Predigt am 11.11.2018 in Ditzingen, Konstanzer Kirche

Predigttext: Hiob 14,1-6 (Gute Nachricht Bibel)

1     Was ist der Mensch, von einer Frau geboren?
Sein Leben ist nur kurz, doch voller Unrast.

2     Wie eine Blume blüht er und verwelkt,
so wie ein Schatten ist er plötzlich fort.

3     Und trotzdem lässt du ihn nicht aus den Augen,
du ziehst ihn vor Gericht, verurteilst ihn!

4     Du musst doch wissen, dass er unrein ist,
dass niemals etwas Reines von ihm ausgeht!

5     Im Voraus setzt du fest, wie alt er wird,
auf Tag und Monat hast du es beschlossen.
Du selbst bestimmst die Grenzen seines Lebens,
er kann und darf sie niemals überschreiten.

6     Darum blick weg von ihm, lass ihn in Ruhe
und gönne ihm sein bisschen Lebensfreude!

Liebe Gemeinde!
„Was ist der Mensch?“ fragt Hiob, der das Leid der Welt am eigenen Leibe auskostet. – Kein Text für eine Festversammlung, nichts Erhebendes. Und doch eine Stimme, die in der Bibel ihren Platz hat. – Die Stimme der Leidenden wird nicht übergangen, das Leiden nicht ausgeblendet, selbst wenn die, die leiden, oft auch darunter leiden, dass sie sich nicht ernst genommen fühlen. Das Leiden, das Leid kommt zur Sprache. Es kommt auf die Tagesordnung. Es gelangt in den Kanon!

„Was ist der Mensch? Wie eine Blume blüht er und verwelkt, so wie ein Schatten ist er plötzlich fort.“ Die Sätze kommen auch nicht aus dem philosophischen Seminar, in dem ein Weiser spricht und seine Schüler ihm zuhören. Hiobs Klagen und Hiobs Fragen sind existentiell, sind am eigenen Leibe erlitten. Hiob hat genug! Das Maß ist voll! Er ist am Boden – und ist doch kein gebrochener Mann. Er hat Würde, erhebt noch Anspruch, einen einzigen Anspruch: Er will von Gott und seinen Freunden in Ruhe gelassen werden.

Hiob ist durch die Jahrtausende hindurch aktuell geblieben. Hiob war im 19. Jahrhundert aktuell, als in den Gefilden des Libanon die Franzosen mit den maronitischen Christen, die Engländer mit den Drusen paktierten, so vielleicht wie heute im Jemen die Saudis und Iran ihre Interessen in einem furchtbaren Krieg verfolgen und Tausende an Hunger, an Cholera, an Kriegsverletzungen zugrunde gehen, so gab es damals die Opfer im drusisch-maronitischen Bürgerkrieg 1860, die Schätzungen zwischen 7.000 und 20.000 Toten auf Seiten der maronitischen Christen, Zehntausende obdachlos bis die Franzosen direkt intervenierten und – als Refugium für die Christen – eine autonome Provinz im osmanischen Reich durchsetzen konnten.

Jerusalem war zweihundertfünfzig, dreihundert Kilometer entfernt, wo Johann Ludwig Schneller ein Grundstück erworben und ein Haus gebaut hatte. Das Ehepaar Schneller war offenbar nicht der Meinung, dass es in Jerusalem genug an Aufgaben gäbe und der Krieg im Nachbarland schon deshalb nichts mit ihnen zu tun hätte. Schneller bricht auf, macht sich ein eigenes Bild von dem, was ihm zu Ohren gekommen war, und bringt schließlich aus Lagern in Saida und Beirut 10 evangelische Waisenkinder nach Jerusalem, Waisenknaben.

11. November 1860, heute vor 158 Jahren! Johann Ludwig Schneller und seine Frau Magdalena, geb. Böhringer, schauen nicht, wo sie die Knaben unterbringen können, sondern nehmen die Kinder auf und machen ihr eigenes Haus zum „Syrischen Waisenhaus“. Ein Jahr später waren es dann schon 30 Jungen; die Zahl stieg noch lange an. Ein Mädchenhaus kam dazu, eine Blindenklasse.
11. November 1860! Die Geschichte des Syrischen Waisenhauses beginnt, die dann zur Geschichte der Schneller-Schulen geworden ist. Ein Lichtblick in Zeiten der Klage, ein Lichtblick im Hiobsleid des 19. Jahrhunderts, das es aber wahrhaftig nicht nur im Nahen und mittleren Osten gab, sondern überall, Sklaverei in Amerika, Kolonialismus in Afrika und Asien. Was gehört nicht alles zum Hiobsleid, zu den schwersten Prüfungen der Menschlichkeit?! Es war die Zeit, in der in der Diakonie, damals die „Innere Mission“,  „Rettungsanstalten“ gegründet wurden, Einrichtungen gegen die Hoffnungslosigkeit und Teilnahmslosigkeit.

Der drusisch-maronitische Bürgerkrieg wird durch die Tat Schnellers nicht ungeschehen gemacht. Die Kinder, die das Ehepaar aufgenommen hat, waren Waisenkinder, waren „traumatisiert“, wie wir heute wissen und sagen. Sie hatten alles verloren außer ihrem Leben. Das Syrische Waisenhaus war die Initiative eines Mannes, dem eine Haltung der Gleichgültigkeit, der Distanziertheit niemals in den Sinn gekommen wäre. Es war eine Initiative gegen das Wegschauen.

In den Schneller-Schulen ist bis heute der 11. November kein Tag wie jeder andere. Er wird als Tag gefeiert, an dem eine segensreiche Geschichte begonnen hat, eine segensreiche Geschichte inmitten der Unheilsgeschichten, inmitten einer Welt, die  auch seither nicht besser geworden ist trotz aller Verbesserungen und Errungenschaften. Die Fragen und Klagen Hiobs sind noch immer da.

Was ist der Mensch, von einer Frau geboren? Sein Leben ist nur kurz, doch voller Unrast. Wie eine Blume blüht er und verwelkt, so wie ein Schatten ist er plötzlich fort. Und trotzdem lässt du ihn nicht aus den Augen, du ziehst ihn vor Gericht, verurteilst ihn!

Es ist wahr! Es ist leider immer wieder wahr, dass Menschen ihr Schicksal nur als ungerecht begreifen können, wie Hiob. Wo bleibt die Gerechtigkeit in dieser Welt?

Und wahr ist auch, dass es zu allen Zeiten Menschen gegeben hat, die sich mit dem Leid, mit dem Elend, mit der Verlorenheit und Vergessenheit nicht abgefunden haben.

So wie Hiob sich nicht abgefunden hat. Seine Klage ist sein Aufschrei gegen das, was zum Himmel schreit. – Und dass der Mensch von Gott, den er als maßlos ins seiner Forderung nach Gerechtigkeit anklagt, – dass der Mensch von Gott in Ruhe gelassen werden will, ist ein Hilfeschrei aus der Ohnmacht.

Doch Gott ist gar nicht der Zuschauer und Marionettenspieler, der seine Figuren singen, tanzen, leiden und untergehen lässt. Gott ist der Mitleidende, der hinsieht, nicht wegschaut.

11. November – der Martinstag:
Martin von Tours, der seinen Mantel teilt.
Martin von Tours, der römische Offizier, der dann die Waffen niederlegt und zum Bischof von Amiens wird.
Kirchen werden nach ihm benannt, Martinskirchen, die Kinder hören die Geschichte im Kindergarten und machen Martinsumzüge. Die Geschichte des Syrischen Waisenhauses beginnt an einem Martinstag – ein Zufall der Zeitläufte – und macht doch Sinn.

Und dann – vor 100 Jahren – der 11. November 1918, was dieser Tage durch die Nachrichten geht, in den Zeitungen steht und auf der politischen Bühne erinnert wird: Unweit von Paris wird der Waffenstillstand von Compiègne unterzeichnet. Nach 4 Jahren und 4 ½ Monaten ist ein Ende des Weltkriegs in Sicht. – Erst als es einen weiteren Weltkrieg gegeben hat, wurde er der erste genannt. Es war einfach der Weltkrieg. Die Waffen schweigen ab dem 11. November. Es gibt die Siegermächte, aber auch sie sind Verlierer. Es gibt nur Verlierer. 20 Millionen Tote und weit und breit kein friedliches Sterben, unsagbares Leid. Das syrische Waisenhaus kam in Jerusalem mit Sachschäden davon. Aber spurlos ist der Krieg dort auch nicht vorbeigegangen.

Von der Öffentlichkeit wenig gewürdigt gab es Werke der Barmherzigkeit auch in diesen Kriegsjahren. Im Russischen „Haus der Wissenschaft und Kultur“ in Berlin wird derzeit eine Ausstellung gezeigt: „Barmherzigkeit während des Ersten Weltkrieges.“

 

20 Jahre nach Ende des Weltkriegs brannten in Deutschland die Synagogen, dann die Krematorien der Vernichtungslager.

Hiob wirft Gott alle himmelschreiende Ungerechtigkeit vor die Füße. Die Verse des Predigttextes sind ja nur ein kleiner Ausschnitt seiner Klage.

Aber das schlimmste Leid, das weit die Leiden Hiobs übersteigt, ist menschengemacht. Ich will es uns ersparen, das aufzuzählen, was Menschen an Leid verursachen. Es ist zu viel des Schlimmen.

*

11.11., 11 Uhr 11! Der Karneval beginnt. Vielleicht kann man die Welt auch nur ertragen, wenn man zum Narren und närrisch wird, indem man die Wirklichkeit zum Narren hält und auf die Pauke haut und lärmend durch die Straßen zieht.

Es ist nicht die Antwort Schnellers. Die Antwort Schnellers war die, das Naheliegende zu tun, Verantwortung übernehmen, Kindern eine Zukunft zu geben, damit diese Welt eine Zukunft hat.

11. November 1966. 106 Jahre nach den Anfängen des Syrischen Waisenhauses in Jerusalem wird die Theodor-Schneller-Schule in Amman gegründet. Immer noch sind es Nachkommen Johann-Ludwig-Schnellers, die das Werk weiterführen. Die Johann-Ludwig-Schneller-Schule im Libanon war bereits im März 1952 gegründet worden. – Wir feiern heute das Schneller-Fest, und ich freue mich, dass es in Ditzingen sein kann. Wir möchten Anteil nehmen am Ergehen und am Dienst der Christen im Nahen Osten und Anteil geben, Verbundenheit praktizieren.

Was Hiob bittet mögen wir nie bitten müssen: von Gott in Ruhe gelassen zu werden, möchten lieber bitten: schau her, Gott, hier sind wir! Schenk uns Deinen Beistand, Deinen Segen! Amen.

Links zur Predigt:

…ich gehe nicht zurück!

Predigt am Palmsonntag 2018
in Ditzingen, Konstanzer Kirche

Predigttext: Jesaja 50,4-9a.10b

Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören.

Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.

Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.

Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde.

Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir!

Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? […] Wer im Finstern wandelt und wem kein Licht scheint, der hoffe auf den Namen des HERRN und verlasse sich auf seinen Gott!

Predigt

Liebe Gemeinde,

Jochen Klepper, der Liederdichter, ist am 22. März 1903 in Niederbeuthen an der Oder geboren. In der Karwoche 1938, Klepper war 35 Jahre alt, schreibt er ein Lied nach diesem Predigttext:

Er weckt mich alle Morgen, er weckt mir selbst das Ohr. Gott hält sich nicht verborgen, führt mir den Tag empor, dass ich mit seinem Worte begrüß das neue Licht. Schon an der Dämmrung Pforte ist er mir nach und spricht.

Sieben Jahre zuvor, 1931, hatte er seine Frau Johanna Stein geheiratet, die verwitwet war und zwei Töchter hatte. Sie war Jüdin. Schon Kleppers eigene Familie war mit diesem Schritt nicht einverstanden. In den folgenden Jahren mussten er und seine Frau mit ihren beiden Töchtern immer mehr Schikanen hinnehmen. Trotzdem wurde das Jahr 1938 eines seiner produktivsten Jahre. Die Karwoche war Mitte April. Das Jahr 1938 sollte aber auch das Jahr mit der Reichspogromnacht am 9. November werden, einem weiteren schrecklichem Höhepunkt der Hetze gegen die jüdische Bevölkerung.

Er will, dass ich mich füge. / Ich gehe nicht zurück. / Hab nur in ihm Genüge, / in seinem Wort mein Glück. / Ich werde nicht zuschanden, / wenn ich nur ihn vernehm. / Gott löst mich aus den Banden. / Gott macht mich ihm genehm.

Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden.

… Ich gehe nicht zurück, / hab nur in ihm Genüge, in seinem Wort mein Glück…

Was würde das für uns bedeuten, nicht zurückweichen, standhaft zu sein, unser Glück in Gottes Wort zu finden?

Im Bibeltext spricht nicht Jochen Klepper, spricht ein uns unbekannter Prophet. Von ihm wissen wir nicht den Geburtstag, nicht den Geburtsort, wissen nicht wie er ausgesehen hat, wer seine Eltern waren, ob er Geschwister hatte, verheiratet war, einen Beruf hatte, wissen kaum, wie er zum Propheten geworden ist.

Obwohl. Er sagt: Gott der Herr hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse mit den Müden zu rechter Zeit zu reden.“

Er „outet“ sich, wie man heute sagt. Er zeigt sich, spricht von sich selbst, versteckt sich nicht, bekennt sich dazu, dass er sensibel ist, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Er nennt sich Jünger, Schüler. Seine Begabung: Das Hören! Er hat noch nicht das Gefühl, fertig zu sein, ein Meister zu sein, andere lehren zu können. Er ist noch auf dem Weg. Ganz beiläufig sagt er das und hört, spricht wie einer, der in Gottes Schule ist.

… dass ich wisse mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Das scheint ihm im Hören wichtig geworden zu sein, mit Müden zu reden. Ja, er, scheint zu verstehen, was Menschen müde werden lässt, was sie müde macht. – Nicht körperlich müde, wenn man nach einem Tag schwerer Arbeit oder nach einer langen Wanderung erschöpft und müde ist. Nein, müde, wenn man nicht mehr mag, nicht mehr kann, wenn die Kräfte nicht mehr zu reichen scheinen, wenn man den nächsten Tag fürchtet, statt sich auf ihn zu freuen.

*

Ist das ein Palmsonntagstext? Hat Mörike den Palmsonntag nicht besser getroffen mit seinem Gedicht „Karwoche“ in einer seltsamen Mischung aus Frühling und Traurigkeit?

O Woche, Zeugin heiliger Beschwerde!
Du stimmst so ernst zu dieser Frühlingswonne,
Du breitest im verjüngten Strahl der Sonne
Des Kreuzes Schatten auf die lichte Erde,

Und senkest schweigend deine Flöre nieder;
Der Frühling darf indessen immer keimen,
Das Veilchen duftet unter Blütenbäumen
Und alle Vöglein singen Jubellieder.

O schweigt, ihr Vöglein auf den grünen Auen!
Es hallen rings die dumpfen Glockenklänge,
Die Engel singen leise Grabgesänge;
O still, ihr Vöglein hoch im Himmelblauen!

Ihr Veilchen, kränzt heut keine Lockenhaare!
Euch pflückt mein frommes Kind zum dunkeln Strauße,
Ihr wandert mit zum Muttergotteshause,
Da sollt ihr welken auf des Herrn Altare.

Ach dort, von Trauermelodien trunken,
Und süß betäubt von schweren Weihrauchdüften,
Sucht sie den Bräutigam in Todesgrüften,
Und Lieb‘ und Frühling, alles ist versunken!

Vielleicht erinnern sich die Älteren wie das früher war mit dem Palmsonntag, mit der Karwoche: Als noch wenig Verkehrslärm in den Straßen war und mehr Stille in den Häusern, als täglich die Kirchenglocken zu den Passionsandachten gerufen haben, als man das Leiden Christi auf sich wirken ließ bis es sprichwörtlich wurde, dass einer aussieht „wie das Leiden Christi“. Der Palmsonntag, an dem man in der Kinderkirche die Geschichte vom Einzug in Jerusalem erzählt hat, von „Hosianna“ und „Gelobet sei der da kommt im Namen des Herrn“, vom Palmesel und Palmzweigen, von Jerusalem, vom Tempel und der Heiligen Stadt, und wo man wusste, dass nicht nur der Frühling in der Luft lag, sondern der Gründonnerstag und auch der Karfreitag bevorstanden und auf die Stimmung drückten.

Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden.

Liest man die Geschichten von Jesus im Neuen Testament, entdeckt man die Verbindungen von seinem Wirken, seinem Reden, seinem Handeln zu diesen Abschnitten im Buch Jesaja. Er war es, der seinen Rücken darbot denen, die ihn schlugen, seinen Körper denen, die ihn folterten, der seine Hoffnung auf Gott nicht verraten, nicht verleugnet hat, selbst dann nicht, als er nichts mehr von Gottes Hilfe gespürt hat.

Palmsonntag.

Wer die Stille sucht, muss sie wirklich suchen, sich zurückziehen, muss die Stille wollen und auch aushalten, die Texte auf sich wirken lassen oder die Bilder, die Lieder, die Musik. „Das Leiden Jesu betrachten“, hat man gesagt, lateinisch „Kontemplation“. Wer die Stille gesucht hat, wer sich dem ausgesetzt hat, das Leiden zu betrachten, auch das Leid der Welt, das Leid der Kreatur, der Schöpfung, auch das Leid an der Zerstörung, das man alles entdecken kann im Leiden Christi, die Traurigkeit und Trauer, den Schmerz, den Zweifel und die Verzweiflung, die Anklage und die Selbst-Anklage… Wer den Blick in die Tiefe nicht meidet, sondern zulässt, dass man manchmal aushalten muss und gar nichts tun kann, der schöpft auf merkwürdige Weise Kraft aus dem, was er empfindet: „Ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.“ Standhalten. Man kann es einüben, das Standhalten.

Jochen Klepper hat es eingeübt: Er will, dass ich mich füge. / Ich gehe nicht zurück. / Hab nur in ihm Genüge, / in seinem Wort mein Glück… Lange hat er standgehalten, vielen hat er Trost gegeben mit seinen Liedern und Gedichten. Dass er im Advent 1942 mit seiner Frau und ihrer Tochter den Tod gesucht hat, zählt für mich auch zu dem, dass er sagen konnte: ich gehe nicht zurück. Amen.

Lied: Er weckt mich alle Morgen…                                         452,1-5

Er weckt mich alle Morgen,
er weckt mir selbst das Ohr.
Gott hält sich nicht verborgen,
führt mir den Tag empor,
dass ich mit seinem Worte
begrüß das neue Licht.
Schon an der Dämmrung Pforte
ist er mir nah und spricht.

2. Er spricht wie an dem Tage,
da er die Welt erschuf.
Da schweigen Angst und Klage;
nichts gilt mehr als sein Ruf.
Das Wort der ewgen Treue,
die Gott uns Menschen schwört,
erfahre ich aufs neue
so, wie ein Jünger hört.

3. Er will, dass ich mich füge.
Ich gehe nicht zurück.
Hab nur in ihm Genüge,
in seinem Wort mein Glück.
Ich werde nicht zuschanden,
wenn ich nur ihn vernehm.
Gott löst mich aus den Banden.
Gott macht mich ihm genehm.

4. Er ist mir täglich nahe
und spricht mich selbst gerecht.
Was ich von ihm empfahe,
gibt sonst kein Herr dem Knecht.
Wie wohl hat’s hier der Sklave,
der Herr hält sich bereit,
dass er ihn aus dem Schlafe
zu seinem Dienst geleit.

5. Er will mich früh umhüllen
mit seinem Wort und Licht,
verheißen und erfüllen,
damit mir nichts gebricht;
will vollen Lohn mir zahlen,
fragt nicht, ob ich versag.
Sein Wort will helle strahlen,
wie dunkel auch der Tag.

Text: Jochen Klepper 1938
Melodie: Rudolf Zöbeley 1941

Predigt zur Jahreslosung 2018 zum Fest der Goldenen Konfirmation in der Lutherkirche Fellbach (11.03.2018)

Gott spricht:
Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Offenbarung 21,6

Liebe Schulkameradinnen, liebe Schulkameraden von damals
und Angehörige, liebe Lutherkirchengemeinde,

wer bin ich, dass ich heute hier auf der Kanzel stehe und mich traue, Euch, Ihnen eine Predigt zu halten? Wer wäre ich, das abzulehnen, nachdem mein geschätzter Kollege mich gefragt hat, ob ich das tun würde?

Aus mir ist also ein Pfarrer geworden, aufgewachsen in Fellbach in der Rosenstraße, Staufenbergschule, Friedrich-Schiller-Gymnasium,
Konfirmation in der Melanchthonkirche, die damals gerade 4 Jahre alt war, jung, modern.

Quelle: Landeskirchliches Archiv Stuttgart, Inventarisation, Inv.-Nr. 47332.1.001-00

 

[Ich habe als Konfirmand während des Gottesdienstes häufig fast zwanghaft die Lichtöffnungen gezählt an der Wand hinterm Altar. Um die 150 müssten es sein. Daran erinnere ich mich merkwürdiger Weise noch...]

 

Die Lutherkirche war ehrwürdiger, ist immer noch ehrwürdig für echte Fellbacher. Hier bin ich getauft worden. – Das weiß ich, aber ich erinnere mich natürlich nicht. Wer erinnert sich schon an seine Taufe? Wichtiger als dass wir uns daran erinnern, ist dass wir die Taufe empfangen haben.

Ich war oft in der Kirche. In unserer Familie war Glauben, Bibel und Gebet wichtig, wofür ich dankbar bin. Ich habe es nicht als eng empfunden. Pfarrer zu werden, war mir trotzdem nicht in die Wiege gelegt. Aber ich bin es immer noch gerne, bin noch einmal auf eine neue Stelle gegangen, nach Ditzingen, und ich ahne auch schon, dass mir etwas fehlen wird in zwei Jahren, wenn es so kommt, wie man es sich ausdenkt und wünscht. – Manchmal kommt es anders.

Goldene Konfirmation: Das ist an der Schwelle, an der man angefangen hat, Verantwortung abzugeben. Die Berufsjahre liegen zu einem großen Teil hinter einem. Das, was man „Ruhestand“ nennt, kommt hinterm Horizont hervor. Zum Zeitpunkt der Konfirmation war es gerade umgekehrt. Man hat begonnen, Verantwortung zu übernehmen. Mit 14 wird man hierzulande religionsmündig, auch strafmündig, bemerkt den Übergang kaum und doch ist er vorhanden. Stück für Stück übernimmt man Verantwortung für das eigene Leben und mehr.

Vor 30 Jahren, 1988, habe ich zum ersten Mal eine Goldene Konfirmation gehalten. Damals war ich, waren wir alle Anfang 30, die Teilnehmer „meiner“ damaligen Goldenen Konfirmation waren – wie wir heute – 63, 64. Fast jedes Jahr habe ich seither eine Goldene Konfirmation gehalten und irgendwann hat es mich beschäftigt, dass ich dann auch einmal zum Jahrgang gehören würde und muss heute sagen, dass sich das anders anfühlt als bisher.

Dass wir Evangelischen unter uns sind, kommt mir dabei als schwerer Anachronismus vor. Klar, wie feiern Goldene Konfirmation und nicht Goldene Firmung und haben gerade ein Reformationsjubiläum hinter uns, sind gewissermaßen aufgeladen mit evangelischer Identität, treffen uns in der LUTHER-Kirche!

Aber wär’s nicht das Allernormalste, wir wären im ganzen Jahrgang beieinander und jeder brächte seinen Glauben, seine Konfession, seine Überzeugung, auch seine Neugier mit?

19 Jahre lang habe ich in Markgröningen sehr eng mit meinem katholischen Kollegen zusammengearbeitet, der seine ersten Dienstjahre hier in Fellbach an der Johanneskirche verbracht hat. Letztes Jahr haben wir zum Abschluss unserer Zusammenarbeit einen ökumenischen Ausflug nach Fellbach gemacht und die Johanneskirche und die Lutherkirche angeschaut. Das gehört heute zusammen. Verschiedenheit als Bereicherung!

Wir haben im Konfirmandenunterricht viel auswendig gelernt. Eigentlich hauptsächlich auswendig gelernt, sind abgefragt worden, jede Woche… –
Diese langen Texte, die wir damals lernen mussten und nicht verstanden haben…,
die ich heute aber immer noch mag, so ganz für mich.

Der Konfirmandenunterricht aber hat sich verändert.

Vor 11 Jahren, so lange ist das auch schon wieder her, hat die ARD einen 30 minütigen Beitrag über unseren Konfirmandenunterricht in Markgröningen ausgestrahlt, der viel Resonanz bekommen hat und heute noch in vielen Kirchengemeinden gezeigt wird. Da war viel Erlebnis, Begegnung entlang der Themen des Glaubens, aber nicht mehr das Abfragen des Katechismus.

Das Spruch- und Liederbuch gab es ja schon im Religionsunterricht der Grundschule. Auch da wurde auswendig gelernt – und sicher nicht zum Schaden, aber eben auch nicht zum Spaß… Heute sind es fast nur noch die Schauspieler, die ihren Text auswendig lernen.

Gott spricht:
Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Offenbarung 21,6

Auch so ein Spruch. Er steht auf den Urkunden, die wir heute bekommen – wie wir auch seinerzeit auch zur Konfirmation eine Urkunde und einen Spruch erhalten haben, unseren „Denkspruch“.

„Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers. Umsonst.“

Aus der Bibel, vorletztes Kapitel.
In den Kirchen ist der Spruch dieses Jahr die Jahreslosung,
ein Begleitsatz durch das Jahr 2018,
ein Merkvers, ein Motto,
eine Erinnerung an etwas, was nicht immer präsent ist:

Quelle

Wo sprudelt etwas?
Wo finde ich etwas gegen das Vertrocknen?

„Ich will dem Durstigen geben…“

Das Wort „Durststrecken“ fällt mir ein. – Ist an Durststrecken gedacht?

Durststrecken kennt jede, jeder.

Durststrecken kannten die christlichen Gemeinden, an die diese Worte zuerst gerichtet waren damals Ende des 1. Jahrhunderts, als sie durch Verfolgungen aufgerieben wurden, als man sie als Widerständler ausmerzen wollte,
weil sie dem Kaiser das Opfer verweigert haben,
auch weil man Sündenböcke gebraucht hat für das, was nicht in Ordnung war. Sie wurden denunziert, diskriminiert, verfolgt, getötet. Das war die Durststrecke der frühen Kirche.

Wir leben ja wieder oder immer noch in einer Zeit, in der man für alles und jedes einen Sündenbock, einen Schuldigen braucht: „Flüchtlinge“, „Diesel-Fahrzeuge“, „die Auto-Hersteller“, die „Gülén-Bewegung“ in der Türkei, „die Politiker“, „die Medien“, wen oder was auch immer man gegenwärtig pauschal verurteilt, wer oder was auch immer an allem Unheil schuld sein soll…

Für die, die es trifft, stellt es eine schwere Diskriminierung dar, unter „Generalverdacht“ stehen zu müssen. Für einzelne, die dann zu Schuldigen erklärt werden, steht eine schlimme Durststrecke bevor.

*

Durststrecken gibt es auch im persönlichen Leben. Gemeint sind die
Krisen, in denen man steckt oder durch die man durchgegangen ist,
die einen verändert haben oder dabei sind, einen zu verändern.

Wenn Deine Lebenskrisen erträglich waren, dann sei dankbar!

*

Vorletztes Jahr bin ich zweimal im Libanon gewesen, möchte dieses in den Pfingstferien wieder in dieses Land reisen.

Dort leben 1,5 Millionen Flüchtlinge bei einer Gesamtbevölkerung von 6 Millionen. Jeder vierte ist ein Flüchtling. „Mein Land kann das nicht mehr bewältigen“, sagt der Präsident.  (ZEIT-online, 16.10.2017). Es gibt Durststrecken für ganze Nationen, Gesellschaften. Keiner weiß so recht, wie es weitergeht, ob’s besser kommt oder noch einmal schlimmer. Wie erleben es die Betroffenen? Die Flüchtlinge dort, die libanesische Bevölkerung selbst? Wie erleben es die Betroffenen anderswo?

*

Durststrecken. Zweimal konnte ich eine Reise in die Sahara mitmachen, wo es kein Wasser gibt und man zu den elementaren Dingen des Lebens ein neues Verhältnis bekommt:

Tag und Nacht,
Sonne und Schatten:
der eigene Schatten und der Schatten, den man sucht.
Wasser, rationiert und überlebenswichtig.
Die Gruppe, die einem Schutz gibt.
Die einfachen Männer, die sich zu ihren Gebetszeiten unauffällig zurückziehen,
die den Weg wissen und die Vorräte einteilen.

Selbst gewählte Durststrecke…

Die Durststrecken können sehr wichtig sein im Leben, wenn sie endlich sind und nicht unendlich. Andere Fragen werden wichtiger als die, was heute Abend im Fernsehen kommt oder was morgen  als Sonderangebot im Supermarkt zu haben sein wird.

*

„Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers. Umsonst.“
Es heißt eigentlich Quelle des Wassers des Lebens. Ich bin nicht sicher, ob die Übersetzung „lebendiges Wasser“ richtig ist.

Vielleicht ist ja an die Taufe gedacht,
an etwas, das – wie und wann und wo auch immer – sprudelnd und quellfrisch von Gott kommt, eigentlich unverfügbar, obwohl wir damit umgehen.

Wasser des Lebens, lebendiges Wasser.
Lassen wir es einmal offen.

Mit den Durstigen sind jedenfalls nicht die gemeint, die immer Durst haben und denen mit etwas zu trinken schnell und kurzfristig, aber auch nur vorübergehend geholfen werden kann. [Zu denen zählen wir selbst natürlich auch.]

Es sind aber die gemeint, die Jesus einmal die genannt hat, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit… oder nach Frieden oder nach Anerkennung, nach Wahrgenommen-Werden oder nach Wahrheit oder nach Glück.

Durst nach Glück, was alle Kinder auf der Erde verbindet,
die Kinder bei uns und die Kinder im Jemen, die Kinder der Rohingya-Flüchtlinge in Bangla-Desh und die Kinder der Eskimos, die sich alle gleichermaßen wünschen, dass sie eines Tages glücklich sein können.

Durst nach Glück und der Glaube, dass es das gibt, das Glück. Welch ein Glück!

Gott sei Dank gibt es diesen Glauben und gebe Gott,
dass auch dieser Glaube, dass es ein Glück geben kann, nicht erlischt.

*

Versprochen.

Das ist versprochen in der Bibel. Nicht das happy end, und dann fängt das alte Spiel von vorne an, sondern das finale Glück.

„am ende“, heißt es in einem Gedicht von Reiner Kunze, „ganz am ende, wird das meer in der erinnerung blau sein“.

RUDERN ZWEI

Rudern zwei
ein boot,
der eine
kundig der sterne,
der andre
kundig der stürme,
wird der eine
führn durch die sterne,
wird der andre
führn durch die stürme,
und am ende ganz am ende
wird das meer in der erinnerung
blau sein.

[Reiner Kunze, gedichte,  frühe gedichte]

Als hätte Gott es nicht von Anfang an versprochen gehabt:
allen auf dem weiten Meer des Lebens unterwegs,
allen, die ihr Boot voranbringen wollen, müssen –
ob schwer rudernd in den Stürmen oder gelassen, den Blick zum Sternenhimmel gerichtet,

versprochen:
von der Quelle des lebendigen Wassers. Umsonst.

Umsonst ist in der Bibel nicht doppeldeutig. Es ist eindeutig: geschenkt, kostenlos, gratis, ohne Verfallsdatum. Amen.

 

 

Feuerschein und Wolke. Predigt am 31.12.2017

Predigttext: 2. Mose 13,20-22[1]

20  So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.

21   Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.

22   Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

Predigt

Liebe Gemeinde,

mit dem Abschnitt, der mit diesen Sätzen endet, beginnt die Geschichte vom Auszug aus Ägypten. Für das Volk Israel ist es die Ur-Geschichte, die Geschichte vom Aufbruch aus der Sklaverei und dem Beginn des Weges in die Freiheit.

Wohin aber geht man, wenn man aus der Sklaverei aufbricht und das Land der Freiheit sucht? Geht man nach Osten oder Westen, nach Norden oder Süden? Geht man den Weg, der die wenigsten Hindernisse vermuten lässt oder den Weg, der der kürzeste zu sein scheint? Geht man den Weg, auf dem man sich vor Verfolgung sicher wähnt und auf dem einem nicht erneut die Gefangenschaft droht? Geht man mit leichtem Gepäck oder sorgt man vor für jeden Fall der Fälle? Geht man mit Proviant oder im Vertrauen, dass das da sein wird, was man braucht um voranzukommen? Wer hat die Landkarte, wer organisiert die Schicksalsgemeinschaft?

Gott selbst führt hier sein Volk in die Freiheit, geht voran, lässt die nicht im Stich, die er in die Freiheit gerufen hat, ist Tag und Nacht vor ihnen. Freilich: andere Sicherheiten werden nicht gegeben als die Wolken- und die Feuersäule, keine gebahnten Wege, keine Fahrpläne, kein Geleit. Die Entronnenen sind ohne Waffen entkommen, ihr Schutz ist der Schutz des unsichtbaren Gottes.

Mir kommen die Juden in den Sinn, die der Naziherrschaft entronnen sind, die wenigen, die davongekommen sind. Mir kommen die Menschen unserer Tage in den Sinn, die durch die Wüsten und über das Meer geflüchtet sind, alles hinter sich lassend, was einmal ihre Heimat war und zu ihrer Heimat gehört hat. Es steht beim Aufbruch nicht fest, wie die Geschichte ausgeht. Die erste Station, die genannt wird, heißt „Etam“ – „am Rande der Wüste.“ Mir kommen aber auch Geschichten in den Sinn, wo Menschen nicht aufbrechen in die Freiheit, sondern vertrieben werden aus ihren Häusern, Dörfern, Städten, von ihren Unterkünften in Parks, unter Brücken, in U-Bahnstationen. Wohin können sie gehen? Wo finden sie Wolken- und Feuersäule?

Was sagt uns der Text am Ende dieses Jahres?

500 Jahre Reformation haben wir gefeiert in diesem Jahr, haben uns in vielen Veranstaltungen an Martin Luther erinnert, der am Ende des Jahres 1517 zwar noch Angehöriger eines Ordens war, einen Platz und einen Auftrag hatte, dem aber der Boden unter den Füßen wegzubrechen drohte und der nicht zugesehen hat, dass er Land gewinnt, sondern den Weg ins Ungewisse weitergegangen ist, allein sich verlassend auf das, was er aus seinem Studium der Bibel für wahr und recht erkannt hatte. Aufbruch in die Freiheit. Station am Rand der Wüste. Bald würde er allein vor dem Kaiser stehen.

Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.

Wohin wandern wir als Evangelische Kirche? Wer ist bei uns? Wen nehmen wir mit? Wen lassen wir zurück? Woran orientieren wir uns? Manchmal kommt es mir vor, wir lagerten gerne und lang in „Etam“ – „Am Rande der Wüste“. Weitergehen ist so anstrengend. Die Frauen und Männer, die gehofft hatten, die Synode würde eine Entscheidung für eine Freigabe der kirchlichen Trauung gleichgeschlechtlicher Paare treffen, waren schwer enttäuscht. Kein Aufbruch, auch wenn eine Mehrheit die Wolken- und Feuersäule gesehen hatte. Wir lagern weiter am Rande der Wüste. Noch ist es nicht unbequem.

Wohin wandern wir als Gemeinde? Wohin als Einzelne? Wir sind es gewohnt mit dem Navi unterwegs zu sein, haben Fahrpläne und kennen die Kosten. Es ist alles geordnet, das Gesundheitswesen, die Laufbahn der Kinder, wir kaufen ein und tauschen um, wir hören die Nachrichten und sind in Verbindung überallhin. Wir brauchen nicht Wolken- und Feuersäule –

und wissen doch, dass all das, womit wir uns Sicherheit schaffen, nicht wirklich Sicherheit gibt. Da ist die Angst vor dem Klimawandel, die Angst vor Terroranschlägen, die Sorge, dass in dieser Welt noch viel mehr durcheinandergeraten könnte und die Dinge nicht mehr beherrschbar wären. Da wächst im einen Teil der Welt eine Jugend heran, die keinen Zweifel hat, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, die aber mit dem Leben vor dem Tod nichts anfangen kann, – und in unserem Teil der Welt eine Jugend, die mit ihrem Leben viel anfangen kann und sich eine gute Zukunft erträumt, aber den Tod über alles fürchtet, weil sie Zweifel hat, ob es ein Leben danach gibt.

Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.

Wir haben sie aus dem Blick verloren, die Wolkensäule und die Feuersäule, die Zeichen Gottes, die uns den Weg durch die Wüsten unserer Tage weisen. Ja, wir haben die Freiheit gewonnen, aber wohin geht der Weg? Wird es im neuen Jahr eine Regierung geben, die wirklich bereit ist zur Verantwortung? Viele hoffen es, aber wird eine neue Regierung ihrer Verantwortung dann auch wirklich gerecht werden können?

Und doch: „Gott liebt diese Welt. Feuerschein und Wolke und das Heilge Zelt sagen seinem Volke: Gott ist in der Welt.“ – „Ich bin gewiss“ hat es in der Schriftlesung geheißen (Röm. 8,38). „Ich bin gewiss“ möchte ich auch heute sagen, dass Gott in dieser Welt ist. Ja, in seinem Wort. Ja, in Jesus Christus. Ja, in Brot und Wein. Ja, im Wirken des Geistes. Ja, in dem, dass er Menschen beruft und sendet. Aber ich bin auch gewiss: Gott lässt sich nicht verwalten. Feuerschein und Wolke lassen sich nicht verwalten. Gott hat sich nicht an Vorschriften, Pläne und Dogmen gebunden, sondern an seine Welt, an seine Menschen, an sein Volk, an Jesus Christus, an seine Gemeinde. Und deshalb lasst uns achten auf Feuerschein und Wolke, nicht auf Feuerwerk und Events, auf seinen Ruf zum Aufbruch auch im Neuen Jahr. Amen.

[1]

וַיִּסְע֖וּ מִסֻּכֹּ֑ת וַיַּחֲנ֣וּ בְאֵתָ֔ם בִּקְצֵ֖ה הַמִּדְבָּֽר׃ 20
וַֽיהוָ֡ה הֹלֵךְ֩ לִפְנֵיהֶ֨ם יֹומָ֜ם בְּעַמּ֤וּד עָנָן֙ לַנְחֹתָ֣ם הַדֶּ֔רֶךְ וְלַ֛יְלָה בְּעַמּ֥וּד אֵ֖שׁ לְהָאִ֣יר לָהֶ֑ם לָלֶ֖כֶת יֹומָ֥ם וָלָֽיְלָה׃ 21
לֹֽא־יָמִ֞ישׁ עַמּ֤וּד הֶֽעָנָן֙ יֹומָ֔ם וְעַמּ֥וּד הָאֵ֖שׁ לָ֑יְלָה לִפְנֵ֖י הָעָֽם׃ פ 22

 

Schuldenerlass!

Predigt am 19. November 2017
in der Konstanzer Kirche in Ditzingen

Predigttext: Lukas 16,1-8

Er sprach aber auch zu den Jüngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz. 2Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein.

3Da sprach der Verwalter bei sich selbst: Was soll ich tun? Mein Herr nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln. 4Ich weiß, was ich tun will, damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde. 5Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden für sich, und sprach zu dem ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig? 6Der sprach: Hundert Fass Öl. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib flugs fünfzig. 7Danach sprach er zu dem zweiten: Du aber, wie viel bist du schuldig? Der sprach: Hundert Sack Weizen. Er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig. 8Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte.

Predigt

Liebe Gemeinde,

was für ein merkwürdiger Text! Es liest sich beinahe als würde hier etwas erzählt, was Veruntreuung und Korruption gutheißt. Lobt Jesus nicht an anderen Stelle den Haushalter, der treu ist und das Vermögen seines Herrn vermehrt? Und was soll uns das alles heute sagen? Schauen wir auf ein paar Details genauer hin.

Da ist zum einen der Zusammenhang. Der Satz, der diesem Abschnitt vorausgeht ist der letzte Satz des Gleichnisses „vom verlorenen Sohn“ oder „vom Vater und seinen beiden Söhnen.“ Der letzte Satz dieses Gleichnisses ist an den älteren Sohn gerichtet, der sich beklagt hatte über die Großzügigkeit seines Vaters gegenüber seinem gefallenen und heimgekehrten Bruder: Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden. Gott ist nicht kleinlich!

Und gerade, als sollte dieses Thema noch einmal ganz anders aufgegriffen werden, folgt nun der nächste Abschnitt, mit dem Jesus sich an seine Jünger wendet: „Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter …“, einen Ökonomen, wie es ursprünglich heißt; der ist von Kündigung bedroht, weil Vorwürfe im Raum stehen, berechtigt oder unberechtigt, dass er nicht wirtschaftlich handeln würde. Er bekommt eine Abmahnung: „Was höre ich da von Dir? Gib Rechenschaft!“ 

Der Verwalter wiederum überlegt, wie es weitergehen könnte nach der Kündigung: „Graben kann ich nicht …“ – „Graben“ ist Sklavenarbeit. Man denke nur an die enormen Bauwerke, die in römischer Zeit auch in Israel errichtet wurden, der Tempel des Herodes, seine Paläste, Burgen. „Graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln.“

Ich denke an die Menschen, die von Entlassung bedroht sind. Diese Woche die Ankündigung von Siemens, dass mehrere Tausend Stellen abgebaut würden, zwei Standorte aufgelöst werden sollen. Da trifft es viele, anderswo trifft es einzelne. Eine Kündigungsdrohung löst Existenzängste aus. Wer betroffen ist, hat möglicherweise einen schweren Absturz vor sich. Oft sind nicht einzelne betroffen, sondern ganze Familien. Was soll werden?

„Graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln.“  Diese Woche haben die Medien berichtet, dass das Problem der Wohnungslosigkeit zunimmt. In der Süddeutschen Zeitung an hervorgehobener Stelle ein Interview mit Pfarrer Joachim Lenz, dem Direktor der Berliner Stadtmission:
Scham ist am Ende tödlich.

Das Leben auf der Straße ist hart. Die Gründe, warum viele Menschen keine andere Chance haben oder sehen, sind ganz unterschiedlich. Die meisten rutschen nach einer biografischen Katastrophe oder aufgrund psychischer Probleme in die Obdachlosigkeit ab. Und wenn man erst mal ganz unten angekommen ist, geht es schnell, dann gibt man sich auf.

Wir bekommen Obdachlose oft nicht dazu, sich helfen zu lassen, weil sie sich so schämen. Das ist in den unterschiedlichsten Phasen so. Manche verschwinden bei Beratungsgesprächen aus Wartezimmern oder wollen nicht duschen, weil sie anderen nicht zumuten wollen, wie sie aussehen.

Der Verwalter, der Ökonom wird aktiv angesichts düsterer Aussichten für seinen Job. Er geht nicht ins Gebet, geht nicht auf die Knie, geht überraschend auf die Geschäftspartner seines Arbeitgebers zu und verhandelt mit ihnen, handelt mit ihnen einen Teilerlass ihrer Schulden aus. – Und dass ihre Schulden um die Hälfte erlassen werden, bedeutet ja, dass sie die andere Hälfte zurückzahlen. Ein Entschuldungsprojekt ist die Antwort des Verwalters auf die Abmahnung.

Vor ein paar Wochen haben wir das Gottesdienstopfer für den Entschuldungsfonds des Kreisdiakoniewerks erbeten. In der großen Politik wird um Entschuldung gerungen. Die harte Linie: es wird nichts erlassen. Die Konsequenz: die Gläubiger müssen die Schulden nicht abschreiben, die Schuldner kommen aber auch nicht mehr auf die Beine. Griechenland. Andere Länder.

Das Gleichnis endet mit dem Satz:

„Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte.“

Danach kommen noch weitere Schlussfolgerungen, die sich auf das Gleichnis beziehen. Aber belassen wir es bei diesem Satz, dass der Herr seinen miserablen Verwalter nun auf einmal lobt, weil er klug gehandelt hat. Vielleicht war’s doch nicht nur Veruntreuung, dass er den Schuldenerlass durchgezogen hat. Vielleicht war es tatsächlich klug. Die Geschichte endet nicht mit der angedrohten Entlassung, sondern mit einem hohen Lob. Wie es weitergeht, bleibt offen. Auf die Abmahnung folgt – wie man das heute nennt – eine Neubewertung der Umstände.

Liebe Gemeinde,
es fühlt sich an wie Nachrichten aus Politik und Wirtschaft. Gehört das in einen Gottesdienst? Und doch, es gehört dahin, weil es darum geht, wie Menschen miteinander umgehen, wie sie sich behandeln, wie sie einander beistehen oder einander fallen lassen.

Die Hierarchie wird nicht in Frage gestellt. Da ist der Herr, da ist der Verwalter, da sind die Schuldner. Die einen oben, die anderen unten, manche dazwischen. Die dazwischen machen den Mittelstand aus. Aber es ist nicht, wie im indischen Kastensystem, dass man sich unter seinesgleichen aufhält. Die Welt der Bibel ist die Welt, in der man es miteinander zu tun bekommt, in der Rechenschaft verlangt und gegeben wird, in der, obwohl es so scheinen könnte, nicht Willkür herrschen darf. „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern,“ heißt es an anderer Stelle bei Lukas.

Und deshalb am Friedenssonntag, am Volkstrauertag eine Erinnerung an Schuldenerlass und Schuldendienst! Ja, wir haben alle etwas zurückzuzahlen für das, was uns geliehen ist, unser Leben, unsere Zeit, unsere Begabungen, unser Besitz. Und wenn wir zurückzahlen müssten, was wir schuldig sind,  – wir könnten es nicht. Vielleicht können wir etwas zurückgeben, uns dankbar und erkenntlich zeigen, vielleicht können wir selbst großzügig sein, weil wir auf Großzügigkeit angewiesen sind. Aber wäre es mehr als ein kleiner Dank? Mehr als eine bescheidene Geste? Sicher nicht. Gerecht würden wir dem, was uns geliehen ist, damit noch lange nicht.

Reflektiert Jesus mit diesem Gleichnis nicht zugleich sein eigenes Handeln, indem er sieht, was ein Mensch Gott schuldet an Gerechtigkeit, an Vollkommenheit und wie er dem, was er schuldet, nicht gerecht wird? Hatte er seinen Zuhörern in der Bergpredigt nicht gesagt: „Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ O ja! Da sind die Forderungen an die Menschen, an einen jeden von uns, an mich und uns alle, und unser Unvermögen, sie zu erfüllen. „Ich elender Mensch“, sagt Paulus, „wer wird mich erlösen?“ Ein Luther, der fast daran zerbrochen ist, nicht gut genug zu sein.

Da sieht einer, Jesus, dass wir einen Schuldenerlass brauchen, eine großzügige Ermäßigung. Er wird sogar so weit kommen, dass er sich dafür hergibt, dass alles erlassen wird, nichts mehr in der Kreide steht.

Vielleicht kennen Sie den Text von Lothar Zenetti, mit dem ich schließen möchte, haben ihn schon gehört oder Sie hören ihn zum ersten Mal. Er klingt heiter, aber er hat einen tiefen Ernst:

Am Ende die Rechnung

Einmal wird uns gewiss
die Rechnung präsentiert
für den Sonnenschein
und das Rauschen der Blätter,
die sanften Maiglöckchen
und die dunklen Tannen,
für den Schnee und den Wind,
den Vogelflug und das Gras
und die Schmetterlinge,
für die Luft, die wir
geatmet haben, und den
Blick auf die Sterne
und für all die Tage,
die Abende und die Nächte.

Einmal wird es Zeit,
dass wir aufbrechen und
bezahlen;
bitte die Rechnung.
Doch wir haben sie
ohne den Wirt gemacht:
Ich habe euch eingeladen,
sagt der und lacht,
so weit die Erde reicht:
Es war mir ein Vergnügen!

Amen.

(Lothar Zenetti, Sieben Farben hat das Licht. Neue Texte für den einzelnen und die Gemeinde, Verlag J. Pfeiffer München, 1974, 293 = Ders., Auf seiner Spur, Grünewald-Verlag Ostfildern, 42006, 198)

Gottesdienst am 16. Juli 2017 in der Bartholomäuskirche – 5. So. n. Trinitatis – Verabschiedung Pfr. Traugott Plieninger u. Familie

ERÖFFNUNG UND ANRUFUNG

Musik zum Eingang, Posaunenchor: „Are you ready?“
(Richard Roblee, *1943)

Kantorei: „Der Herr ist mein Hirt“ (Bernhard Klein)

Begrüßung

Lied: Mein erst Gefühl sei Preis und Dank     451,1-10

Wochenspruch (5. So. n. Trin.)

Aus Gnade
seid Ihr
selig geworden
durch den Glauben,
und das nicht aus euch:
Gottes Gabe ist es.
Eph. 2,8

Eingangswort

Eröffnung – Im Wechsel gesungen

  1. Der mich atmen lässt, bist du, lebendiger Gott, der mich leben lässt, bist du, lebendiger Gott. Der mich schweigen lässt, bist du, lebenidger Gott. Der mich atmen lässt, bist du, lebendiger Gott.
  2. Der mich warten lässt, bist du, lebendiger Gott / der mich handeln lässt, bist du, lebendiger Gott. / Der mich Mensch sein lässt, bist du, lebendiger Gott / der mich atmen lässt, bist du, lebendiger Gott.
  3. Der mich pflanzen lässt, … / der mich wachsen lässt, … / der mich reifen lässt… / der mich atmen lässt, …
  4. Der mich glauben lässt, … / der mich hoffen lässt, … / Der mich lieben lässt, …/ der mich atmen lässt, …
  5. Der mich weinen lässt. …/ der mich lachen lässt, … / Der mich trösten lässt, … / der mich atmen lässt, …
  6. Der mich tanzen lässt, …/ der mich singen lässt, …/ Der mich still sein lässt, …/ der mich atmen lässt, …
  7. Der mich beten lässt, … / der mich preisen lässt, … / Der mich bergend hält, … / der mich atmen lässt, …
  8. Der mir Freude schenkt, … / der mir Freiheit schenkt, … / Der mir Leben schenkt, … / der mir Atem schenkt …

Text: Anton Rotzetter, Melodie: Beate Bendel; © Herder-Verlag, Freiburg

Psalmgebet: Psalm 84     734

Gebet zum Eingang – Stilles Gebet

Maren Jacob: „Singe, Seele, Gott zum Preise“ (G.F. Händel)

VERKÜNDIGUNG UND BEKENNTNIS

Schriftlesung: 1. Kor. 1,18-25 (Epistel)

18 Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist‘s eine Gotteskraft.
19 Denn es steht geschrieben: »Ich will zunichtemachen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.«
20 Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?
21 Denn weil die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben.
22 Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit,
23 wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit;
24 denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.
25 Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.

Kantorei:        „Lobe den Herren den mächtigen König“  (J.S. Bach)

Schriftlesung: Lukas 5,1-11 (Evangelium)

1   Es begab sich, als sich die Menge zu Jesus drängte, um das Wort Gottes zu hören, da stand er am See Genezareth
2   und sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze.
3   Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus.
4   Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!
5   Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen.
6   Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen.
7    Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken.
8   Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.
9   Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten,
10 ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.
11 Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

Maren Jacob:          „Dir, dir Jehova will ich singen“ (J.S.Bach)

Glaubensbekenntnis     686

Wochenlied (neu):  Nun aufwärts froh den Blick gewandt…      394,1-5

Predigttext: Johannes 1,35-42

35    Johannes, der Täufer, stand am Jordan und zwei seiner Jünger;
36    und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm!
37    Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach.
38    Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister –, wo ist deine Herberge?
39    Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen‘s und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde.
40     Einer von den zweien, die Johannes gehört hatten und Jesus nachgefolgt waren, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus.
41    Der findet zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden, das heißt übersetzt: der Gesalbte.
42    Und er führte ihn zu Jesus. Als Jesus ihn sah, sprach er: Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du sollst Kephas heißen, das heißt übersetzt: Fels.

Predigt

Liebe Gemeinde,

aus dem Schatz der Bibel eine Berufungsgeschichte, ein wenig anders erzählt als bei Lukas, gerade als wolle der Schreiber des Johannesevangeliums etwas berichtigen, als wolle er sagen: es war eigentlich so!

Die Evangelien sind im Rückblick geschrieben – wie es manchmal gut ist Rückblick zu halten. Was ist nicht alles gewesen in den letzten 19 Jahren, in denen wir Plieningers dabei sein durften, unseren Anteil beisteuern durften. Aber wir halten ja dieses Jahr auch Rückblick auf 500 Jahre Reformation, befassen uns mit Martin Luther – oder, wie der Arbeitskreis Geschichtsforschung mit seinem Jahresausflug gestern, mit Martin Bucer, dem Reformator im Elsaß.

Und wir lesen die Bibel, das Neue Testament, das Alte Testament, gehen zurück auf die Anfänge, mit dem heutigen Predigttext auf die Geschichten am Jordan. Johannes der Täufer taucht auf und deutet auf Jesus. Ich habe das Bild in die Programme genommen, das Johannes den Täufer darstellt, Gert Fabritius, gestaltet in Anlehnung an den Isenheimer Altar. Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen, sagt Johannes. Matthias Grünewald und Gert Fabritius nehmen die Szene vom Jordan weg und verlegen sie auf die Kreuzigung: „Wir aber predigen Christus, den gekreuzigten“ sagt Paulus, haben wir in der Schriftlesung gehört.

In unserem Abschnitt sagt Johannes: „Siehe, das ist Gottes Lamm!“ Was bedeutet das? Zweimal fällt der Begriff. Die erste Fundstelle ist kurz vor dem Predigttext, da heißt es noch, das Lamm, das der Welt Sünde trägt, als wäre ihm alle Last, alles Unrecht, alles Schlimme dieser Welt zu tragen auferlegt. Jesus reagiert darauf nicht, kommentiert nicht, was Johannes über ihn sagt. Aber er wird die Last dieser Welt zu tragen bekommen, wird sie tragen.

Die Jünger. Zwei wechseln von Johannes zu Jesus. Einer sagt: „Wir haben den Messias gefunden“ und bringt seinen Bruder Simon mit. Von da an wird für sie alles anders: „This day ist the first day of the rest of your life” – “Heute ist der erste Tag vom Rest Deines Lebens.” Mit diesem Aufbruch hat für die Männer ein neues Leben angefangen. Von dem, was vorher war, wissen wir fast nichts.

Aufbruch. Jesus bespricht mit ihnen nicht, was er vorhat. Sie lassen sich nicht auf ein Projekt ein, sie entwerfen nicht ein Konzept, sie suchen nicht einen guten Standort, sie kümmern sich nicht um Finanzierung und Zuschüsse, sie nehmen keine Unternehmensberatung in Anspruch, sie gründen keine Kirche, sind erfinden keine Religion, sie folgen Jesus, von dem sie glauben, er ist der Messias.

Es ist auch keine Allerweltsgeschichte. Von den vielen, die zu Johannes an den Jordan gekommen sind, sind die allermeisten wieder nach Hause gegangen. Ein paar sind seine Jünger geworden, ein paar sind Jesus nachgefolgt. Deren Geschichte ist mit dem Anfang der Christenheit eng verknüpft.

Am Anfang steht Offenheit,
am Anfang steht Bereitschaft,
am Anfang steht vielleicht auch Neugier,
am Anfang stehen auch gemischte Gefühle: aus dem Gewohnten, Bekannten aufbrechen …
Und doch wird man sagen müssen,
dass ohne Aufbruch kein Vorwärtskommen ist.

Einen winzig kleinen Abschnitt dieser Geschichte haben wir in den 19 Jahren miteinander weitergetragen. Wenn ich die Liste der Pfarrer auf dieser Stelle ansehe, ist jetzt der Übergang vom 41. zum 42. Pfarrer. Durchschnitt etwa 12 Jahre bis meine Vorgänger weitergezogen sind oder verstorben sind. Es ist schon bewegend, in solch einer Liste zu stehen, aber noch bewegender in einer Linie seit den Tagen Jesu und der Apostel zu stehen, in der wir alle stehen. Auf ihn, auf diese Geschichte berufen wir uns, wenn wir im Gottesdienst das Glaubensbekenntnis sprechen, die Bibeltexte verlesen, Taufe und Abendmahl feiern.

Manchmal hat man festen Boden unter den Füßen, manchmal ist es ein Balanceakt, deshalb finden Sie diese waghalsige Skulptur in den Gottesdienstprogrammen beim Wochenspruch (s.o.). Ein Windstoß könnte sie zum Einsturz bringen, aber sie hält.

Bauen.

Im Gottesdienstprogramm ist beim Glaubensbekenntnis das Bild vom Gemeindehausneubau abgebildet. Er hat uns in den Jahren 2001, 2002 beschäftigt. 2003 haben wir die Einweihung gefeiert. Es ist schon lange her und war doch ein wichtiger Abschnitt unserer Geschichte.

Gemeinde hat immer mit Bauen zu tun, mit neu Bauen oder Sanieren, mit Umbauen, mit Veränderung. „Alles bleibt anders“ habe ich vor einem Jahr im Gemeindebrief geschrieben. Was wurde nicht alles gebaut die letzten Jahre und doch ist so vieles noch weiterzubauen, die Kirche weiter zu renovieren, die Pfarrhäuser, der Kirchplatz, die Kindergärten.

Bauen aber auch nach innen.

Veränderungen im Gemeindeleben, vielleicht am besten ablesbar in den Wahlperioden des Kirchengemeinderats, wo sich dann im Leitungsgremium der Kirchengemeinde der Generationenwechsel in der Gemeinde widerspiegelt. Da darf auch einmal eine Pfarrstelle neu besetzt werden.

Nun aufwärts froh den Blick gewandt…

Das Bild mit Pfarrer Schleinitz ist mir die letzten Tage begegnet. Einer, der noch unter uns ist. Andere sind es längst nicht mehr. Bei meiner Investitur 1998 war noch Pfarrer Fiffek dabei, ich denke an die Jahre mit Walter Pflugfelder, an all die Kolleginnen und Kollegen der letzten Jahre samt Vikarin und Vikaren. Das sind schon eine Menge Namen, die hier genannt werden könnten.

„Rabbi, wo ist deine Herberge? Er sprach zu ihnen: Kommt und seht!“ Wer im Johannesevangelium liest, merkt sehr schnell, dass die Worte eine vordergründige und immer auch eine tiefere Bedeutung haben. Jesus sagt nicht, wo er wohnt, gibt keine Adresse an, geschäftlich oder privat. Er hat keinen Firmensitz und keinen Wohnsitz im üblichen Sinn. Kommt und seht… – „Heute hier, morgen dort, bin kaum da, muss ich fort, hab mich niemals deswegen beklagt, hab es selbst so gewählt, nie die Jahre gezählt, nie nach gestern und morgen gefragt…“ Das Lied von Hannes Wader kommt mir in den Sinn.

„Kommt und seht…“ – „Sie kamen und sahen‘s und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde.“ Es gibt das Heute, das Hier und Jetzt, es wird immer konkret, bleibt nicht im Ungefähren, und auch wenn Jesus keine Adresse angibt, so ist er doch an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit. Es ist keine Idee, es ist Wirklichkeit.

Weitergehen bedeutet, Spuren hinterlassen. „Auf den Spuren Jesu“ sind Reisegruppen unterwegs, auf den Spuren Martin Luthers waren wir in der Woche nach Pfingsten unterwegs. Bei Luther war es uns sehr eindrücklich, welches Werk er in Gang gesetzt hat ohne es zu wollen, nur, indem er sich den Herausforderung gestellt hat, die er erkannt hatte. Und war doch ein Mensch mit Fehlern und Schwächen, ist in manchem auch falsch gelegen, worüber man heute offen spricht.

Spuren hinterlassen… Es können viele Spuren oder wenige Spuren sein, und wenn im Rückblick viel Positives genannt und gesehen und erwähnt wird, so ist mir doch wichtig, dass ich Menschen auch enttäuscht oder verletzt haben kann, wo es mir Leid tut; aber vielleicht hab ich es nicht einmal mitbekommen und bitte um Vergebung.

Die Verbundenheit mit Markgröningen wird bleiben. Wir werden ja in Ditzingen in der Gröninger Straße wohnen, die Verbindungen sind längst nicht alle abgeschnitten: der Kirchenbezirk und vieles andere hält uns ja vorläufig beisammen. Wichtiger ist die Verbundenheit im Glauben und zum Glauben, die Verbundenheit mit Jesus Christus, der dann gesagt hat: Ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende. Amen.

Musikstück Posaunenchor:    „Ein feste Burg ist unser Gott”
(Felix Mendelssohn Bartholdy)

FÜRBITTE UND SENDUNG

Fürbittengebet

Vaterunser

Lied:   Der Herr, der Schöpfer bei uns bleib     140,2-5

Bekanntgaben

Musikstück Posaunenchor

Segen

Musik zum Ausgang

 

Predigt zur Diamantenen Konfirmation 2017 am Sonntag Lätare, 26. März 2017

 

Liebe Konfirmationsjubilare und Angehörige, liebe Gemeinde,

vorne auf den Gottesdienstprogrammen ist das Bild vom Innern unserer Bartholomäuskirche. Es sieht aus, als wäre vor der Kanzel, vor dem Altarraum ein Transparent gespannt über das ganze Mittelschiff von einer Säule zur andern.  Auf dem Transparent große Ornamente um ein Schriftfeld herum, auf dem Schriftfeld der Wochenspruch für diesen Sonntag und die neue Woche als Bibelinschrift im Deutsch einer längst vergangen Zeit:

Warlich, warlich Sag ich euch es sey Dan das das weizen körnlin in die erden falle und sterbe so Bleibt es Allain, wo es aber erstirbt, so bringt es vil Frucht   IOAN 12

Der Spruch findet sich im Chor der Bartholomäuskirche.

Wir sind vor kurzem vom landeskirchlichen Archiv auf diese Inschrift hingewiesen worden, weil die Schriftfelder, die man in Chor der Bartholomäuskirche findet, ein frühes Zeugnis der Umsetzung der Reformation in unserer Region sind.

Vom 8. April bis 10. Juni 2017 wird es im Alten Schloss in Stuttgart eine Ausstellung geben „Luther kommt nach Württemberg“. Dort werden im Ausstellungskatalog auch unsere Inschriften zu sehen sein. Sie stammen aus dem Jahr 1593, vermutlich von einem Markgröninger Maler Meister Hans Jerg Herzog. Darauf deuten die Initialen, die an einem der Schriftfelder zu finden sind.

1593. – Vor 424 Jahren also. Wir können uns solche Zeiträume schlecht vorstellen. Die Reformation – 500 Jahre. Die Diamantene Konfirmation 60 Jahre. Wir erfassen es mit unserem Verstand, aber emotional erfassen wir die Zeiträume anders, spüren eher ob uns etwas nah ist oder weniger nah, egal wie weit oder wie nah in der Vergangenheit. Ja, wir befassen wir uns mit dem, was war, interessieren uns für unsere Geschichte, nehmen sie ernst, wichtig.

Auf der Nordseite des Kirchplatz gab es an den letzten beiden Freitagen einen kleinen archäologischen Einsatz auf der Baustelle unter Aufsicht unseres archäologischen Fachmanns, um etwas über die Geschichte unserer Kirche zu erkunden. Fundamente wurden freigelegt, Bestattungen dokumentiert. Interessante Befunde kamen zum Vorschein. Was hier an dieser Stelle, an der wir uns zum Gottesdienst versammeln, einmal war, bedeutet uns etwas, sagt uns etwas, ist uns nicht gleichgültig.

Ein Baum aber kann 100 Jahre alt sein, 300 Jahre und noch älter. Er weiß es nicht. Er steht da, treibt seine Wurzeln in den Boden, die Äste in den Himmel, könnte erzählen von ganzen Epochen und gibt sein Geheimnis nicht preis.

Ein Bauwerk, zweitausend Jahre. Die Klagemauer in Jerusalem zum Beispiel, Westmauer des letzten Tempels, den Herodes erweitert hat. Die Menschen strömen dorthin um zu beten. Jahrhundertelang waren die Mauer im Schutt der Weltgeschichte verborgen bis man sie freigelegt hat. Sie hat sich nicht selbst geregt.

Was ist das mit uns Menschen, dass uns unsere Geschichte so wichtig ist? Wir interessieren uns für den Anfang allen Seins, für die Schöpfung oder einen Urknall und merken, dass wir uns beides nicht vorstellen können, aber wir forschen daran, wollen es wissen, verstehen.

Wir gehen zurück auf die Zeitenwende, auf vergangene Epochen, die Babylonier mit ihren Gesetzen, die Ägypter mit ihrer Kultur, den Pyramiden, die Römer mit ihren Bauwerken, die Kelten mit ihrem Schmuck, die Staufer, das Mittelalter, die Reformation, die Neuzeit. Immer mehr wollen wir wissen, immer mehr über uns selbst, unsere Herkunft, auch persönlich. Wir feiern Geburtstage, Jubiläen, wir denken zurück an Kindheit und Jugend, an Stationen unseres Lebens, an wichtige Ereignisse. Vor 60 Jahren – die Konfirmation. Die Kirchenrenovierung war ein Jahr vorher abgeschlossen worden. Die Orgel stand nicht mehr im Chor. Die Inschriften konnten gelesen werden, die Bilder waren freigelegt, das Geläute wieder vollständig mit der 4. Glocke, die die Heimkehrer gestiftet hatten. Die schönen farbigen Fenster im Chor und in der Vollandkapelle erzählen seither biblische Geschichten.  – Aber freilich, die Konfirmation feiert man mit 14 Jahren. Da waren Ihnen als Jugendliche noch ganz andere Dinge wichtig: die Angst, beim Aufsagen der Texte einen Fehler zu machen, der Schulabschluss, die Geschenke, die Schulkameraden, die Lehrer, das Fest in der Familie. Nach der Konfirmation, so hatte man gesagt, begann der „Ernst des Lebens“.

Vor zehn Jahren haben wir die Goldene Konfirmation gefeiert. Pfarrer Fröschle, der bei Ihrer Konfirmation Vikar war, war dabei, war aus Alpirsbach gekommen. Damals war auch der Konfirmationsjahrgang 1947 mit in der Kirche zur Diamantenen Konfirmation. Schon wieder 10 Jahre vergangen, nicht spurlos vergangen.

Je älter man wird, desto wichtiger wird es einem, auch Spuren zu hinterlassen: nicht nur darüber nachdenken, was im eigenen Leben Spuren hinterlassen hat, sondern auch darüber, welche Spuren man selbst hinterlässt. Die Lebensarbeit kommt in Blick, das, wo man seinen Beitrag gegeben hat, im Beruf, in der Familie, im Verein, in der Politik, für die Wissenschaft, für die Kunst, für die Musik, für das Handwerk, für Frieden, für Versöhnung, für die Natur, für den Erhalt der Schöpfung, was immer es gewesen sein mag und noch ist, vielleicht war es nur das eine, für einen Menschen da zu sein, der einen gebraucht hat, und auch das wäre ein Lebenswerk.

Von Jesus stammt auch das Wort: Wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren. Wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird es retten. – Geheimnis, dass der, der viel von seinem Leben haben will, vielleicht am Ende mit wenig dasteht; ein anderer, der viel gegeben hat, viel von sich gegeben hat, am Ende sagen kann, dass er reich ist.

Nicht das, was wir für uns beanspruchen, für uns auf die Seite bringen, zurücklegen, macht uns wirklich reich, sondern das, was wir von uns investieren konnten, investieren können, ist das, wovon wir eines Tages Früchte sehen.

Das Weizenkorn – für Jesus ein Bild des Sich-in-den-Tod-Gebens. Das Weizenkorn fällt in die Erde, erstirbt und im Ersterben entsteht der neue Halm, entsteht die Frucht.

Geheimnis des Lebens. Wir sind in der Hand Gottes nicht ein Stück Holz, nicht ein Stück Eisen, nicht ein toter Stein, nicht ein Denkmal. Wir sind in der Hand Gottes zu etwas nütze, sind zu gebrauchen, müssen nicht eines Tages zum Alten Eisen gehören, dessen Zeit vorüber ist. Wir sind nicht in unseren guten Jahren zu etwas nütze, erfolgreich, leistungsstark, und dann nicht mehr zu gebrauchen. Das Bild vom Weizenkorn sagt uns, dass dort, wo wir in Gottes Wirken einbezogen sind und darin aufgehen Neues wächst.

Das Bild vom Weizenkorn…

Der Maler, der die Bibelinschriften in die Nordwand des Chors gemalt hat, hat diesem Spruch, so kurz er ist, den zentralen Platz gegeben, als wäre dieses Bibelwort für ihn die Mitte der biblischen Schriften. Es ist ein Wort Jesu und es spricht von ihm, Er spricht von sich selbst, aber das Wort meint auch uns. Es ist ein Wunder, wenn etwas aufgeht von dem, was wir gesät haben. Es ist ein noch größeres Wunder, wenn wir selbst die Saat sein durften, ein Weizenkorn in Gottes Hand – und was daraus wird: auch das ist in Gottes Hand. Amen.

Goldene Konfirmation am Sonntag Invokavit, 5. März 2017 – Predigt in der Bartholomäuskirche Markgröningen

Liebe Goldkonfirmanden, Schulkameraden von damals, liebe Gemeinde,

im Vaterunser beten wir die Bitte „und führe uns nicht in Versuchung!“ Es ist die 6. Bitte.

Heutzutage wird nicht mehr so viel auswendig gelernt im Konfirmandenunterricht wie vor 50 Jahren, aber das Vaterunser können noch alle und werden es weiterhin können, das Vaterunser mit dieser Bitte „und führe uns nicht in Versuchung!“  „Versuchung“ ist auch das Thema des Sonntags Invokavit. Es wird uns in der Predigt begegnen.

Die Gedanken gehen zurück in die Zeit vor 50 Jahren, ins Jahr 1967. Am 5. und 12. März, den beiden Konfirmationssonntagen in Markgröningen, war das Jahr noch weitgehend unverdorben, gemessen an dem, was kommen sollte. Aber schon im Januar waren in Cape Canaveral 3 Astronauten in der Raumkapsel Apollo 1 verbrannt, und das Apollo-Programm wurde für fast zwei Jahre lang ausgesetzt. Der Student Benno Ohnesorg hat in Berlin studiert. Im Juni wurde er von einer Polizeikugel getroffen, was der Auftakt war zu Unruhen von mehr als 10 Jahren in der Bundesrepublik. Im März 1967 war auch noch nicht der 6-Tage-Krieg in den Nachrichten, der dann im Juni ausbrach und dem Nahen Osten keinen Frieden brachte.

Am 4. April 1967 hat Martin Luther King, zuvor ausgezeichnet mit dem Friedensnobelpreis, in den USA eine berühmte Rede gehalten: Beyond Vietnam – A Time to break Silence. Über Vietnam – Es ist Zeit das Schweigen zu brechen. Auf den Tag genau ein Jahr später wurde auch er von einer tödlichen Kugel getroffen.

1967

Ich selbst bin ein Jahr später, 1968, konfirmiert worden, der Konfirmandenunterricht hatte nach Ostern begonnen. Ich lag nach einem schweren Fahrradunfall wochenlang im Krankenhaus und erinnere mich mehr daran als an den Start des Konfirmandenunterrichts, den ich verpasst habe. Und man hat dann als Jugendlicher auch noch andere Dinge im Kopf als das Weltgeschehen und den Katechismus. Im Radio liefen die Schlager. Nr. 1 war in diesen Wochen im März 67, was zuvor schon in den USA und in England die Nr. 1 gewesen war und heute in der SWR-Hitparade nicht mehr unter die ersten 2000 kommt: „I’m a believer“ von den Monkees. A believer – einer, der es auf einmal glauben kann:

Ich dachte, Liebe gäbe es nur im Märchen, sie wäre etwas für alle andern, aber nicht für mich. Liebe hat mich nie erreicht, so sah es aus. Enttäuschung war das Ende aller meiner Träume.
Dann hab ich ihr ins Gesicht gesehen, jetzt kann ich’s glauben.
Keine Spur von Zweifel hab ich mehr.
Ich bin verliebt, ich kann es glauben, ich könnte sie niemals verlassen.

Da entdeckt einer die Liebe und wird zum „believer“, zu einem, der glaubt, der an die Liebe glaubt und sie nicht mehr für ein Märchen hält.

Im Konfirmandenunterricht hat man auch gelernt, was Glauben heißt. Man hat es nicht mit Schlagern, sondern mit dem Katechismus gelernt, mit dem, was Martin Luther und Johannes Brenz aufgeschrieben haben. Man hat gelernt, dass glauben heißt, „dass ich in Jesus Christus Gott als meinen Vater erkenne und liebe und all mein Vertrauen auf sein Wort setze, ihm freudig gehorche und zuversichtlich zu ihm bete. Ohne Glauben ist’s unmöglich Gott zu gefallen.“ Lernen mussten es alle, irgendjemand hat es bei der Konfirmation vorgetragen. Alle haben zugehört, zugesehen. Erleichterung als es geschafft war. Dann die Verpflichtung, die Einsegnung. 70 Jugendliche wurden am 5. März eingesegnet, 76 am 12. März.

Was ist geblieben von dem, was glauben heißt, von dem Gelernten? Die Sprache der Menschen, der Jugendlichen hatte sich schon verändert. Das „ihm freudig gehorchen“ fällt mit 13, 14 Jahren schwer, „in Jesus Christus Gott als seinen Vater erkennen und lieben und all sein Vertrauen auf sein Wort setzen“, das ist eine Erklärung des Glaubens, die man noch einmal erklären muss. Und doch hat man’s geglaubt oder akzeptiert oder einfach stehen lassen.

Den Schlagertext hat man besser behalten – und vielleicht auch erlebt, dass die Liebe die einen erreicht, die anderen nicht.

  1. Strophe:

Ich dachte Liebe, das wäre mehr oder weniger etwas Gegebenes, etwas von der Art: je mehr ich gebe, desto weniger bekomme ich. Was hat es für einen Sinn, sich da zu versuchen? Du bekommst nur Schmerz. Wenn ich Sonne gebraucht hätte, hat es geregnet.

Millionenfach wurde das gespielt, millionenfach verkauft, lange hat sich der Song gehalten, den man unter diesem Titel findet: I’m a believer! Ja, ich bin auch ein Believer, einer, der glaubt, auch wenn ich meinen Song etwas anders schreiben würde.

Goldene Konfirmation:

Wiedersehen nach 5 Jahrzehnten. Die meisten sehen sich heute nicht zum ersten Mal wieder seit der Konfirmation, aber bei manchen ist es vielleicht lange her, dass sie sich gesehen haben.

Vom März 1967 bis zum März 2017 ist viel passiert, viel mit uns, viel in Markgröningen, viel in der Welt, viel in der Gesellschaft, und wenn wir es heute Jugendlichen erzählen, die 13, 14 sind, interessieren auch sie sich für andere Dinge.

1967 haben sich die Dinge ereignet, die ich eingangs erwähnt habe. Für einige von Ihnen, den Konfirmanden, begann vielleicht schon nach den Sommerferien die Berufsausbildung, andere sind noch weiter zur Schule gegangen.

Die Konfirmation wurde zuhause gefeiert oder in der Wirtschaft, die Verwandten und Nachbarn haben Geschenke gebracht oder Geld. Man konnte sich etwas leisten, ein Fahrrad, eine Uhr, einen Fotoapparat, ein Kofferradio. Oder man hat das Geld aufs Sparbuch getan. Man hat sich bedankt für die Geschenke und Kuchen ausgetragen. Konfirmation war ein hohes Fest, danach war man konfirmiert, hat sich erwachsen gefühlt. Kleid, Anzug und Schuhe haben schon bald nicht mehr gepasst. In der Kirchengemeinde gab es noch die Christenlehre, freiwillig. Irgendwann hatten alle die Schulzeit hinter sich, die ersten haben geheiratet, Kinder sind geboren, die einen sind in Markgröningen geblieben, die andern hat es anderswohin verschlagen. 1977 – der deutsche Herbst, die Entführung und Ermordung von Martin Schleyer, die Entführung der Lufthansa Landshut, die Befreiung, der Selbstmord der RAF-Gefangenen drüben in Stammheim. Das ist nicht weit von hier, nur wenige Kilometer.

13 Jahre später – 1990 haben die Scorpions das Lied herausgebracht Wind of Change. Es war ein sehr, sehr hoffnungsvolles Lied von Veränderung, von Versöhnung, von Zueinanderfinden. Wir haben es als Musikeinspielung am Freitag auf dem Friedhof gehört, als wir von Erwin K. Abschied nehmen mussten, der auch zum Jahrgang gehört hat, der vor 50 Jahren konfirmiert wurde, der noch so gerne bei der Goldenen Konfirmation dabei gewesen wäre und es nicht mehr geschafft hat. Es ist auch nicht selbstverständlich, heute dabei sein zu dürfen.

Wind of Change. Barak Obama hat in seinem Wahlkampf noch gesagt: Change is possible – Veränderung ist möglich, hat noch daran geglaubt. Heute macht uns das Angst, was sich alles verändert, was alles zerfließt, auseinanderläuft, davonschwimmt, einstürzt.

Und wir ahnen, dass die Bitte

Und führe uns nicht in Versuchung

etwas anderes meint als das, was in der Werbung und im Volksmund eine Versuchung genannt wird. Es ist nicht die Bitte, dass man am Süßigkeiten Regal nicht in Versuchung gerät, es ist nicht die Bitte, dass man nicht widerstehen kann, wenn es unwiderstehlich scheint. Es ist um vieles ernster.

Und führe uns nicht in Versuchung,

nicht in das hinein, was uns Angst macht,
nicht in das hinein, was wir nicht mehr bewältigen,
nicht in Versuchung – nicht in den Abgrund, nicht einmal an den Rand des Abgrunds.

Jener Predigttext, den ich heute übergangen habe, wäre die Geschichte vom Sündenfall gewesen, die Geschichte davon, dass den Menschen die Versuchung selbst im Paradies ereilt: Eva nimmt sich die Frucht, den Apfel, gibt ihn Adam. Auch das ist Versuchung, nach mehr zu greifen als einem zusteht. Aber das ist mit der Bitte im Vaterunser nicht gemeint.

In der Lesung haben wir die Geschichte von Jesu Versuchung gehört (Matth. 4): Mach diese Steine zu Brot…, Stürze Dich in die Tiefe, die Engel werden Dich tragen…, gewinne Macht, indem Du den Teufel anbetest…

Das sind Versuchungen anderer Kategorie als die Versuchung im Paradies. Dort war es die Versuchung, das Verbot infrage zu stellen: sollte Gott gesagt haben? Hier ist es die Versuchung, sich in den Mittelpunkt zu stellen, das Spiel mit den Mächten dieser Welt beherrschen, in Rausch zu geraten, die Fäden in der Hand halten. Es sind viele, die dem erliegen und sich verstricken in dem, was sie zu beherrschen meinen, während es längst so ist, dass sie selbst beherrscht sind von dem Spiel, das sie angefangen haben und das sie in Bann gezogen hat.

Die Bitte aber im Vaterunser

Und führe uns nicht in Versuchung

ist auch die Bitte, nicht in Gefahr zu geraten zu verleugnen, was man nie verleugnen wollte, ist auch die Bitte sich nicht erpressen lassen zu müssen,

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Dass diese Bitte gebetet wird, führt uns vor Augen, dass in dieser Welt manches im Argen liegt, vieles im Argen liegt und wir aufgefordert und gerufen sind, Frieden und Versöhnung zu stiften, Wunden zu heilen, Gräben zuzuschütten, Brücken zu bauen, Werkzeuge Gottes zu sein zum Guten, denn es heißt ja nicht: verschone uns von dem Bösen, sondern erlöse uns und gebrauche uns zum Werk des Guten! Amen.

Die Liebe selbst ist aller Mühe wert! Predigt zur Goldenen Konfirmation am Sonntag Judika, 13. März 2016

Predigttext: Joh. 15,9-17
Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich immer die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. Ich sage euch das, damit meine Freude euch erfüllt und eure Freude vollkommen ist. Liebt einander, wie ich euch geliebt habe; das ist mein Gebot. Niemand liebt seine Freunde mehr als der, der sein Leben für sie hergibt. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete. Ich nenne euch Freunde und nicht mehr Diener. Denn ein Diener weiß nicht, was sein Herr tut; ich aber habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe. Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt: Ich habe euch dazu bestimmt, zu gehen und Frucht zu tragen – Frucht, die Bestand hat. Wenn ihr dann den Vater in meinem Namen um etwas bittet, wird er es euch geben, was immer es auch sei. Einander zu lieben – das ist das Gebot, das ich euch gebe.«

Liebe Goldkonfirmanden, liebe Gemeinde,
es klingt wie die Erinnerung an ein Vermächtnis. – „Was hat er uns gesagt, damals?“ – „Bleibt in der Liebe!“ Und er hat gesagt, dass das die Mitte von allem ist: „Freundschaft!“ Auch das hat er gesagt, dass man sich für seine Freunde hergibt. Und: „Vergesst nicht, den Vater im Himmel zu bitten!“

Und das nun zur Goldenen Konfirmation!

Konfirmation 1966-03-13 Konfirmation 1966-03-20Konfirmation 1966-03-13 SimultankircheDie Bilder sind wichtig, die Bilder auf den Gottesdienstprogrammen, die Konfirmationsbilder oder die Klassenbilder, auf denen man sich wiedererkennt und andere wiedererkennt oder erst einmal überlegen muss, wer eigentlich wer ist und an wen man sich sofort und an wen man sich nur ganz allmählich erinnert. Damals war man so nah beieinander, dass man auf ein Bild gepasst hat. Schöne Frisuren. Schöne Kleider. Die Haare der Mädchen alle kurz. Die Haare der Buben immer noch nicht lang. Eine politische Partei hatte das genau in diesen Jahren zum ihrem Wahlkampfslogan gemacht: „Wir schneiden die alten Zöpfe ab!“ und war damals damit recht erfolgreich. Zwei, drei Wochen nach der Konfirmation, am ersten April 1966 begannen die Osterferien, danach das erste Kurzschuljahr, für manche wahrscheinlich schon das letzte Schuljahr, das bis 30. November ging. Manche der Schulkameraden verliert man aus den Augen, mit manchen ist man lange gemeinsam unterwegs, manche trifft man wieder. Konfirmation war auch so etwas wie „entlassen werden!“ im positiven Sinne. Der oder die „kommt aus dr Schul“ hat es früher geheißen, und gemeint war die Konfirmation.

Wie in diesem Predigttext: „Bleibt in meiner Liebe!“ –  „Ihr werdet es selbst richten müssen!“ Am Anfang sind da die Eltern, die Lehrer, dann die Pfarrer, mehr und mehr löst man sich, geht seinen Weg, lernt einen Beruf, bekommt Verantwortung, bringt es zu etwas. Manche bringen es weiter, manche nicht so weit.

In der Schriftlesung, die wir gehört haben (Markus 10,35-45), ist die Frage angeschnitten, wie weit man es bringen kann im Leben, wenn man die richtigen Beziehungen hat: „Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit.“ Das wäre doch das Ziel aller Ziele, mitregieren an höchster Stelle, nicht mehr schaffen müssen, bloß noch Entscheidungsträger sein, keinen Widerspruch fürchten müssen. Repräsentieren. Interessant, dass diese Anfrage im Neuen Testament mit überliefert ist, die dann mit dem Hinweis auf den Weg, den Jesus zu gehen hatte, beantwortet wird: Könnt Ihr das auch, den untersten Weg gehen?

Ja, wie weit kann man es bringen im Leben? Und dann kommen ungefragt die Momente, die einem zu schaffen machen oder es sind gar nicht nur Momente, sondern es sind Belastungen, die man zu tragen bekommt, was auch immer.

Die Kirche – Bewahrerin des Glaubens an Jesus Christus. Vielleicht wird sie den einen zum Halt, den andern zum Ärgernis, vielen vielleicht bedeutungslos oder fremd: es ist kein Zwang mehr, Gott sei Dank! Aber ist da noch etwas zu spüren, was einem nachgehen könnte? Ist da noch etwas, womit man noch nicht fertig ist, womit man noch etwas anfangen kann? Was hat einem die Kirche mitgegeben, was hat man selbst beigetragen?
Und welche Vermächtnisse hat man sonst noch bekommen im Leben? Was hat man von den Eltern mitbekommen, mitgenommen? Was von den Lehrerinnen und Lehrern, was hat bei den Weichenstellungen im Leben einen Ausschlag gegeben? Wie hat man die runden Geburtstage erlebt? Volljährig damals noch mit 21, der 30. Geburtstag, der 40., der 50., der 60.?

Glückliche Momente, Stunden, Tage, Lebensabschnitte. Schwierige Momente, Stunden, Tage, Lebensabschnitte. Erfolg und Misserfolg und viel, viel Alltag. Manchmal die Frage: was tu ich mir da an? Könnte nicht alles ein bisschen einfacher sein? ⇒ „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt: Ich habe euch dazu bestimmt, zu gehen und Frucht zu tragen – Frucht, die Bestand hat.“ – Wirklich, vieles im Leben hat man sich nicht selbst ausgesucht und steckt doch drin und gibt sein Bestes. Woher kommt immer wieder die Kraft? Schön, wenn man sehen darf, dass etwas, in das man vielleicht sein Herzblut gegeben hat, Bestand hat. Schlimm, wenn einem etwas zwischen den Händen zerrinnt. Oder kann auch das für etwas gut sein?

Man wird älter. In zwei Jahren gehöre ich dann auch selbst zum Jahrgang der Goldenen Konfirmation. Es gibt, wenn man die Jahre am inneren Auge vorbeiziehen lässt vieles, wofür man dankbar sein darf. Und worauf ist es angekommen? Worauf kommt es immer noch an? »Einander zu lieben – das ist das Gebot, das ich euch gebe!« Und es heißt nicht: »Einander zu lieben – das ist das Gefühl, auf das es ankommt«. »Gebot!« Weil es einem nicht immer zufällt, dass man in der Liebe bleibt und die Liebe nicht verlässt. Es ist manchmal ein Mühen um die Liebe, Liebesmüh; und es ist, als würde Jesus sagen, dass Liebesmüh niemals vergeblich ist. Freilich wird man fragen müssen, was von Fall zu Fall der Liebe dient und was der Mühe wert ist. Die Liebe selbst ist aller Mühe wert. Amen.

Lieblingsplatz – Predigt zur Konfirmation am 24. April 2016

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,
„Mein Lieblingsplatz.“ Das war unter anderem gefragt in Euren Steckbriefen, die Ihr am Anfang der Konfi-Zeit ausgefüllt habt, und niemand hat dieses Feld auf dem Steckbrief leer gelassen.

Konfirmandensteckbrief2015f_A5Ich hab mich noch einmal ganz intensiv mit Euren Antworten beschäftigt:  Es gibt eine Hauptrichtung. Der Lieblingsplatz muss ein Platz sein, wo Ihr so sein dürft, wie Ihr seid, wo Ihr Euch so geben dürft, wie’s Euch geht, wo kein Druck herrscht, kein Stress, wo Ihr nicht unter Beobachtung steht. Entweder, wo Ihr ganz für Euch seid: irgendwo draußen, auf einer Bank am Feldweg, im Garten oder am Meer, in Schweden am Strand oder in Kroatien. Oder dort, wo Ihr mit jemandem zusammen seid, wo’s Euch nur gut tut: bei der Oma oder bei Freunden – oder doch: in Eurem Zimmer. Vier von Euch haben was vom Bett geschrieben.
Aber natürlich gibt’s für alle viele Lieblingsplätze und es gibt Plätze, die da nicht dazu gehören. Niemand hat „Schule“ eingetragen, niemand hat sonst was eingetragen, wo man mit Leistung gefordert ist. „Kirche“ steht auch bei niemand, aber das war ja am Anfang vom Konfi-Jahr. Ich würde für mich natürlich schon die Bartholomäuskirche zu meinen Lieblingsplätzen zählen, aber ich hab ja einen Schlüssel und kann ganz alleine in die Kirche gehen.
Jeder braucht die Plätze, wo niemand etwas von einem will, wo man ganz sein darf, wer man ist, und man braucht die Momente, bei denen man auftankt, Kraft schöpft, sich regeneriert. Man kann nicht immer nur funktionieren.
Vielleicht, wenn Ihr die Karte heute noch einmal ausfüllen würdet, würden sich die Antworten leicht verändern. Vielleicht ist ein neuer Lieblingsplatz dazugekommen, vielleicht hat sich ein Lieblingsplatz verbessert, verschlechtert. Vielleicht hat sich in Eurem Lebensgefühl etwas verändert.
Das Thema, wo unser Platz ist, ist ein Lebensthema.

Der schönste Platz im Weltall ist die Erde, mit der die Menschen sehr rücksichtslos umgehen. Im Weltall herrscht weit und breit nur Leere. Man würde die Sterne, weit entfernte Himmelskörper ja nicht sehen, wenn’s bis zu ihnen hin nicht komplett leer wäre. Zum Mond fliegt man drei Tage, und kann es dort nicht aushalten, zum Mars mehrere Monate und kann es dort nicht aushalten. Der schönste Platz im Weltall ist die Erde, die wir mit anderen Menschen, mit anderen Geschöpfen teilen. Die Erde ist unser Platz, den wir uns nicht selbst gegeben haben. Sie gehört uns nicht! Wir sind hier Gäste.

Was tun auf der Erde? Wohin gehen auf der Erde?
Wo ist unser Platz auf der Erde?

Und nun sage ich Euch ein kurzes Wort aus der Bibel: Folge mir nach! Mit dieser Aufforderung hat Jesus seine Jünger berufen und sie sind ihm gefolgt. Sie haben ihren Platz gefunden, indem sie mitgegangen sind, mit Jesus mitgegangen sind. Sie haben erlebt wie er zu den Leuten geredet hat, sie haben erlebt wie er Kranke geheilt hat, sie haben erlebt, wie er die Hungrigen gespeist hat und wie er mit seinen Gegnern diskutiert und gestritten hat. Sie haben ihren Platz gefunden, wo sie ihm dienen konnten oder in seinem Auftrag handeln konnten. Sie sind, glaubt man der Überlieferung, weit herumgekommen in der Welt.

Wo Euer Platz eines Tages sein wird, was Eure Aufgabe sein wird, ist nicht egal, denn Ihr seid wichtig. Euer Platz in Eurer Familie, Euer Platz in der Gesellschaft, Euer Platz in der Kirche, Euer Platz in der Welt. – Eure Aufgabe in Eurer Familie, Eure Aufgabe im Beruf, in der Gesellschaft, Eure Aufgabe in der Kirche: Ihr werdet gebraucht und ganz bestimmt nicht nur als Steuerzahler, sondern mit Euren Begabungen, mit Eurem Wissen, mit Euren Besonderheiten. Ihr werdet gebraucht, Ihr sollt Euren Platz ausfüllen, Euren Beitrag geben, und es wäre schön und wichtig, wenn das mit der Nachfolge Jesu in Einklang zu bringen wäre. Wenn Euer Glaube dann ein gelebter Glaube ist, Euer Christentum nicht eine reine Äußerlichkeit, Eure Nachfolge wirklich eine eigene Entscheidung und nicht nur ein Hinterherlaufen.

Und glaubt mir: Eure Lieblingsplätze wird es weiterhin geben und Ihr werdet sie weiterhin brauchen. Einmal heißt es in einem Psalm: Du stellst meine Füße auf weiten Raum. So hat dieser Mensch Gott erfahren, als einen, der ihm viel Platz gibt. Dieser Jemand hat seinen Standpunkt in einer großen Weite gefunden, dort, wo es, Gott sei Dank, nicht eng zugeht. Amen.