh – zu spät

I

Es ist nie zu früh
und selten zu spät

Wer zu spät kommt,
den bestraft das Leben

Redensarten,
geflügelte Worte

um den rechten Zeitpunkt
herum

II

zu früh
geboren,
zu früh auf die Welt gekommen,
ein Frühchen

III

zu früh
das Ende

IV

was wäre, wenn
es
kein „zu früh“
kein „zu spät“
gäbe,
gegeben hätte?