Sorgt nicht um Euer Leben! ?

Predigttext 15. Sonntag nach Trinitatis:
Matthäus 6,25-34 (Zürcher Bibel)

Von falscher und echter Sorge
25 Darum sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen werdet, noch um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?
26 Schaut auf die Vögel des Himmels: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheunen – euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht mehr wert als sie?
27 Wer von euch vermag durch Sorgen seiner Lebenszeit auch nur eine Elle hinzuzufügen?
28 Und was sorgt ihr euch um die Kleidung? Lernt von den Lilien auf dem Feld, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht,
29 ich sage euch aber: Selbst Salomo in all seiner Pracht war nicht gekleidet wie eine von ihnen.
30 Wenn Gott aber das Gras des Feldes, das heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird, so kleidet, wie viel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen!
31 Sorgt euch also nicht und sagt nicht: Was werden wir essen? Oder: Was werden wir trinken? Oder: Was werden wir anziehen?
32 Denn um all das kümmern sich die Heiden. Euer himmlischer Vater weiss nämlich, dass ihr das alles braucht.
33 Trachtet vielmehr zuerst nach seinem Reich und seiner Gerechtigkeit, dann wird euch das alles dazugegeben werden.
34 Sorgt euch also nicht um den morgigen Tag, denn der morgige Tag wird für sich selber sorgen. Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Last.

16459340358_660a10684c_oaLiebe Gemeinde,
diese Anemonen auf den Gottesdienstprogrammen haben es mir angetan.  Im Februar habe ich sie entdeckt in der Wüste Juda, nahe bei Jerusalem, als es geregnet hatte und die Wüste auf einmal grün und gelb und rot und blau war. – Also nicht „die Lilien“ wie in diesem Predigttext aus der Bergpredigt, sondern die Anemonen… und natürlich auch die Vögel unter dem Himmel!  Es will so gar nicht zu den Flüchtlingsbildern und Flüchtlingsgeschichten passen, die uns derzeit bedrängen. Es will so gar nicht zu den Sorgen passen, die sie auf ihre Flucht getrieben haben und nicht zu den Sorgen, die man sich in Deutschland nun macht: werden wir es schaffen, wenn täglich Tausende dazukommen?
Aber freilich, da ist nach wie vor viel Mitgefühl und viel Hilfsbereitschaft und viel Engagement, und es ist für die Betroffenen ein Aufatmen, wenn man irgendwo gesagt bekommt: nun bleib erst mal hier. Ich glaube, wir sollen es wagen, dass wir uns drauf einlassen und um Gottes Beistand bitten.
„Sorget nicht um euer Leben“ könnte man ja auch anders betonen und sagen: „Sorget nicht um euer Leben“, wie wir es ja auch schon oft gehört und erlebt haben, dass jemand sagt: ich mach mir keine Sorgen um mich, aber um…
…den Ehepartner, die Mutter, den Vater, den Sohn, die Tochter…
„Ich mach mir keine Sorgen um mich, wenn’s nur dem oder der besser ginge, um den / um die ich mir Sorgen mache…“
Und nun scheint sich das Blatt zu wenden, dass wir uns angesichts der Flüchtlinge Sorgen machen um uns selbst und befürchten: wir schaffen das nicht, wenn immer mehr Leute nach Deutschland kommen und hier einen Platz möchten, und der Platz wird knapp, die Hallen füllen sich, sind schon voll und es kommen immer mehr. Und Gott sei Dank gibt es Menschen, die jetzt gerade nicht fragen: „Was werden wir essen, was werden wir trinken, was werden wir anziehen?“ Die aber fragen: „Was werden diese Flüchtlinge essen, was werden sie trinken, was werden sie anziehen?“
Hier in der Kirche sind wir ja nun nicht in einer Talkshow und auch nicht in einem Parlament, wo um Meinungen und Argumente gestritten wird, sondern in einem Gottesdienst und dürfen, ja müssen fragen: „Gott, was sollen wir tun?“ „Gott, wie sollen wir handeln?“ „Gott, was möchtest Du segnen?“ „Gott, was möchtest Du gut heißen?“

Das erste, was wir als Antwort auf diese Fragen erahnen, ist vielleicht, dass wir uns auf etwas Neues einstellen müssen, auf etwas, wovor wir bisher verschont waren; nämlich, dass wir uns darauf einstellen müssen, dass auch unser Leben eine Spur ungewisser wird als die letzten fünfzig Jahre, dass weniger von allem selbstverständlich ist, mehr von allem infrage gestellt. Und dass wir deswegen nicht in Panik ausbrechen, sondern dabei bleiben: euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles braucht.
Wir haben es heute auch deshalb gut, weil unsere Eltern den Wunsch gehabt haben, dass es ihren Kindern einmal besser geht. Davon profitieren wir in Deutschlande. Es ist auch ein sehr berechtigter Wunsch vieler anderer Eltern auf dieser Welt, dass es ihren Kindern eines Tages besser geht.

Was ist das, besser?

Das Materielle allein wird nicht ausreichen, die „irdischen Güter“, von denen das Leitthema dieses Sonntag spricht.
Das bessere Leben ist kein gutes Leben, wenn es nicht mehr als nur materiellen Wohlstand beinhaltet. Das bessere Leben, das sich Flüchtlinge wünschen, ein Leben in Sicherheit und ohne Angst, wird erst ein gutes Leben sein, wenn es Anteil hat, wie es in der Bergpredigt heißt, am „Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit“, wenn da mehr ist als ein Auto, ein Fernseher und ein Smartphone, wenn da Gemeinschaft ist, soziale Teilhabe, wenn ein Sinn ins Leben kommt statt Langeweile, eine Aufgabe, eine Berufung, ein Wissen, wozu man da ist und ein neues Vertrauen.
Wenn Flüchtlinge bemerken könnten, dass da ein Deutschland ist, das nicht nur reich und wirtschaftlich stark ist, sondern dass es in diesem Land Menschen gibt, die aus ehrlichem und tiefem Gottvertrauen heraus handeln, wenn das zu spüren wäre, dass es hier Menschen gibt, die hilfsbereit sind, weil sie davon zehren, dass es heißt: „euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles bedürft“, dann hat sich der weite Weg vielleicht wirklich gelohnt. Wenn Menschen nicht auf Ablehnung, sondern auf Annahme stoßen und nicht auf Misstrauen, sondern auf Menschen, die den Blick zum Himmel richten und doch mit beiden Füßen auf dem Boden stehen, dann könnte den Flüchtlingen und uns, die wir von Flucht verschont sind, ein Neuanfang geschenkt sein.
Sorget nicht um Euer Leben…“ heißt nicht, dass wir das alles nicht so furchtbar ernst nehmen sollen, sondern dass wir es sehr ernst nehmen und deshalb beten, Bitte für Bitte:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name,
Dein Reich komme,
Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden,
unser tägliches Brot gib uns heute und
vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern und
führe uns nicht in Versuchung, sondern
erlöse uns von dem Bösen.

„So sollt ihr beten“, sagt Jesus, und handeln als Menschen, die auf Antwort warten. Amen.

Veröffentlicht von

TPlieninger

Pfarrer, ev., im Ruhestand zuletzt Referent beim Dekan in 71254 Ditzingen