Was kommt danach? Wie geht es weiter? Predigt zum Pfingstfest 2015

Predigttext: Johannes 14, 23-27

23Jesus antwortete ihm: »Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben. Und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.

24Wer mich nicht liebt, wird sich nicht nach meinem Wort richten. Und das Wort, das ihr hört, stammt nicht von mir selbst. Es ist das Wort des Vaters, der mich gesandt hat.

25Ich habe euch das gesagt, solange ich noch bei euch bin.

26Der Vater wird euch den Beistand schicken, der an meine Stelle tritt: den Heiligen Geist. Der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich selbst euch gesagt habe.

27 Frieden hinterlasse ich euch: Ich gebe euch meinen Frieden. Ich gebe euch keinen Frieden, wie ihn diese Welt gibt. Lasst euch im Herzen keine Angst machen und fürchtet euch nicht.

Predigt

Liebe Gemeinde,
was kommt danach? Nach Karfreitag kommt Ostern, nach Ostern kommt Himmelfahrt, nach Himmelfahrt kommt Pfingsten, was kommt danach? Nach Pfingsten Trinitatis, Fronleichnam, es kommt der Sommer. Nach Pfingsten kommen auch die Pfingstferien, in denen viele verreisen, dieses Jahr kommt der Kirchentag nach Stuttgart.

„Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche“, heißt es oft, und wenn es ein Geburtstag ist, muss man ihn feiern. So passiert es vielerorts, dass die Kirche versucht, sich selbst zu feiern; aber so richtig ausgelassen wird es nicht. Pfingsten wird selten eine Kirchweih, kaum einmal eine Kirbe. – Immerhin: etwas Besonderes dieses Jahres sei am Rande bemerkt: in Köln-Stammheim wurde ein Gemeindezentrum mit Kirche neu erbaut, die Immanuel-Kirche, und für diesen Kirchenbau hat das Architekturbüro in der vergangenen Woche den deutschen Architekturpreis 2015 bekommen. Zuvor schon gab es den Deutschen Holzbau-Preis für diesen Kirchenneubau, denn sie ist in Holzbauweise erstellt. Ev. Brückenschlag-Gemeinde heißt die Gemeinde. Bemerkenswert, wenn eine Gemeinde so heißt, bemerkenswert, wenn in unseren Tagen eine Kirche neu erbaut wird, sichtbares Zeichen dafür, dass die evangelische Kirche nicht nur Kirchen verkauft und aufgibt, auch nicht nur renoviert, sondern noch baut wie sie es jahrhundertelang getan hat.

Der Predigttext aber ist kein Text für eine Festansprache, keine Grundlage für eine Geburtstagsrede. Kein Pathos, kein Applaus, keine Festmusik und keine Ehrengäste haben da Platz. Es ist eher ein Wort in die Krise hinein, ein Wort für Nachfolger Jesu, denen er ankündigt und sie darauf vorbereitet, dass er nicht mehr da sein wird. Und dann?

„Was kommt dann?“ – „Was kommt danach?“ Eine Frage, die uns häufig begegnet.

Die Frage stellt sich, wo Einschnitte im Leben sind, wo es noch nicht klar ist, wie es weitergeht, wo es möglicherweise schwierig wird. „Was kommt danach?“ fragen die Jünger Jesu, weil es ja weitergehen muss und weil vielleicht schon einer gedacht hat oder gar gesagt hat: „So kann es nicht weitergehen.“ Die Antwort Jesu darauf, sein Vermächtnis gewissermaßen: sie sollen ihn im Herzen behalten, ihn lieben, lieb behalten, für ihn brennen, die Liebe zu ihm praktizieren und darauf vertrauen, dass Gott ihnen das geben wird, was sie brauchen, den Heiligen Geist vor allem.

„Was kommt danach?“ und „Wie kann es weitergehen, wenn es so nicht weitergehen kann?“ Es sind auch die Fragen, die sich heute noch vor dem Pfingstfest stellen, und die Antwort Jesu hat uns heute noch etwas zu sagen.

Die evangelische Kirche bereitet sich seit nunmehr schon fast 8 Jahren mit einem sehr großen Aufwand auf das Reformationsjubiläum 2017 vor. „Reformationsdekade“ heißt der Zeitraum von 10 Jahren, auf dieses Jubiläum hin zu arbeiten, sich mit den Themen auseinanderzusetzen, die die Reformation mit sich gebracht hat. 500 Jahre seit Luthers Thesenanschlag sind vergangen. Es wird vor allem dann im Jahr 2017 eine Fülle von Veranstaltungen, Fernsehsendungen und Zeitungskommentaren geben, eine Fülle von Gottesdiensten und Veranstaltungen und Reformationsfeiern landauf, landab. Es soll einen bundesweiten Feiertag am 31. Oktober 2017 geben, einmalig und großartig. Aber neulich habe ich schon einen Artikel in einer Zeitung entdeckt, in dem stand, dass die evangelische Kirche, „wenn einmal das Reformationsjubiläum gefeiert wäre“, ihren Standort in der Gesellschaft neu finden und bestimmen müsste.

„Was kommt nach dem Reformationsjubiläum?“ Was ist, wenn das vorbei ist? „Wie kann es weitergehen mit der Kirche?“

Hier in Markgröningen sind wir ganz normal im Trend und verlieren ungefähr 1% unserer Gemeindeglieder jedes Jahr, dieses Jahr haben wir eine halbe Pfarrstelle verloren. Wie wird es weitergehen mit der Kirchengemeinde Markgröningen? Wie mit der Evangelischen Kirche in Deutschland, wie mit den christlichen Kirchen in Europa? Werden sie noch eine Bedeutung haben?

Die Kirche weltweit? Die katholische, römische Kirche? Die orthodoxen Kirchen? Die Pfingstkirchen? Die Freikirchen? Wird die Kirche noch irgendwo das Salz der Erde sein können, das Licht der Welt? Weht noch der Geist von Pfingsten? Gibt es noch Aufbrüche? In den Schlagzeilen sind heute eher die Berichte, wo Christen, Kirchen, Gemeinden in Not sind, wo sie Nachteile in Kauf nehmen, Bedrängnis erfahren, Anschläge erleben, verfolgt werden, vertrieben werden, den Tod erleiden, wobei Christen nicht die einzigen sind, denen das widerfährt.

Werden wir uns immer wieder auf den besinnen können, der sagt:

Frieden hinterlasse ich euch: Ich gebe euch meinen Frieden. Ich gebe euch keinen Frieden, wie ihn diese Welt gibt. Lasst euch im Herzen keine Angst machen und fürchtet euch nicht.

Kirche, liebe Gemeinde, kann nicht Kirche sein, wo sie verzagt ist, kann nicht Kirche sein, wenn sie verzagt ist. Eine verzagte Kirche ist eine ungläubige Kirche. Wie passt das zusammen, auf den auferstandenen Herrn zu vertrauen und verzagt zu sein? Man mag sich erinnern an das Stuttgarter Schuldbekenntnis, das vor 70 Jahren im August 1945 gesprochen wurde, wo der Rat der Evangelischen Kirche Deutschland vor den Vertretern der Weltgemeinschaft der Kirchen ausgesprochen hat: „…wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben…“ Kirche, die sich anklagt ob ihrer Verzagtheit, Kirche, die ihre Schuld bekennt, die in ihrer Verzagtheit bestanden hatte.

Freilich: Ein einzelner Mensch mag das kennen, verzagt zu sein, ein einzelner, eine einzelne wird das erleben, erfahren, durchleiden. Christen eignen sich nicht für’s Heldentum, sind nicht stark wie Siegfried und unverletzbar. Christen erleben sich schwach, erleben sich in Schwachheit. „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ hieß vor 2 Jahren die Jahreslosung. Aber die Verzagtheit kann nicht das Glaubensbekenntnis der Kirche sein, die Mutlosigkeit nicht auf die Fahnen der Kirche geschrieben.

Grund zur Verzagtheit wird es immer geben, Grund sich zu fürchten wird es immer geben. In der Welt habt Ihr Angst, sagt Jesus, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Jeden Grund zur Verzagtheit sollten wir ernst nehmen – und uns ermutigen zum Glauben. Verdrängen sollten wir nicht, was Angst machen kann, aber der Angst widerstehen und der Verzagtheit entgegentreten, uns gegenseitig ermutigen, füreinander einstehen, füreinander beten und am meisten für die Bedrängten und Bedrohten.

Was kommt danach? war unsere Eingangsfrage. Und die Antwort ist, dass das, was danach kommt, nicht unsere Sorge zu sein braucht, sondern das, dass wir als Gemeinde und Kirche Jesu Christi ihn im Herzen behalten und uns öffnen für den Geist, den Gott heute noch schenkt. Amen.

Veröffentlicht von

TPlieninger

Pfarrer, ev., im Ruhestand zuletzt Referent beim Dekan in 71254 Ditzingen