Libanon-Impressionen 2018

Ein Reiseblog

Liebe Leute, Leserinnen und Leser,
dies ist ein erster Versuch. Im Schreiben eines Blogs bin ich ein Anfänger. Zu  spät habe ich bemerkt, dass ich die neuesten Beiträge lieber oben schreiben sollte, statt unten. Aber nun ist’s passiert und ich bitte Sie/Euch, nachsichtig zu sein, wenn man immer nach unten scrollen muss, um das Neueste zu lesen.

Ich freue mich sehr, dass ich diese Reise mitmachen kann und darf; sie ist mehr und anders als ein Urlaub. Was ich hier im Libanon erlebe, möchte ich gerne teilen und verstehe mich auch weniger als Tourist, denn als einer, der die Hand reichen möchte über Grenzen und Länder hinweg. Ich habe das Gefühl, dass es uns und mich etwas angeht, was hier geschieht, und dass wir uns selbst viel besser verstehen, wenn wir lernen, andere zu verstehen.

Mehr Bilder gibt’s auf meinem FlickR-Account. Der Link zum Libanon-Album ist hier.

Die Johann-Ludwig-Schneller-Schule

Mit diesem Haus hat die Geschichte hier in Khirbet-Qanafar in der Bekaa-Ebene, Libanon, angefangen. Inzwischen ist ein weiträumiges Gelände bebaut mit Kindergarten, Schule, Internat für Jungen, Internat für Mädchen, mit Werkstätten, Verwaltungsgebäuden… Auch eine Kirche und ein Gästehaus gehören dazu. Hier wohnen wir, eine Gruppe von 20 Leuten, die sich Zeit genommen haben, die Schneller-Schule im Libanon kennenzulernen oder als ehemalige Mitarbeitende zurückzukommen. Eine beeindruckende Geschichte von Engagement und Sinn, an der viele mitgearbeitet und mitgeschrieben haben. Mehr als ich hier erzählen will, findet man auf der Seite der Schneller-Schule selbst: www.jlss.org.

[Übrigens hat die Schneller-Schule auch eine Schwester: die Theodor-Schneller-Schule in Amman, Jordanien. Beide Schulen haben ihre Wurzel im „Syrischen Waisenhaus“ in Jerusalem, gegründet 1860, das bis 1948 bestand und danach im Libanon und in Jordanien weitergefüht wurde.]

Die „Schneller-Stiftung – Erziehung zum Frieden“ ist eine der Verbindungen nach Württemberg und Deutschland und symbolisch hier im Zedernhain präsent. Für alle Stifterinnen und Stifter  wurde auf diesem Areal eine Zeder gepflanzt. Aber nicht nur die Stiftung, viele Organisationen, Firmen, Institutionen, Einrichtungen haben die Schneller-Schulen im Libanon und in Jordanien unterstützt,  weil hier eine durch und durch sinnvolle und gute Arbeit getan wird.

Wir sind am Mittwoch, 23 Mai, in Stuttgart gestartet und waren am Abend in Khirbet-Qanafar, werden empfangen mit einem einfachen, guten Abendessen im Speiseraum. – Von Beirut aus sind wir über das Libanon-Gebirge (Passhöhe 1600m) gekommen und in die Bekaa-Ebene auf ca. 950m wieder hinuntergefahren. Das Wetter im Mai ist angenehm, dieses Jahr schon sommerlich. Wir wohnen in den gut eingerichteten Zimmern des Gästehauses und haben dort auch ein „Wohnzimmer“ für die ganze Gruppe zum abendlichen Zusammensitzen.

Der erste  Tag gehört dem Kennenlernen der Johann-Ludwig-Schneller-Schule. Wir starten im Verwaltungsgebäude, gehen durch das Gelände, bekommen Zutritt in die Internats-Gebäude und in die Ausbildungswerkstätten, überall freundliche und zufriedene Gesichter, eine Atmosphäre von Peace-Education, Friedenserziehung. Direktor George H. besucht unsere Gruppe und berichtet über die Arbeit, über Erfolg und Schwierigkeiten, Alltägliches und Besonderes. 80% der Schülerinnen und Schüler sind Muslime, 20% Christen, teilweise wohnen sie  im Internat, teilweise werden sie morgens mit Bussen abgeholt. Ein Teil der Schülerinnen und Schülern sind Flüchtlingskinder. Toleranz ist hier ganz hoch eingestuft, aktive Toleranz.

Freitag, 25. Mai – Zeita Grotto und Byblos   

Abfahrt um 9 Uhr an der Schneller-Schule. Ziel ist heute Byblos. Dh, dass wir mit dem Bus übers Gebirge zum Mittelmeer hinunterfahren. Nördlich von Beirut biegen wir zunächst ab ins Nahr El-Kalb – Valley zur Jeita Grotto, einer gigantischen Tropfsteinhöhle, dergleichen auf der schwäbischen Alb nicht zu finden ist. Touristisch gibt’s allerlei drum herum: eine Kabinenseilbahn vom Parkplatz zum oberen Eingang, alternativ ein kleiner Zug mit offenen Waggons. Wer im Libanon ist und ein wenig Zeit mitbringt, sollte sich den  Besuch nicht entgehen lassen. Mit dem Ticket kann man die Höhle zweimal besuchen: über den oberen Eingang zu Fuß, während man vom unteren Eingang aus mit dem Boot hineinfährt. Die Höhle ist sehr gut erschlossen und einzigartig mit LED-Technik ausgeleuchtet. Überall sind Aufsichtspersonen, die akribisch darauf  achten, dass nichts weggeworfen, nichts berührt, nichts abgebrochen wird. Fotografieren ist, wie man ahnt, strikt verboten. Aber es gibt schöne Bilder auf der Website. Das Foto hier im Blog zeig den Eingangsbereich des Gesamtareals.

Am frühen Nachmittag sind wir in Byblos, einer der am längsten dauerhaft besiedelten Orte der Erde. Historisches Terrain auf Schritt und Tritt, aber eben auch  ein wunderschönes malerisches Mittelmeer-Städtchen mit orientalischem Flair, mit Kirchen, Moscheen, Geschäften, Restaurants am Hafen, in der Altstadt und am Strand. Byblos ist stolz auf die phönizische Geschichte, hat dem phönizischen Alphabeth eine Stele gewidmet.

Unser deutsches Wort „Bibel“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet übersetzt einfach „Buch“. In Wirklichkeit aber verdankt auch das griechische „Byblos“, „Buch“,  seinen Namen dieser Stadt „Byblos“, die einst ein Königreich war und deren Name mit der Schrift ganz und gar eins geworden ist, weil hier Schrift und Papier (Papyrus) eine zentrale Rolle gespielt haben. Unsere „Bibel“ und „Byblos“: hier im Libanon findet sich der Ursprung des Wortes.

Mich aber interessiert auch sehr ein Besuch im „Armenian Genocide Orphans  – ′Aram Bezikian Museum′“ in der Armenia Street am Rand des historischen Stadtzentrums.

Es ist der Geschichte der Waisen aus dem Völkermord zu Beginn des 20. Jahrhunderts gewidmet und wurde am 01.09.2015 mit einem völlig neuen Konzept der Öffentlichkeit präsentiert.

Eine Website des Museums gibt es nicht, aber eine Präsenz auf Facebook, auf der auch Bilder eingestellt sind. Über die Geschichte der Genozid-Waisen hier zu schreiben wäre für mich ein zu hoher Anspruch. Das Museum zu besuchen aber war ein Muss. Es ist eine unglaublich große Anzahl an Dokumenten zusammengetragen und in einer ausgezeichneten Weise präsentiert. Wenn sich nur nicht solch eine schreckliche Geschichte dahinter verbergen würde! Man kann es 100 Jahre später noch nicht fassen, was Menschen anderen Menschen an Grausamkeiten zufügen können. Zugleich aber dokumentiert das Museum auch eine Geschichte von Menschlichkeit, von Widerstand gegen das Unrecht, eine Geschichte von Hoffnung und Ermutigung. Leider ist von der Gruppe niemand mitgegangen, und vermutlich war ich an diesem Tag überhaupt der einzige Besucher.  Zumindest habe ich den Mann am Eingang gefragt, ob vor mir schon andere Gäste gekommen wären. Er hat ausweichend geantwortet – und in der guten Stunde, in der ich dort war, war außer mir niemand anzutreffen.

Abendessen gab es dann in einer Taverne am Strand in gut gelaunter Atmosphäre. Gleich nach dem Sonnenuntergang mussten wir leider aufbrechen. 90 Minuten Rückfahrt über die Berge lagen noch vor uns. Wir sind wohlbehalten angekommen.

Samstag, 26. Mai: Joub Jannin und Litani-Stausee

Zum Markt im Nachbarort Joub Jannin wandern wir. Oder ist es nur ein ausgedehnter Spaziergang? Ca. 1 1/2 Std. sind wir unterwegs in der Weite der Bekaa-Ebene mit fruchtbaren Feldern, Plantagen. Die Berge des Libanongebirges begrenzen die Ebene.

Am Rande des Städtchens sind zwei Flüchtlingslager, wie man sie in der Bekaa überall sieht.

Ein einzelnes Zelt sieht etwa so aus wie dieses, das wir unterwegs gesehen haben. Darin wohnen ca. 10-15 Personen. Das Thema „Flüchtlinge“ begegnet uns immer wieder, die genaue Zahl im Libanon kennt niemand, da die libanesische Regierung es den UN untersagt hat, die Flüchtlinge zu registrieren. Ob und wann und wohin sie zurückkehren können, ist ganz und gar ungewiss. Der Libanon hat in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach Flüchtlingssttröme integrieren müssen.

*

Wir besuchen den Markt in Joub Jannin. Hier findet man das Notwendige für den alltäglichen Bedarf, Obst, Gemüse, Klamotten und vieles andere.

Um die Mittagszeit holt uns der Bus ab zu einer Fahrt in die Umgebung. Wir finden eine Kleinigkeit zu essen in einer Bäckerei mit Café, kommen zur Patisserie Ghassan und schließlich zum Litani-Stausee, über dessen Staumauer wir einen Spaziergang machen, während der Bus unten herum auf die andere Seite fährt und uns wieder einsteigen lässt. An einem orthodoxen Kloster vorbei, kommen wir zum Weingut Château Kefraya. Die Bekaa-Ebene hat durchaus ihre Plätze für Feinschmecker.


(man beachte das Glockenseil auf der linken Türseite)

Sonntag, 27. Mai – Beirut

Wir brechen früh auf, um rechtzeitig beim Gottesdienst in der National Evangelical Church in Beirut zu sein. Sie ist mitten im Zentrum gelegen, direkt neben dem Palast des Präsidenten in hervorgehobener Umgebung. Ich freue mich, gute Bekannte von den letzten beiden Besuchen im Libanon zu treffen, ein erstes Highlight an diesem Tag. Nach dem Gottesdienst steht man noch auf dem Vorplatz bei einem Becher Kaffee und unterhält sich.

Von der Kirche aus bringt uns der Bus zum Büro der Heinrich-Böll-Stiftung, wo wir von der Leiterin, Dr. Bente Scheller, einen sehr interessanten Vortrag zur gegenwärtigen Situation im Libanon hören.

Nächste Station ist das Nationalmuseum Beirut, ein großartiges repräsentatives Museum, v.a. der Antike gewidmet mit sehr wertvollen Exponaten einschließlich erst jüngst entdeckter Mumien aus einer Höhle im Qadisha-Tal, die aufwändig geborgen und konserviert wurden.

Anselm, unser Reiseleiter, führt uns durch’s Beiruter historische Zentrum. Wir kommen an der Mohammed-Al-Amin-Moschee vorbei, die direkt neben einer griechisch-orthodoxen Kirche erbaut wurde. Die Moschee war offen und gut besucht, die Kirche geschlossen, als wir unseren Spaziergang gemacht haben.
Fragen nach dem Verhältnis von Christentum und Islam drängen sich in immer neuen Varianten auf. Die Bedeutung von Religion ist hier auf Schritt und Tritt greifbar. Moscheen sind Orte der Begegnung und des Gebets unter der Schirmherrschaft des Islam. Kirchen zeigen christliche Präsenz, repräsentiieren die viel ältere Geschichte bis zum Beginn der christlichen Epoche. Aber die Kirchen  sind oft nur zum  Gottesdienst geöffnet, sind schwer zugänglich und wirken dadurch eher exklusiv als einladend.

Den Abschluss unseres Beirut-Tages bildet ein Spaziergang an der Corniche, dem berühmten Beiruter Boulevard. Spätestens hier denkt man darüber nach, wann man zum nächsten Mal nach Beirut kommen könnte.

Montag, 28. Mai – Schneller-Schule und Zedern-Reservat

Die neue Woche beginnt mit einer Begrüßung durch den Direktor um 7:45 Uhr auf dem Schulgelände vor der Kirche. Die Internatsschülerinnen und -schüler sind am Sonntagabend eingetroffen, die Tagesschüler werden um 7:30 Uhr von Bussen oder von den Eltern gebracht. Es geht wieder los! Zwei Schüler erhalten eine Auszeichnung durch den Direktor vor der gesamten Schülerschaft. Die Kinder freuen sich. Schon morgen, Dienstag, ist ein Ausflug nach Baalbek auf dem Programm der Schule.

Unsrere Reisegruppe teilt sich nach dem Frühstück auf. Alle machen irgendein „Praktikum“, besuchen eine Klasse im Unterricht oder eine der Lehrwerkstätten: Zeit, den Schneller-Alltag kennenzulernen.

Am Nachmittag fahren wir mit dem Bus auf die Höhen des Chouf-Gebirges zum Zedernreservat. Die älteste Zeder des Libanon wird hier mit einem Alter von 3000 Jahren vorgestellt. Ich male mir aus, dass sie schon zur Zeit Davids angewachsen ist und seither 3000 Sommer und Winter hinter sich hat, gewachsen ist, Kriege und Frieden erlebt hat und standhaft geblieben… Was haben uns Bäume nicht alles zu sagen.

Ich musste schon ziemlich weit zurückgehen, um diesen gigantischen Baum im Ganzen auf ein Foto zu bringen. Der Stammumfang ist unten 16m, da braucht es 6-8 Personen, die sich an den Händen halten, um einen Kreis um diesen Baum zu bilden. Weitere Bilder – auch von der wunderschönen Gebirgslandschaft im Libanon sind auf dem FlickR-Album. Ich finde, es lohnt sich, mal reinzuschauen, wenngleich die Baum-Giganten in ihrer Größe durch Fotos kaum erfasst werden können. Vielleicht wecken die Fotos bei manchen die Sehnsucht, doch mal selbst in den Libanon und ins Al-Shouf-Zedern-Naturreservat zu kommen, übrigens von der Gemeinschaft der Drusen eingerichtet, gepflegt und unterhalten.

Bibel, 1. Buch der Könige, Kapitel 7:

Aber an seinem eigenen Haus baute Salomo dreizehn Jahre, bis er es ganz vollendet hatte. So baute er das Libanon-Waldhaus, hundert Ellen lang, fünfzig Ellen breit und dreißig Ellen hoch. Auf drei Reihen von Zedernsäulen legte er eine Decke von Zedernbalken und deckte auch mit Zedernholz die Gemächer über den Säulen; und es waren fünfundvierzig Säulen, je fünfzehn in einer Reihe. Und Gebälk lag in drei Reihen, und Fenster waren einander gegenüber dreimal. Und alle Türen und Fenster waren viereckig, und die Fenster waren einander gegenüber dreimal. Er baute auch eine Halle von Säulen, fünfzig Ellen lang und dreißig Ellen breit, und noch eine Halle vor diese mit Säulen und einem Aufgang davor; und baute auch die Thronhalle, in der er Gericht hielt, die Gerichtshalle, und täfelte sie vom Boden bis zur Decke mit Zedernholz; dazu sein Haus, in dem er wohnte, im andern Hof, hinten an der Halle, gebaut wie die andern; und baute noch ein Haus wie diese Halle für die Tochter des Pharao, die Salomo zur Frau genommen hatte.‘
Dienstag, 29. Mai – Baalbek u.a.

Heute steht Baalbek auf dem Programm. Ich freue mich sehr. Ein Besuch dort hat bei meinen ersten beiden Besuchen im Libanon nicht geklappt. Dieses Mal besteht die Chance. Noch am Vortag aber war von einem Zwischenfall in Baalbek die Rede, und es war nicht ganz klar, ob wir fahren können. Der Busfahrer hat uns beruhigt. Er war am Montag dort und sah keinerlei Probleme. Wir Deutschen sind doch leicht ängstlich. Also los! Die Fahrt geht über Zahlé nach Norden. Die  Google-Maps-Karten-ausschnitte
(1 und 2) zeigen die geographische Lage.

Unterwegs machen wir zwei Zwischenstopps, den ersten beim Weingut Château Ksara. – Nach dem letzten Besuch im Libanon sind wir gefragt worden, ob wir dieses Weingut besucht hätten und mussten zugeben, dass wir nicht dort waren. Dieses Mal also. Die Keller sind beeindruckend, der Wein vorzüglich. Ich nehme zwei Flaschen mit – zum Beweis. Und natürlich zum Trinken!

Bevor es endgültig nach Baalbek geht, machen wir Halt in Zahle bei der (fast privaten) Flüchtlingsinitiative von Izdihar Kassis „Together for the Family“. Izdihar Kassis ist Christin und stammt selbst aus Syrien. Sie besucht mit anderen Freiwilligen die Flüchtlingslager um Zahle herum und lädt Flüchtlinge zu sich auf’s Gelände ein, damit sie Liebe erfahren, Angenommen-Sein, Hilfe, soweit es geht.

In einem Container finden einfache kostenlose Zahnbehandlungen statt. In einem anderen machen Frauen schöne Patchwork-Arbeiten, die sie verkaufen können. Auf dem Hof toben Kinder ausgelassen herum. Wir sitzen mit Izdihar Kassis im Gemeinschaftszelt und erhalten Auskunft über die Situation der Geflüchteten, über Trauma-Arbeit und vieles andere mehr. Hier haben wir eine Ansprechpartnerin, die unsere Fragen kompetent beantwortet und deren Engangement uns überzeugt. Sie ist nicht eine, die überlegt, was man machen könnte, sondern die selbst hingeht und nach den Frauen und Kindern in den Lagern schaut. – Auf dem Rückweg am Abend fahren wir noch einmal vorbei und setzen das Gespräch mit ihr und ihrem Mann fort. Was wir erfahren, ist auch eine Anfrage an uns selbst. – Wer Informationen über diese Initiative möchte, darf sich gerne bei mir melden.
Baalbek, das antike Heliopolis

Bevor wir zur antiken Tempelanlage kommen, machen wir Halt beim „Stein des Südens“  oder „Hajjar al-Hibla“, dem „Stein der Schwangeren“, einem der drei größten jemals behauenen Steine. Kein Kran der Welt könnte ihn bewegen. Vom „Stein des Südens“ schaut man hinüber zur schiitischen Moschee mit ihrer goldenen Kuppel und den beiden goldenen Minaretten.

In der eigentlichen Tempelanlage und auf dem archäologischen Gelände erwartet uns ein engagierter Führer mit sehr viel Sachwissen, der sich ein Leben lang mit Baalbek und der Archälogie des mittleren Ostens befasst hat. Sein Englisch ist mit vielen deutschen Brocken durchsetzt, sein Engangement unwiderstehlich.
Das Monumentale der Tempelanlage von Baalbek lässt sich kaum mit Bildern einfangen und nur schwer beschreiben. Die großen Säulen des Iupiter-Tempels, die größten Säulen der Antike, sind eingerüstet. Schade. Sie sind neben den Zedern das Wahrzeichen des Libanon. Aber natürlich ist es gut, dass für den Erhalt der Anlage das Nötige nicht unterlassen wird.

Das Monumentale erinnert an Palmyra, das aber durch seine Lage mitten in der Wüste ganz anders wirkt. Den Baal-Tempel, dort das größte Bauwerk, hat der IS zerstört. Der Momumentalismus kommt mit diesen Anlagen nicht nur zu seinen großen Höhepunkten, sondern auch an sein Ende. 400 Jahre später findet man im Norden Syriens eine christliche Wallfahrtsstätte großen Ausmaßes: das Heiligtum des Symeon Stylites, Anfang des 6. Jh.

Baalbek ist anders als Palmyra. Das Gigantische des Jupitertempels und das Ensemble von Iupiter, Bacchus und Venus ist einmalig und wirft auch theologische Fragen auf. – All die Sklaven, die an diesen Bauwerken arbeiten mussten, waren für die Verehrung dieser Götter wohl kaum zu gewinnen. Ihnen war die Botschaft vom heruntergekommenen Gott, die Botschaft von Jesus Christus ganz gewiss näher als die vom erhabenen obersten Gott, für den und für dessen Herrscher man sich zu Tode arbeiten musste.

Weitere Bilder dann im FlickR-Album, einschließlich der Umgebung der Tempelanlage.

Von der Tempelanlage aus fahren wir zu einem völlig anderen besonderen Ort: zum UN-Flüchtlingslager Wavel für palestinensiche Flüchtlinge. – Es besteht seit dem Jahr 1948, in diesem Jahr also 70 Jahre. Israel feiert das 70jährige Bestehen des Staates Israel. Die Palästinenser gedenken der Nikba, der Vertreibung aus ihrer Heimat. Viele bewahren – selbst in der zweiten und dritten Generation noch den Schlüssel zu ihrem Haus auf, aus dem sie vertrieben wurden. Die Collage, die ich in dem Besprechungsraum fotografiert habe, zeigt in der Mitte einen Schlüssel, darüber eine Darstellung der Omar-Moschee in Jerusalem. Überhaupt Jerusalem. Bilder von Jerusalem finden sich im ganzen Haus, obwohl von denen, die hier aus- und eingehen, niemand je dort gewesen ist und wohl auch niemand nach Jerusalem gehen kann, solange sich die politischen Verhältnisse nicht grundlegend verändern. – Al Kuds heißt Jerusalem bei den Muslimen,  „Die Heilige“. Ich denke an den Roman von Susan Abulhawa, „Während die Welt schlief“, den ich gelesen habe. Er erzählt die Geschichte der Vertreibung in mitreißender Intensität.

Wir sind bei unserem kurzen Besuch auf einmal mit der „Palästinenser-“ und „Palästina-Frage“ konfrontiert, für die weiterhin keine Lösung in Aussicht ist. Im Lager geht es eng zu. Die Bewohner können das Lager verlassen, können sich auch ein Appartment mieten, wenn sie das Geld dazu haben, können aber kein eigenes Haus erwerben, haben keinen Pass, nur ein Dokument über ihren Status. Ins Ausland zu reisen ist schwierig, nicht unmöglich. Wer aber ohne ein Ausreisepapier das Land verlässt, hat keinen Anspruch auf Rückkehr. Das Flüchtlingsthema beschäftigt den Libanon seit 1948. – Ob diejenige, die heute als syrische Flüchtlinge in Zelten hausen, auch in 70 Jahren noch heimatlos ihr Leben fristen? Werden sie ihre Zukunft Generationen lang in Zelten leben müssen? Eine beklemmende Vorstellung.

Keine Frage – das Existenzrecht Israels! Viel zu sehr fühle ich mich auch diesem Land und den Menschen dort verbunden. Aber muss es ein Tabu sein, an Versöhnung mit den Palästinensern zu denken? Ist es ausgeschlossen, dass auch die Palästinenser eine Zukunft haben dürfen?

Gut, dass wir abends noch einmal Izdihar Kassis und ihren Mann Riad treffen. Bei den beiden gibt es zumindest tatkräftiges Anpacken und nicht nur resigniertes Warten, dass ein Traum in Erfüllung geht.

Mittwoch, 30. Mai – Saida

Wir starten, wie schon gewohnt, um 9 Uhr. Die Fahrt geht noch einmal hoch über das Chouf-Gebirge, vorbei an dem Zedern-Reservat. Wer einen Blick auf  die Karte wirft, ahnt, dass da allerlei Höhen und Tiefen samt Kurven zu überwinden waren. Unser Fahrer Farah hat es mit guter Laune und großen Fahrkünsten hervorragend bewältigt. Kurz vor Saida machen wir einen Zwischenstopp bei den Terrace Kanaan und bekommen Mamoul Mad Bil Ashta oder auch Knafeh/Knefe genannt. Was weiß aussieht, ist heißer Käse, was braun aussieht, ist eine Art Zuckerkaramell mit Gries. Darüber wird Zuckerwasser mit Rosenöl gegossen. Der Platz ist wunderschön am Meer gelegen, Mittelmeer-Flair kommt auf, Saida ist in Sichtweite.

[Als nächstes gebe ich mal ein paar Bilder von Saida auf dem FlickR-Album frei, damit die Lust auf Saida schon ein wenig wächst. Fortsetzung folgt heute Abend.

So. Ich bin wieder am Schreiben. – Inzwischen waren wir im Nachbardorf zum (letzten) gemeinsamen Abendessen dieser Reise. Es ging lustig und fröhlich zu und naturgemäß ein bisschen länger. Der zweimalige Spaziergang hat richtig gut getan. (Was wir heute sonst noch gemacht haben, kommt dann im nächsten Kapitel. Ich bin mit dem Schreiben immer mindestens 1 Tag im Verzug. Macht nix.). Zurück zu Saida.]

Saida, das biblische Sidon, ist in der Bibel mehr al 50 Mal erwähnt. Das beginnt schon im Buch Genesis (1. Mose): „Kanaan aber zeugte Sidon, seinen ersten Sohn, und Set…  „Sidon“ wird hier als Person erwähnt. „Sidon“ ist Stammvater eines ganzen Volkes, der „Sidoniter“. Auch andere Erwähnungen im Ersten Testament deuten auf ein sehr hohes Alter dieser Stadt hin, weit älter als z.B. Jerusalem. Könige von Sidon werden genannt. Im Neuen Testament wird Sidon zusammen mit der weiter südlich liegenden Stadt Tyrus genannt, „Tyrus und Sidon“. Jesus hat sich hierhin zurückgezogen (Matth. 15,21). Dort begegnet ihm die „kanaanäische“ Frau. – Der Name „Terrace Kanaan“ des Cafés, in dem wir waren, ist also kein Zufall. Paulus hat auf seiner Reise als Gefangener nach Rom die Erlaubnis bekommen, in Sidon an Land zu gehen: „Am nächsten Tag kamen wir in Sidon an; und Julius verhielt sich freundlich gegen Paulus und erlaubte ihm, zu seinen Freunden zu gehen und sich pflegen zu lassen.“ (Apg. 27,3). Bei meinem ersten Besuch in Sidon im Sommer 2016 war es Sheikh Mohammed Abou Zaid, der mich auf diese Bibelstelle aufmerksam machte und mir das Haus zeigte, in dem Paulus gewesen sein soll.

Unser eigener Spaziergang durch Saida beginnt am Seifenmuseum, dem Musée du Savon der Fondation Audi, sehr schön eingerichtet, ein Genuss dort zu verweilen nebst allen angenehmen Gerüchen. Zum Museum gehören dann nicht nur Seifen, sondern allerlei ums tägliche Leben, was Kosmetik und anderes betrifft, einschließlich einer Sammlung von Pfeifenköpfen. Auch der Shop bietet eine sehr erlesene Auswahl an Kostbarkeiten. Den Duft im Gesamten kann man allerdings weder kaufen noch im Blog verbreiten. Digitalisierung von Gerüchen… Wäre das eine Erfindung…!

Am meisten beeindruckt hat uns vielleicht das Palais Debbané, das als Museum sehr schön gestaltet ist: orientalische Kunst vom Feinsten, dazu eine sehenswerte Sammlung historischer Instrumente. Es lohnt einen Besuch auf alle Fälle!

Man kann bis auf’s Dach hinaufsteigen und hat von dort einen ausgezeichneten Blick über die Stadt und aufs Meer hinaus.

Aber auch die ehemalige Kreuzfahrerkirche, aus der eine Moschee geworden ist, hat uns gefallen, strahlt sie doch eine majestätische Ruhe aus. Wir haben die Schuhe ausgezogen und uns einige Zeit im Gebetsraum aufgehalten. Auf der einen Seite der Blick zum Meer, auf der anderen farbige Fenster, die Decke der Vorhalle vertäfert mit Zedernholz. Das hat schon eine Ausstrahlung. Ebenso auch die Karawanserei, schlichter, aber doch eindrücklich!  Ganz zum Schluss die Kreuzfahrerburg beim Hafen, die eine Art Wahrzeichen für Saida geworden ist.

Die andern Bilder findet man dann im FlickR-Album.

Auf der Rückfahrt machen wir Station im Restaurant Challalat Nabeh el Safa Rest und tun uns gütlich an einem reichhaltigen libanesischen Menü mit unzähligen Vorspeisen und vielem anderen mehr.

Um 18.30 Uhr aber wollen wir heute schon zuhause sein, um endlich, am vorletzten Tag, noch an der Abendandacht der Schneller-Schule teilnehmen zu  können, was dann auch klappt.

*

Anselm spielt zur Einstimmung und zur allgemeinen Freude eine Reihe von Orgelimprovisationen. Das Lied, das in zahleichen Strophen von der „Schulgemeinde“ durchaus kräftig gesungen wird, begleitet Rev. George H., der Direktor der Schule. Eine Lehrerin liest einen Text aus der Bibel und spricht ein Gebet. Nach knapp 15 Minuten ist leert sich die St. Michaelskirche wieder. Die kurzen abendlichen Andachten sind ein wichtiges Element der Peace-Education, weil hier Christen und Muslime gemeinsam feiern und gegenseitig Respekt einüben. Klar, die Kirche ist eine christliche Kirche und keine Moschee. Was gelesen wird, ist die Bibel und nicht der Qu’ran. Aber es wird sehr darauf geachtet, dass die christlichen Inhalte nicht verletztend, diskriminierend oder trennend erscheinen, sondern tolerant, offen und einladend. Und auch Inhalte des Islam kommen vor, die Feste finden Erwähnung, Schülerinnen und Schülern ab einem bestimmten Alter wird das Fasten  im Ramadan erlaubt.

Fehlt noch der Bericht von heute, 31. Mai. Den werde ich nachliefern. Morgen, 1. Juni, ist unser Rückreisetag. Wir werden gegen 11 Uhr hier abfahren und den Tag noch im Libanon an verschiedenen Plätzen verbringen, bis wir in der Nacht dann ins Flugzeug steigen und am Samstagfrüh, so Gott will, in Frankfurt und dann in Stuttgart landen.

Nachtrag – 31. Mai – 1. Juni

Abschied liegt in der Luft. 31. Mai – der letzte Tag, an dem wir abends in die Schneller-Schule zurückkehren werden. Ist das dieses Jahr nicht Fronleichnam, Feiertag? Auch hier im Libanon für die maronitischen Christen? Eigentlich schon. Viel davon bemerken wir nicht. Wir starten noch einmal in die Berge, ähnliche Strecke wie am Vortag. Ziel ist der Palast Beit ed-Din. Es gibt unterschiedliche Schreibweisen, arabisch, französisch, englisch, deutsch…, in drei Wörtern geschrieben, in einem: Beiteddin. Der Palast wurde 1788-1818 von Emir Bashir II erbaut. Er dient heute als Sommerresidenz des libanesischen Präsidenten.

Bevor wir den Palast erreichen machen wir Pause bei einer kleinen Imbissstation. Im Shop fallen mir die deutschen Fahnen auf, die es für 1 USD zu kaufen gibt, wahlweise natürlich auch brasilianische und andere Flaggen. Die Fußball-WM beschäftigt auch die Libanesen.

Der Palast Beit ed-Dine empfängt uns mit einer Ausstellung über Kamal Joumblatt, „Witnes et Martyr“, der 1977 bei einem Anschlag getötet wurde. Joumblatt, Dschumblat, wahlweise vorne mit „J“oder „Dsch“ geschrieben, hinten mit tt, t oder d, war sozialistischer Politiker im Libanon, Druse. Ich erinnere mich vage an die Zeit der 70er-Jahre, als ich studiert habe, und sein Name im Nahen Osten ein Begriff war. Jetzt finde ich manche seiner Sätze, die in der Ausstellung festgehalten sind wirklich nachdenkenswert. Drusen verehren die Wissenden.

Unterschiedlich lang verweilen die Einzelnen bei der Ausstellung. Man ahnt noch nicht, welch ein orientalisches Juwel einen beim Eintritt in den Hof des Palastes erwartet. Wasserspiele, reich verzierte Salons, Gemächer, kostbarste Materialien, immer wieder neue Details und Perspektiven, Treppen, Säulen, Erker, Arkaden. Hier residieren Fürsten, Präsidenten und ihre Gäste. Wir Touristen versuchen mit unseren Kameras das eine oder andere Detail einzufangen und mit nach Hause zu nehmen. Aber mir wird klar: wer hier wohnt, braucht keine Kamera. Er, Sie wird vielleicht fotografiert, gemalt, verewigt und kann sich anderen Dingen widmen, die (ihm/ihr) wichtig sind: der Politik, der Kunst, der Lektüre – oder seinen/ihren Gästen. Wir Kamera-Touristen dagegen zeigen mit unserem Fotografieren, dass wir hier nicht bleiben dürfen, dass wir nur kurz verweilen: ein, zwei Viertelstunden, dann müssen wir Platz machen für die nächsten. Vielleicht schenken wir all denen ein paar Gedanken, die als Handwerker, Bauleute, Künstler hier gearbeitet haben, oder wir fühlen uns frei, weil wir hierherkommen dürfen ohne für einen geringen Lohn hier arbeiten zu müssen.

Draußen im Hof sind Arbeiter dabei, einen großen LKW zu entladen. Er hat Teile  für die Open-Air-Bühne für das bevorstehende Beitedine-Art-Festival geliefert. Im Vergleich zu ihnen sind wir als Touristen die Privilegierten, zumindest für den Augenblick. Hoffen wir, dass auch diese Arbeiter ihren angemessenen Lohn erhalten einschließlich der Möglichkeiten sich zu erholen und neue Ressourcen zu bilden.

Vom Palast Beit ed-Dine fahren wir eine kurze Strecke nach Deir El Kamar (Dair al Qamar), dem Ort mit der ältesten Moschee des Libanon, der auch noch eine  Synagoge beherbergt. Wir nehmen und zwei Stunden Zeit, das Städtchen anzuschauen – jeder für sich oder zu zweit, zu dritt, kaufen Souvenirs, trinken Kaffee, essen eine Kleinigkeit.

Zum Abendessen werden wir heute noch einmal zu Fuß ins Café Rahib in Kherbet Qanafar gehen, wo der Tag in bester Stimmung ausklingen wird. Freunde der Schneller-Schule sind dabei. Bilder von diesem Abend werden nicht veröffentlicht. Bier, Arak, Wasserpfeife werden benötigt. Der Abend bleibt in bester Erinnerung.

Freitag, 1. Juni, Abreisetag

Da unser Flieger erst am frühen Morgen des 2. Juni starten wird, haben wir noch einen langen Tag Zeit, um in der Beqaa-Ebene manches anzuschauen, was wir noch nicht gesehen hatten, einen Besuch zu machen, in einem großartigen Restaurant zu Abend zu essen und dann nach Beirut zum Flughafen zu fahren.

Wir verabschieden uns von der Schneller-Schule mit einer kleinen Andacht in der Kirche, mit Dankesworten an Direktor George H. als Gastgeber für unsere Gruppe und an Anselm, unseren Reiseleiter, der uns ein unvergleichlich intensives und mit persönlicher Note versehenes Reiseprogramm zusammengestellt hat.  Nach jedem Ausflugstag haben uns unsere Busfahrer an die Schneller-Schule zurückgebracht. Jedes Mal, wenn wir das Werkstattgebäude gesehen haben, wussten wir, dass wir wieder an Ort und Stelle sind. Nun heißt es – für diese Reise – Abschied zu nehmen und in Verbindung zu bleiben. Den Abschiedssegen gibt den Schülerinnen und Schülern, Lehrerinnen und Lehrern, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und allen Gästen das Schild am Hoftor für die Hinausgehenden und Hinausfahrenden mit dem Emblem der Schneller-Schulen: The Lord is my shepherd.

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Im Bus geht es jetzt eng zu, weil das Gepäck auch mit muss und die hinteren Plätze benötig. Aber es geht! Die Notsitze im Mittelgang erweisen sich als brauchbar. Die Reisegemeinschaft rückt eng zusammen.

Wir bekommen in Zahle ein zweites Frühstück mit frisch gebackenem, libanesischen Fladenbrot


und fahren zum Römischen Tempel in Niha, wo es – entsprechend unserer Stimmung – zu regnen beginnt.

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Zum Tempel in Hosn Niha pilgert nur ein Teil der Gruppe. Die andern bleiben im Bus.

Weiter geht es zu einem Besuch bei Freunden in Niha, wo wir zu  Kaffee, Getränken, Gebäck eingeladen werden. Unbeschreiblich, diese Gastfreundschaft im Umfeld der Schneller-Schule! Von dort fahren wir wieder nach Zahlé und genießen die gigantische Aussicht auf die Bekaa vom Aussichtsturm mit der Marienstatue „Our Lady of Bekaa“.

Kaum zu glauben, aber die Reise hat immer noch einen Superlativ in petto: Das Abendessen in der Domaine Mouakkar. 21 Vorspeisen – haben wir richtig gezählt – sind ein einsamer Rekord. Eine köstlicher als die andere. Dazu die grandiose Aussicht auf die Bekaa in der Abendsonne. Anselm hat unseren Busunternehmer Farah mit Gattin eingeladen. Wir sind glücklich und zufrieden ohne Ende! Was können wir für Eindrücke mit nach Hause nehmen!

Mit diesem letzten großen Erlebnis „im Gepäck“ geht es nun wirklich zum Flughafen. Wir kommen kurz vor 23 Uhr Ortszeit an und vertreiben uns die Zeit mit Rumsitzen, Lesen, Einkaufen, Einchecken, Passkontrolle, Sicherheitskontrollen usw. Ich finde kurz vor dem Abflug noch die Magnetschilder, die ich nach Hause bringen wollte. Um 3.50h sollte der Flieger starten. Es wird eine dreiviertel Stunde später. Aber was soll’s. Im Flugzeug können wir schlafen, ausruhen, verarbeiten. Derweil geht die Sonne auf, und wir stellen die Uhr um 1 Stunde zurück auf MESZ. Fast pünktlich, kurz nach 7 Uhr, kommen wir in Frankfurt an. Leider gibt es dann mit dem Weiterflug für einen Teil unserer Reisegruppe Probleme. Aber letzten Endes landen an diesem Samstag alle irgendwann erschöpft und dankbar dort, wo jede und jeder zuhause ist.

Mehr Bilder gibt es, wie schon geschrieben im FlickR-Album. – Und herzlichen Dank für Ihr/Euer Interesse. Traugott Plieninger

Frühlingstag im Remstal

…und dann muss man ja auch noch Zeit haben,
einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.
(Astrid Lindgren)

Gelassenheit

Liebe Leserin, lieber Leser,

mit dieser Ausgabe der Markgröninger Nachrichten verabschiede ich mich auch von Ihnen als treue oder gelegentliche Leserinnen und Leser dieser Spalte. Einer, der mir immer wieder etwas zu sagen hatte, ist und war der Philosoph und Mystiker Meister Eckhardt, einer der großen Denker des Mittelalters. Seine Lebensdaten (1260-1328) fallen genau mit der Bauzeit unserer Bartholomäuskirche zusammen. Sein großes Thema war Gelassenheit. Einen seiner Sätze habe ich mir so in den Kalender geschrieben, dass ich von Zeit zu Zeit daran erinnert werde:

Darum fange bei dir selbst an und lass dich.

Je mehr die Menschen nach außen gehen, umso weniger finden sie Frieden. Sie gehen wie jemand, der den Weg nicht findet. Je weiter er geht, umso mehr verirrt er sich. Was soll er also tun? Er soll sich selbst erst einmal lassen, dann hat er alles gelassen.

Die Worte haben in 750 Jahren nichts von Ihrer Bedeutung verloren. Im Gegenteil, sie scheinen so zutreffend wie nie zuvor. – „Je mehr die Menschen nach außen gehen, umso weniger finden sie Frieden.“

Es kommt mir vor, als wäre unserer Epoche die Mitte abhandengekommen und es gähnte im Innern eine große Leere, die sich schwer füllen lässt. Der Rat des Meisters: Gelassenheit. Er rät bei sich selbst anzufangen und sich zu lassen. Merkwürdig, denke ich, dass ein erfülltes Leben mit Gelassenheit zusammenhängt, damit, lassen zu können und sich lassen zu können, auch loslassen zu können. Es ist eine Übung, kein Besitz, das Lassen und Loslassen. Wir müssen es immer wieder von neuem lernen zur Gelassenheit zu kommen. Am ehesten kommen wir zur Gelassenheit durch Gebet. Gebet und Schwimmen sind sich darin ähnlich, dass man den festen Boden unter den Füßen verlassen muss, sich nicht festhalten darf und nur durch Loslassen vorwärtskommt. Wer schwimmt, hat das Ufer vor Augen, die/der Betende Gott.

Ihr Pfarrer Traugott Plieninger

[Amtsblatt Markgröninger Nachrichten 07.07.2017 | Evangelische Kirchengemeinde Markgröningen]

Predigt zur Diamantenen Konfirmation 2017 am Sonntag Lätare, 26. März 2017

 

Liebe Konfirmationsjubilare und Angehörige, liebe Gemeinde,

vorne auf den Gottesdienstprogrammen ist das Bild vom Innern unserer Bartholomäuskirche. Es sieht aus, als wäre vor der Kanzel, vor dem Altarraum ein Transparent gespannt über das ganze Mittelschiff von einer Säule zur andern.  Auf dem Transparent große Ornamente um ein Schriftfeld herum, auf dem Schriftfeld der Wochenspruch für diesen Sonntag und die neue Woche als Bibelinschrift im Deutsch einer längst vergangen Zeit:

Warlich, warlich Sag ich euch es sey Dan das das weizen körnlin in die erden falle und sterbe so Bleibt es Allain, wo es aber erstirbt, so bringt es vil Frucht   IOAN 12

Der Spruch findet sich im Chor der Bartholomäuskirche.

Wir sind vor kurzem vom landeskirchlichen Archiv auf diese Inschrift hingewiesen worden, weil die Schriftfelder, die man in Chor der Bartholomäuskirche findet, ein frühes Zeugnis der Umsetzung der Reformation in unserer Region sind.

Vom 8. April bis 10. Juni 2017 wird es im Alten Schloss in Stuttgart eine Ausstellung geben „Luther kommt nach Württemberg“. Dort werden im Ausstellungskatalog auch unsere Inschriften zu sehen sein. Sie stammen aus dem Jahr 1593, vermutlich von einem Markgröninger Maler Meister Hans Jerg Herzog. Darauf deuten die Initialen, die an einem der Schriftfelder zu finden sind.

1593. – Vor 424 Jahren also. Wir können uns solche Zeiträume schlecht vorstellen. Die Reformation – 500 Jahre. Die Diamantene Konfirmation 60 Jahre. Wir erfassen es mit unserem Verstand, aber emotional erfassen wir die Zeiträume anders, spüren eher ob uns etwas nah ist oder weniger nah, egal wie weit oder wie nah in der Vergangenheit. Ja, wir befassen wir uns mit dem, was war, interessieren uns für unsere Geschichte, nehmen sie ernst, wichtig.

Auf der Nordseite des Kirchplatz gab es an den letzten beiden Freitagen einen kleinen archäologischen Einsatz auf der Baustelle unter Aufsicht unseres archäologischen Fachmanns, um etwas über die Geschichte unserer Kirche zu erkunden. Fundamente wurden freigelegt, Bestattungen dokumentiert. Interessante Befunde kamen zum Vorschein. Was hier an dieser Stelle, an der wir uns zum Gottesdienst versammeln, einmal war, bedeutet uns etwas, sagt uns etwas, ist uns nicht gleichgültig.

Ein Baum aber kann 100 Jahre alt sein, 300 Jahre und noch älter. Er weiß es nicht. Er steht da, treibt seine Wurzeln in den Boden, die Äste in den Himmel, könnte erzählen von ganzen Epochen und gibt sein Geheimnis nicht preis.

Ein Bauwerk, zweitausend Jahre. Die Klagemauer in Jerusalem zum Beispiel, Westmauer des letzten Tempels, den Herodes erweitert hat. Die Menschen strömen dorthin um zu beten. Jahrhundertelang waren die Mauer im Schutt der Weltgeschichte verborgen bis man sie freigelegt hat. Sie hat sich nicht selbst geregt.

Was ist das mit uns Menschen, dass uns unsere Geschichte so wichtig ist? Wir interessieren uns für den Anfang allen Seins, für die Schöpfung oder einen Urknall und merken, dass wir uns beides nicht vorstellen können, aber wir forschen daran, wollen es wissen, verstehen.

Wir gehen zurück auf die Zeitenwende, auf vergangene Epochen, die Babylonier mit ihren Gesetzen, die Ägypter mit ihrer Kultur, den Pyramiden, die Römer mit ihren Bauwerken, die Kelten mit ihrem Schmuck, die Staufer, das Mittelalter, die Reformation, die Neuzeit. Immer mehr wollen wir wissen, immer mehr über uns selbst, unsere Herkunft, auch persönlich. Wir feiern Geburtstage, Jubiläen, wir denken zurück an Kindheit und Jugend, an Stationen unseres Lebens, an wichtige Ereignisse. Vor 60 Jahren – die Konfirmation. Die Kirchenrenovierung war ein Jahr vorher abgeschlossen worden. Die Orgel stand nicht mehr im Chor. Die Inschriften konnten gelesen werden, die Bilder waren freigelegt, das Geläute wieder vollständig mit der 4. Glocke, die die Heimkehrer gestiftet hatten. Die schönen farbigen Fenster im Chor und in der Vollandkapelle erzählen seither biblische Geschichten.  – Aber freilich, die Konfirmation feiert man mit 14 Jahren. Da waren Ihnen als Jugendliche noch ganz andere Dinge wichtig: die Angst, beim Aufsagen der Texte einen Fehler zu machen, der Schulabschluss, die Geschenke, die Schulkameraden, die Lehrer, das Fest in der Familie. Nach der Konfirmation, so hatte man gesagt, begann der „Ernst des Lebens“.

Vor zehn Jahren haben wir die Goldene Konfirmation gefeiert. Pfarrer Fröschle, der bei Ihrer Konfirmation Vikar war, war dabei, war aus Alpirsbach gekommen. Damals war auch der Konfirmationsjahrgang 1947 mit in der Kirche zur Diamantenen Konfirmation. Schon wieder 10 Jahre vergangen, nicht spurlos vergangen.

Je älter man wird, desto wichtiger wird es einem, auch Spuren zu hinterlassen: nicht nur darüber nachdenken, was im eigenen Leben Spuren hinterlassen hat, sondern auch darüber, welche Spuren man selbst hinterlässt. Die Lebensarbeit kommt in Blick, das, wo man seinen Beitrag gegeben hat, im Beruf, in der Familie, im Verein, in der Politik, für die Wissenschaft, für die Kunst, für die Musik, für das Handwerk, für Frieden, für Versöhnung, für die Natur, für den Erhalt der Schöpfung, was immer es gewesen sein mag und noch ist, vielleicht war es nur das eine, für einen Menschen da zu sein, der einen gebraucht hat, und auch das wäre ein Lebenswerk.

Von Jesus stammt auch das Wort: Wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren. Wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird es retten. – Geheimnis, dass der, der viel von seinem Leben haben will, vielleicht am Ende mit wenig dasteht; ein anderer, der viel gegeben hat, viel von sich gegeben hat, am Ende sagen kann, dass er reich ist.

Nicht das, was wir für uns beanspruchen, für uns auf die Seite bringen, zurücklegen, macht uns wirklich reich, sondern das, was wir von uns investieren konnten, investieren können, ist das, wovon wir eines Tages Früchte sehen.

Das Weizenkorn – für Jesus ein Bild des Sich-in-den-Tod-Gebens. Das Weizenkorn fällt in die Erde, erstirbt und im Ersterben entsteht der neue Halm, entsteht die Frucht.

Geheimnis des Lebens. Wir sind in der Hand Gottes nicht ein Stück Holz, nicht ein Stück Eisen, nicht ein toter Stein, nicht ein Denkmal. Wir sind in der Hand Gottes zu etwas nütze, sind zu gebrauchen, müssen nicht eines Tages zum Alten Eisen gehören, dessen Zeit vorüber ist. Wir sind nicht in unseren guten Jahren zu etwas nütze, erfolgreich, leistungsstark, und dann nicht mehr zu gebrauchen. Das Bild vom Weizenkorn sagt uns, dass dort, wo wir in Gottes Wirken einbezogen sind und darin aufgehen Neues wächst.

Das Bild vom Weizenkorn…

Der Maler, der die Bibelinschriften in die Nordwand des Chors gemalt hat, hat diesem Spruch, so kurz er ist, den zentralen Platz gegeben, als wäre dieses Bibelwort für ihn die Mitte der biblischen Schriften. Es ist ein Wort Jesu und es spricht von ihm, Er spricht von sich selbst, aber das Wort meint auch uns. Es ist ein Wunder, wenn etwas aufgeht von dem, was wir gesät haben. Es ist ein noch größeres Wunder, wenn wir selbst die Saat sein durften, ein Weizenkorn in Gottes Hand – und was daraus wird: auch das ist in Gottes Hand. Amen.

Goldene Konfirmation am Sonntag Invokavit, 5. März 2017 – Predigt in der Bartholomäuskirche Markgröningen

Liebe Goldkonfirmanden, Schulkameraden von damals, liebe Gemeinde,

im Vaterunser beten wir die Bitte „und führe uns nicht in Versuchung!“ Es ist die 6. Bitte.

Heutzutage wird nicht mehr so viel auswendig gelernt im Konfirmandenunterricht wie vor 50 Jahren, aber das Vaterunser können noch alle und werden es weiterhin können, das Vaterunser mit dieser Bitte „und führe uns nicht in Versuchung!“  „Versuchung“ ist auch das Thema des Sonntags Invokavit. Es wird uns in der Predigt begegnen.

Die Gedanken gehen zurück in die Zeit vor 50 Jahren, ins Jahr 1967. Am 5. und 12. März, den beiden Konfirmationssonntagen in Markgröningen, war das Jahr noch weitgehend unverdorben, gemessen an dem, was kommen sollte. Aber schon im Januar waren in Cape Canaveral 3 Astronauten in der Raumkapsel Apollo 1 verbrannt, und das Apollo-Programm wurde für fast zwei Jahre lang ausgesetzt. Der Student Benno Ohnesorg hat in Berlin studiert. Im Juni wurde er von einer Polizeikugel getroffen, was der Auftakt war zu Unruhen von mehr als 10 Jahren in der Bundesrepublik. Im März 1967 war auch noch nicht der 6-Tage-Krieg in den Nachrichten, der dann im Juni ausbrach und dem Nahen Osten keinen Frieden brachte.

Am 4. April 1967 hat Martin Luther King, zuvor ausgezeichnet mit dem Friedensnobelpreis, in den USA eine berühmte Rede gehalten: Beyond Vietnam – A Time to break Silence. Über Vietnam – Es ist Zeit das Schweigen zu brechen. Auf den Tag genau ein Jahr später wurde auch er von einer tödlichen Kugel getroffen.

1967

Ich selbst bin ein Jahr später, 1968, konfirmiert worden, der Konfirmandenunterricht hatte nach Ostern begonnen. Ich lag nach einem schweren Fahrradunfall wochenlang im Krankenhaus und erinnere mich mehr daran als an den Start des Konfirmandenunterrichts, den ich verpasst habe. Und man hat dann als Jugendlicher auch noch andere Dinge im Kopf als das Weltgeschehen und den Katechismus. Im Radio liefen die Schlager. Nr. 1 war in diesen Wochen im März 67, was zuvor schon in den USA und in England die Nr. 1 gewesen war und heute in der SWR-Hitparade nicht mehr unter die ersten 2000 kommt: „I’m a believer“ von den Monkees. A believer – einer, der es auf einmal glauben kann:

Ich dachte, Liebe gäbe es nur im Märchen, sie wäre etwas für alle andern, aber nicht für mich. Liebe hat mich nie erreicht, so sah es aus. Enttäuschung war das Ende aller meiner Träume.
Dann hab ich ihr ins Gesicht gesehen, jetzt kann ich’s glauben.
Keine Spur von Zweifel hab ich mehr.
Ich bin verliebt, ich kann es glauben, ich könnte sie niemals verlassen.

Da entdeckt einer die Liebe und wird zum „believer“, zu einem, der glaubt, der an die Liebe glaubt und sie nicht mehr für ein Märchen hält.

Im Konfirmandenunterricht hat man auch gelernt, was Glauben heißt. Man hat es nicht mit Schlagern, sondern mit dem Katechismus gelernt, mit dem, was Martin Luther und Johannes Brenz aufgeschrieben haben. Man hat gelernt, dass glauben heißt, „dass ich in Jesus Christus Gott als meinen Vater erkenne und liebe und all mein Vertrauen auf sein Wort setze, ihm freudig gehorche und zuversichtlich zu ihm bete. Ohne Glauben ist’s unmöglich Gott zu gefallen.“ Lernen mussten es alle, irgendjemand hat es bei der Konfirmation vorgetragen. Alle haben zugehört, zugesehen. Erleichterung als es geschafft war. Dann die Verpflichtung, die Einsegnung. 70 Jugendliche wurden am 5. März eingesegnet, 76 am 12. März.

Was ist geblieben von dem, was glauben heißt, von dem Gelernten? Die Sprache der Menschen, der Jugendlichen hatte sich schon verändert. Das „ihm freudig gehorchen“ fällt mit 13, 14 Jahren schwer, „in Jesus Christus Gott als seinen Vater erkennen und lieben und all sein Vertrauen auf sein Wort setzen“, das ist eine Erklärung des Glaubens, die man noch einmal erklären muss. Und doch hat man’s geglaubt oder akzeptiert oder einfach stehen lassen.

Den Schlagertext hat man besser behalten – und vielleicht auch erlebt, dass die Liebe die einen erreicht, die anderen nicht.

  1. Strophe:

Ich dachte Liebe, das wäre mehr oder weniger etwas Gegebenes, etwas von der Art: je mehr ich gebe, desto weniger bekomme ich. Was hat es für einen Sinn, sich da zu versuchen? Du bekommst nur Schmerz. Wenn ich Sonne gebraucht hätte, hat es geregnet.

Millionenfach wurde das gespielt, millionenfach verkauft, lange hat sich der Song gehalten, den man unter diesem Titel findet: I’m a believer! Ja, ich bin auch ein Believer, einer, der glaubt, auch wenn ich meinen Song etwas anders schreiben würde.

Goldene Konfirmation:

Wiedersehen nach 5 Jahrzehnten. Die meisten sehen sich heute nicht zum ersten Mal wieder seit der Konfirmation, aber bei manchen ist es vielleicht lange her, dass sie sich gesehen haben.

Vom März 1967 bis zum März 2017 ist viel passiert, viel mit uns, viel in Markgröningen, viel in der Welt, viel in der Gesellschaft, und wenn wir es heute Jugendlichen erzählen, die 13, 14 sind, interessieren auch sie sich für andere Dinge.

1967 haben sich die Dinge ereignet, die ich eingangs erwähnt habe. Für einige von Ihnen, den Konfirmanden, begann vielleicht schon nach den Sommerferien die Berufsausbildung, andere sind noch weiter zur Schule gegangen.

Die Konfirmation wurde zuhause gefeiert oder in der Wirtschaft, die Verwandten und Nachbarn haben Geschenke gebracht oder Geld. Man konnte sich etwas leisten, ein Fahrrad, eine Uhr, einen Fotoapparat, ein Kofferradio. Oder man hat das Geld aufs Sparbuch getan. Man hat sich bedankt für die Geschenke und Kuchen ausgetragen. Konfirmation war ein hohes Fest, danach war man konfirmiert, hat sich erwachsen gefühlt. Kleid, Anzug und Schuhe haben schon bald nicht mehr gepasst. In der Kirchengemeinde gab es noch die Christenlehre, freiwillig. Irgendwann hatten alle die Schulzeit hinter sich, die ersten haben geheiratet, Kinder sind geboren, die einen sind in Markgröningen geblieben, die andern hat es anderswohin verschlagen. 1977 – der deutsche Herbst, die Entführung und Ermordung von Martin Schleyer, die Entführung der Lufthansa Landshut, die Befreiung, der Selbstmord der RAF-Gefangenen drüben in Stammheim. Das ist nicht weit von hier, nur wenige Kilometer.

13 Jahre später – 1990 haben die Scorpions das Lied herausgebracht Wind of Change. Es war ein sehr, sehr hoffnungsvolles Lied von Veränderung, von Versöhnung, von Zueinanderfinden. Wir haben es als Musikeinspielung am Freitag auf dem Friedhof gehört, als wir von Erwin K. Abschied nehmen mussten, der auch zum Jahrgang gehört hat, der vor 50 Jahren konfirmiert wurde, der noch so gerne bei der Goldenen Konfirmation dabei gewesen wäre und es nicht mehr geschafft hat. Es ist auch nicht selbstverständlich, heute dabei sein zu dürfen.

Wind of Change. Barak Obama hat in seinem Wahlkampf noch gesagt: Change is possible – Veränderung ist möglich, hat noch daran geglaubt. Heute macht uns das Angst, was sich alles verändert, was alles zerfließt, auseinanderläuft, davonschwimmt, einstürzt.

Und wir ahnen, dass die Bitte

Und führe uns nicht in Versuchung

etwas anderes meint als das, was in der Werbung und im Volksmund eine Versuchung genannt wird. Es ist nicht die Bitte, dass man am Süßigkeiten Regal nicht in Versuchung gerät, es ist nicht die Bitte, dass man nicht widerstehen kann, wenn es unwiderstehlich scheint. Es ist um vieles ernster.

Und führe uns nicht in Versuchung,

nicht in das hinein, was uns Angst macht,
nicht in das hinein, was wir nicht mehr bewältigen,
nicht in Versuchung – nicht in den Abgrund, nicht einmal an den Rand des Abgrunds.

Jener Predigttext, den ich heute übergangen habe, wäre die Geschichte vom Sündenfall gewesen, die Geschichte davon, dass den Menschen die Versuchung selbst im Paradies ereilt: Eva nimmt sich die Frucht, den Apfel, gibt ihn Adam. Auch das ist Versuchung, nach mehr zu greifen als einem zusteht. Aber das ist mit der Bitte im Vaterunser nicht gemeint.

In der Lesung haben wir die Geschichte von Jesu Versuchung gehört (Matth. 4): Mach diese Steine zu Brot…, Stürze Dich in die Tiefe, die Engel werden Dich tragen…, gewinne Macht, indem Du den Teufel anbetest…

Das sind Versuchungen anderer Kategorie als die Versuchung im Paradies. Dort war es die Versuchung, das Verbot infrage zu stellen: sollte Gott gesagt haben? Hier ist es die Versuchung, sich in den Mittelpunkt zu stellen, das Spiel mit den Mächten dieser Welt beherrschen, in Rausch zu geraten, die Fäden in der Hand halten. Es sind viele, die dem erliegen und sich verstricken in dem, was sie zu beherrschen meinen, während es längst so ist, dass sie selbst beherrscht sind von dem Spiel, das sie angefangen haben und das sie in Bann gezogen hat.

Die Bitte aber im Vaterunser

Und führe uns nicht in Versuchung

ist auch die Bitte, nicht in Gefahr zu geraten zu verleugnen, was man nie verleugnen wollte, ist auch die Bitte sich nicht erpressen lassen zu müssen,

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Dass diese Bitte gebetet wird, führt uns vor Augen, dass in dieser Welt manches im Argen liegt, vieles im Argen liegt und wir aufgefordert und gerufen sind, Frieden und Versöhnung zu stiften, Wunden zu heilen, Gräben zuzuschütten, Brücken zu bauen, Werkzeuge Gottes zu sein zum Guten, denn es heißt ja nicht: verschone uns von dem Bösen, sondern erlöse uns und gebrauche uns zum Werk des Guten! Amen.

ZEITUMSTELLUNG IM OKTOBER

Der letzte Sonntag im Oktober hat wieder 25 Stunden, und wir sind schnell dabei zu sagen, wir hätten dann mehr Zeit. Was aber ist mehr Zeit? Mehr Sonntag? Mehr Zeit zum Ausschlafen? Mehr Zeit zum Frühstücken? Mehr freie Zeit? Mehr Zeit für die Familie, Kinder, Eltern, Verwandte, mehr Zeit ein Buch zu lesen oder einen Spaziergang zu machen? Eine Stunde „mehr Zeit“ ist auf einmal wieder wenig, sehr wenig, hätten wir das doch gerne viel öfter: eine Stunde ungeplante, ja unverplante Zeit.

6327582906_e3348c3dae_oMir kommen die beiden Reisen in der Erinnerung, die ich in die Wüste Sahara mitmachen durfte, wo wir die Tage nicht vom Wecker-Klingeln bis zu den Tagesthemen, sondern von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang erlebt haben, wo wir keine Uhren gebraucht haben, sondern Tag und Nacht sehr ursprünglich erlebt haben. Eine Stunde mehr am Tag hätte sich von unserer Reisegruppe gar niemand gewünscht. Wir hatten  einfach das Gefühl, dass die Zeit nicht an uns vorbeiläuft oder uns gar davonläuft, sondern dass wir im Rhythmus der Zeit mitgehen. Solche Erfahrungen sind wichtig, und man muss nicht unbedingt in die Wüste reisen, um sie machen. Freilich: aus dem Alltag heraustreten muss man schon.

Der Designer Scott Thrift hat eine neue Uhr entwickelt, die „Today-Clock“ oder „Heute-Uhr“. Sie hat ein rundes Zifferblatt ohne weitere Einteilungen, nur sanfte Übergänge, keine Zahlen. Und sie hat keine zwei, sondern nur einen Zeiger, der 24 Stunden braucht, um einmal durchs Zifferblatt zu gehen. Stunden, halbe Stunden, Viertelstunden oder gar Minuten werden nicht angezeigt, nur der Fluss der Zeit bildet sich auf dieser Uhr ab. „Modischer Schnickschnack“, werden manche sagen, „eine schöne Idee“ die andern. Dass an einer Uhr experimentiert wird, zeigt, dass wir mit unserer Zeiteinteilung noch nicht eins geworden sind. Die eine Stunde, um die der Sonntag sich verlängert, ist geschenkte Zeit. Das gilt aber auch schon für die andern 24 Stunden. Alle Zeit ist geschenkte Zeit. Lassen wir uns einfach von der zusätzlichen Stunde daran erinnern, dass die Zeit ein kostbares Geschenk ist, ein Geschenk des Himmels.  Ihr Pfr. Traugott Plieninger

Die Liebe selbst ist aller Mühe wert! Predigt zur Goldenen Konfirmation am Sonntag Judika, 13. März 2016

Predigttext: Joh. 15,9-17
Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich immer die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. Ich sage euch das, damit meine Freude euch erfüllt und eure Freude vollkommen ist. Liebt einander, wie ich euch geliebt habe; das ist mein Gebot. Niemand liebt seine Freunde mehr als der, der sein Leben für sie hergibt. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete. Ich nenne euch Freunde und nicht mehr Diener. Denn ein Diener weiß nicht, was sein Herr tut; ich aber habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe. Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt: Ich habe euch dazu bestimmt, zu gehen und Frucht zu tragen – Frucht, die Bestand hat. Wenn ihr dann den Vater in meinem Namen um etwas bittet, wird er es euch geben, was immer es auch sei. Einander zu lieben – das ist das Gebot, das ich euch gebe.«

Liebe Goldkonfirmanden, liebe Gemeinde,
es klingt wie die Erinnerung an ein Vermächtnis. – „Was hat er uns gesagt, damals?“ – „Bleibt in der Liebe!“ Und er hat gesagt, dass das die Mitte von allem ist: „Freundschaft!“ Auch das hat er gesagt, dass man sich für seine Freunde hergibt. Und: „Vergesst nicht, den Vater im Himmel zu bitten!“

Und das nun zur Goldenen Konfirmation!

Konfirmation 1966-03-13 Konfirmation 1966-03-20Konfirmation 1966-03-13 SimultankircheDie Bilder sind wichtig, die Bilder auf den Gottesdienstprogrammen, die Konfirmationsbilder oder die Klassenbilder, auf denen man sich wiedererkennt und andere wiedererkennt oder erst einmal überlegen muss, wer eigentlich wer ist und an wen man sich sofort und an wen man sich nur ganz allmählich erinnert. Damals war man so nah beieinander, dass man auf ein Bild gepasst hat. Schöne Frisuren. Schöne Kleider. Die Haare der Mädchen alle kurz. Die Haare der Buben immer noch nicht lang. Eine politische Partei hatte das genau in diesen Jahren zum ihrem Wahlkampfslogan gemacht: „Wir schneiden die alten Zöpfe ab!“ und war damals damit recht erfolgreich. Zwei, drei Wochen nach der Konfirmation, am ersten April 1966 begannen die Osterferien, danach das erste Kurzschuljahr, für manche wahrscheinlich schon das letzte Schuljahr, das bis 30. November ging. Manche der Schulkameraden verliert man aus den Augen, mit manchen ist man lange gemeinsam unterwegs, manche trifft man wieder. Konfirmation war auch so etwas wie „entlassen werden!“ im positiven Sinne. Der oder die „kommt aus dr Schul“ hat es früher geheißen, und gemeint war die Konfirmation.

Wie in diesem Predigttext: „Bleibt in meiner Liebe!“ –  „Ihr werdet es selbst richten müssen!“ Am Anfang sind da die Eltern, die Lehrer, dann die Pfarrer, mehr und mehr löst man sich, geht seinen Weg, lernt einen Beruf, bekommt Verantwortung, bringt es zu etwas. Manche bringen es weiter, manche nicht so weit.

In der Schriftlesung, die wir gehört haben (Markus 10,35-45), ist die Frage angeschnitten, wie weit man es bringen kann im Leben, wenn man die richtigen Beziehungen hat: „Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit.“ Das wäre doch das Ziel aller Ziele, mitregieren an höchster Stelle, nicht mehr schaffen müssen, bloß noch Entscheidungsträger sein, keinen Widerspruch fürchten müssen. Repräsentieren. Interessant, dass diese Anfrage im Neuen Testament mit überliefert ist, die dann mit dem Hinweis auf den Weg, den Jesus zu gehen hatte, beantwortet wird: Könnt Ihr das auch, den untersten Weg gehen?

Ja, wie weit kann man es bringen im Leben? Und dann kommen ungefragt die Momente, die einem zu schaffen machen oder es sind gar nicht nur Momente, sondern es sind Belastungen, die man zu tragen bekommt, was auch immer.

Die Kirche – Bewahrerin des Glaubens an Jesus Christus. Vielleicht wird sie den einen zum Halt, den andern zum Ärgernis, vielen vielleicht bedeutungslos oder fremd: es ist kein Zwang mehr, Gott sei Dank! Aber ist da noch etwas zu spüren, was einem nachgehen könnte? Ist da noch etwas, womit man noch nicht fertig ist, womit man noch etwas anfangen kann? Was hat einem die Kirche mitgegeben, was hat man selbst beigetragen?
Und welche Vermächtnisse hat man sonst noch bekommen im Leben? Was hat man von den Eltern mitbekommen, mitgenommen? Was von den Lehrerinnen und Lehrern, was hat bei den Weichenstellungen im Leben einen Ausschlag gegeben? Wie hat man die runden Geburtstage erlebt? Volljährig damals noch mit 21, der 30. Geburtstag, der 40., der 50., der 60.?

Glückliche Momente, Stunden, Tage, Lebensabschnitte. Schwierige Momente, Stunden, Tage, Lebensabschnitte. Erfolg und Misserfolg und viel, viel Alltag. Manchmal die Frage: was tu ich mir da an? Könnte nicht alles ein bisschen einfacher sein? ⇒ „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt: Ich habe euch dazu bestimmt, zu gehen und Frucht zu tragen – Frucht, die Bestand hat.“ – Wirklich, vieles im Leben hat man sich nicht selbst ausgesucht und steckt doch drin und gibt sein Bestes. Woher kommt immer wieder die Kraft? Schön, wenn man sehen darf, dass etwas, in das man vielleicht sein Herzblut gegeben hat, Bestand hat. Schlimm, wenn einem etwas zwischen den Händen zerrinnt. Oder kann auch das für etwas gut sein?

Man wird älter. In zwei Jahren gehöre ich dann auch selbst zum Jahrgang der Goldenen Konfirmation. Es gibt, wenn man die Jahre am inneren Auge vorbeiziehen lässt vieles, wofür man dankbar sein darf. Und worauf ist es angekommen? Worauf kommt es immer noch an? »Einander zu lieben – das ist das Gebot, das ich euch gebe!« Und es heißt nicht: »Einander zu lieben – das ist das Gefühl, auf das es ankommt«. »Gebot!« Weil es einem nicht immer zufällt, dass man in der Liebe bleibt und die Liebe nicht verlässt. Es ist manchmal ein Mühen um die Liebe, Liebesmüh; und es ist, als würde Jesus sagen, dass Liebesmüh niemals vergeblich ist. Freilich wird man fragen müssen, was von Fall zu Fall der Liebe dient und was der Mühe wert ist. Die Liebe selbst ist aller Mühe wert. Amen.

Lieblingsplatz – Predigt zur Konfirmation am 24. April 2016

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,
„Mein Lieblingsplatz.“ Das war unter anderem gefragt in Euren Steckbriefen, die Ihr am Anfang der Konfi-Zeit ausgefüllt habt, und niemand hat dieses Feld auf dem Steckbrief leer gelassen.

Konfirmandensteckbrief2015f_A5Ich hab mich noch einmal ganz intensiv mit Euren Antworten beschäftigt:  Es gibt eine Hauptrichtung. Der Lieblingsplatz muss ein Platz sein, wo Ihr so sein dürft, wie Ihr seid, wo Ihr Euch so geben dürft, wie’s Euch geht, wo kein Druck herrscht, kein Stress, wo Ihr nicht unter Beobachtung steht. Entweder, wo Ihr ganz für Euch seid: irgendwo draußen, auf einer Bank am Feldweg, im Garten oder am Meer, in Schweden am Strand oder in Kroatien. Oder dort, wo Ihr mit jemandem zusammen seid, wo’s Euch nur gut tut: bei der Oma oder bei Freunden – oder doch: in Eurem Zimmer. Vier von Euch haben was vom Bett geschrieben.
Aber natürlich gibt’s für alle viele Lieblingsplätze und es gibt Plätze, die da nicht dazu gehören. Niemand hat „Schule“ eingetragen, niemand hat sonst was eingetragen, wo man mit Leistung gefordert ist. „Kirche“ steht auch bei niemand, aber das war ja am Anfang vom Konfi-Jahr. Ich würde für mich natürlich schon die Bartholomäuskirche zu meinen Lieblingsplätzen zählen, aber ich hab ja einen Schlüssel und kann ganz alleine in die Kirche gehen.
Jeder braucht die Plätze, wo niemand etwas von einem will, wo man ganz sein darf, wer man ist, und man braucht die Momente, bei denen man auftankt, Kraft schöpft, sich regeneriert. Man kann nicht immer nur funktionieren.
Vielleicht, wenn Ihr die Karte heute noch einmal ausfüllen würdet, würden sich die Antworten leicht verändern. Vielleicht ist ein neuer Lieblingsplatz dazugekommen, vielleicht hat sich ein Lieblingsplatz verbessert, verschlechtert. Vielleicht hat sich in Eurem Lebensgefühl etwas verändert.
Das Thema, wo unser Platz ist, ist ein Lebensthema.

Der schönste Platz im Weltall ist die Erde, mit der die Menschen sehr rücksichtslos umgehen. Im Weltall herrscht weit und breit nur Leere. Man würde die Sterne, weit entfernte Himmelskörper ja nicht sehen, wenn’s bis zu ihnen hin nicht komplett leer wäre. Zum Mond fliegt man drei Tage, und kann es dort nicht aushalten, zum Mars mehrere Monate und kann es dort nicht aushalten. Der schönste Platz im Weltall ist die Erde, die wir mit anderen Menschen, mit anderen Geschöpfen teilen. Die Erde ist unser Platz, den wir uns nicht selbst gegeben haben. Sie gehört uns nicht! Wir sind hier Gäste.

Was tun auf der Erde? Wohin gehen auf der Erde?
Wo ist unser Platz auf der Erde?

Und nun sage ich Euch ein kurzes Wort aus der Bibel: Folge mir nach! Mit dieser Aufforderung hat Jesus seine Jünger berufen und sie sind ihm gefolgt. Sie haben ihren Platz gefunden, indem sie mitgegangen sind, mit Jesus mitgegangen sind. Sie haben erlebt wie er zu den Leuten geredet hat, sie haben erlebt wie er Kranke geheilt hat, sie haben erlebt, wie er die Hungrigen gespeist hat und wie er mit seinen Gegnern diskutiert und gestritten hat. Sie haben ihren Platz gefunden, wo sie ihm dienen konnten oder in seinem Auftrag handeln konnten. Sie sind, glaubt man der Überlieferung, weit herumgekommen in der Welt.

Wo Euer Platz eines Tages sein wird, was Eure Aufgabe sein wird, ist nicht egal, denn Ihr seid wichtig. Euer Platz in Eurer Familie, Euer Platz in der Gesellschaft, Euer Platz in der Kirche, Euer Platz in der Welt. – Eure Aufgabe in Eurer Familie, Eure Aufgabe im Beruf, in der Gesellschaft, Eure Aufgabe in der Kirche: Ihr werdet gebraucht und ganz bestimmt nicht nur als Steuerzahler, sondern mit Euren Begabungen, mit Eurem Wissen, mit Euren Besonderheiten. Ihr werdet gebraucht, Ihr sollt Euren Platz ausfüllen, Euren Beitrag geben, und es wäre schön und wichtig, wenn das mit der Nachfolge Jesu in Einklang zu bringen wäre. Wenn Euer Glaube dann ein gelebter Glaube ist, Euer Christentum nicht eine reine Äußerlichkeit, Eure Nachfolge wirklich eine eigene Entscheidung und nicht nur ein Hinterherlaufen.

Und glaubt mir: Eure Lieblingsplätze wird es weiterhin geben und Ihr werdet sie weiterhin brauchen. Einmal heißt es in einem Psalm: Du stellst meine Füße auf weiten Raum. So hat dieser Mensch Gott erfahren, als einen, der ihm viel Platz gibt. Dieser Jemand hat seinen Standpunkt in einer großen Weite gefunden, dort, wo es, Gott sei Dank, nicht eng zugeht. Amen.

VERTRAUEN NACH GANZ OBEN… Predigt am Sonntag Invokavit

Predigttext: Hebr. 4,14-16 (Ü: In Anlehnung an „Neue Genfer Übersetzung“)

Weil wir nun aber einen großen Hohenpriester haben, der den ganzen Himmel ´bis hin zum Thron Gottes` durchschritten hat – Jesus, den Sohn Gottes –, wollen wir entschlossen an unserem Bekenntnis zu ihm festhalten. Jesus ist ja nicht ein Hoherpriester, der uns in unserer Schwachheit nicht verstehen könnte. Vielmehr war er – genau wie wir – Versuchungen aller Art ausgesetzt, ´allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass` er ohne Sünde blieb.

Lasst uns also unerschrocken, freimütig und zuversichtlich vor den Thron unseres gnädigen Gottes treten, damit er uns sein Erbarmen schenkt und uns seine Gnade erfahren lässt und wir zur rechten Zeit die Hilfe bekommen, die wir brauchen.

Liebe Gemeinde,

für die Leserschaft des Hebräerbriefs war die Gestalt des Hohenpriesters vielleicht noch vorstellbar. Der oberste der Priester am Jerusalemer Tempel, gekleidet in prächtige Gewänder an den Festtagen. In einem frühchristlichen Brief ist die Erinnerung an diese Institution noch lebendig: „Diese Erscheinung ruft Ehrfurcht und Staunen hervor, so dass man sich wie in eine andere Welt versetzt glaubt.“

Vielleicht muss man an den Papst denken, an die Begegnung des Papstes mit dem Oberhaupt der russisch orthodoxen Kirche dieser Tag in Kuba, Würdenträger auf die die Blicke der Menschen gerichtet sind. Die jeweils Gläubigen dieser oder jener Konfession, und nicht nur sie, begehren es, diesen Oberhäuptern nahe zu kommen, etwas von ihrer Ausstrahlung zu verspüren.

Den Christen der frühen Gemeinden, die keinen Hohenpriester hatten, überhaupt noch kaum Ämter, schon gar keine Messgewänder, Fest- und Feiertagsgewänder und keine großen Riten, ihnen wird mit diesem Abschnitt gesagt, zu wem sie aufblicken können und wer ihr Hohepriester ist:  Jesus, der Sohn Gottes. „Lasst uns festhalten an unserem Bekenntnis zu ihm.“ Offenbar war es manchen zu nüchtern geworden in den Versammlungen, zu substanzlos, zu unattraktiv. Sie haben sich zurückgezogen aus den christlichen Gemeinden. Eindringlich redet der Briefschreiber seinen Adressaten zu Herzen. „Lasst uns festhalten am Bekenntnis zu Jesus, dem Sohn Gottes!“ Er wird beschrieben als der, der nicht nur gelegentlich prächtig gekleidet in den Tempel einzieht und einmal im Jahr am Versöhnungstag die Schritte bis ins Allerheiligste des Tempels gehen durfte, sondern der „den Himmel“ durchschritten hat bis zum Thron Gottes. Dem Schreiber des Briefs gilt das mehr als jede menschliche Gestalt, zu der man aufblicken mag. Aber freilich, dass wir jemanden brauchen, zu dem wir aufblicken können, das ist keine Frage.

Zu jemandem aufblicken, weil man selbst unten ist.

Zu jemandem aufblicken, weil man sich selbst nicht aufrichten kann.

Zu jemandem aufblicken, weil man vielleicht verstört ist.

Jesus ist ja nicht ein Hoherpriester, der uns in unserer Schwachheit nicht verstehen könnte“
– in dem, was uns zu schaffen macht;
– in dem, wo wir verunsichert sind,
einer, zu dem wir aufblicken können, einer, zu dem wir aufblicken sollen,
einer, dem nichts Menschliches fremd ist, der all dem ausgesetzt war, was Menschen zum Straucheln bringt, der darum mitfühlen kann.

Ich denke an die Bilder, die uns das Fernsehen diese Woche gezeigt hat, Menschen, die trauern an der Unfallstelle des Zugunglücks in Bayern,
Flüchtlinge, die vor verschlossenen Grenzen stehen, an Zäunen,
ratlose Gesichter von Regierungschefs und hochrangigen Politikern bei der Münchner Sicherheitskonferenz oder wo immer sie sich begegnen, um Probleme zu lösen, die sich kaum lösen lassen,
verunsicherte Menschen vielerorts, die nicht mehr wissen, was sie denken sollen, andere, die irgendwo anpacken und Hand anlegen, die helfen bis zur Erschöpfung, aber was kommt nach der Erschöpfung?
Fernsehjournalisten, Radiomoderatoren, Presseleute, die Bilder und Meinungen einfangen und um die Welt schicken, die ihr Mikrophon hinhalten und irgendjemand sagt irgendetwas, was andere auch schon einmal gesagt haben, gehört haben, was nichts Neues ist. Der Bundespräsident in Afrika, Mali, dankt den deutschen Soldaten und macht ihnen Mut. Sie sind nicht dort als Touristen, sondern in ernster Mission. Zu wem sollen wir, dürfen wir aufblicken?

Vielleicht ahnen wir, was uns mit diesem Predigttext vom Hohenpriester Jesus, der mitleiden kann, gesagt werden soll. Vielleicht können wir uns etwas sagen lassen von diesem Predigttext zum ersten Sonntag der Passionszeit, Invokavit, der einmal im Königreich Württemberg ein Landesbußtag war, wohl gemerkt ein Landes-Bußtag für die Bürger des Landes, nicht nur für die Kirchgänger, ein Tag der Einkehr, des Gebets, der Besinnung. Es würde uns wahrhaft gut tun. Aber dann kämen ja gleich die Fragen, was erlaubt wäre an so einem Tag, und insofern – lassen wir es lieber!

Vielleicht können wir uns sagen lassen, dass das auch von uns in Anspruch genommen werden kann: aufblicken zu Jesus, dem Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat. Er „…ist ja nicht ein Hoherpriester, der uns in unserer Schwachheit nicht verstehen könnte.“

Und dann:

„Lasst uns also unerschrocken, freimütig und zuversichtlich vor den Thron unseres gnädigen Gottes treten, damit er uns sein Erbarmen schenkt und uns seine Gnade erfahren lässt und wir zur rechten Zeit die Hilfe bekommen, die wir brauchen.“

Irgendwie, denke ich, da steckt Vertrauen drin. Vertrauen nach ganz oben, das wir teilen sollten mit allen, die sich Sorgen machen, „…dass er uns sein Erbarmen schenkt und uns seine Gnade erfahren lässt und wir zur rechten Zeit die Hilfe bekommen, die wir brauchen.“ Amen.

14.02.2016, Bartholomäuskirche Markgröningen