Feuerschein und Wolke. Predigt am 31.12.2017

Predigttext: 2. Mose 13,20-22[1]

20  So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.

21   Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.

22   Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

Predigt

Liebe Gemeinde,

mit dem Abschnitt, der mit diesen Sätzen endet, beginnt die Geschichte vom Auszug aus Ägypten. Für das Volk Israel ist es die Ur-Geschichte, die Geschichte vom Aufbruch aus der Sklaverei und dem Beginn des Weges in die Freiheit.

Wohin aber geht man, wenn man aus der Sklaverei aufbricht und das Land der Freiheit sucht? Geht man nach Osten oder Westen, nach Norden oder Süden? Geht man den Weg, der die wenigsten Hindernisse vermuten lässt oder den Weg, der der kürzeste zu sein scheint? Geht man den Weg, auf dem man sich vor Verfolgung sicher wähnt und auf dem einem nicht erneut die Gefangenschaft droht? Geht man mit leichtem Gepäck oder sorgt man vor für jeden Fall der Fälle? Geht man mit Proviant oder im Vertrauen, dass das da sein wird, was man braucht um voranzukommen? Wer hat die Landkarte, wer organisiert die Schicksalsgemeinschaft?

Gott selbst führt hier sein Volk in die Freiheit, geht voran, lässt die nicht im Stich, die er in die Freiheit gerufen hat, ist Tag und Nacht vor ihnen. Freilich: andere Sicherheiten werden nicht gegeben als die Wolken- und die Feuersäule, keine gebahnten Wege, keine Fahrpläne, kein Geleit. Die Entronnenen sind ohne Waffen entkommen, ihr Schutz ist der Schutz des unsichtbaren Gottes.

Mir kommen die Juden in den Sinn, die der Naziherrschaft entronnen sind, die wenigen, die davongekommen sind. Mir kommen die Menschen unserer Tage in den Sinn, die durch die Wüsten und über das Meer geflüchtet sind, alles hinter sich lassend, was einmal ihre Heimat war und zu ihrer Heimat gehört hat. Es steht beim Aufbruch nicht fest, wie die Geschichte ausgeht. Die erste Station, die genannt wird, heißt „Etam“ – „am Rande der Wüste.“ Mir kommen aber auch Geschichten in den Sinn, wo Menschen nicht aufbrechen in die Freiheit, sondern vertrieben werden aus ihren Häusern, Dörfern, Städten, von ihren Unterkünften in Parks, unter Brücken, in U-Bahnstationen. Wohin können sie gehen? Wo finden sie Wolken- und Feuersäule?

Was sagt uns der Text am Ende dieses Jahres?

500 Jahre Reformation haben wir gefeiert in diesem Jahr, haben uns in vielen Veranstaltungen an Martin Luther erinnert, der am Ende des Jahres 1517 zwar noch Angehöriger eines Ordens war, einen Platz und einen Auftrag hatte, dem aber der Boden unter den Füßen wegzubrechen drohte und der nicht zugesehen hat, dass er Land gewinnt, sondern den Weg ins Ungewisse weitergegangen ist, allein sich verlassend auf das, was er aus seinem Studium der Bibel für wahr und recht erkannt hatte. Aufbruch in die Freiheit. Station am Rand der Wüste. Bald würde er allein vor dem Kaiser stehen.

Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.

Wohin wandern wir als Evangelische Kirche? Wer ist bei uns? Wen nehmen wir mit? Wen lassen wir zurück? Woran orientieren wir uns? Manchmal kommt es mir vor, wir lagerten gerne und lang in „Etam“ – „Am Rande der Wüste“. Weitergehen ist so anstrengend. Die Frauen und Männer, die gehofft hatten, die Synode würde eine Entscheidung für eine Freigabe der kirchlichen Trauung gleichgeschlechtlicher Paare treffen, waren schwer enttäuscht. Kein Aufbruch, auch wenn eine Mehrheit die Wolken- und Feuersäule gesehen hatte. Wir lagern weiter am Rande der Wüste. Noch ist es nicht unbequem.

Wohin wandern wir als Gemeinde? Wohin als Einzelne? Wir sind es gewohnt mit dem Navi unterwegs zu sein, haben Fahrpläne und kennen die Kosten. Es ist alles geordnet, das Gesundheitswesen, die Laufbahn der Kinder, wir kaufen ein und tauschen um, wir hören die Nachrichten und sind in Verbindung überallhin. Wir brauchen nicht Wolken- und Feuersäule –

und wissen doch, dass all das, womit wir uns Sicherheit schaffen, nicht wirklich Sicherheit gibt. Da ist die Angst vor dem Klimawandel, die Angst vor Terroranschlägen, die Sorge, dass in dieser Welt noch viel mehr durcheinandergeraten könnte und die Dinge nicht mehr beherrschbar wären. Da wächst im einen Teil der Welt eine Jugend heran, die keinen Zweifel hat, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, die aber mit dem Leben vor dem Tod nichts anfangen kann, – und in unserem Teil der Welt eine Jugend, die mit ihrem Leben viel anfangen kann und sich eine gute Zukunft erträumt, aber den Tod über alles fürchtet, weil sie Zweifel hat, ob es ein Leben danach gibt.

Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.

Wir haben sie aus dem Blick verloren, die Wolkensäule und die Feuersäule, die Zeichen Gottes, die uns den Weg durch die Wüsten unserer Tage weisen. Ja, wir haben die Freiheit gewonnen, aber wohin geht der Weg? Wird es im neuen Jahr eine Regierung geben, die wirklich bereit ist zur Verantwortung? Viele hoffen es, aber wird eine neue Regierung ihrer Verantwortung dann auch wirklich gerecht werden können?

Und doch: „Gott liebt diese Welt. Feuerschein und Wolke und das Heilge Zelt sagen seinem Volke: Gott ist in der Welt.“ – „Ich bin gewiss“ hat es in der Schriftlesung geheißen (Röm. 8,38). „Ich bin gewiss“ möchte ich auch heute sagen, dass Gott in dieser Welt ist. Ja, in seinem Wort. Ja, in Jesus Christus. Ja, in Brot und Wein. Ja, im Wirken des Geistes. Ja, in dem, dass er Menschen beruft und sendet. Aber ich bin auch gewiss: Gott lässt sich nicht verwalten. Feuerschein und Wolke lassen sich nicht verwalten. Gott hat sich nicht an Vorschriften, Pläne und Dogmen gebunden, sondern an seine Welt, an seine Menschen, an sein Volk, an Jesus Christus, an seine Gemeinde. Und deshalb lasst uns achten auf Feuerschein und Wolke, nicht auf Feuerwerk und Events, auf seinen Ruf zum Aufbruch auch im Neuen Jahr. Amen.

[1]

וַיִּסְע֖וּ מִסֻּכֹּ֑ת וַיַּחֲנ֣וּ בְאֵתָ֔ם בִּקְצֵ֖ה הַמִּדְבָּֽר׃ 20
וַֽיהוָ֡ה הֹלֵךְ֩ לִפְנֵיהֶ֨ם יֹומָ֜ם בְּעַמּ֤וּד עָנָן֙ לַנְחֹתָ֣ם הַדֶּ֔רֶךְ וְלַ֛יְלָה בְּעַמּ֥וּד אֵ֖שׁ לְהָאִ֣יר לָהֶ֑ם לָלֶ֖כֶת יֹומָ֥ם וָלָֽיְלָה׃ 21
לֹֽא־יָמִ֞ישׁ עַמּ֤וּד הֶֽעָנָן֙ יֹומָ֔ם וְעַמּ֥וּד הָאֵ֖שׁ לָ֑יְלָה לִפְנֵ֖י הָעָֽם׃ פ 22

 

Schuldenerlass!

Predigt am 19. November 2017
in der Konstanzer Kirche in Ditzingen

Predigttext: Lukas 16,1-8

Er sprach aber auch zu den Jüngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz. 2Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein.

3Da sprach der Verwalter bei sich selbst: Was soll ich tun? Mein Herr nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln. 4Ich weiß, was ich tun will, damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde. 5Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden für sich, und sprach zu dem ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig? 6Der sprach: Hundert Fass Öl. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib flugs fünfzig. 7Danach sprach er zu dem zweiten: Du aber, wie viel bist du schuldig? Der sprach: Hundert Sack Weizen. Er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig. 8Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte.

Predigt

Liebe Gemeinde,

was für ein merkwürdiger Text! Es liest sich beinahe als würde hier etwas erzählt, was Veruntreuung und Korruption gutheißt. Lobt Jesus nicht an anderen Stelle den Haushalter, der treu ist und das Vermögen seines Herrn vermehrt? Und was soll uns das alles heute sagen? Schauen wir auf ein paar Details genauer hin.

Da ist zum einen der Zusammenhang. Der Satz, der diesem Abschnitt vorausgeht ist der letzte Satz des Gleichnisses „vom verlorenen Sohn“ oder „vom Vater und seinen beiden Söhnen.“ Der letzte Satz dieses Gleichnisses ist an den älteren Sohn gerichtet, der sich beklagt hatte über die Großzügigkeit seines Vaters gegenüber seinem gefallenen und heimgekehrten Bruder: Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden. Gott ist nicht kleinlich!

Und gerade, als sollte dieses Thema noch einmal ganz anders aufgegriffen werden, folgt nun der nächste Abschnitt, mit dem Jesus sich an seine Jünger wendet: „Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter …“, einen Ökonomen, wie es ursprünglich heißt; der ist von Kündigung bedroht, weil Vorwürfe im Raum stehen, berechtigt oder unberechtigt, dass er nicht wirtschaftlich handeln würde. Er bekommt eine Abmahnung: „Was höre ich da von Dir? Gib Rechenschaft!“ 

Der Verwalter wiederum überlegt, wie es weitergehen könnte nach der Kündigung: „Graben kann ich nicht …“ – „Graben“ ist Sklavenarbeit. Man denke nur an die enormen Bauwerke, die in römischer Zeit auch in Israel errichtet wurden, der Tempel des Herodes, seine Paläste, Burgen. „Graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln.“

Ich denke an die Menschen, die von Entlassung bedroht sind. Diese Woche die Ankündigung von Siemens, dass mehrere Tausend Stellen abgebaut würden, zwei Standorte aufgelöst werden sollen. Da trifft es viele, anderswo trifft es einzelne. Eine Kündigungsdrohung löst Existenzängste aus. Wer betroffen ist, hat möglicherweise einen schweren Absturz vor sich. Oft sind nicht einzelne betroffen, sondern ganze Familien. Was soll werden?

„Graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln.“  Diese Woche haben die Medien berichtet, dass das Problem der Wohnungslosigkeit zunimmt. In der Süddeutschen Zeitung an hervorgehobener Stelle ein Interview mit Pfarrer Joachim Lenz, dem Direktor der Berliner Stadtmission:
Scham ist am Ende tödlich.

Das Leben auf der Straße ist hart. Die Gründe, warum viele Menschen keine andere Chance haben oder sehen, sind ganz unterschiedlich. Die meisten rutschen nach einer biografischen Katastrophe oder aufgrund psychischer Probleme in die Obdachlosigkeit ab. Und wenn man erst mal ganz unten angekommen ist, geht es schnell, dann gibt man sich auf.

Wir bekommen Obdachlose oft nicht dazu, sich helfen zu lassen, weil sie sich so schämen. Das ist in den unterschiedlichsten Phasen so. Manche verschwinden bei Beratungsgesprächen aus Wartezimmern oder wollen nicht duschen, weil sie anderen nicht zumuten wollen, wie sie aussehen.

Der Verwalter, der Ökonom wird aktiv angesichts düsterer Aussichten für seinen Job. Er geht nicht ins Gebet, geht nicht auf die Knie, geht überraschend auf die Geschäftspartner seines Arbeitgebers zu und verhandelt mit ihnen, handelt mit ihnen einen Teilerlass ihrer Schulden aus. – Und dass ihre Schulden um die Hälfte erlassen werden, bedeutet ja, dass sie die andere Hälfte zurückzahlen. Ein Entschuldungsprojekt ist die Antwort des Verwalters auf die Abmahnung.

Vor ein paar Wochen haben wir das Gottesdienstopfer für den Entschuldungsfonds des Kreisdiakoniewerks erbeten. In der großen Politik wird um Entschuldung gerungen. Die harte Linie: es wird nichts erlassen. Die Konsequenz: die Gläubiger müssen die Schulden nicht abschreiben, die Schuldner kommen aber auch nicht mehr auf die Beine. Griechenland. Andere Länder.

Das Gleichnis endet mit dem Satz:

„Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte.“

Danach kommen noch weitere Schlussfolgerungen, die sich auf das Gleichnis beziehen. Aber belassen wir es bei diesem Satz, dass der Herr seinen miserablen Verwalter nun auf einmal lobt, weil er klug gehandelt hat. Vielleicht war’s doch nicht nur Veruntreuung, dass er den Schuldenerlass durchgezogen hat. Vielleicht war es tatsächlich klug. Die Geschichte endet nicht mit der angedrohten Entlassung, sondern mit einem hohen Lob. Wie es weitergeht, bleibt offen. Auf die Abmahnung folgt – wie man das heute nennt – eine Neubewertung der Umstände.

Liebe Gemeinde,
es fühlt sich an wie Nachrichten aus Politik und Wirtschaft. Gehört das in einen Gottesdienst? Und doch, es gehört dahin, weil es darum geht, wie Menschen miteinander umgehen, wie sie sich behandeln, wie sie einander beistehen oder einander fallen lassen.

Die Hierarchie wird nicht in Frage gestellt. Da ist der Herr, da ist der Verwalter, da sind die Schuldner. Die einen oben, die anderen unten, manche dazwischen. Die dazwischen machen den Mittelstand aus. Aber es ist nicht, wie im indischen Kastensystem, dass man sich unter seinesgleichen aufhält. Die Welt der Bibel ist die Welt, in der man es miteinander zu tun bekommt, in der Rechenschaft verlangt und gegeben wird, in der, obwohl es so scheinen könnte, nicht Willkür herrschen darf. „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern,“ heißt es an anderer Stelle bei Lukas.

Und deshalb am Friedenssonntag, am Volkstrauertag eine Erinnerung an Schuldenerlass und Schuldendienst! Ja, wir haben alle etwas zurückzuzahlen für das, was uns geliehen ist, unser Leben, unsere Zeit, unsere Begabungen, unser Besitz. Und wenn wir zurückzahlen müssten, was wir schuldig sind,  – wir könnten es nicht. Vielleicht können wir etwas zurückgeben, uns dankbar und erkenntlich zeigen, vielleicht können wir selbst großzügig sein, weil wir auf Großzügigkeit angewiesen sind. Aber wäre es mehr als ein kleiner Dank? Mehr als eine bescheidene Geste? Sicher nicht. Gerecht würden wir dem, was uns geliehen ist, damit noch lange nicht.

Reflektiert Jesus mit diesem Gleichnis nicht zugleich sein eigenes Handeln, indem er sieht, was ein Mensch Gott schuldet an Gerechtigkeit, an Vollkommenheit und wie er dem, was er schuldet, nicht gerecht wird? Hatte er seinen Zuhörern in der Bergpredigt nicht gesagt: „Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ O ja! Da sind die Forderungen an die Menschen, an einen jeden von uns, an mich und uns alle, und unser Unvermögen, sie zu erfüllen. „Ich elender Mensch“, sagt Paulus, „wer wird mich erlösen?“ Ein Luther, der fast daran zerbrochen ist, nicht gut genug zu sein.

Da sieht einer, Jesus, dass wir einen Schuldenerlass brauchen, eine großzügige Ermäßigung. Er wird sogar so weit kommen, dass er sich dafür hergibt, dass alles erlassen wird, nichts mehr in der Kreide steht.

Vielleicht kennen Sie den Text von Lothar Zenetti, mit dem ich schließen möchte, haben ihn schon gehört oder Sie hören ihn zum ersten Mal. Er klingt heiter, aber er hat einen tiefen Ernst:

Am Ende die Rechnung

Einmal wird uns gewiss
die Rechnung präsentiert
für den Sonnenschein
und das Rauschen der Blätter,
die sanften Maiglöckchen
und die dunklen Tannen,
für den Schnee und den Wind,
den Vogelflug und das Gras
und die Schmetterlinge,
für die Luft, die wir
geatmet haben, und den
Blick auf die Sterne
und für all die Tage,
die Abende und die Nächte.

Einmal wird es Zeit,
dass wir aufbrechen und
bezahlen;
bitte die Rechnung.
Doch wir haben sie
ohne den Wirt gemacht:
Ich habe euch eingeladen,
sagt der und lacht,
so weit die Erde reicht:
Es war mir ein Vergnügen!

Amen.

(Lothar Zenetti, Sieben Farben hat das Licht. Neue Texte für den einzelnen und die Gemeinde, Verlag J. Pfeiffer München, 1974, 293 = Ders., Auf seiner Spur, Grünewald-Verlag Ostfildern, 42006, 198)

Predigt zur Diamantenen Konfirmation 2017 am Sonntag Lätare, 26. März 2017

 

Liebe Konfirmationsjubilare und Angehörige, liebe Gemeinde,

vorne auf den Gottesdienstprogrammen ist das Bild vom Innern unserer Bartholomäuskirche. Es sieht aus, als wäre vor der Kanzel, vor dem Altarraum ein Transparent gespannt über das ganze Mittelschiff von einer Säule zur andern.  Auf dem Transparent große Ornamente um ein Schriftfeld herum, auf dem Schriftfeld der Wochenspruch für diesen Sonntag und die neue Woche als Bibelinschrift im Deutsch einer längst vergangen Zeit:

Warlich, warlich Sag ich euch es sey Dan das das weizen körnlin in die erden falle und sterbe so Bleibt es Allain, wo es aber erstirbt, so bringt es vil Frucht   IOAN 12

Der Spruch findet sich im Chor der Bartholomäuskirche.

Wir sind vor kurzem vom landeskirchlichen Archiv auf diese Inschrift hingewiesen worden, weil die Schriftfelder, die man in Chor der Bartholomäuskirche findet, ein frühes Zeugnis der Umsetzung der Reformation in unserer Region sind.

Vom 8. April bis 10. Juni 2017 wird es im Alten Schloss in Stuttgart eine Ausstellung geben „Luther kommt nach Württemberg“. Dort werden im Ausstellungskatalog auch unsere Inschriften zu sehen sein. Sie stammen aus dem Jahr 1593, vermutlich von einem Markgröninger Maler Meister Hans Jerg Herzog. Darauf deuten die Initialen, die an einem der Schriftfelder zu finden sind.

1593. – Vor 424 Jahren also. Wir können uns solche Zeiträume schlecht vorstellen. Die Reformation – 500 Jahre. Die Diamantene Konfirmation 60 Jahre. Wir erfassen es mit unserem Verstand, aber emotional erfassen wir die Zeiträume anders, spüren eher ob uns etwas nah ist oder weniger nah, egal wie weit oder wie nah in der Vergangenheit. Ja, wir befassen wir uns mit dem, was war, interessieren uns für unsere Geschichte, nehmen sie ernst, wichtig.

Auf der Nordseite des Kirchplatz gab es an den letzten beiden Freitagen einen kleinen archäologischen Einsatz auf der Baustelle unter Aufsicht unseres archäologischen Fachmanns, um etwas über die Geschichte unserer Kirche zu erkunden. Fundamente wurden freigelegt, Bestattungen dokumentiert. Interessante Befunde kamen zum Vorschein. Was hier an dieser Stelle, an der wir uns zum Gottesdienst versammeln, einmal war, bedeutet uns etwas, sagt uns etwas, ist uns nicht gleichgültig.

Ein Baum aber kann 100 Jahre alt sein, 300 Jahre und noch älter. Er weiß es nicht. Er steht da, treibt seine Wurzeln in den Boden, die Äste in den Himmel, könnte erzählen von ganzen Epochen und gibt sein Geheimnis nicht preis.

Ein Bauwerk, zweitausend Jahre. Die Klagemauer in Jerusalem zum Beispiel, Westmauer des letzten Tempels, den Herodes erweitert hat. Die Menschen strömen dorthin um zu beten. Jahrhundertelang waren die Mauer im Schutt der Weltgeschichte verborgen bis man sie freigelegt hat. Sie hat sich nicht selbst geregt.

Was ist das mit uns Menschen, dass uns unsere Geschichte so wichtig ist? Wir interessieren uns für den Anfang allen Seins, für die Schöpfung oder einen Urknall und merken, dass wir uns beides nicht vorstellen können, aber wir forschen daran, wollen es wissen, verstehen.

Wir gehen zurück auf die Zeitenwende, auf vergangene Epochen, die Babylonier mit ihren Gesetzen, die Ägypter mit ihrer Kultur, den Pyramiden, die Römer mit ihren Bauwerken, die Kelten mit ihrem Schmuck, die Staufer, das Mittelalter, die Reformation, die Neuzeit. Immer mehr wollen wir wissen, immer mehr über uns selbst, unsere Herkunft, auch persönlich. Wir feiern Geburtstage, Jubiläen, wir denken zurück an Kindheit und Jugend, an Stationen unseres Lebens, an wichtige Ereignisse. Vor 60 Jahren – die Konfirmation. Die Kirchenrenovierung war ein Jahr vorher abgeschlossen worden. Die Orgel stand nicht mehr im Chor. Die Inschriften konnten gelesen werden, die Bilder waren freigelegt, das Geläute wieder vollständig mit der 4. Glocke, die die Heimkehrer gestiftet hatten. Die schönen farbigen Fenster im Chor und in der Vollandkapelle erzählen seither biblische Geschichten.  – Aber freilich, die Konfirmation feiert man mit 14 Jahren. Da waren Ihnen als Jugendliche noch ganz andere Dinge wichtig: die Angst, beim Aufsagen der Texte einen Fehler zu machen, der Schulabschluss, die Geschenke, die Schulkameraden, die Lehrer, das Fest in der Familie. Nach der Konfirmation, so hatte man gesagt, begann der „Ernst des Lebens“.

Vor zehn Jahren haben wir die Goldene Konfirmation gefeiert. Pfarrer Fröschle, der bei Ihrer Konfirmation Vikar war, war dabei, war aus Alpirsbach gekommen. Damals war auch der Konfirmationsjahrgang 1947 mit in der Kirche zur Diamantenen Konfirmation. Schon wieder 10 Jahre vergangen, nicht spurlos vergangen.

Je älter man wird, desto wichtiger wird es einem, auch Spuren zu hinterlassen: nicht nur darüber nachdenken, was im eigenen Leben Spuren hinterlassen hat, sondern auch darüber, welche Spuren man selbst hinterlässt. Die Lebensarbeit kommt in Blick, das, wo man seinen Beitrag gegeben hat, im Beruf, in der Familie, im Verein, in der Politik, für die Wissenschaft, für die Kunst, für die Musik, für das Handwerk, für Frieden, für Versöhnung, für die Natur, für den Erhalt der Schöpfung, was immer es gewesen sein mag und noch ist, vielleicht war es nur das eine, für einen Menschen da zu sein, der einen gebraucht hat, und auch das wäre ein Lebenswerk.

Von Jesus stammt auch das Wort: Wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren. Wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird es retten. – Geheimnis, dass der, der viel von seinem Leben haben will, vielleicht am Ende mit wenig dasteht; ein anderer, der viel gegeben hat, viel von sich gegeben hat, am Ende sagen kann, dass er reich ist.

Nicht das, was wir für uns beanspruchen, für uns auf die Seite bringen, zurücklegen, macht uns wirklich reich, sondern das, was wir von uns investieren konnten, investieren können, ist das, wovon wir eines Tages Früchte sehen.

Das Weizenkorn – für Jesus ein Bild des Sich-in-den-Tod-Gebens. Das Weizenkorn fällt in die Erde, erstirbt und im Ersterben entsteht der neue Halm, entsteht die Frucht.

Geheimnis des Lebens. Wir sind in der Hand Gottes nicht ein Stück Holz, nicht ein Stück Eisen, nicht ein toter Stein, nicht ein Denkmal. Wir sind in der Hand Gottes zu etwas nütze, sind zu gebrauchen, müssen nicht eines Tages zum Alten Eisen gehören, dessen Zeit vorüber ist. Wir sind nicht in unseren guten Jahren zu etwas nütze, erfolgreich, leistungsstark, und dann nicht mehr zu gebrauchen. Das Bild vom Weizenkorn sagt uns, dass dort, wo wir in Gottes Wirken einbezogen sind und darin aufgehen Neues wächst.

Das Bild vom Weizenkorn…

Der Maler, der die Bibelinschriften in die Nordwand des Chors gemalt hat, hat diesem Spruch, so kurz er ist, den zentralen Platz gegeben, als wäre dieses Bibelwort für ihn die Mitte der biblischen Schriften. Es ist ein Wort Jesu und es spricht von ihm, Er spricht von sich selbst, aber das Wort meint auch uns. Es ist ein Wunder, wenn etwas aufgeht von dem, was wir gesät haben. Es ist ein noch größeres Wunder, wenn wir selbst die Saat sein durften, ein Weizenkorn in Gottes Hand – und was daraus wird: auch das ist in Gottes Hand. Amen.

Goldene Konfirmation am Sonntag Invokavit, 5. März 2017 – Predigt in der Bartholomäuskirche Markgröningen

Liebe Goldkonfirmanden, Schulkameraden von damals, liebe Gemeinde,

im Vaterunser beten wir die Bitte „und führe uns nicht in Versuchung!“ Es ist die 6. Bitte.

Heutzutage wird nicht mehr so viel auswendig gelernt im Konfirmandenunterricht wie vor 50 Jahren, aber das Vaterunser können noch alle und werden es weiterhin können, das Vaterunser mit dieser Bitte „und führe uns nicht in Versuchung!“  „Versuchung“ ist auch das Thema des Sonntags Invokavit. Es wird uns in der Predigt begegnen.

Die Gedanken gehen zurück in die Zeit vor 50 Jahren, ins Jahr 1967. Am 5. und 12. März, den beiden Konfirmationssonntagen in Markgröningen, war das Jahr noch weitgehend unverdorben, gemessen an dem, was kommen sollte. Aber schon im Januar waren in Cape Canaveral 3 Astronauten in der Raumkapsel Apollo 1 verbrannt, und das Apollo-Programm wurde für fast zwei Jahre lang ausgesetzt. Der Student Benno Ohnesorg hat in Berlin studiert. Im Juni wurde er von einer Polizeikugel getroffen, was der Auftakt war zu Unruhen von mehr als 10 Jahren in der Bundesrepublik. Im März 1967 war auch noch nicht der 6-Tage-Krieg in den Nachrichten, der dann im Juni ausbrach und dem Nahen Osten keinen Frieden brachte.

Am 4. April 1967 hat Martin Luther King, zuvor ausgezeichnet mit dem Friedensnobelpreis, in den USA eine berühmte Rede gehalten: Beyond Vietnam – A Time to break Silence. Über Vietnam – Es ist Zeit das Schweigen zu brechen. Auf den Tag genau ein Jahr später wurde auch er von einer tödlichen Kugel getroffen.

1967

Ich selbst bin ein Jahr später, 1968, konfirmiert worden, der Konfirmandenunterricht hatte nach Ostern begonnen. Ich lag nach einem schweren Fahrradunfall wochenlang im Krankenhaus und erinnere mich mehr daran als an den Start des Konfirmandenunterrichts, den ich verpasst habe. Und man hat dann als Jugendlicher auch noch andere Dinge im Kopf als das Weltgeschehen und den Katechismus. Im Radio liefen die Schlager. Nr. 1 war in diesen Wochen im März 67, was zuvor schon in den USA und in England die Nr. 1 gewesen war und heute in der SWR-Hitparade nicht mehr unter die ersten 2000 kommt: „I’m a believer“ von den Monkees. A believer – einer, der es auf einmal glauben kann:

Ich dachte, Liebe gäbe es nur im Märchen, sie wäre etwas für alle andern, aber nicht für mich. Liebe hat mich nie erreicht, so sah es aus. Enttäuschung war das Ende aller meiner Träume.
Dann hab ich ihr ins Gesicht gesehen, jetzt kann ich’s glauben.
Keine Spur von Zweifel hab ich mehr.
Ich bin verliebt, ich kann es glauben, ich könnte sie niemals verlassen.

Da entdeckt einer die Liebe und wird zum „believer“, zu einem, der glaubt, der an die Liebe glaubt und sie nicht mehr für ein Märchen hält.

Im Konfirmandenunterricht hat man auch gelernt, was Glauben heißt. Man hat es nicht mit Schlagern, sondern mit dem Katechismus gelernt, mit dem, was Martin Luther und Johannes Brenz aufgeschrieben haben. Man hat gelernt, dass glauben heißt, „dass ich in Jesus Christus Gott als meinen Vater erkenne und liebe und all mein Vertrauen auf sein Wort setze, ihm freudig gehorche und zuversichtlich zu ihm bete. Ohne Glauben ist’s unmöglich Gott zu gefallen.“ Lernen mussten es alle, irgendjemand hat es bei der Konfirmation vorgetragen. Alle haben zugehört, zugesehen. Erleichterung als es geschafft war. Dann die Verpflichtung, die Einsegnung. 70 Jugendliche wurden am 5. März eingesegnet, 76 am 12. März.

Was ist geblieben von dem, was glauben heißt, von dem Gelernten? Die Sprache der Menschen, der Jugendlichen hatte sich schon verändert. Das „ihm freudig gehorchen“ fällt mit 13, 14 Jahren schwer, „in Jesus Christus Gott als seinen Vater erkennen und lieben und all sein Vertrauen auf sein Wort setzen“, das ist eine Erklärung des Glaubens, die man noch einmal erklären muss. Und doch hat man’s geglaubt oder akzeptiert oder einfach stehen lassen.

Den Schlagertext hat man besser behalten – und vielleicht auch erlebt, dass die Liebe die einen erreicht, die anderen nicht.

  1. Strophe:

Ich dachte Liebe, das wäre mehr oder weniger etwas Gegebenes, etwas von der Art: je mehr ich gebe, desto weniger bekomme ich. Was hat es für einen Sinn, sich da zu versuchen? Du bekommst nur Schmerz. Wenn ich Sonne gebraucht hätte, hat es geregnet.

Millionenfach wurde das gespielt, millionenfach verkauft, lange hat sich der Song gehalten, den man unter diesem Titel findet: I’m a believer! Ja, ich bin auch ein Believer, einer, der glaubt, auch wenn ich meinen Song etwas anders schreiben würde.

Goldene Konfirmation:

Wiedersehen nach 5 Jahrzehnten. Die meisten sehen sich heute nicht zum ersten Mal wieder seit der Konfirmation, aber bei manchen ist es vielleicht lange her, dass sie sich gesehen haben.

Vom März 1967 bis zum März 2017 ist viel passiert, viel mit uns, viel in Markgröningen, viel in der Welt, viel in der Gesellschaft, und wenn wir es heute Jugendlichen erzählen, die 13, 14 sind, interessieren auch sie sich für andere Dinge.

1967 haben sich die Dinge ereignet, die ich eingangs erwähnt habe. Für einige von Ihnen, den Konfirmanden, begann vielleicht schon nach den Sommerferien die Berufsausbildung, andere sind noch weiter zur Schule gegangen.

Die Konfirmation wurde zuhause gefeiert oder in der Wirtschaft, die Verwandten und Nachbarn haben Geschenke gebracht oder Geld. Man konnte sich etwas leisten, ein Fahrrad, eine Uhr, einen Fotoapparat, ein Kofferradio. Oder man hat das Geld aufs Sparbuch getan. Man hat sich bedankt für die Geschenke und Kuchen ausgetragen. Konfirmation war ein hohes Fest, danach war man konfirmiert, hat sich erwachsen gefühlt. Kleid, Anzug und Schuhe haben schon bald nicht mehr gepasst. In der Kirchengemeinde gab es noch die Christenlehre, freiwillig. Irgendwann hatten alle die Schulzeit hinter sich, die ersten haben geheiratet, Kinder sind geboren, die einen sind in Markgröningen geblieben, die andern hat es anderswohin verschlagen. 1977 – der deutsche Herbst, die Entführung und Ermordung von Martin Schleyer, die Entführung der Lufthansa Landshut, die Befreiung, der Selbstmord der RAF-Gefangenen drüben in Stammheim. Das ist nicht weit von hier, nur wenige Kilometer.

13 Jahre später – 1990 haben die Scorpions das Lied herausgebracht Wind of Change. Es war ein sehr, sehr hoffnungsvolles Lied von Veränderung, von Versöhnung, von Zueinanderfinden. Wir haben es als Musikeinspielung am Freitag auf dem Friedhof gehört, als wir von Erwin K. Abschied nehmen mussten, der auch zum Jahrgang gehört hat, der vor 50 Jahren konfirmiert wurde, der noch so gerne bei der Goldenen Konfirmation dabei gewesen wäre und es nicht mehr geschafft hat. Es ist auch nicht selbstverständlich, heute dabei sein zu dürfen.

Wind of Change. Barak Obama hat in seinem Wahlkampf noch gesagt: Change is possible – Veränderung ist möglich, hat noch daran geglaubt. Heute macht uns das Angst, was sich alles verändert, was alles zerfließt, auseinanderläuft, davonschwimmt, einstürzt.

Und wir ahnen, dass die Bitte

Und führe uns nicht in Versuchung

etwas anderes meint als das, was in der Werbung und im Volksmund eine Versuchung genannt wird. Es ist nicht die Bitte, dass man am Süßigkeiten Regal nicht in Versuchung gerät, es ist nicht die Bitte, dass man nicht widerstehen kann, wenn es unwiderstehlich scheint. Es ist um vieles ernster.

Und führe uns nicht in Versuchung,

nicht in das hinein, was uns Angst macht,
nicht in das hinein, was wir nicht mehr bewältigen,
nicht in Versuchung – nicht in den Abgrund, nicht einmal an den Rand des Abgrunds.

Jener Predigttext, den ich heute übergangen habe, wäre die Geschichte vom Sündenfall gewesen, die Geschichte davon, dass den Menschen die Versuchung selbst im Paradies ereilt: Eva nimmt sich die Frucht, den Apfel, gibt ihn Adam. Auch das ist Versuchung, nach mehr zu greifen als einem zusteht. Aber das ist mit der Bitte im Vaterunser nicht gemeint.

In der Lesung haben wir die Geschichte von Jesu Versuchung gehört (Matth. 4): Mach diese Steine zu Brot…, Stürze Dich in die Tiefe, die Engel werden Dich tragen…, gewinne Macht, indem Du den Teufel anbetest…

Das sind Versuchungen anderer Kategorie als die Versuchung im Paradies. Dort war es die Versuchung, das Verbot infrage zu stellen: sollte Gott gesagt haben? Hier ist es die Versuchung, sich in den Mittelpunkt zu stellen, das Spiel mit den Mächten dieser Welt beherrschen, in Rausch zu geraten, die Fäden in der Hand halten. Es sind viele, die dem erliegen und sich verstricken in dem, was sie zu beherrschen meinen, während es längst so ist, dass sie selbst beherrscht sind von dem Spiel, das sie angefangen haben und das sie in Bann gezogen hat.

Die Bitte aber im Vaterunser

Und führe uns nicht in Versuchung

ist auch die Bitte, nicht in Gefahr zu geraten zu verleugnen, was man nie verleugnen wollte, ist auch die Bitte sich nicht erpressen lassen zu müssen,

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Dass diese Bitte gebetet wird, führt uns vor Augen, dass in dieser Welt manches im Argen liegt, vieles im Argen liegt und wir aufgefordert und gerufen sind, Frieden und Versöhnung zu stiften, Wunden zu heilen, Gräben zuzuschütten, Brücken zu bauen, Werkzeuge Gottes zu sein zum Guten, denn es heißt ja nicht: verschone uns von dem Bösen, sondern erlöse uns und gebrauche uns zum Werk des Guten! Amen.

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! Predigt zum Bibelsonntag 2015 in der Bartholomäuskirche Markgröningen

Wir hören als Predigttext zum Bibelsonntag einen Abschnitt aus dem Brief an die Galater. Dieser Brief des Apostels Paulus an die Galater ist das Thema der ökumenischen Bibelwoche 2015.

Die Galater, an die Paulus schreibt, waren Christen in römischen Provinz Galatien in der heutigen Zentraltürkei, die Hauptstadt schon damals Ancyra, heute Ankara. Es sind Menschen, die sich viele Generationen vorher dort angesiedelt hatten und die auf keltische Söldner zurückgehen, Gallier, Kelten. Sie hatten ihre eigene Sprache. Das Griechische, das Paulus schreibt, wurde von ihnen wahrscheinlich verstanden, war aber nicht ihr eigener Dialekt. Noch Hieronymus schreibt um 400, dass sie neben dem Griechischen ihre eigene Sprache haben.

„An die Galater“ – Wir wissen nicht, an welche einzelne Gemeinde dieser Brief übergeben wurde und in welchen Gemeinden im Ganzen er verlesen werden sollte.

Es ist kein Glückwunschschreiben zum 10jährigen Jubiläum dieser Gemeinden, kein guter Rat, wie sie ihre Mission weitertreiben sollen, kein Dank für große Verbundenheit. Es ist ein Brief aus aktuellem Anlass. Paulus muss einer Entwicklung wehren, die ihn geradezu zornig macht. Er sagt den Galatern, dass sie dabei sind, ein paar Falschaposteln auf den Leim zu gehen, die predigen, dass man erst dann ein richtiger Christ sei, wenn man auch beschnitten wäre und die Gebote des jüdischen Glaubens halten würde, den Sabbat, die Feiertage, die Reinheitsgebote, nichts Falsches essen, nicht Verkehrtes anfassen. Dann wäre also der Glaube an Jesus Christus ein weiteres Gebot, das zu halten wäre nebst vielen anderen Dingen. Wer weiß, wohin das noch führt… Ein grandioses Missverständnis! Paulus besorgt sich Papyrus und Feder, er ist ja Schriftgelehrter und des Schreibens und Lesens kundig, hat schließlich auch studiert; er grüßt die Galater, die ihn noch kennen müssten von früher, stellt sich aber auch noch einmal ausführlich vor, damit sie wissen, wer ihnen da schreibt, weil er offensichtlich von seinen Gegnern als Looser hingestellt wurde, als Schwächling, als zweite Garnitur, als Amateur, als Nobody, weil er Jesus nicht persönlich die Hand geschüttelt hat, sondern sich später erst den Christen angeschlossen hat. Ja, er stellt sich ausführlicher vor als in allen anderen Briefen. Er kämpft um seine Apostelwürde, er argumentiert scharf und klar. Und hoffen wir, dass die Galater ihn verstanden haben und ihm gefolgt sind. Aber wir wissen es nicht.

Predigttext: Galater 5,1-11:
Aufruf zur rechten Freiheit

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!

Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst, so wird euch Christus nichts nützen.

Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden lässt, dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist.

Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, und seid aus der Gnade gefallen. Denn wir warten im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die man hoffen muss. Denn in Christus Jesus nützt die Beschneidung nichts, genauso wenig das Unbeschnittensein, sondern der allein Glaube, der durch die Liebe wirksam ist.

Ihr lieft so gut. Wer hat euch aufgehalten, der Wahrheit nicht zu gehorchen? Solches Überreden kommt nicht von dem, der euch berufen hat.

Ein wenig Sauerteig durchsäuert den ganzen Teig.

Ich habe das Vertrauen zu euch in dem Herrn, ihr werdet nicht anders gesinnt sein. Wer euch aber irremacht, der wird sein Urteil tragen, er sei, wer er wolle.

Ich aber, liebe Brüder, wenn ich die Beschneidung noch predige, warum leide ich dann Verfolgung? Dann wäre das Ärgernis des Kreuzes aufgehoben.

Ja, liebe Gemeinde,

zur Freiheit hat uns Christus befreit! Auf den Gottesdienstprogrammen steht’s klein vorne drauf: 25. Januar – Tag der Bekehrung des Apostels Paulus. Paulus würde demnach wahrscheinlich nicht von seiner Bekehrung reden, sondern von seiner Befreiung, von dem Moment, an dem er aus einem inneren Gefängnis herausgeholt wurde, von dem Moment, an dem sein Fanatismus gebrochen wurde und eine neue Überzeugung heranwuchs.

„Ich eiferte über die Maßen für die Satzungen der Väter“ sagt er, wir haben es in der Schriftlesung gehört. Paulus, „über die Maßen“ überzeugt und ausgerüstet mit einem überdimensionalen Sendungsbewusstsein: „ihr habt ja gehört von meinem Leben früher im Judentum, wie ich über die Maßen die Gemeinde Gottes verfolgte und sie zu zerstören suchte“ Davon ist er geheilt. Davon ist er vollkommen geheilt. Damit hat er nichts mehr zu tun. – Und hat jetzt auf einmal doch wieder damit zu tun – auf der anderen Seite, dass da die einen die andern verführen zu einem besseren Glauben, zu einem GlaubenPlus, mit Beschneidung. „Hey! Jesus war auch beschnitten. Meinst Du nicht, dass man wie Jesus sein sollte?“ „Und seine Jünger, Petrus, Jakobus, Andreas, alle. Meinst Du nicht, dass es gut wäre, wie sie zu sein?“ „Denk an Abraham, mein Freund! Heißt es da nicht: »Das aber ist mein Bund, den ihr halten sollt zwischen mir und euch und deinem Geschlecht nach dir: Alles, was männlich ist unter euch, soll beschnitten werden; Das soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und euch.« Soll das nicht mehr gelten für das neue Volk Gottes zu dem Du gehören willst?“

Ich stelle mir vor, wie sie nachgedacht haben in den Gemeinden Galatiens, wie sie sich das haben durch den Kopf gehen lassen, wie sie es ernst gemeint haben, aber auch gezögert haben. – Die Taufe war doch schon etwas. „Ja, ja, die Taufe…“ – „Aber eigentlich…“ werden diese Brüder gesagt haben, „eigentlich…“ Und die Menschen in diesen Gemeinden, die zum Glauben an Jesus Christus gekommen waren, fühlten sich plötzlich gar nicht mehr frei, sondern beklemmt.

Etwas, das es bis heute gibt, dass Glauben mit Beklemmungen verbunden ist.

Wo Glaube mit Beklemmungen verbunden ist, haben ganz andere, Außenstehende, auch wieder Beklemmungen, die es mit ansehen müssen und nicht froh dran werden, und es wird ganz und gar verklemmt;

weshalb Paulus hier keinerlei Verständnis aufbringt, keinen Kompromiss anbietet, sich nicht an einen Tisch setzen will und aushandeln, was jetzt der goldene Mittelweg wäre.

Zur Freiheit hat uns Christus befreit!

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So stehet nun fest!

So stehet nun fest und lasst Euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!

Was heißt das heute, liebe Gemeinde? Was heißt das in christlichen Kirchen, in denen das Thema Beschneidung ja schon kurze Zeit nach dem Galaterbrief kein Thema mehr war. Abgetan. Die Freiheit, die Paulus predigt, hat gesiegt. Aber es scheint, es wäre eine Freiheit, um die man immer wieder kämpfen muss, die man stets von Neuem gewinnen muss, die man nicht ein für alle Male hat, sondern die ergriffen werden will.

„Je suis Charli“ haben Millionen Menschen nach dem Terroranschlag in Paris gesagt und haben sich solidarisiert mit denen, die diesem Terroranschlag zum Opfer gefallen sind. „Je suis Charli!“ Viel weniger Menschen hat man gesehen, die sich mit den jüdischen Opfern derselben Terroraktion solidarisiert haben. Man ist ja im ersten Moment von zweierlei Anschlägen ausgegangen bis man dann schnell ihren Zusammenhang belegen konnte. „Je suis Juif“ – „Ich bin Jude“ Ja, diese Solidarisierung gab es auch, aber weitaus seltener, sie ist nahezu untergegangen.

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So stehet nun fest!

Am kommenden Dienstag ist der 27. Januar. Es ist der Holocaust-Gedenktag, der Tag, an dem vor 70 Jahren das Vernichtungslager Auschwitz befreit wurde. „Je suis Juif“ – „Ich bin Jude“. Ich stelle mir vor, es wären in Hitlerdeutschland Millionen auf die Straße gegangen und hätten sich einen Judenstern angeheftet. „Ich bin Jude“ oder wären für andere Verfolgte auf die Straße gegangen. Wäre es dann zur millionenfachen Vernichtung gekommen? Hat da so vielen der Mut gefehlt? Freiheit braucht Mut! Und Freiheit braucht, dass man zusammensteht. „So stehet nun fest!“

 

Was heißt das heute, wenn es nicht mehr um das Thema von damals geht, aber vielleicht um andere Themen und immer noch um die Freiheit und darum, aus Glauben gerecht zu werden und nicht selbst gerecht zu sein?

Bleibt bei Christus, sagt Paulus den Galatern, da habt Ihr alles. Sucht nicht noch irgendwas, was Euch weiterbringt. Es wirft Euch in Wirklichkeit nur zurück. Bleibt bei Christus und kümmert Euch lieber um die, die Euch brauchen: der Glaube, der in der Liebe wirksam ist. Es heißt nicht „Glaube“ und „Liebe“, sondern heißt, dass sich der Glaube als Liebe äußert, erweist, zeigt. Vergesst alles andere, sagt er, der Glaube, der sich als Liebe äußert, ist es, nichts anderes.

Diese Woche war auch der 200. Todestag des Dichters Matthias Claudius, wahrhaft einer der größten, weil einer der bescheidensten. Wir hören nach der Orgelmediation Auszüge aus seinem Brief an seinen Sohn Johannes. Er sagt in diesem Brief: der ist nicht frei, der da will tun können, was er will, sondern der ist frei, der wollen kann, was er tun soll.

Noch einmal: Der ist nicht frei, der da will tun können, was er will, sondern der ist frei, der wollen kann, was er tun soll.

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! Der Glaube, der in der Liebe wirksam ist. Amen.