Das Reich Gottes kann man nicht kontrollieren. Predigt am Sonntag Sexagesimae, 08. Februar 2015 über das Gleichnis vom 4fachen Ackerfeld

Predigttext: Lukas 8,4-8
Als nun eine große Menge beieinander war und sie aus den Städten zu ihm eilten, redete er in einem Gleichnis: Es ging ein Sämann aus zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges auf den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen’s auf. Und einiges fiel auf den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. Und einiges fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten’s. Und einiges fiel auf gutes Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Als er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Liebe Gemeinde,
das Gleichnis ist die Antwort. Was aber war die Frage?
Frage und Antwort, Wort und Antwort.
Das, was hier wichtig ist, spielt sich wohl in Frage und Antwort ab,
aber nicht in einem Interview, nicht in einer Schulaufgabe, nicht in einer Problemlösungsstrategie, sondern es ist wie ein Gespräch.

„Wort an Wort“ heißt ein Gedicht der Lyrikerin Rose Ausländer:

Wir wohnen
Wort an Wort

Sag mir
dein liebstes
Freund

meines heißt
DU

Ein Gespräch. Dieses Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld – Teil eines Gesprächs, Gespräch mit vielen.
Lukas schreibt: Als eine große Menge beieinander war und sie aus den Städten zu ihm eilten, redete er in einem Gleichnis… Ohne Mikrophon, ohne Kanzel, nicht von einem Podium, und doch ist Jesus ein Gegenüber, einer, den sie sehen wollen, hören wollen, erleben wollen, wie er aussieht, was er sagt, seine Stimme. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er mit diesem Gleichnis eine laute Ansage gemacht hätte, kann mir nicht vorstellen, dass es schriftlich herausgegeben wurde an die Menge. Es muss sich herumgesprochen haben als SEINE Weisheit:
„Nein, das Reich Gottes kann man nicht kontrollieren. Du kannst nicht hergehen und den Erfolg messbar machen – wie viele Menschen sind geheilt worden? Wie lange hat die Heilung bei einzelnen angehalten? Wieviel Streit ist geschlichtet worden? Wieviel Streit ist neu entstanden? Wie viele Menschen haben ein besseres Leben? Was ist ein besseres Leben? Wie definiert man das?
Nein, das Reich Gottes ist, wenn die Menschen unter Gott sind und sonst frei, wenn sie unter Gott sind – ohne Angst, wenn sie unter Gott sind und aufrecht!
Das Reich Gottes ist, wenn Menschen nicht mehr schwer tragen an ihren Lasten.“

Und irgendwie war es so, ist es so, dass das in der Nähe Jesu sich ereignet: „Frau, geh hin, Dein Glaube hat Dich gerettet!“ Oder: „Wo sind sie, Deine Ankläger? Hat Dich niemand verurteilt? Dann verurteile ich Dich auch nicht.“ Wo Jesus hingekommen ist, war Hoffnung da. Was mit ihm in Berührung gekommen ist, ist heil geworden. Menschen, die unter etwas oder unter jemand gelitten haben, konnten aufatmen.
Das Reich Gottes: schau hier, und da und auch dorr! – „Aber wie lange hält das?“ – „Sie sind gesund geworden, aber sie werden wieder krank!“ – „Und schau, sie kehren zurück zu ihren alten Fehlern! Sie halten nicht durch!“ – „Was ist aus dem Gelähmten geworden, den Du auf die Beine gestellt hast?“ – „Was ist aus denen geworden, die gestern da waren und vorgestern?“
Jesus lehnt es ab, das Reich Gottes auszumessen, abzuwägen, in ein Raster zu bringen, einer Erfolgskontrolle zu unterwerfen. Keine Quartalszahlen wie an der Börse, keine Jahresstatistik wie auf den Rathäusern und Pfarrämtern, Mit dem Reich Gottes ist es wie bei einem Sämann, es fällt etwas auf den Weg, es fällt unter auch die Dornen, es fällt manchmal auf Stein, aber vieles fällt auch auf guten Boden, geht auf und trägt Frucht, so ist das.
Und es setzt auf dieses Gleichnis hin keine Debatte über Optimierung ein, wie man noch mehr rausholen könnte.

Liebe Gemeinde, wenn’s ums Reich Gottes geht und wenn’s um Menschen geht, dann darf es nicht darum gehen, wie man noch mehr rausholen könnte, aus Kindern, aus Arbeitskräften, aus dem Boden, aus dem Kapital, aus was auch immer, aus wem auch immer, dannwird es nicht darum gehen, wie man vorhandenes Potenzial noch besser ausschöpfen könnte. Es geht um Vertrauen, dass Gott sein Ding dazutut zu dem, was wir tun! Vertrauen braucht aber auch guten Boden.
Vielleicht mag es auch gut sein, wenn man über Maßnahmen nachdenkt, über technische Fragen, über Waffen und Kriegsgerät, über Reformen in Griechenland und in der Europäischen Union, vielleicht mag es auch gut sein, wenn man über das Schulsystem nachdenkt und über das Gesundheitswesen, wenn man im Kindergarten für jedes Kind eine Dokumentation anlegt und in der Landwirtschaft den Ertrag steigert. Unser Thema ist das heute nicht! Unser Thema ist Vertrauen und dass Gott nicht die große Unbekannte ist, sondern der, der das Vertrauen lohnt. Amen.

Veröffentlicht von

TPlieninger

Pfarrer, ev., im Ruhestand zuletzt Referent beim Dekan in 71254 Ditzingen